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Balance von Berufs- und Privatleben Diese Arbeitgeber locken mit mehr Freizeit

Manchmal sind Extra-Ferien besser als mehr Geld.

Von Claudia Obmann |

Mitarbeiter finden und binden: Angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels und 1,4 Millionen unbesetzter Stellen in Deutschland buhlen Arbeitgeber inzwischen um Talente. Hoch im Kurs bei vielen Angestellten: Eine bessere Balance von Berufs- und Privatleben. Entsprechend kreativ und überraschend großzügig zeigen sich Chefs mitunter. Hier ihre besten Ideen.  

Mehr Urlaub oder mehr Geld

Bei der Deutschen Bahn haben Tarifmitarbeiter die Qual der Wahl: Sie können selbst entscheiden, ob sie mehr Geld wollen oder zusätzlichen Urlaub bevorzugen, wenn eine tarifliche Lohn- oder Gehaltserhöhung ansteht. Anstelle einer jährlichen Gehaltszulage von zuletzt 2,62 Prozent kann ein Bahnmitarbeiter alternativ sechs zusätzliche Urlaubstage wählen.

Auf diese Extra-Ferien hat der Angestellte dann dauerhaft Anspruch, da er ja auch dauerhaft auf seine Lohnerhöhung verzichtet hat.

2020, dem zweiten Jahr, in dem der aktuelle Tarifvertrag noch gilt, können die Bahner sich ein weiteres Mal entscheiden – mehr Gehalt oder Urlaub? Wer sich erneut für Freizeit entscheidet, kommt insgesamt auf 12 Urlaubstage extra für den Rest seines Anstellungsverhältnisses beim Staatskonzern.

Extra-Elternzeit

Immer mehr Unternehmen stocken das staatliche Elterngeld auf oder verlängern die Elternzeit. Die Modelle variieren:

  • Der PC- und Druckerhersteller Hewlett Packard Enterprise etwa bietet seinen Mitarbeitern neuerdings eine sechsmonatige Elternzeit bei vollem Gehalt. Und geht damit über die gesetzliche Regelung deutlich hinaus. Der bezahlte Elternurlaub kann von Müttern und Vätern bei Geburt oder Adoption eines Kindes in Anspruch genommen werden und gilt auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Außerdem steht allen Mitarbeitern ein bezahlter freier Freitag pro Monat zu.

  • Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé bietet zusätzlich zu den staatlichen Leistungen wie Elterngeld und Väterzeit eine weitergehende bezahlte Freistellung an: Egal, ob männlicher oder weiblicher Mitarbeiter. Wer Nachwuchs bekommt, kann künftig eine bezahlte Familienarbeitszeit von bis zu 18 Wochen nehmen. Das Modell gilt auch für Familien, die ein Kind adoptieren oder ein Pflegekind aufnehmen wollen.

  • Softwarehersteller SAP macht speziell den Vätern in seiner Belegschaft seit Jahresanfang ein besonderes Geschenk zur Geburt: Alle Mitarbeiter, die Papa werden, dürfen ihre Arbeitszeit in den ersten acht Wochen nach der Entbindung um 20 Prozent reduzieren – ohne Gehaltseinbußen. Mit seiner neuen Väterzeit orientiert sich das Walldorfer Unternehmen am gesetzlich geregelten Mutterschutz. Dieser endet für gewöhnlich acht Wochen nach der Geburt von Sohn oder Tochter. Für Väter gibt es solche Regelungen bislang nicht. Bei Mehrlingsgeburten verlängert sich der Zeitraum sogar auf zwölf Wochen.

Kümmern und Karriere

Sich neben dem Job um die Pflege von Angehörigen kümmern zu müssen, setzt viele Berufstätige unter Druck – zeitlich, emotional und finanziell. Manche Arbeitgeber reagieren auf diese Erkenntnis mit flexiblen Arbeitszeitmodellen. Einige Unternehmen gewähren darüber hinaus auch finanzielle Hilfe.

