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PS-Republik Deutschland Dienstwagen? Nein danke!

Für Manager sind Dienstwagen noch immer Ausweis des Erfolgs. In Metropolen wollen junge Mitarbeiter Alternativen. Zu Besuch bei fünf Unternehmen, die Mobilität neu denken.

Von Michael Scheppe |

Dienstwagen? Nein danke!

Corinna Remberg von der Boston Consulting Group

Corinna Remberg möchte keinen Firmenwagen. Mal leiht sie sich ein Fahrzeug - ansonsten nutzt sie Bahn, Flugzeug und Taxi.

© Privat

Am liebsten leiht sich Corinna Remberg ein BMW Cabrio aus. Dabei haben Autos für die Beraterin keine besondere Bedeutung. Sie verzichtet sogar auf den Firmenwagen – obwohl sie von ihrem Arbeitgeber einen bekommen würde. „Mir ist nicht wichtig, dass ein eigenes Auto vor meiner Türe steht“, sagt die 26-Jährige, die bei der Boston Consulting Group (BCG) arbeitet.

Parkplatz suchen, Auto tanken: Das ist ihr in Düsseldorf zu anstrengend. Sie will flexibel sein, unabhängig vom Verkehrsmittel. Unter der Woche berät Remberg ihre Kunden, nutzt Bahn, Flugzeug, Taxi. In ihrer Freizeit schwingt sie sich aufs Rad, bucht Carsharing-Autos, für längere Trips einen Mietwagen. Remberg steht stellvertretend für die junge Beratergeneration bei BCG: Dienstwagen? Nein danke!

Beim Haushaltsgerätehersteller Miele sind Dienstwagen noch lange nicht abgeschrieben. Etwa 500 der 600 Firmenfahrzeuge werden von Außendienstlern gefahren. „Bus und Bahn oder Carsharing-Konzepte sind keine praktikablen Alternativen“, sagt Logistikchef Stefan Schwinning. Schließlich fahren die Außendienstler bis zu 70.000 Kilometer pro Jahr – häufig über Land.

Für Geschäftsführer, Prokuristen und Werksleiter sei ein Dienstwagen „üblicher Bestandteil des Gesamtpakets“, heißt es bei Miele. Schwinning kann sich an keinen Fall erinnern, bei dem ein Manager im Vorstellungsgespräch den Dienstwagen abgelehnt hätte.

Der Dienstwagen: in der Autorepublik Deutschland ein verrufenes Statussymbol

Zwei Firmen, zwei Welten. Wer auf die Dienstwagenrepublik Deutschland schaut, erkennt ein gespaltenes Land. Während für Topmanager der alten Garde ein Dienstwagen noch immer wichtige Insignie ihres Erfolgs ist, verliert das Firmenauto bei den Jüngeren zunehmend an Attraktivität. „Die Führungskräfte von morgen haben ein anderes Statusverständnis von Dienstwagen“, sagt Immo Futterlieb, Partner der Personalberatung Heidrick & Struggles.

Angesichts von Betrugsskandalen und Dieselfahrverboten bröckelt im Autoland Deutschland das Bild des Statussymbols Dienstwagen. E-Bike statt E-Klasse scheint das neue Motto zu sein, Bahncard 100 statt Tankgutschein.

Doch ein Auslaufmodell ist der dieselbetriebene Dienstwagen deswegen noch nicht, vor allem nicht außerhalb der Metropolen. Im Zentralen Fahrzeugregister des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) waren zuletzt fast fünf Millionen „gewerblich genutzte Fahrzeuge“ eingetragen – knapp elf Prozent des Gesamtbestands aller Autos.

Deren Anteil und Zahl ist in der vergangenen Dekade sogar gestiegen. So wurden laut der jüngsten Neuwagen-Statistik 65 Prozent der zuletzt 3,5 Millionen zugelassenen Autos gewerblich genutzt.

Spitzenreiter bei den Firmenkutschen ist Volkswagen: Jeder vierte Dienstwagen kommt laut „Firmenwagenmonitor“ des Hamburger Beratungsunternehmens Compensation Partner von den Wolfsburgern. Audi stellt fast jedes fünfte Firmenfahrzeug, es folgen BMW, Skoda und Mercedes.

