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Mobiles Arbeiten Ist Homeoffice der Hit oder nur ein Hype?

Vier Gründe, die dagegen sprechen, dass Homeoffice auf Dauer ein Erfolg wird und unsere Art zu arbeiten wirklich revolutioniert.

Von Claudia Obmann |

Das Homeoffice erlebt einen enormen Boom. Erst recht durch den erneuten Lockdown: Arbeiteten vor der Pandemie rund zwölf Prozent der deutschen Angestellten ab und zu von zuhause, sind es neueren Studien zufolge derzeit deutlich über 35 Prozent.

Experten vom ifo-Institut München sehen darin noch nicht das Ende der Fahnenstange. Circa 60 Prozent der Angestellten in Deutschland könnten zumindest zeitweise von zu Hause aus arbeiten – je nach Tätigkeit und Branche.  

Arbeitgeber sind nicht abgeneigt, virtuelle Teams zu forcieren. Laut ifo-Institut wollen 73 Prozent von knapp 800 befragten Personalleitern aufgrund ihrer positiven Erfahrungen im größten Arbeitsorganisations-Experiment aller Zeiten auch weiterhin auf Homeoffice setzen.

Das schlägt sich inzwischen bei den Stellenausschreibungen nieder: Zwischen März und Juni 2020 war mehr als eine Verdopplung der Homeoffice-Arbeitsstellen festzustellen.

Das alles erweckt den Eindruck, Homeoffice sei auf dem Weg, die Art wie wir arbeiten, nachhaltig zu verändern. „Eine gute, technische Infrastruktur für Videokonferenzen und virtuelle Zusammenarbeit, Kenntnisse in der Handhabung von Hard- und Software sowie die entsprechende Arbeitsumgebung daheim und die Fähigkeit zum Selbstmanagement jedes einzelnen mal vorausgesetzt“, nennt Sonja Sackmann, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Münchner Bundeswehr-Universität, einige Bedingungen, die sich aber auch als Stolpersteine erweisen können.

Doch auch wer diese beseitigt, kann immer noch an wichtigen kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten scheitern. Als echte „Show Stopper“ hat Gerhard Rübling, ehemaliger Arbeitsdirektor bei Maschinenbauunternehmen Trumpf und langjähriger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Personalführung, folgende Faktoren in einem Online-Beitrag für Haufe.de identifiziert:  

1. Lange Tradition:
Kultur der strikten Trennung von Arbeit und Freizeit löst sich auf

Der Wunsch nach individueller Orts- und Zeitsouveränität trifft auf ein über Jahrhunderte eingeübtes kulturelles Verständnis von Arbeit und Freizeit. Es ist ein Ritual, morgens zur Arbeit zu gehen und am Abend nach Hause zu kommen. Dann ist Feierabend und Zeit für Privates. Während der Arbeitszeit hat man im Büro oder in Besprechungen zu sein. Erwartet wird von Angestellten nicht nur körperliche, sondern auch geistige Präsenz an einem definierten Ort, wo die Leistung zu erbringen ist.

Das Arbeitsrecht normiert diesen Rhythmus mit vielfältigen Regeln und sanktioniert streng unerlaubte Abwesenheit oder private Aktivitäten während der Arbeitszeit. Auch das gesellschaftliche Leben ist darauf ausgerichtet. Ein Blick in die Veranstaltungskalender der Konzert- und Schauspielhäuser genügt, um sich darüber klar zu werden, dass Aktivitäten, die nichts mit Arbeit zu tun haben, meistens abends und am Wochenende stattfinden.

Schwer vorstellbar, dass man künftig während des Tages zwischendurch ein Konzert oder ein Fußballstadion besucht. Viele Freizeitaktivitäten brauchen regelrechte Menschen-Massen. Sind diese durch unterschiedliche Arbeits- und Freizeitmodelle aufgelöst, sind Großveranstaltungen nicht mehr vorstellbar.

2. Einstudierte Rituale:
Entgrenzung der Arbeitszeit trifft auf persönliche Verhaltensmuster

Die bisherige Trennung von Arbeit und Freizeit hilft nicht nur bei der Organisation des gesellschaftlichen Lebens, sondern auch zur Gestaltung des individuellen Tages-, Wochen- und Monatsablaufs. Und nicht nur für jeden einzelnen, sondern auch für Familien mit Kindergarten- oder Schulkindern.

Arbeit schafft durch ihre Verpflichtungen, Regeln und Rituale Struktur und Berechenbarkeit. Insbesondere dort, wo die Fähigkeit zum Selbstmanagement fehlt oder die häusliche Umgebung ein durchgängiges, konzentriertes Arbeiten behindert, entstehen Chaos und in der Folge Leistungsmängel, die entweder zu erhöhter Arbeitszeit oder Produktivitätseinbußen führen. Das belegen erste Studien.

