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MeToo Wie eine US-Serie die gläserne Decke zum Einstürzen bringt

Eine US-Serie mit Friends-Star Jennifer Aniston zeigt die Machtstrukturen hinter der MeToo-Bewegung.

Von Angelika Ivanov | , aktualisiert

Krisensitzung. Die US-Nachrichtensprecherin Alex Levy sitzt im roten Anzug am Kopfende eines Konferenztisches. Die Geschäftsführung und sie müssen entscheiden, wie es jetzt weitergeht. Ihr Kollege und Nachrichtensprecher Mitch Kessler wurde gekündigt, weil er Frauen sexuell belästigt haben soll.

Die Stimmung ist gereizt. Amerikas wichtigste Frühstückssendung droht an dem Skandal zugrunde zu gehen.

Levy ergreift das Wort: „Was ihr Jungs scheinbar niemals versteht: Ihr habt keine Macht mehr. Und ehrlich gesagt, ich habe euch Aufschneider das jetzt lange genug regeln lassen.” Levy stellt das Wasserglas betont laut auf dem Tisch ab.

„Wir machen es jetzt auf meine Weise,” sagt sie. Ihre Augen funkeln vor Wut. 

Wütende Frauen sind im Alltag selten

Alex Levy ist keine echte Person. Sie ist das dramaturgische Resultat der MeToo-Bewegung, gespielt von Friends-Star Jennifer Aniston. Und sie zeigt, was im Alltag noch selten zu sehen ist: Frauen, die Macht einfordern.

Höchstens die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thachter ist bereits in den 80ern mit einer gewissen Wucht aufgetreten. Dafür kassierte sie den Spitznamen „die eiserne Lady“.
Der rote Anzug als Symbol der Macht erinnert an Angela Merkel. Aber die gebündelte Energie von Wut und Macht gelten auch 2020 noch als klassisch männlich.

Führung: Anteil der Frauen deutlich kleiner

Das wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus. Ein Bericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) von 2018 zeigt: Auch wenn mittlerweile etwa genauso viele Männer wie Frauen arbeiten, gibt es noch gravierende Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Während im Schnitt nur 14 Prozent aller beschäftigten Frauen eine Führungsposition haben, sind es bei den Männern mit 32 Prozent doppelt so viele.

Ein Grund könnte der Unterschied bei der Arbeitszeit liegen: Während 40 Prozent der Frauen in Teilzeit arbeiten, trifft das nur auf 3 Prozent der Männer zu. Noch immer sind es in Deutschland die Frauen, die kürzer treten, ihre Stunden reduzieren und eher die Familie als die Karriere versorgen.

Man könnte sagen: Je höher die Position ist, umso weniger wahrscheinlich ist es, dort eine Frau anzutreffen. Das zeigen auch die jährlichen Berichte der Allbright Stiftung. 2019 gab es in den 160 größten Unternehmen in Deutschland im Vorstand einen Frauenanteil von 8,8 Prozent.

Das heißt: 91 Prozent der Vorstandsvorsitzenden sind Männer. Die Versuche durch eine freiwillige Quote etwas mehr Bewegung in die Chefetagen zu bringen, funktioniert nur sehr langsam. 

Denn: Menschen stellen gerne Menschen ein, die ihnen ähneln. Das bedeutet, dass einmal etablierte Männerbünde oder „Boys Clubs” nur schwer zu durchbrechen sind. „Glas ceiling”, die gläserne Decke, wird dieser Effekt in der Wissenschaft genannt. Die Frauen können zwar die Führungsebene sehen, sind auch qualifiziert genug, haben aber aufgrund sozialer Strukturen keinen Zugang. 

Demonstrative Machtspiele

Es sei denn, sie wehren sich. Und zwar heftig. So wie Alex Levy in der US-Serie „The Morning Show”. Nach der Kündigung ihres Kollegen begreift sie sofort, dass sie als zweites Gesicht und Aushängeschild der „Morning Show” handeln muss. Sich profilieren. Unersetzbar machen. „Ich muss das Narrativ bestimmen. Sonst werde ich herausgeschrieben,” sagt sie im Gespräch mit ihrer Produzentin. 

Die Geschäftsführung, gespielt von Tom Irwin und Billy Crudup, besteht aus zwei Stereotypen von männlich, weiß und reich. Sie wiederum wollen Levy absetzen. Die Machtspiele beginnen.

