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Insurtechs auf dem Vormarsch Wie es Start-ups gelingt, die alten Branchenwelten aufzumischen

Junge Techunternehmen bringen mit digitalen Lösungen die etablierte Versicherungswelt auf Trab. Coya ist eines dieser Start-ups, die sich mit neuen Vorstellungen in die Wirtschaft wagen. Was Tradition und modernes Business unterscheidet.

Von Ulrike Heitze |

Wie es Start-ups gelingt, die alten Branchenwelten aufzumischen

Coya-Team

Start-ups, die die alte Versicherungswelt aufmischen, sind die modernen Insurtechs - so wie auch das Berliner Unternehmen Coya.

Foto: Coya/Christian Manthey Photography

Erst seit einem Dreivierteljahr ist Coya mit dem ersten eigenen Produkt auf dem Markt. Beinahe wäre es am Papier gescheitert. In einem Start-up, das sich den ganzen Tag mit digitalen Technologien, mit Algorithmen und künstlicher Intelligenz befasst, kann es schon mal schwer werden, genug Druckerpapier zu finden.

Weit mehr als 1.000 Blatt brauchte das Berliner InsurTech Coya im letzten Jahr für den Antrag zur Versicherungslizenz. Frei von Ironie ist das nicht, denn das Start-up steht für Produkte ohne Papierkram. 

Grünes Licht: Wenn die Finanzaufsicht zustimmt

Trotzdem: Als die BaFin, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Coya im Juni grünes Licht als Schaden und Unfallversicherer gab, „war das ein magischer Moment für uns“, erinnert sich Gründer und Vorstand Andrew Shaw. „Endlich sind wir ein richtiges Versicherungs-Start-up.“ 

Seit September ist das erste Produkt auf dem Markt, eine online abschließbare und jederzeit kündbare Hausratversicherung. Coya ist eines von rund 100 Insurtechs in Deutschland. Junge Technologieunternehmen, die sich auf kundenorientierte Dienstleistungen im Versicherungsbereich spezialisiert haben. 

Wichtige Entscheidung: Vollsortiment oder nur ausgewählte Produkte?

Einige von ihnen, wie Coya oder Ottonova in der privaten Krankenversicherung, sind als digitale Vollversicherer mit BaFin-Lizenz unterwegs und decken bei vollem Risiko alle Teile der Wertschöpfungskette ab.

Viele Insurtechs konzentrieren sich auf einzelne Elemente, betreiben zum Beispiel Vergleichsportale, vermakeln via Smartphone fremde Versicherungen oder entwickeln und managen White-Label-Online-Policen für Dritte.

Digitale Basis: So wird das Geschäft effizient

Alle Startups setzen dabei auf digitale Lösungen, auf Data-Science, künstliche Intelligenz (KI), Automatisierung und maschinelles Lernen. Technologien, die das Geschäft effizienter und billiger machen.

Die Platzhirsche hadern mehrheitlich noch mit der Digitalisierung des Geschäfts, stellt Hendrik Jahn, Partner für den Bereich Financial Services Transformation Insurance bei der Unternehmensberatung KPMG, fest.

Das Gros der Kundendaten auf 70er-Jahre-Großrechnern, starre Hierarchien und Prozesse sind Altlasten, die man nicht mal eben los wird.

435 Millionen Bestandsverträge werden da schnell vom Segen zum Fluch. Versicherungskonzerne sind groß. Sie bewegen sich naturgemäß etwas langsamer“, so Jahn.

Online-Präsenz: Direkter Draht zum Kunden

Insurtechs wie Coya dagegen haben mit ihren Online-Lösungen den direkten Draht zur Kundschaft. Wie weit die Altversicherer davon weg sind, erlebte Coya-Gründer Andrew Shaw am eigenen Leib.

2016 erwischte den gebürtigen Südafrikaner im Bali-Urlaub das Chikungunya-Virus. Die fiebrige Tropenkrankheit zwang den damals 32-Jährigen nicht nur ins Bett, sondern auch immer wieder ans Telefon.

Weil er die Details seiner Auslandskrankenpolice nicht parat hatte, half die Versicherung nicht weiter, Shaw blieb auf den Arztkosten sitzen.

Das muss doch anders gehen, sagte sich der damalige CIO beim Hamburger Start-up Kreditech und heckte mit dem Kreditech-Datenexperten Sebastián Villarroel die Coya-Idee aus: „Eine technologiegetriebene Versicherung mit einfachen, verständlichen und fairen Verträgen, die da ist, wenn man sie braucht.“

Von der Idee zur Pflicht: Hohe Verantwortung

Knapp drei Monate lang füllten sie auf dem heimischen Küchenfußboden und in Coffeeshops ein Konzeptblatt nach dem anderen, führten zahllose Gespräche mit Branchenkennern und gewannen schließlich erste Investoren.

„Ab dann bist du in der Pflicht abzuliefern“, sagt Shaw.

„Ich dachte, als leitender Angestellter bei Kreditech hätte ich ein Gefühl für hohe Verantwortung bekommen. Aber in den Gründerschuhen verspürst du den Druck von allen Seiten. 360 Grad.“ Das sei hart, „aber es lohnt sich, weil man unendlich viel dazulernt.“

Organisation und Führung: Abgucken bei Google & Co.

Mittlerweile arbeiten 70 Menschen aus 21 Ländern bei Coya, Englisch ist die gemeinsame Sprache. Einige Programmierer sind aus Chile, von den Kanarischen Inseln oder aus Salzburg zugeschaltet, die meisten Kollegen aber sitzen im Großraumbüro

nahe dem Landwehrkanal. 

