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Pendelrepublik Deutschland So nervend ist die tägliche Fahrerei zum Arbeitsplatz

Arbeitsplatz: Sauerland, Lebensmittelpunkt: Köln. Personalerin Lisa Kitterer pendelt für ihren Job jeden Tag 193 Kilometer. So wie es Millionen Deutsche machen. Ist das die richtige Lösung? Oder sollten Führungskräfte nicht besser umziehen?

Führungskraft | Von Michael Scheppe |

So nervend ist die tägliche Fahrerei zum Arbeitsplatz

Pendeln für den Job

Führungskräfte nehmen Strapazen auf sich, um zwischen Wohn- und Arbeitsort hin- und herzupendeln.

© imago/Ralph Peters

Mit Tempo 180 rauscht Lisa Kitterer über die A4 – vorbei an langsamen LKW und schneeberieselten Feldern. Kitterer arbeitet im sauerländischen Attendorn, lebt aber in Köln. Ein Spagat, für den sie jeden Tag bis zu zweieinhalb Stunden auf der Straße verbringt. Und nicht nur dort führt sie ein Leben auf der Überholspur: Kitterer leitet beim Autozulieferer Kirchhoff Automotive die globale Personalentwicklung für 30 Standorte in Europa, Asien und Nordamerika – und das mit gerade einmal 35 Jahren.

Job als Variable:
30.000 Kilometer im Jahr – Flexibilität zählt

Um 16 Uhr dreht Kitterer den Zündschlüssel vor der Firmenzentrale um. In 75 Minuten braucht ihr Mann den Wagen und der anderthalbjährige Sohn eine Betreuung. Wer ihr zuhört, versteht den Zwiespalt, in dem Fach- und Führungskräfte täglich auf dem Weg zur Arbeit stecken: Einerseits sitze sie gerne hinter dem Steuer, erzählt Kitterer. Anderseits nerve sie die Pendelei. Doch dann ist da wieder der Charme der Großstadt, den die junge Frau nicht missen möchte.

Dann also pendeln. 193 Kilometer am Tag, 30.000 im Jahr. „Nur“ 30.000, denn an zwei Tagen arbeitet Kitterer im Home Office.

Das Beispiel Kitterer zeigt, welche Strapazen Führungskräfte auf sich nehmen, um Privat- und Berufsleben zu koordinieren. Die Antwort der meisten: Pendeln – ob Tag für Tag oder Wochenende für Wochenende. Gerade Manager, das zeigt eine Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, legen immer weitere Strecken zwischen Wohnort und Arbeitsplatz zurück.

Die Ursachen: immer weniger langfristige Jobverträge, häufige Projektarbeit, flexible Arbeitszeiten. Zudem vertreiben hohe Mieten und Kaufpreise viele Familien aus den Innenstädten. Und gleichzeitig sind mehr und mehr Paare an unterschiedlichen Orten berufstätig. Dank eines dichten Autobahnnetzes, Billigflügen und ICE-Rennstrecken liegt es da nahe zu pendeln.

Wohnort als Lebenskonstante:
Fast niemand will für den Job umziehen

Das Ergebnis: Deutschland wird zur Pendelrepublik. Fast 1,6 Millionen Menschen brauchen jeden Tag mindestens eine Stunde, um zur Arbeit zu kommen. Rund elf Millionen sind pro Strecke immerhin eine halbe Stunde unterwegs – mehr als jeder vierte Erwerbstätige.

Für den Job den Umzugswagen bestellen? Das machen die wenigsten. Zwar gibt es dazu repräsentativen Zahlen. Diesen Schritt wagen jedes Jahr gerade einmal drei Prozent der Bevölkerung. Und das hat sich in den vergangenen zwei Dekaden auch nicht verändert, sagt Norbert Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB). „Der Fernumzug ist in Deutschland sehr oft mit Angst verbunden. Es bedeutet für viele ein Verlusterlebnis, die Aufgabe liebgewonnener Lebensumstände.“

Selbst Top-Führungskräfte werden zunehmend unflexibel, wie eine Befragung der Personalberatung Odgers Berndtson unter 2500 Teilnehmern aus diesem Jahr zeigt. Danach ist nur noch ein Drittel bereit, für eine Top-Stelle längere Zeit von der Familie getrennt zu leben. Vor einer halben Dekade war es noch fast jeder Zweite.

