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Führen in Krisenzeiten Manager der Vereinten Nationen profitieren von virtuellem Coaching

Von Onboarding neuer Mitarbeiter bis Stressabbau: Was Unternehmen von den Vereinten Nationen in Sachen Online-Coaching lernen können.

Management | Von Claudia Obmann |

Gerade sollte bei Anke Strauß in Genf ein neuer Mitarbeiter anfangen – als die Corona-Pandemie ausbrach. Während die Leiterin des Talent Managements bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM), dem Migrationsarm der Vereinten Nationen, ins Homeoffice umzog, kam ihr neuer Kollege mit Sack und Pack aus Südkorea in die Schweiz gereist. Zu seinem ersten Auslandseinsatz.

Normalerweise würde die Vorgesetzte ihm nun alles persönlich zeigen, was man über die Abläufe bei der IOM und auch zum Alltag bei den Eidgenossen so wissen muss.
Strauß würde den jungen Kollegen auch gern persönlich unter ihre Fittiche nehmen, damit er sich schnellstens einlebt. Doch Treffen sind derzeit unmöglich, Strauß und ihre 15 Mitarbeiter arbeiten Corona-bedingt auf Distanz per Videokonferenz und Telefon zusammen.

„Wie kann ich Neuzugänge geschickt ins virtuelle Team einbinden“, fragte sich die deutsche IOM-Managerin. Und: „Wie gelingt es mir, online ein „Wir-Gefühl“ zu erzeugen?“ Damit plagt Strauß ein Problem, das derzeit viele Führungskräfte beschäftigt: Führen aus der Ferne.

Internationale Coaching-Plattform

Onboarding ohne persönliche Begleitung an den neuen Arbeitsplatz und ohne Kollegen, die sagen: „Und wenn du nicht weiterweißt, komm einfach zu mir rüber“ – wie soll das unproblematisch funktionieren?

Strauß hat das Problem inzwischen gelöst. Ihr hat ein spezielles Online-Coaching für Führungskräfte einen pragmatischen Weg gewiesen. Ermöglicht wurde ihr das durch Coachhub, eine Web-Plattform mit rund 700 internationalen, zertifizierten Coaches, die als Kooperationspartner gewonnen wurde.

Der Austausch mit einer Expertin half ihr, selbst schlaflose Nächte zu überwinden. Denn immer wieder fragte sie sich: „Kümmere ich mich auch genug?“

Die 52-Jährige sagt: „Auf ihren Rat hin habe ich einmal pro Monat Einzelgespräche mit allen Mitarbeitern angesetzt. So haben auch diejenigen die Gelegenheit sich zu äußern, die zur stilleren Fraktion gehören, sich vor Kollegen nicht äußern wollen oder die womöglich heikle Themen umtreiben.“
Jeden einzelnen zu berücksichtigen und das Team zusammenzuhalten, ist in solchen Zeiten, in denen unmittelbare Nähe unmöglich ist, eine schwierige Aufgabe. Doch es gelang. Auch mit dem neuen Mitarbeiter.

Strauß: „Der junge Kollege durfte ja nicht in die Isolation abdriften, als es plötzlich nicht mehr möglich war, mit Kollegen auszugehen, sich in Vereinen zu engagieren, und selbstverständlich auch seine Schweizer Nachbarn für sich blieben.“
Nach den ersten Wochen scheint er sich – speziell durch die individuellen Gespräche – gut eingelebt zu haben und in Genf gut zurechtzufinden.

Unterstützung in allen Branchen

Der Berliner Plattform-Betreiber Coachhub bietet Unterstützung für Unternehmen aller Branchen und stellt seine Dienstleistung verschiedenen Hilfsorganisationen gratis zur Verfügung. Wie auch der UN-Organisation IOM. Deren Managerin Strauß erklärt, wie die Unterstützung im Detail funktioniert. Und warum speziell Führungskräfte im Mittelbau von Damaskus bis Neu Delhi so besser durch die Corona-Krise kommen.

So können sich auch Wirtschaftsunternehmen von den Vereinten Nationen etwas abschauen.

Die 1951 gegründete IOM betreibt inzwischen über 400 Büros in über 100 Ländern mit insgesamt mehr als 15.000 Mitarbeitenden, die sich vor Ort um Flüchtlinge kümmern. Seit Corona ausgebrochen ist, muss diese humanitäre Hilfe neu organisiert werden.
„In unserem Mittelmanagement herrscht derzeit immenser Druck“, beobachtet die Deutsche. Denn nicht nur müssen sich die Büroleiter in Griechenland oder Syrien weiter um die akute Situation der Flüchtlinge in Not kümmern – Pandemie hin oder her.