Zwei Drittel der Belegschaft haben einen IT-Hintergrund, das andere Drittel kommt aus der Versicherungswirtschaft. Um Agilität und Start-up-Feeling trotz Wachstum zu erhalten, gucken Andrew Shaw und sein Führungsteam in Sachen Organisation und Führung bei Tech-Größen wie Google und Spotify ab. Man setzt auf OKR, Objectives & Key Results, eine hierzulande recht neue Zielsetzungsmethode, die das große Firmenziel in verdauliche Häppchen teilt und Mitarbeitern viel Mitsprache und Eigenverantwortung einräumt.

Produktentwicklung: Vorteil crossfunktionaler Teams

Gearbeitet wird meist in Squads, crossfunktionalen Teams. Programmierer, Produktentwickler, Risikomanager, Aktuare und Datenanalysten stecken die Köpfe zusammen und tüfteln gemeinsam.

Das Problemlösungskonzept Trial and Error ermöglicht dabei schnellere Ergebnisse. „Wir versuchen unser Produkt quasi in Echtzeit zu verbessern“, erklärt Laura Kauther. 

„Dafür tracken wir, wie die Kunden unsere Plattform nutzen, wo sie lange oder kurz verweilen. Und wir registrieren natürlich, welche Fragen sie haben. Anhand dieses Feedbacks optimieren wir ständig unser Produkt.“

Die 35-Jährige ist Vorstandsmitglied und Chief Operating Officer. Sie leitet das operative Geschäft, ist für Produktentwicklung, Risikozeichnung, Preisgestaltung, Kunden- und Leistungsservice und Personal verantwortlich.

„Nach dem Produktlaunch im September haben wir in einem Monat 400 kleine Änderungen eingearbeitet und dem Produkt zwei Ausbaustufen verpasst“, berichtet die Mathematikerin und Aktuarin.

„Für ein neues Produkt benötigen wir vier bis sechs Wochen. Unser Ziel sind zwei. Bei den großen Versicherern dauert es sechs bis neun Monate.“

Wertvolle Erfahrung: „Alte Welt“ und neues Business

Laura Kauther weiß, wovon sie spricht. Zehn Jahre war sie bei der Zurich Gruppe als Managerin in der Produktentwicklung tätig, zuletzt verantwortlich für strategische Transformationsprojekte rund um Digitalisierung und Effizienzsteigerung. „Das war der spannendste Job, den man in einem Konzern haben kann“, erzählt sie. Aber die Idee, ein Unternehmen mit aufzubauen, war noch faszinierender.

„Ich wollte die Bewegung am Versicherungsmarkt selbst mitgestalten. Wir entwickeln Technologien, die es im Markt noch gar nicht gibt. Diese Erfahrung kann mir keiner nehmen.“

Ob Insurtechs sich am Markt durchsetzen können, vermag kein Experte zu sagen. Zu jung ist das Business. Aber hochdynamisch: In den letzten 18 Monaten hat sich die Zahl der Insurtechs verdoppelt. Zwar sind erste Start-ups schon wieder Geschichte oder bei großen Versicherern untergeschlüpft.

Richtungsweisend: Branche im Wachstum

Laut der Unternehmensberatung Willis Towers Watson hat sich das weltweite  Investitionsvolumen bei Insurtechs im dritten Quartal 2018 zum Vorquartal auf mehr als 1,3 Milliarden US-Dollar verdoppelt. Gemessen an den 500.000 Beschäftigten bei den etablierten Versicherern fallen die jungen Wilden als Arbeitgeber noch nicht groß ins Gewicht.

Bisher arbeiten gut 3.000 Menschen bei hiesigen Insurtechs. Trotzdem weisen sie der Branche die Richtung. Versicherer stellen gezielt Mitarbeiter mit   Technologieverständnis ein. Das einfache Versicherungs-Know-how, etwa in der Sachbearbeitung, verliere dagegen wegen der Automatisierung des Massengeschäfts an Bedeutung, so Hendrik Jahn.

Künftig brauche man Fachleute in der Produktentwicklung, für komplexe Fälle bei der Tarifierung oder im Schadenmanagement. „Die Insurtechs sind die Treiber“, sagt Jahn. „Und anders als noch vor fünf Jahren werden sie von den Branchengrößen längst nicht mehr belächelt.“

Start-up Ratgeber: Was braucht es für ein erfolgreiches Insurtech?

Tipps von Fabian Nadler, Referent Digital Insurance & InsurTech beim Digitalverband Bitkom

→ Ein ausgeprägtes Verständnis für digitale Technologien, Data-Science, künstliche Intelligenz (KI) et cetera. Nur wer das geschickt als Mehrwert für den Kunden einsetzt, kann den Alteingesessenen voraus sein.

→ Viel Produkt-, Markt- und Versicherungs-Know-how. Das Geschäft ist sehr komplex und stark reguliert. Wer keine Branchenkenntnis hat, muss sich dringend entsprechende Fachleute ins Boot holen.

→ Geld – Versicherungen sind ein kapitalintensiver Markt. Unternehmen müssen hohe Beträge etwa für Entwicklung, Rechtsberatung und als Rücklage für potenzielle Schadenzahlungen einplanen. Selbst wenn sie sich nicht für ein Geschäftsmodell als Vollversicherer mit BaFin-Lizenz entscheiden. Und es müssen hohe Marketingkosten einkalkuliert werden, weil die Menschen eine hohe Hemmschwelle haben, die Versicherung zu wechseln.

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