„Viele Führungskräfte bewegen sich jeden Tag auf internationalem Parkett: Sie telefonieren morgens mit Asien, mittags mit Amerika“, sagt Headhunter Olaf Szangolies. „Da ist es nur normal, dass viele am Abend ein Bedürfnis nach Heimeligkeit und vertrauensvoller Umgebung haben.“

Familie als Herausforderung:
Kind und Karriere sind die größte Schwierigkeit im Pendelmodell

Kirchhoff-Personalchefin Kitterer hatte es sogar versucht. Sie war für ihren Job 2012 ins Sauerland gezogen. Ein halbes Jahr ging das gut. „Ich habe dann relativ schnell gemerkt, dass mich das nicht glücklich macht.“

Doch wirklich glücklich macht sie Pendeln nun auch nicht. Dabei hat sie in all den Jahren nur einen Termin verpasst – da musste ihr Mitarbeiter die Präsentation halten. Was ihr mehr Sorgen macht: Die Umwelt, die sie mit ihren Abgasen belastet.

Und die Gefahren des Pendelns. Vergangenes Jahr erst wurde sie in Köln angefahren. Glücklicherweise nur ein Blechschaden. „Als Mutter denke ich über das Thema Sicherheit nun ganz anders nach“, sagt Kitterer, die mit dem zweiten Kind gerade im fünften Monat schwanger ist.

Kind und Karriere vereinbaren – das ist im Pendel-Modell von Lisa Kitterer das größte Problem. Gerade wenn der Kleine in der Kölner Kita krank wird. Dann müssen Oma oder Nachbarn einspringen. Oder ihr Mann, der Freiberufler ist. „Das ist schon sehr aufwändig zu organisieren“, sagt sie. „Es würde auch gar nicht gehen, wenn mein Mann festangestellt wäre.“

Mutter sein – und Pendeln. Kitterer ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Denn die meisten Mütter pendeln nach der Geburt des Kindes nicht mehr so lange Strecken, beobachtet BiB-Mobilitätsforscher Heiko Rüger. Die Forschung zeigt auch: Männer pendeln auch mit Kind genausoweit wie vorher.

„Für viele Mütter lassen sich Pendeln und Elternschaft nur schlecht vereinbaren. Deshalb kann das zu schlechteren Karrierechancen führen“, sagt Rüger. Die Unterschiede im Pendelverhalten erklärten deshalb auch einen Teil der Lohnlücke, so der Forscher.

Wenn Kitterer ins Auto steigt, fährt sie nur los, wenn die Autobahn nicht so voll ist. Morgens muss sie dann vor 7 Uhr von zu Hause wegkommen, zeigt die Erfahrung. Am Nachmittag verlässt sie die Firma entweder um 16 oder um 18 Uhr. Ihr treuster Wegbegleiter: Google Maps. Wenn die Straßen in der App rot-gelb eingefärbt sind, also Stau anzeigen, steigt sie erst gar nicht ins Auto.

Diesen Luxus kann sich Kitterer erlauben. Sie hat keine festen Arbeitszeiten und kann von zu Hause arbeiten. „Das nimmt eine Menge Druck und Stress raus.“

Und das sagt die Forschung:
Was für's Pendeln, was für's Umziehen spricht

Bleibt die Frage. Was ist besser für Karriere und Privatleben? Und welche Folgen haben die Lebensformen für die Gesundheit?

Die Folgen des Pendelns erscheinen zunächst geringer: Der Partner kann vor Ort bleiben, der Lebensmittelpunkt verändert sich nicht und auch das Kind muss nicht die Schule wechseln. Doch diese Argumentation sei unvollständig, sagt Forscher Rüger: „Gerade Fernpendler mit besonders langen Arbeitswegen verbringen weniger Zeit zu Hause und fühlen sich häufiger erschöpft. Darunter können die Beziehungen innerhalb der Familie leiden.“

Pendler: Belastung wie ein Kampfpilot

Auch für die Gesundheit ist Pendeln riskant. Verpasst ein Pendler seinen Anschlusszug oder steht unerwartet im Stau, kann sein Stresspegel höher sein als der eines Kampfpiloten im Einsatz, hat der britische Forscher David Lewis einmal herausgefunden. Menschen, die sich diesem Druck über Jahre aussetzen, können am Pendeln zusammenbrechen.