Ihre Mitarbeiter aus 170 Nationen wollen wissen, wie sie die eigene Arbeit unter Krisen-Bedingungen fortsetzen können. Zum Stress mit brennenden Flüchtlingscamps wie Moria in Griechenland kommen mitunter Quarantäneauflagen und Reisebeschränkungen für die IOM-Helfer.

Häufig leben diese ja selbst als Expat im Ausland oder sind privat von Corona betroffen. Strauß berichtet: „Es gibt Mitarbeiter, die nicht nach Hause reisen dürfen, obwohl nahe Verwandte erkrankt sind oder womöglich beerdigt werden. Das bedeutet einen enormen zusätzlichen seelischen Druck.“

Schmaler Grat zwischen Betreuung und gefühlter Überwachung

Bei der Bewältigung muss der Arbeitgeber also behilflich sein – will er sich nicht dem Vorwurf aussetzen, seine Fürsorgepflicht für seine Angestellten zu vernachlässigen. Die Unterstützung der Führungskräfte ist dabei wesentlich. Und ein gutes Coaching wirkt dabei oft Wunder.

Für Anke Strauß war das Experten-Training nachhaltig. Zweier-Gespräche stehen für sie jetzt fix im Kalender. „Darin betone ich dann gegenüber meinem Mitarbeiter mantraartig: Du kannst mich immer ansprechen, sollte es Schwierigkeiten geben.“

Es sei manchmal ein schmaler Grat, ob Kollegen sich so eher gegängelt und überwacht oder toll individuell betreut fühlten. Dazu komme, dass es je nach Herkunftsland auch eine große Scheu gäbe, bei akuten Problemen Hierarchieebenen zu überspringen. Strauß: „Also muss ich meine Kollegen dazu ermutigen, mich als Chefin direkt anzusprechen und ihnen das Gefühl nehmen, sie belästigen mich womöglich.“

Wer sich als Führungskraft im Mittelbau der IOM ebenso wie Strauß an einen versierten, aber neutralen Dritten wenden möchte, findet über einen Algorithmus den passenden Business Coach zum gewünschten Thema.

So funktioniert die externe Coaching-Vermittlung

Die komplette Themenpalette der externen Coaching-Plattform ist im Angebot: Wer Rat braucht, wie er in der Isolation nicht in die Depression abrutscht, kann hierüber ebenso einen Experten zu Rate ziehen wie ein Vorgesetzter, der Probleme hat, im Homeoffice Arbeit und Privatleben voneinander abzugrenzen.

Einfach das Thema in der Suchmaske von Coachhub eintippen und ein paar Zusatzangaben machen, etwa zur erforderlichen Beratungssprache und Zeitzone oder dem persönlichen Hintergrund des Coaches: Zum Beispiel können hier Wünsche formuliert werden, dass Erfahrungen als weibliche Führungskraft oder als Mitarbeiter mit Migrationshintergrund wichtig sind.

Dann schlägt Coachhub den passenden Sparringspartner aus der Datenbank vor. Je drei Coaches stehen je nach Fragestellung für die Kommunikation per Video oder Telefon zur Auswahl.

Das Feedback, das Personalmanagerin Strauß seit Juni dazu von ihren Kollegen erhalten hat, ist positiv: „In Ländern wie Jemen, Libanon, Irak oder Südsudan, wo Coaches auch in normalen Zeiten schon nicht persönlich zur Verfügung stehen können, ist der Online-Austausch jetzt erst recht Gold wert.“

Je sechs Videokonferenz-Sessions mit einem Coach kann eine Führungskraft dann wahrnehmen. Von akuter Seelsorge bei traumatischen Erlebnissen im Flüchtlingscamp bis hin zur Entspannungstechnik bei Stress, reicht die Themenpalette. Die Gesprächstermine sollen innerhalb von drei Monaten stattfinden.

Der Arbeitgeber erfährt aber nicht, worum es konkret in den einzelnen Gesprächen geht. Strauß: „Natürlich wäre es bei manchen Fragen schöner, sich persönlich zu begegnen. Aber grundsätzlich gibt es kein Thema, von dem ich sagen würde: Das geht online über Coachhub nicht.“

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