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Business-WG Diese Berufstätigen teilen sich mit 50 Bewohnern eine Unterkunft

Einst war es ein Lebenskonzept für Studenten, heute wohnen immer mehr Berufstätige in einer WG.

Von Michael Scheppe |

Dreißig Eier schlägt Norman Neupert an diesem Sonntagmorgen auf. Er macht Rührei, garniert mit Schnittlauch und Feta-Käse. Der 28-Jährige probiert ein Häppchen aus der Pfanne, bevor er zum riesigen Pfefferstreuer greift.

Nicht nur der ist in Deutschlands größter Business-WG überdimensioniert: Die WG4U, so der Name der Düsseldorfer Wohngemeinschaft, bietet 50 Berufstätigen ein Zuhause auf Zeit.

Auf sechs Etagen leben und arbeiten 20 Frauen und 30 Männer, Unternehmensberater, Manager, Vertriebler, Architekten, Anwälte, Piloten und Lehrer, im Schnitt um die 30 Jahre alt. Sie teilen sich 25 Duschen, 22 Toiletten, zwölf Kochfelder, fünf große Kühlschränke, vier Waschmaschinen, zwei Fernsehräume, eine Sauna, einen Fitnessraum und eine Dachterrasse.
Jedes Wochenende bereitet Unternehmensberater Neupert als Teil des „Brunch-Teams“ ein großes Frühstück vor – für viele Bewohner ein Pflichttermin.

Die Düsseldorfer Business-Kommune dürfte die größte der Republik sein, doch Menschen wie Neupert sind längst keine Exoten mehr. Waren Wohngemeinschaften früher nur etwas für Studierende, entschließen sich heute immer mehr Berufstätige dazu.

Laut dem Zimmervermittler WG-Gesucht sind 42 Prozent der WG-Angebote auf der Onlineplattform als „Business-“ oder „Berufstätigen-WG“ gekennzeichnet – 2013 waren es nur 28 Prozent.

Business-WGs sind ein Symptom der modernen Arbeitswelt

Die Motive der Bewohner von Business-WGs mögen unterschiedlich sein: Der eine will sein berufliches Netzwerk unter den Mitbewohnern ausbauen oder in Gesprächen mit Berufstätigen aus anderen Branchen den Horizont erweitern.

Andere erhoffen sich private Kontakte und einen schnellen Start in einer fremden Stadt.

Was die Bewohner eint: Sie stehen oft am Anfang ihrer beruflichen Karriere, sind privat meist ungebunden, neu in der Stadt – und dort häufig auch nur so lange, bis woanders eine bessere Karriereoption winkt.

„Business-WGs sind die passende Lebensform für die digitalen Arbeitsnomaden unserer Zeit“, sagt Hans-Peter Müller, Soziologieprofessor an der Humboldt-Universität Berlin.

Das Kommunen-Konzept ist auch Symptom der modernen Arbeitswelt. Gerade die unter Dreißigjährigen bleiben ihren Arbeitgebern nicht mehr so lange treu wie früher.

Hinzu kommt: Immer mehr Menschen arbeiten in Teilzeit, zuletzt waren es 40 Prozent der Arbeitnehmer. Auch die Zahl der befristet Angestellten steigt. Von beiden Entwicklungen ist gerade die jüngere Generation besonders betroffen.

Unternehmensberater Neupert: „Die WG war ein guter Start, um hier anzukommen.“

Berater Neupert wohnt seit einem Jahr in der WG. Der Wirtschaftsingenieur kommt aus München und studierte in Karlsruhe. Bei der Suche nach dem ersten Job war ihm der Ort völlig egal, nur das Angebot musste stimmen.

Das passte bei der auf Ingenieure spezialisierten Unternehmensberatung Avencore – und so fiel die Wahl auf die NRW-Landeshauptstadt.

„Die WG war ein guter Start, um hier anzukommen und Düsseldorf kennen zu lernen.“ Das wäre auch in einer kleineren WG gegangen, klar. Doch mit 49 Mitbewohnern sei es eben einfacher, neue Leute zu finden. Er sagt: „Ich genieße das Leben hier.“

Wer sich nicht dauerhaft an einen Arbeitgeber binden will, auf Projektbasis arbeitet oder das Ende seiner Stelle schon nach der Vertragsunterschrift absieht, für den passt das klassische Einzelapartment oft nicht.

Schließlich muss die Unterkunft in zahllosen Besichtigungen erst gefunden und die Wohnung eingerichtet werden – nur um dann fast schon wieder einen Nachmieter zu suchen.

Die Anbieter von Business-WGs machen sich den Stress bei der Wohnungssuche zunutze und werben mit möblierten Zimmern und kurzen Kündigungsfristen. In der Düsseldorfer Business-WG etwa liegt diese bei nur bei einem Monat.