Diese Fälle landen bei Steffen Häfner. Der Chefarzt der MediClin Baar Klinik in Königsfeld im Schwarzwald kümmert sich seit Jahrzehnten um gestresste Fach- und Führungskräfte. „Viele Pendler sind Ärzte-Muffel“, sagt der Facharzt. Sie haben nicht die Zeit zum Doktor zu gehen.

Dabei ist die Liste der Leiden lang, die Berufspendler häufiger treffen als andere: Magenbeschwerden, Rücken- und Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Alkoholkonsum. „Viele Pendler kommen nicht wirklich zur Ruhe, sind reizbar, nicht so belastbar und leiden unter Schlafstörungen“, sagt Häfner.

Umzügler: Stress durch Neuorientierung

Doch auch ein Umzug kann belastend sein. Die gewohnte Umgebung zurücklassen, alles organisieren, sich am neuen Standort zurechtfinden. „Ein Umzug ist oftmals ein kritisches Lebensereignis“, sagt BiB-Direktor Norbert Schneider. Noch bis zu anderthalb Jahre nach dem Umzug steige der Stresspegel an.

Doch hier liege der Unterschied zum Pendeln: Wer umzieht, ist nur temporär belastet. Wer dauerpendelt, ist auch dauerhaft gestresst.

Wen Unternehmen bevorzugen

Das wissen auch die Unternehmen und bevorzugen oft Führungskräfte, die mit ihrer Familie in die Nähe des Arbeitsplatzes ziehen, sagt Immo Futterlieb, Partner bei Heidrick & Struggles. „Ab einem gewissen Level sollen Manager Einfluss nehmen und den Kulturwandel vorantreiben. Das geht nur, wenn die Person voll und ganz vor Ort ist.“

Häufig schon hatte der Personalberater geeignete Kandidaten für seine Klienten gefunden. Die wollten aber nicht umziehen – und bekamen den Job deshalb auch nicht.

Ausnahmen machen Unternehmen nur dann, wenn Kandidaten seit vielen Jahren pendeln, sagt Futterliebs Kollegin Christine Stimpel. „Dann wissen die Chefs, dass es klappt.“ Wer für eine wichtige Stelle zum ersten Mal weite Strecken pendeln will, bekomme eine Absage. „Das geht zu häufig schief.“

Tipp 1: Individuelles Lebenskonzept regelmäßig hinterfragen

Fazit: „Wenn man alle Faktoren vergleicht, ist ein Umzug oft empfehlenswerter als langjähriges Fernpendeln“, sagt BiB-Soziologe Schneider. Und auch für die Gesundheit. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass sich alle Pendler einen neuen Wohnsitz suchen sollten. Wichtig ist aber, sich regelmäßig zu hinterfragen. Und nicht nach 20 Jahren als Pendler festzustellen, dass es nicht das richtige Lebenskonzept ist.

Was Pendeln erträglicher macht: Musik im Auto, klare Absprachen mit der Familie, wenn es mal wieder zu Verspätungen kommt. Und: Ab und an von zu Hause arbeiten. „Schon ein Tag im Home Office ist für Pendler extrem entlastend“, sagt Soziologe Schneider.

Tipp 2: Schon ein Tag im Home Office entlastet

So macht es auch Kirchhoff-Personalerin Kitterer. Im Auto hört sie Radio und hat sich eine Playlist zusammengestellt. Und an zwei Tagen die Woche arbeitet sie von zu Hause. Die Reißleine will sie erst ziehen, wenn die Familie unter dem Pendeln leidet. Und das ist bislang nicht der Fall.

Auch heute geht ihr Plan wieder auf: Um 17.07 Uhr stellt sie den Wagen in der Kölner Tiefgarage ab. Ihr Mann übernimmt das Auto, sie den Kleinen. Morgen früh geht das Wettrennen gegen die Zeit wieder von vorne los.

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