Doch es muss nicht immer gleich die große Entscheiderlimousine hat: Karriere.de hat fünf Unternehmen besucht, die das Thema Mobilität neu denken:

Daiichi Sankyo und BCG: Mobilitätsbudget statt Dienstwagen

Manager des japanischen Pharmaherstellers Daiichi Sankyo erhalten in der Münchner Europazentrale seit drei Jahren nicht mehr per se einen Dienstwagen, sondern ein Mobilitätsbudget. Sie können ihr Geld für Bahncard, Fahrrad, Flugzeug, Fernbus, Taxi oder CarSharing-Angebote nutzen – aber auch in den klassischen Firmenwagen investieren.

Die Mobilitätslösungen lassen sich auch kombinieren: Entscheidet sich der Mitarbeiter für einen günstigeren Wagen, bleibt ihm eben noch mehr Geld für Bus und Bahn. Und wer sein Budget nicht ausschöpft, kann sein Guthaben auch für die Altersvorsorge sparen oder andere private Ausgaben damit tätigen.

Das Budget ist so hoch, wie der teuerste Dienstwagen kosten würde, der dem Manage zusteht. Wie viel Geld das genau ist, verrät der Pharmahersteller freilich nicht. Nur so viel: „Das Mobilitätsbudget bemisst sich an der Funktion sowie dem geschäftlich und privat erforderlichen Mobilitätsbedarf.“

Bei Daiichi Sankyo zeigt sich, wie groß der Wunsch der Mitarbeiter nach Alternativen zum Dienstwagen ist. Wählte vorher fast jeder Manager das größtmögliche Auto, verzichtet mittlerweile ein Viertel der Führungskräfte komplett auf den Wagen. Und die meisten anderen fahren nur noch ein kleineres Vehikel. Seit Einführung des Mobilitätskonzeptes, verkündet man in München stolz, sei der CO2-Anteil pro Neufahrzeug um gut ein Zehntel gesunken.

Auch das Beratungsunternehmen BCG hat vor zwei Jahren ein ähnliches Konzept eingeführt. Dort nutzen mittlerweile 40 Prozent der Mitarbeiter die Budgetoption – vor allem die jungen, die in Großstädten leben. Berater wie Corinna Remberg. Anfang des Jahres war sie auf einem Roadtrip in den USA, vor ein paar Wochen brauchte sie für den Schwedenurlaub ein Fahrzeug.

Bei der Beratungsfirma fahren gerade einmal 30 Prozent noch den klassischen Dienstwagen. Das hat selbst Senior Partner Andreas Dinger überrascht, der das Mobilitätskonzept mitentwickelt hat.

Sein Erklärungsversuch: „Viele junge Kollegen bewerten das Thema heute einfach viel rationaler und überlegen, ob sich der Wagen überhaupt lohnt.“ Die Zeiten, in denen der Aufstieg vom 3er über den 5er zum 7er BMW den beruflichen Aufstieg für alle Kollegen und Nachbarn sichtbar machte: Unter Beratern scheinen sie vorbei zu sein.

Den Anfang vom Ende des Dienstwagens sieht Dinger aber nicht: „Zwar punkten Unternehmen im Recruiting wenn sie alternative Mobilitätskonzepte anbieten“, so der Berater.

„Der Dienstwagen sollte aber weiterhin Teil eines attraktiven Gesamtpakets sein.“ Das beobachtet er auch bei seinen Kollegen: Wenn das erste Kind kommt, fällt die Wahl doch eher wieder aufs Auto.
Ansätze wie bei Daiichi Sankyo und BCG sind in den meisten Firmen noch nicht verbreitet.

Im Gegenteil, mein Christian Schüßler, Commercial Director bei Arval, einem der größten Autoleasinganbieter Deutschlands: „Vollumfängliche Mobilitätsbudgets gibt es bisher nur in homöopathischer Dosis.“

SAP: Elektro-Flotte für die Mitarbeiter

Daiichi Sankyo prüft gerade, ob die Flotte in den nächsten Jahren auf Elektro- oder Hybridfahrzeuge umgestellt werden kann. Der Softwarehersteller SAP ist da schon weiter. Bis 2025 will der Dax-Konzern CO2-neutral wirtschaften. Die Dienstwagenflotte macht gut ein Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen von SAP aus – daher sollen in spätestens anderthalb Jahren 5.000 Firmenwagen elektrisch unterwegs sein.