Das ist etwa beim Stuttgarter Autohersteller Porsche der Fall: Erleidet ein Elternteil eines Mitarbeiters zum Beispiel einen Herzinfarkt oder erkrankt an Demenz, kann der Angestellte sich für bis zu drei Monate von der Arbeit freistellen lassen.

In diesem Zeitraum erhält der Mitarbeiter weiterhin 75 Prozent seines Bruttomonatsgehalts. Mit dieser finanziellen Regelung ist Porsche großzügiger, als es der Gesetzgeber vorschreibt.

Karriere-Option Behörde

In Wirtschaftskanzleien sind schon die Einstiegsgehälter für junge Juristen vergleichsweise hoch. Die Kehrseite: Wer es zum Partner in einer internationalen Sozietät bringen will, vergisst sein Privatleben lieber.

Doch auch bei den Großkanzleien findet ein Umdenken statt.

  • Linklaters hat ein spezielles Karriere-Modell eingeführt, das garantiert, dass keine einzige Überstunde anfällt. Associates, die sich für „Yourlink“ entscheiden, können mit einer 40-Stunden-Woche rechnen. Der Haken: Wer diesen Karriere-Pfad mit der besseren Work-Life-Balance einschlägt, weiß, dass er auf diesem Weg nur bedingt nach oben kommt. Mit zeitlicher Verzögerung im Vergleich mit den Kollegen, die bereit sind, abends oder samstags und sonntags zu arbeiten, geht es maximal rauf bis zum „Managing Associate“ oder „Counsel“. Dann ist mit dem beruflichen Aufstieg Schluss. Das Erreichen des Partner-Status ist von vornherein ausgeschlossen. Und die planbare Arbeitszeit hat ihren Preis: Statt des bei Linklaters üblichen Einstiegsgehalts von 120.000 Euro kassieren die „Yourlinker“ etwa ein Drittel weniger an Vergütung.

  • Die Kanzlei McDermott Will & Emery bietet ebenfalls ein Arbeitsmodell mit fixer Stundenzahl an. Zwischen 35 und 38,5 Stunden können Berufseinsteiger vertraglich vereinbaren. Ihr Gehalt liegt entsprechend zwischen 68.000 und 75.000 Euro pro Jahr, während zeitlich flexible Associates mit klassischen Verträgen zwischen 115.000 und 125.000 Euro pro Jahr kassieren. Das klassische Modell basiert auf Vertrauensarbeitszeit, für die das Arbeitszeitgesetz gilt. Demzufolge darf ein Arbeitnehmer von montags bis samstags täglich bis zu zehn Stunden arbeiten. Im neuen Modell dagegen wird wie in einer Behörde innerhalb strikt festgelegter Zeiten gearbeitet.

  • Ob Kartell-, Steuer- oder Immobilienrecht, am längsten experimentiert die Großkanzlei Baker McKenzie mit der entspannten Karriere-Option, die sich hier „Associate Alternative Track“ nennt. Seit 2014 arbeiten junge Anwälte dort mit klar festgelegtem Stundenbudget im Gegensatz zum klassischen „Partner Track“, den Talente einschlagen, die einmal Teilhaber der Sozietät werden wollen und Überstunden abends oder am Wochenende nicht scheuen, wenn es Mandanten etwa an der amerikanischen Westküste zu betreuen gilt. 

5-Stunden-Arbeitstag

Volles Gehalt für einen 5-Stunden-Arbeitstag: Mit seiner Idee einer 25-Stunden-Arbeitswoche führte sich Lasse Rheingans 2017 in die von ihm frisch übernommene Bielefelder Agentur „Überblick“ ein, die er in „Rheingans Digital Enabler“umbenannte. Damit seine Mitarbeiter mehr Freizeit pro Tag haben, ist höchste Effizienz bei der Arbeit angesagt. Keine ausgedehnte Mittagspause, kein Plausch in der Kaffeeküche.

Nach gut zwei Jahren zeigt sich: Es klappt. Größte Schwierigkeit: Kunden mit klassischen Arbeitszeiten erwarten Verfügbarkeit ihres Dienstleisters Rheingans zu den Zeiten, in denen sie selbst auch am Schreibtisch sind.

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