Um sie zu irritieren, setzen sie bei einer wichtigen Preisverleihung die jüngere Journalistin Bradley Jackson, gespielt von Reese Witherspoon, an den Tisch. Diese hat gerade mit einem verbalen Ausraster bei einer Demo einen viralen Hit bei Youtube gelandet. 

Kurz werden die beiden Frauen zu Schachfiguren der Big Bosses. Doch Levy entschließt sich kurzerhand den Spieß umzudrehen. Ohne Abstimmung ernennt sie öffentlich Bradley zur Nachfolgerin ihres geschassten Kollegen Kessler. Anschließend stellt sie sich als ihre Förderin dar.

Sexuelle Belästigung: Die Frage der Schuld

Was sie nicht ahnt: Bradley hat wenig Karriereambitionen. Sie will viel lieber herausfinden, wer im Team der „Morning Show” von Kessler belästigt wurde. Was dran ist an den Vorwürfen. Sie stellt Fragen. Holt eine ehemalige Kollegin, die schwere Vorwürfe gegen den geschassten Star der Show erhebt, live auf Sendung. 

Das gesamte Team sieht das Interview, fühlt mit. Plötzlich wird klar: Als Star der Show hatte Kessler Macht, über Karrieren zu entscheiden. Die Grenzen zwischen flirten und sexueller Belästigung zerfließen. Jede und jeder, der die sexistischen Witze geduldet, überhört, die kleinen aber klaren Gesten nicht gestoppt oder gar wissend übersehen hat, macht sich schuldig.

Es gibt kein Schwarz oder Weiß, alles ist grau. Freundschaften werden auf die Probe gestellt. Werte neu definiert. „Kann ich mit einem Mann befreundet sein, der Frauen wissentlich verführt, weil er über ihre Karrieren entscheidet?”, steht als Frage im Raum. Es ist schließlich keine Vergewaltigung. Es läuft einvernehmlich ab. Aber der Machtmissbrauch hinterlässt einen schalen Beigeschmack. 

Persönlichkeit entfalten statt in Geschlechterschubladen denken

Dahinter steht die viel größere Frage: „Wie wollen wir in der Arbeitswelt miteinander umgehen?”, sagt Cornelia Paul. Als Coach berät sie vor allem Frauen in Führungsfragen. Sie beobachtet die Veränderungen zwischen den Geschlechtern auf dem Arbeitsmarkt sehr genau. Sie glaubt, Metoo habe „dazu geführt, dass Männer sich eher zurückhalten und Frauen früher Stopp sagen”.  „Es ist längst überfällig, dass diese Debatte geführt wird.”

Doch Paul stört, dass erneut die Geschlechterschubladen bedient werden.

„Ich arbeite lieber mit der Persönlichkeit der Menschen”, sagt sie. Sprich, wenn jemand laut und forsch ist, sollte er oder sie laut und forsch sein dürfen. Egal, welches Geschlecht.

„Ich sehe einen klaren Wandel”, sagt sie. Während Frauen vermehrt über ihre Potenziale und Führungsfähigkeiten nachdenken, überdenken Männer das verkrustete Rollenbild des Ernährers. „Viele Männer wollen nicht mehr unbedingt Karriere machen, sondern auch ihre Vaterrolle gut erfüllen.” 

MeToo: Ein Ende der Schweigespirale

Seit vergangenem Jahr kommen auch vermehrt Männer zu ihr, stellt sie fest. „Sie merken, dass sich etwas ändert”, sagt sie. Frauen haben mehr Macht. Das ändert die Strukturen. Nun suchen auch Männer ihren neuen Platz. Es entsteht ein Moment der Verunsicherung, der gerne mit Sätzen wie „nichts darf man(n) mehr sagen“ bejammert werden.

Doch gerade dieser Verunsicherungsmoment könnte eine Chance sein.

Wie bei der „Morning Show“, als sich die Strukturen ändern und Menschen offen aussprechen, wenn ihre Grenzen überschritten werden. Sie zwingen ihre Kollegen darauf zu reagieren. Damit zeigt die Serie, dass die Folgen der MeToo-Bewegung nichts anderes sind, als ein Ende einer Schweigespirale.

Nun müssen sich alle hinterfragen. Vor allem diejenigen, die ganz oben mitspielen wollen.

Paul rät: „Jeder, der eine Führungsposition anstrebt, sollte sich selbst fragen: Was will ich da oben?“ Die innere Motivation sollte klar sein. Wer Anerkennung von außen suche, werde es schwer haben. Wer es als Spiel betrachtet und gewinnen will, habe es leichter. Nur die Spielregeln. Die müssen neu geschrieben werden.

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