DIGITALISIERUNG | Aktive Arbeitsgestaltung "Wir müssen Zukunftskompetenz entwickeln"

Digitalisierung und technologische Transformation führen zu einer Entgrenzung von privater und beruflicher Sphäre und verändern das Arbeitsleben generell.

Von Anne Koschik |

"Wir müssen Zukunftskompetenz entwickeln"

Sabria David

Die Medienforscherin Sabria David ist Gründerin des Slow Media Instituts, das zu Auswirkungen und Potenzialen des digitalen Wandels auf Gesellschaft, Arbeit und Medien forscht. Sie ist außerdem Mitglied des Präsidiums von Wikimedia Deutschland.

Foto: Anja Krieger

Die Medienforscherin Sabria David ist Gründerin des Slow Media Instituts, das zu Auswirkungen und Potenzialen des digitalen Wandels auf Gesellschaft, Arbeit und Medien forscht. Sie ist außerdem Mitglied des Präsidiums von Wikimedia Deutschland. Im Interview klärt sie über Zukunftsrisiken auf.

Wie gehen Menschen mit dem Overkill an Informationen um? Warum lassen sie diesen Overkill automatisch zu?
Als Beispiel führe ich einmal die E-Mails an: Menschen möchten höflich sein, sie beantworten E-Mails unmittelbar, denn sie möchten im Arbeitsumfeld gut funktionieren. Das liegt auch an einer gelernten Mediennutzerrolle. Allerdings hat sich die Rolle des Menschen in Bezug auf die Technik spätestens seit der Markteinführung des iPhones verändert. Davor galt: Der Mensch bringt Maschinen ans Laufen. Heute gilt dagegen: Der Grundzustand der Technik ist "On". Mit diesem Angeschaltetsein entstehen neue Aufgaben: Es geht nun darum, Technik in der richtigen Taktung laufen zu lassen. Die Verantwortung für den Mediennutzer steigt.

Können Sie das näher erläutern?
Früher war es so: Man erhielt einen Brief im Büro, las ihn, beantwortete ihn und hatte mindestens einen Tag Ruhe. Briefe hatten eine eingebaute Bremse, E-Mails haben keine. Die gleiche Kulturtechnik wie für den Brief funktioniert also nicht. Wer E-Mails immer sofort beim Eintreffen beantwortet, kommt nicht mehr zum Arbeiten.

Was bedeutet das konkret?
Der menschliche Umgang mit der Technik muss neu abgestimmt werden. Das erfordert hohe Kompetenzen. Mitarbeiter müssen Entscheidungen treffen und sich abgrenzen. Sie müssen die Verantwortung übernehmen, E-Mails zu lesen oder nicht, sie sofort zu beantworten oder später. Wer das nicht kann, ist belastet. Die Reflexhaftigkeit in der Mediennutzung müssen wir überwinden. Wir Menschen sollten in der Digitalisierung die Hoheit zurückgewinnen. Die Aufnahmefähigkeit des Gehirns ist bereits heute eindeutig überreizt, wovon hohe Krankenstände zeugen.

Werden Menschen sich den Herausforderungen der Digitalisierung nicht zwangsläufig anpassen?
In der Anwendung neuer Technik entwickeln wir neue Kulturtechniken des Umgangs. Allerdings ist bei der rasanten Digitalisierung Eile geboten, digitale Kompetenzen müssen gestärkt werden. Hier ist jeder Mitarbeiter gefordert, für sich die richtige Entscheidung zu treffen. Es ist auch die Aufgabe der Arbeitgeber, das zum Thema zu machen.

Wie kann das gelingen?
Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollten ihre Erwartungen explizit formulieren und sich über Richtlinien zum digitalen Arbeitsschutz verständigen.

Wie unser Institut in der repräsentativen SlowTypes-Studie herausgefunden hat, gibt es eindeutig ein Grundbedürfnis nach Fokussierung: 92,5 Prozent der über 2.000 Teilnehmer finden es wichtig, sich voll und ganz auf das zu konzentrieren, was sie gerade tun – übrigens auch die meisten Digital Natives! Aber wie sieht die Realität aus? Wir leben in einer Welt voller Unterbrechungsreize. Als Beraterin höre ich in Unternehmen immer wieder diesen Satz: "Ich wünschte, ich würde mal wieder zu meiner eigentlichen Arbeit kommen!" Man hat also den ganzen Tag etwas getan, aber nichts geschafft. Das führt zu Unzufriedenheit.

