Das Erfolgsportal von
Handelsblatt & WirtschaftsWoche
Alles, was erfolgreich macht.

Recht auf Heimarbeit Dieser Laborant arbeitet jetzt auch von Zuhause

Die Politik diskutiert über ein Recht auf Homeoffice. Einige Unternehmen sind schon deutlich weiter. Eine besonders ungewöhnliche Lösung bietet der Bayer-Konzern.

Von Michael Scheppe |

Dieser Laborant arbeitet jetzt auch von Zuhause

Home Office

Der Bayer-Konzern bietet seinen Mitarbeitern die Möglichkeit an, von zu Hause aus zu arbeiten.

© imago/Westend61

Weißer Kittel, Schutzbrille, Gummihandschuhe, das ist Simon Leßmanns normale Arbeitsbekleidung. Doch seit kurzem hat der 29-jährige Chemietechniker, der bei Bayer arbeitet, auch Alltagskleidung bei der Arbeit an. Zumindest ab und an. Dann nämlich, wenn der Laborant vom heimischen Wohnzimmertisch aus arbeitet.

Homeoffice fürs Labor? Für einige Bayer-Mitarbeiter am Standort Wuppertal-Aprath ist das neuerdings möglich. Die Mitarbeiter des Chemiekonzerns führen ihre Versuche zwar weiterhin im Labor durch – schließlich lassen sich die Spektrometer und Glasröhrchen nicht einfach mit nach Hause nehmen. Die Auswertung und Dokumentation erledigen einige aber sehr wohl im Homeoffice. Auch Kundengespräche lassen sich so vereinbaren und am Telefon führen.

Einzige Voraussetzung: Die Angestellten müssen ihren Chef über die Heimarbeit informieren – via Mail, SMS oder im persönlichen Gespräch. Seit Januar testet Bayer diese neue Arbeitsmöglichkeit. Damit will der Konzern an seinem Forschungsstandort auch Pionierarbeit leisten. „Wir haben die Chance ein Vorreiter zu sein – innerhalb von Bayer, aber auch für eine ganze Industrie“, sagt Institutsleiter Helmut Haning.

Experimente wie diese scheinen dringend nötig: Gerade einmal zwölf Prozent der Angestellten können hierzulande von unterwegs arbeiten, obwohl das bei 40 Prozent der Arbeitsplätze theoretisch möglich wäre. Das zeigt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).


Produktiver, zufriedener, weniger krank – Heimarbeit hat viele Vorteile

Dabei liegen die Vorteile für die Heimarbeit auf der Hand: Studien zeigen immer wieder, dass Mitarbeiter in den eigenen vier Wänden produktiver sind als im Büro, weil sie selbst entscheiden können, wann sie ihre Tätigkeit beginnen und wie lange sie am Stück arbeiten. Heimarbeiter sind auch seltener krank und zufriedener. Das stressige Pendeln ins Büro entfällt, und das Privatleben lässt sich nebenher auch noch organisieren.
Dennoch scheitert der Wunsch nach mobiler Arbeit in den meisten Fällen am Arbeitgeber. „Viele Firmen in Deutschland haben noch ein antiquiertes Verständnis von Arbeit“, sagt DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke. „Sie wird immer noch zu stark an der Zeit und nicht an der erbrachten Leistung gemessen.“

Anders als seine europäischen Nachbarn ist Deutschland von der Industrie geprägt – auch das erschwert mobile Arbeit. Denn in IT-Konzernen lässt sich die Mobilarbeit leichter realisieren, weil sich vieles von unterwegs am Computer erledigen lässt. Dass es aber auch in Berufsfeldern, in denen viel Präsenz erforderlich ist, Lösungen für die Heimarbeit geben kann, beweist das Beispiel des Bayer-Konzerns.
Dabei waren viele Laboranten zunächst skeptisch. Als Institutsleiter Haning das Vorhaben vorstellte, blickte er zumeist in kritische Gesichter. Die Bayer-Mitarbeiter hatten Sorge, dass die Zusammenarbeit nicht mehr funktionieren würde, sie wollten eine klare Trennung zwischen Arbeit und Privatem und fragten sich, wie sie von zu Hause die Zeit erfassen können.

Immerhin: 30 der 200 Mitarbeiter ließen sich auf das Experiment ein. Bayer stellte ihnen Laptops zur Verfügung – mit einer Software, um auch zu Hause digital ein- und ausstempeln zu können.
Während Bayer ein Recht auf Homeoffice schon ausprobiert, diskutiert die Politik seit Monaten darüber. Das SPD-geführte Arbeitsministerium will in der zweiten Jahreshälfte einen Gesetzesentwurf ins Parlament einbringen. Demnach sollen Unternehmen mobile Arbeit erlauben oder müssen begründen, falls das nicht möglich sein sollte.


Mitarbeiter müssen sich zu Hause anders organisieren als im Büro

Ein solches Recht klingt nach großer Freiheit für Angestellte. Doch die praktische Umsetzung ist komplizierter als vermutet. Denn Mitarbeiter müssen sich zu Hause anders organisieren als im Büro.
Diese Erfahrung machte auch Chemielaborant Leßmann. Sein erster Homeoffice-Tag war ein kurzer. Nach einer halben Stunde klappte der 29-jährige Chemietechniker seinen Laptop wieder zusammen und ging zurück ins Labor. Den Zettel mit entscheidenden Versuchsergebnissen hatte er liegen lassen. „Was man im Labor mal eben aus dem Schrank genommen hat, fehlt halt zu Hause“, sagt Leßmann.

Beim zweiten Versuch machte er sich tags zuvor seine Gedanken – und alles lief glatt. Und das Paket, das er dringend erwartet hatte, konnte er auch ohne Probleme entgegennehmen.


Manager müssen lernen, ihren Kollegen mehr zu Vertrauen

Homeoffice-Regelungen bedeuten nicht nur für Mitarbeiter Veränderung. Auch Manager müssen lernen, Kontrolle abzugeben und ihren Kollegen zu vertrauen, schließlich sehen sie ihr Team nicht mehr jeden Tag. „Es gab sicherlich Manager, die sich damit schwer getan haben, weil sie jahrelang unter anderen Arbeitsmodellen ihre Kollegen geleitet haben“, sagt Bayer-Personaler Ralf Rademann. „Aber auch das ist Teil des Experiments.“

Es sind Erkenntnisse wie diese, die Bayers Personalabteilung in regelmäßigen Feedbackrunden sammelt. Bilanz wird Mitte Juli gezogen. Die Erfahrungen des Experiments veröffentlicht Bayer im Intranet, so dass sich auch andere Abteilungen inspirieren lassen können.
Die Berliner Kollegen hätten schon Interesse gezeigt, sagt Rademann. „Es muss aber keine Eins-zu-eins-Kopie sein.“ Der Konzern sei schlicht zu groß und komplex, als dass ein Modell in allen Bereichen gleich gut funktioniere.

Envelope

Für Bayer wurden passende Jobangebote gefunden.

Wollen Sie diese und kommende Jobangebote per E-Mail zugesendet bekommen?

Jobs anzeigen
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die neuesten Karriere-Themen informieren? Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.karriere.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Ab sofort bleiben Sie bei den aktuellsten Karriere-Themen auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Lade Seite...