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Arbeiten bei Vater Staat Warum dieser Unternehmensberater jetzt Schwimmbäder managt

Deutschlands größter Arbeitgeber ist der Staat. Er lockt Bewerber mit Sinn und Sicherheit. Das reizt selbst Angestellte aus der freien Wirtschaft.  

Von Michael Scheppe |

Warum dieser Unternehmensberater jetzt Schwimmbäder managt

Kein lockerer Job

Betreuung öffentlicher Schwimmbäder: „Eine gesellschaftlich schöne Aufgabe“

Foto: Efe Kurnaz on Unsplash

Beim Blick in den Sonnenuntergang kam Jürgen Hecht ins Grübeln. Mal wieder saß er schon seit zwölf Stunden am Schreibtisch und musste noch die Vorstandsvorlage für ein Projekt der Deutschen Bahn umformulieren – zum mittlerweile sechsten Mal.

„Ich schreibe schöne Papiere, aber was passiert damit eigentlich“, hinterfragte er den Sinn seiner Arbeit. Das war 2004. Hecht war damals Unternehmensberater bei IBM, hatte zuvor für PwC gearbeitet.

Heute ist der 49-Jährige Geschäftsführer der Freizeitgesellschaft Metropole Ruhr und damit verantwortlich für sechs Freizeitparks, deren öffentliche Schwimmbäder und 500 Mitarbeiter.

Freiwilliger Wechsel in ein kommunales Unternehmen? „Das ist eine gesellschaftlich schöne Aufgabe“, sagt Hecht.

Leichter Abschied: Tschüss Beamtenklischee!

Er sei in Kontakt mit regionalen Spitzenpolitikern und könne dazu beitragen, dass sich jedes Jahr 1,6 Millionen Besucher in seinen Schwimmbädern sicher fühlten. Und sein Tun ist auch betriebswirtschaftlich anspruchsvoll: Er organisiert gerade die Fusion von vier GmbHs zur übergeordneten Freizeitgesellschaft.

Hechts Wechsel in den Staatsdienst zeigt, dass der öffentliche Dienst mehr zu bieten hat, als das Klischee vermuten lässt.

Arbeiten bei Vater Staat? Da kommen Bilder von verstaubten Amtsstuben, strikten Hierarchien, Paragrafendschungel und langweiligen Aufgaben hoch. Doch im Wettbewerb um die besten Talente lockt der Staat mit zwei Themen, die Jobsuchende in der privaten Wirtschaft bisweilen vermissen: Sinn und Sicherheit.

Variationsbreite: Große Vielfalt bei der Jobauswahl

„Viele wollen sich nicht mehr für das Gewinnstreben eines Einzelunternehmers aufopfern“, sagt Christoph Reichard, emeritierter Lehrstuhlinhaber für Public Management an der Universität Potsdam.

Vater Staat ist der größte Arbeitgeber der Republik: 4,8 Millionen Beschäftigte, darunter 1,7 Millionen Beamte, arbeiten mit öffentlichem Auftrag.

Die Bandbreite reicht vom Sachbearbeiter in der kommunalen Verwaltung bis zum IT-Experten, vom Kita-Erzieher über den Bundeswehr-Offizier bis hin zu Diplomatenstellen im Auswärtigen Amt oder Staatssekretär-Posten.

Chancen: Wachsende Zahl an offenen Stellen

Zwar ist die Zahl der Beschäftigten seit der Finanzkrise um etwa 200.000 gestiegen. Doch Bund, Ländern und Kommunen fehlen nach Rechnung des Gewerkschaftsdachverbands Beamtenbund und Tarifunion (DBB) genauso viele Fachkräfte.

Und wenn erst die Babyboomer-Generation in den Ruhestand geht, könnte die Zahl der unbesetzten Stellen beim Staat bis 2030 auf 800.000 steigen, erwartet die Unternehmensberatung PwC.

Trotz der vielen freien Stellen sind Wechsel wie die von Hecht eher die Ausnahme.