Zur Konzernzentrale ins ländliche Walldorf kommt noch immer ein Großteil der Belegschaft mit dem Auto. Fast alle Angestellten haben nach drei Jahren Betriebszugehörigkeit einen Anspruch. 17.000 der 21.500 SAP-Mitarbeiter in Deutschland fahren ein Dienstauto.

Auch Daniel Schmid: Als er vor fünf Jahren mit seinem BMW i3 vor die Zentrale fuhr, war er noch der erste Elektrofahrer. Heute findet der Chief Sustainability Officer in Stoßzeiten nicht mal eine freie Ladesäule. 320 Ladepunkte gibt es allein in den Parkhäusern am Hauptsitz und dem Nachbarstandort Sankt Leon-Rot. Per App kann Schmid in Echtzeit sehen, wo Plätze frei sind, an den Zufahrtsstraßen sind intelligente Anzeigen verbaut.

Trotzdem braucht es bei der Masse an Autos Alternativen. So bekommt jeder Mitarbeiter zwei Karten, mit denen er an Tausenden öffentlichen Säulen gratis laden kann. Wer sich eine Ladesäule ans Eigenheim bauen will, erhält 1000 Euro als Zuschuss und eine monatliche Stromkostenpauschale. In einem anderen Pilotprojekt bekamen 100 Mitarbeiter sogar eine SAP-Ladesäule komplett geschenkt.

SAP reagiert darauf, dass für immer mehr Bewerber ein nachhaltiger Mobilitätsmix wichtig ist. So, wie sich die politische Landschaft grün färbt, werden auch grüne Flotten und alternative Angebote für junge Talente zum wichtigen Kriterium bei der Jobwahl – vor allem im urbanen Raum. „Die Unternehmen versuchen möglichst grüne Flotte anzubieten“, sagt Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management.

Doch die Versuche muten teils kurios an: Der Autoexperte erzählt von einem Großkonzern, der ein Dieselaggregat einsetzt, damit die E-Autos im Fuhrpark laden können, weil das Netz sonst zusammenbrechen würde. „Das führt den Umweltgedanken natürlich ab absurdum.“

Anders als bei SAP hält sich bundesweit die Nachfrage nach rein elektrisch betriebenen Fahrzeugen noch zurück, beobachtet Schüßler vom Leasinganbieter Arval. „Es mangelt zu sehr an Reichweite und Ladeinfrastruktur sowie an der Verfügbarkeit von Modellen, die fuhrparkgeeignet sind.“

Das mag erklären, warum die meisten Konzernflotten in Deutschland noch zu mehr als 90 Prozent aus konventionellen Verbrennermotoren bestehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Karriere.de-Umfrage unter den 30 Dax-Konzernen. Antriebsart Nummer eins bei Firmenwagen ist danach immer noch der in Verruf geratene Diesel.

Miele und Tobit: Poolsystem für Jedermann

Der Hauptsatz von Miele in Gütersloh mag zwar nicht auf dem Land liegen, doch die Mobilitätsdienste der großen Anbieter sind in der 100.000-Einwohnerstadt derweil nicht zu finden. Da müssen sich die Unternehmen eigene Lösungen einfallen lassen, um in Mobilitätsfragen nicht abgehängt zu werden.

Miele bietet deshalb ein eigenes Car-Sharing für alle Mitarbeiter am Stammsitz an. Im Parkhaus stehen 40 Firmenwagen, allesamt dieselbetrieben. Jeder, der zu einem dienstlichen Termin muss und nicht den Privatwagen oder öffentlich fahren will, kann den Service nutzen.

Auch Softwarehersteller Tobit aus Westfalen setzt auf ein Poolsystem – allerdings nicht nur dienstlich. Über eine selbst entwickelte Plattform können die 185 Mitarbeiter eines der elf Autos auch privat ausleihen. Per Smartphone lassen sich die Wagen reservieren, öffnen und starten. Die Preise variieren je nach Modell zwischen 1,50 und vier Euro pro Stunde – Sprit oder Strom inklusive.

Über die gleiche Plattform können auch 25 E-Bikes genutzt werden – für den eher symbolischen Stundenpreis von zehn Cent. Marketingchef Dieter van Aacken sagt: „Attraktiv macht uns alles, was den jungen Leuten Mehrwert bietet.“ Und das ist heutzutage nicht mehr allein der Dienstwagen.

Mitarbeit: Christian Wermke

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