Teamleiter Bode: „Für die Business-WG musste ich nur meinen Koffer packen und konnte einziehen.“

Das hat auch Finn Bode überzeugt. Der 22 Jahre alte Teamleiter des Finanzdienstleisters Tecis ist im Mai in die WG4U eingezogen. Er habe schon mit der Auflösung seiner alten Wohnung genug zu tun gehabt, sagt der jüngste Bewohner der Düsseldorf WG.

„Für die Business-WG musste ich nur meinen Koffer packen und konnte einziehen.“ Bett, Schrank, Stuhl und Tisch waren schon da. Küche einbauen? Trockner kaufen? Rundfunkbeitrag anmelden?

Blieb ihm alles erspart. „Der Umzug ist bequem und man kommt in ein funktionierendes System.“

Doch das hat seinen Preis: Die Bewohner müssen jeden Monat zwischen 660 und 890 Euro Miete zahlen – für zweckmäßig eingerichtete Zwölf- bis 20-Quadratmeter-Zimmer.

Während Bode von den Bequemlichkeiten des Einzugs erzählt, sitzt er auf der Couch in der WG-Küche. Aus dem Radio ertönt Popmusik, am Tisch arbeiten zwei Bewohner mit Kopfhörern in den Ohren und tippen konzentriert auf ihren Laptops.

Für einige Bewohner ist ihr Büro dort, wo sie den Computer aufklappen – und das kann inmitten der gemeinsamen Küche sein.

„In einer Business-WG setzt sich das fort, was wir vom Coworking kennen: der einfache und kreative Austausch“, sagt Fabian Hoose, der an der Universität Duisburg-Essen zur Veränderung der Arbeitswelt forscht. So werde aus Coworking schnell Co-Living.

Doch das muss nicht nur Vorteile haben: Einige der Düsseldorfer Bewohner sitzen manchmal auch noch nachts um 2 Uhr über ihren Projekten – in einer Business-WG ist die Gefahr, sich selbst auszubeuten, größer „und das kann sich belastend auf die Arbeitenden auswirken“, so Hoose.

Linde-Mitarbeiterin Bernecke-Kaus: „Wir diskutieren hier nicht jeden Abend die Börsenkurse.“

Dennoch: Anke Bernecke-Kaus schätzt an der WG den abendlichen Austausch mit den Mitbewohnern. Die 33-Jährige leitet beim Industriekonzern Linde die Kundenbetreuung in der Vertriebsregion Mitte West.

Letztens habe sie spontan eine Stunde lang über Digitalisierung geredet, erzählt sie. „Es ist spannend mit Menschen zu sprechen, die unterschiedliche Perspektiven zu einem Thema haben.“

Wenn Bernecke-Kaus nach einem anstrengenden Tag in die WG kommt, will sie bisweilen auch nur eines: abschalten. „Wir diskutieren hier nicht jeden Abend die Börsenkurse“, sagt sie. Auch in einer Business-WG muss es nicht immer nur um Arbeit gehen.

Im April hat Linde-Mitarbeiterin Bernecke-Kaus ihr Zimmer in der Riesen-WG bezogen. An den Auszug denkt sie zwar noch nicht, doch der komme irgendwann infrage: „Entweder ich entwickle mich beruflich weiter – und dann bin ich auch offen für einen Job in einer anderen Stadt.“

Oder es trete ein Partner in ihr Leben, mit dem sie zusammenwohnen möchte.

Ähnliche Ziele dürften fast alle Bewohner der Business-WG haben. Sie haben zwar eine gemeinsame Bleibe gefunden, doch eigentlich sind sie nur auf der Durchreise.

Im Schnitt lebt ein Bewohner gerade einmal anderthalb Jahre in der WG. Ein bis zwei Zimmer wechseln jeden Monat ihren Besitzer.

Einige Bewohner vermissen Privatsphäre

Gerade wird in der Düsseldorfer WG gebaut, weitere 15 Zimmer sollen bis zum Jahresende dazukommen. Mit 65 Leuten unter einem Dach leben – mit so vielen direkten Nachbarn kommt schon jetzt nicht jeder klar.

Beim sonntäglichen WG-Brunch sitzt ein Pilot, der seinen Auszug verkündet. Nach der dreimonatigen Mindestmietdauer hat er genug, er zieht in ein Einzelapartment. Ihm fehle die Privatsphäre, erzählt er, und auch der Stauraum falle bei so vielen Bewohnern doch arg klein aus.

Nach dem Brunch haben die Ersten schon wieder ihren Dienstlaptop aufgeklappt, andere machen noch ihren Teller sauber. Denn gespült wird in der Düsseldorfer Business-WG per Hand – eine Spülmaschine gibt es nicht.

Das allerdings ist auch das Einzige, was hier an eine Studentenbude erinnert.

Unternehmensberater Neupert geht hoch in sein Zimmer, um sich auszuruhen. Um 15 Uhr hat er sich mit einem Mitbewohner verabredet – zum Golf spielen.

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