Edmund Mastiaux von der Bonner Personalberatungsgesellschaft ZfM hat sich darauf spezialisiert, Führungskräfte aus der Privatwirtschaft in Kommunalverwaltungen und öffentliche Unternehmen zu locken. Rund 80 Positionen hat er vergangenes Jahr besetzt – Tendenz steigend.

Umstellung: Probleme mit New Work

„Die Marktlage ist so angespannt, dass sich die Kommunen dafür öffnen, auch Bewerber ohne Erfahrungen im öffentlichen Dienst zu nehmen“, sagt der Personalexperte.

Dabei macht es Vater Staat potenziellen Wechslern nicht gerade leicht. Viele öffentliche Arbeitgeber seien nicht bereit, ihren Führungskräften auch nur einen Tag im Homeoffice pro Woche zu gewähren. „Das schreckt Bewerber, die flexibles Arbeiten gewöhnt sind, ab.“

Mastiaux hat auch Hecht vermittelt. Vor seiner Tätigkeit bei der Freizeitgesellschaft Metropole Ruhr war Hecht, der einst als Profisportler mit dem Deutschland-Ruderachter die Weltmeisterschaft gewann, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Hagen.

Seine Erfahrung: Auch im öffentlichen Dienst sei der Arbeitsalltag nicht anders als in der Privatwirtschaft – Meetings abhalten, Prozesse verbessern, Mitarbeiter motivieren.

Führungskräfte: Überstunden und einengende Bürokratie

„Wer denkt, in der öffentlichen Wirtschaft gibt es nur lockere Jobs, kann das sofort wieder vergessen.“

Mit 40 Stunden kommt er längst nicht aus, nur so viel wie früher als Berater arbeite er nicht.

Eine Beobachtung, die allgemeingültig ist. Das Bild vom entspannten Beamten, der sich Freitagmittag ins Wochenende verabschiedet, mag auf Mitarbeiter bis zur mittleren Laufbahn zutreffen.

Wer höher hinaus will, muss auch im öffentlichen Sektor Überstunden hinnehmen. Im öffentlichen Dienst machen die Führungskräfte zehn Überstunden pro Monat, wie eine Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt.

Nur eben nicht so viele wie ihre Kollegen in der Privatwirtschaft, die jeden Monat 15 Stunden länger arbeiten.

Was Hecht bei seinem neuen Arbeitgeber bemängelt: Bürokratie und Vorschriften engen ihn mitunter ein: Häufig kann schon bei Kleinstbeträgen eine Ausschreibung nötig sein und die Eintrittsgelder für seine Bäder muss er mit einem halben Dutzend verschiedener politischer Gremien abstimmen.

Gehälter: Wenig Luft nach oben

Professor Reichard hört von solchen Erlebnissen regelmäßig. „Teilweise werden die Mitarbeiter schon mit bürokratischen Vorschriften gegängelt. Wenn sie ständig gegen Paragrafenwände rennen, setzt das eine gewisse Leidensfähigkeit voraus.“

Und die könnte beim Blick aufs Gehalt noch weiter strapaziert werden. Zwar sind die Verdienste im öffentlichen Sektor seit der Finanzkrise wegen hoher Tarifabschlüsse insgesamt stärker gestiegen als in der Gesamtwirtschaft.

Aber: „Gerade Führungskräfte verdienen im öffentlichen Dienst oftmals sehr viel schlechter als ihre Kollegen in der freien Wirtschaft“, sagt Hagen Lesch, Tarifexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Das Problem: Die Tarifgehälter bei den öffentlichen Arbeitgebern sind nach oben begrenzt, „einzelnen Mitarbeitern wird nur in Ausnahmen mehr Geld gezahlt, als der Tarifvertrag erlaubt“.

Schwimmbad-Manager Hecht kenn diese Probleme nicht. Er verdient im öffentlichen Dienst sogar mehr Geld als in der Privatwirtschaft. Und dennoch denkt Hecht ab und an gern an seine Zeit als Sportler zurück. „Das Sportlerleben war das schönste Leben.“ So sinnstiftend kann selbst Vater Staat nicht sein.

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