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Kommentar Sehnsucht nach Quarantäne

Wie das Coronavirus uns physische und psychische Grenzen aufzeigt. Und eine Chance sein kann, die Arbeitswelt umzukrempeln.

Arbeit und Coronavirus | Von Angelika Ivanov |

„Wer mit dem Coronavirus infiziert ist, muss sich zu Hause isolieren und wird mit Essen beliefert – Ich fasse gerade alles an, was hustet. Netflix & Quarantäne, here I come!,” postete der Künstler und Comedian Shahak Shapira Anfang der Woche auf Instagram. Wer den Künstler kennt, weiß: Das ist mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Denn klar ist: Die Lage ist ernst. Das Virus Sars Cov 2 ist neu, kann lebensgefährlich sein. Wir sollten alle umsichtig miteinander umgehen und mit sozialer Isolation eine Ausbreitung vermeiden. Hände waschen und desinfizieren. Regelmäßig Wasser trinken. Versuchen, sein Gesicht weniger anzufassen – auch wenn es oft unbewusst passiert.

Doch der Post von Shapira spiegelt ein Gefühl wider, das auf einmal sehr sichtbar wird. Die Sehnsucht nach Ruhe. Die Menschen sind überfordert, erschöpft, müde. Vielen fehlt der innere Antrieb.

Existenzangst als einzige Motivation? Das funktioniert nicht - schon gar nicht dauerhaft.

Aus dem Hamsterrad der Globalisierung aussteigen

Im Moment aber ist die Lage genau so. Zumindest deckt sich das mit mit den jährlichen Umfragen des Gallup Instituts und dem „Employee Expectations Report“ von Peakon.

Die beiden Studien zeigen: Die deutschen Arbeitnehmer haben keine Lust auf ihre Jobs. 15 Prozent haben innerlich gekündigt. Die restlichen 70 Prozent der Arbeitnehmer machen Dienst nach Vorschrift. Im internationalen Vergleich ist das ein negativer Spitzenwert. 

Wie kann das sein? Die Erschöpften können doch auch nach Feierabend etwa essen und sich einen Film ansehen, könnte es heißen.

Aber wer sich im Hamsterrad der Globalisierung eine Auszeit gönnt, hat dabei meistens auch ein schlechtes Gewissen. Wer krank ist, fühlt sich ohnehin schon so elend, dass er oder sie den Zustand nicht genießen kann. 

Präsenzpflicht überdenken

Da klingt Quarantäne fast wie ein Heilsversprechen. Denn das ist eine von außen verordnete Ruhe. Ich kann die Schuld von mir weisen. Ich würde ja arbeiten gehen, sozial und produktiv sein – aber ich darf nicht, lautet die erleichternde Antwort.

Jetzt können alle Dauergestressten ohne schlechtes Gewissen Geschäftsreisen und Geburtstage absagen. Alle haben Verständnis, hat doch sogar die Bundeskanzlerin gesagt, dass soziale Kontakte jetzt auf ein Minimum beschränkt werden sollen.

Die Arbeit muss ins Homeoffice. Kein Pendeln. Keine Präsenzpflicht. Stattdessen müssen Mitarbeiter sich gegenseitig vertrauen. Die Prioritätenlisten werden neu geschrieben: Nur das Nötigste. Denn schon rein technisch lässt sich der Workload nicht genauso schnell erledigen wie bisher. 

Alternative Arbeitsmodelle ausprobieren

Stellt sich die Frage: Was können wir aus dieser Krise lernen? Denn wir sehen, dass doch vieles geht, was früher an „Das haben wir schon immer so gemacht”-Argumenten gescheitert ist.

Vielleicht ist es gar nicht unsere Arbeit per se, die uns lustlos macht. Vielleicht ist es die Menge und das Tempo. Vielleicht ist es die Art und Weise.

Nicht umsonst es gibt zahlreiche neue Modelle wie flexible Arbeitszeiten, Job-Sharing, virtuelle Teamkoordination und agile Methoden, die Chefs, Hierarchien und Präsenzkultur fast gänzlich überflüssig machen. 

Das Virus Corona zwingt uns, Alternativen auszuprobieren, auch weil wir die physische und psychische Gesundheit von Menschen ganz oben auf die Prioritätenliste schreiben.

Das ist zumindest ein guter Anlass, den Punkt auch nach der Corona-Pandemie oben stehenzulassen und die Arbeitswelt umzukrempeln.

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