So etwa die von der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) durchgeführte repräsentative Befragung von rund 7000 Berufstätigen. Ihr zufolge vermissen fast 50 Prozent von ihnen eine klare Trennung von Beruf und Privatleben, seit sie im Homeoffice arbeiten.

Und eine Erhebung des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) ergab, dass 74 Prozent der mehr als 500 befragten Unternehmen gleichfalls und unabhängig davon einen wesentlichen Bedarf in der Entwicklung einer unternehmensweiten Strategie zur Vermeidung von Entgrenzungserscheinungen sehen. Dazu zählen zum Beispiel Stress durch Dauer-Verfügbarkeit oder die unerwünschte Ausdehnung der Arbeitszeit im Homeoffice.

3. Gewohnte Kontrolle:
Homeoffice erfordert neue Führungskultur 

Arbeitgeber, die auf Homeoffice setzen, müssen sich im Klaren sein, dass damit eine Verschiebung weg von der Präsenz- zur Ergebnisorientierung einhergeht. Die etablierten Beurteilungssysteme für die Leistung der Mitarbeiter passen dann nicht mehr. Weder, was die Fähigkeit des Vorgesetzten zur Definition der erwarteten Leistung, noch was die vorhandenen Bewertungsmaßstäbe angeht, die oft das im betrieblichen Kontext gezeigte Verhalten mit in die Beurteilung einbeziehen.

Mit Widerstand ist zu rechnen. Spätestens, wenn es um die persönliche Vergütung geht. Die Beharrungskräfte in Organisationen sind hoch. „Der menschliche Faktor sollte nicht unterschätzt werden“, weiß die Expertin für zukunftsfähige Organisationen Sonja Sackmann.

Die Arbeit von zuhause bedeute für Führungskräfte einen vermeintlichen Kontrollverlust, da sie ja ihre Mitarbeitenden nicht mehr am Arbeitsplatz sehen, direkt auf sie zugehen und ihren Arbeitsfortschritt überwachen könnten.

Sie müssten darauf vertrauen, dass die Kollegen ihre Aufgabe fristgerecht erledigten. Sackmann: „Eine große Herausforderung in vielen klassisch geprägten Unternehmen“, die bisher nach dem Management- Prinzip „Ansage und Kontrolle organisiert sind.“

4. Persönliche Begegnung:
Verlust der Wertegemeinschaft droht

Ein Unternehmen als soziale Veranstaltung hat eine hohe kulturelle und individuelle Bedeutung. Dort treffen sich Individuen mit gemeinsamen Grundüberzeugungen, Werten und Verhaltensweisen. Das Feiern von Erfolgen zum Beispiel, aber erst recht der Frust-Abbau bei Niederlagen findet vielfach bewusst und unmittelbar am Ort des Entstehens statt und soll eigentlich nicht in die häusliche, familiäre Sphäre hineingetragen werden.

Doch wie soll das in Zukunft gehen ohne persönlichen Austausch unter Kollegen, die kurze Begegnung auf dem Flur oder das Gespräch in der Kantine? Durch Homeoffice taucht plötzlich spezifisches berufliches Rollenverhalten im familiären Umfeld auf. Nicht selten zumindest ungünstig, mitunter regelrecht schockierend für Angehörige.

Fehlen solche vermeintlich unwichtigen Alltagsbegegnungen, wirkt sich das auch aufs Team-Gefühl aus und kann Leistung und Motivation hemmen. Von der schwindenden Verbundenheit gegenüber einem Arbeitgeber mal ganz zu schweigen.

Fazit: Viel Ungeklärtes steht also der Verbreitung von Homeoffice noch im Weg. Arbeitgeber können sich nun zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: Wer Aufwand und Auseinandersetzung mit den angesprochenen Themen scheut, hakt die aktuelle Entwicklung als kurzfristige Reaktion auf staatliche Vorgaben ab und versucht, nach der Corona-Krise zum „business as usual“ zurückzukehren.

Oder, und das scheint die weitaus vielversprechendere Option, Chefs nutzen die aktuelle Aufbruchsstimmung, um den neu entstehenden Formen des Arbeitens eine gesellschaftlich tragfähige und mit der Unternehmenskultur zu vereinbarende Basis zu geben. Das jedoch benötigt Zeit und intensive Kommunikation mit allen Beteiligten. Denn es ist nicht zu erwarten, dass diese Fragen auch bei intensiver Auseinandersetzung rasch zu beantworten sein werden. 

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