Was ich damit sagen will: Arbeitgeber können sich darauf verlassen, dass ihre Mitarbeiter konzentriert arbeiten wollen. Sie können die Produktivität erhöhen, wenn sie dafür ein entsprechendes Umfeld und klare Vorgaben schaffen. Es ist wichtig, die Digitalisierung positiv zu gestalten, anstatt sich von ihr treiben zu lassen.

Berufe werden sich wandeln, die Anforderungen werden höher – ständige Qualifizierung und Weiterbildung werden zum Leitmotiv einer neuen Zeit. Ist das die neue Überforderung?
Wir müssen Zukunftskompetenzen entwickeln. Notwendig ist eine Kommunikation im Sinne der digitalen Kultur. Es reicht nicht allein, die Technik bedienen zu können, sondern es geht darum, Wissen zu teilen und auszutauschen. Was gelingen muss, ist der Wechsel vom Linearen zum Komplexen. Nehmen Sie Terminabsprachen: Ein Tool wie Doodle vereinfacht diesen Vorgang sehr deutlich gegenüber der Nutzung von E-Mails, da sofort für alle sichtbar ist, welcher Termin bevorzugt wird. Die Effizienz steigt, das Tempo auch, wobei Ressourcen geschont werden. Insgesamt haben E-Mails zu viel Raum bekommen. Oft wird vergessen, wieviel einfacher es wäre, miteinander zu sprechen oder kollaborative Werkzeuge wie Wikis einzusetzen.

Wird mit "Entschleunigung" ein altes Thema der Neunziger Jahre neu belebt werden müssen? Gewinnen die Menschen Zeit, wenn Technologien ihre Arbeit ganz oder teilweise übernehmen? Wo bestehen Chancen, wo Risiken?
Ich sehe in der Digitalisierung große Chancen. Menschen müssen das Leben und die Arbeit mit Technologien aber aktiv in die Hand nehmen und gestalten. Leistungsfähige Teams entstehen, wenn die Taktung von "An" und "Aus" souverän gemanagt wird. Die Rahmenbedingungen für Aktivität und Pausen müssen stimmen. Zurzeit unterläuft die Technik das Ruhegesetz, das vorschreibt, dass zwischen Arbeit und Arbeit mindestens elf Stunden liegen müssen. Damit sind Unternehmen und auch Arbeitnehmer in die Verantwortung genommen. Ihre Aufgabe ist es, die Leistungsfähigkeit zu erhalten. Es gibt die Pflicht zur Erholung, die ja auch der Urlaub garantiert. Der Mensch braucht das, wie zahlreiche Studien als dem medizinischen, psychischen und therapeutischen Bereich belegen. Und eins ist klar: Pause bedeutet nicht nur "nicht arbeiten". In Pausen entsteht Wachstum, in denen der Mensch filtert und gewichtet. Dauernder Aktionismus ist kontraproduktiv, auch für das Unternehmen.

Sind Ältere stärker gefährdet als Jüngere?
Nein. In erster Linie ist es eine Frage von Offenheit, Flexibilität und Veränderungsbereitschaft, aber auch dem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Umgang mit Fehlern. Menschen lehnen meist nicht die Veränderung selbst ab, sondern die Art, wie sie ihnen vermittelt wird. Man muss ihnen Zeit geben, sich auf die neuen Infrastrukturen einzustellen.

Sie haben mit Ihrem Slow Media Institut das Interaktionsmodell Digitaler Arbeitsschutz (IDA) ins Leben gerufen und arbeiten auch mit dem TÜV Rheinland zusammen. Was hat es damit auf sich? Wie kommen Sie vorwärts?
Das Interaktionsmodell Digitaler Arbeitsschutz definiert die Stellschrauben in Unternehmen, die das mediale Klima beeinflussen und verbindet dabei Verhältnis- und Verhaltensprävention. Die mit TÜV Rheinland entwickelte Zertifizerung Digitaler Arbeitsschutz ist ein Modul des Standards "Ausgezeichneter Arbeitgeber". Es ist ein Managementsystem, das Unternehmen als fortlaufenden Prozess in ihre Unternehmensabläufe einbetten können. Wir verstehen das als Handreichung für Unternehmen, die sich hier auf den Weg zu einer produktiven Digitalisierung machen wollen. Im Moment klaffen bei vielen Theorie und Praxis noch weit auseinander. Wenn Mitarbeiter sich im Urlaub erholen sollen, braucht es z.B. vernünftige Vertretungsregelungen. Welche Funktion erfüllt ein Diensthandy außerhalb der Arbeitszeit? Implizite Erwartungen müssen explizit formuliert werden. Da sind sehr viele Grauzonen, die beleuchtet werden können. Auf das Unternehmen individuell angepasste Richtlinien können hier kostenneutral schon sehr viel Verbesserung schaffen.

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