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Arbeiten als Interimsmanager Die „Feuerwehrleute der Firmenwelt“ – wo sich die Chefs auf Zeit engagieren

Ein Unternehmen aus der Krise holen oder einen Bereich umstrukturieren – dazu sich selbst vermarkten. Interimsmanager wie Peter Kuhle sind im Dauer-Einsatz. Einblicke in seinen Alltag.

Führungskraft | Von Camilla Flocke |

Die „Feuerwehrleute der Firmenwelt“ – wo sich die Chefs auf Zeit engagieren

Ml eben Feuer löschen

Interimsmanager gelten als Feuerwehrleute der Firmenwelt. Ihre Einsätze sind kurzfristig, aber oft mit nachhaltiger Wirkung.

Foto: imago images / Panthermedia

Wenn Peter Kuhle morgens bei Unitymedia ankommt, parkt er nicht direkt am Eingang wie die anderen Führungskräfte. Er stellt seinen Wagen einige hundert Meter entfernt auf einem öffentlichen Parkstreifen ab. Sein Arbeitsplatz in der zweiten Etage: Leer – abgesehen von einer Lampe auf dem Tisch. Wenn er abends geht, zeugt nichts davon, dass er hier monatelang mehrere Stunden am Tag verbringt.

Der 45-Jährige ist kein Angestellter des Kölner Kabelnetzbetreibers, sondern gehört einer besonderen Gattung Führungskraft an: Er ist selbstständiger Interimsmanager und hat daher keinen Anspruch auf Parkplatzplaketten, Computer oder Telefone. Eine große Verantwortung hat er dennoch, soll er doch den technischen Kundenservice neu organisieren.

Beliebte Spezies: Die Zahl der Interimsmanager steigt

Interimsmanager werden immer dann geholt, wenn Unternehmen dringend eine Führungskraft brauchen, die einspringt. Menschen wie Kuhle kommen, um akute Probleme zu lösen. Sie strukturieren den Betrieb um, holen ihn aus der Krise oder besetzen übergangsweise eine Spitzenposition.

Rund 10.000 Manager auf Zeit gibt es laut Dachgesellschaft Deutsches Interim Management (DDIM) hierzulande. Der Arbeitskreis Interim Management Provider zählt sogar 5.000 mehr. Fest steht: die Zahl der Interimsmanager steigt seit Jahren.

Kurzfristige Überbrückung: Für viel Geld im Projekt-Einsatz

Was auch daran liegt, dass Firmen zunehmend in schnellen und agilen Prozessen denken. „Für diese klar zu definierenden Projekte und Aufgaben ist der Einsatz von Interimsmanagern geradezu prädestiniert“, sagt Björn Knothe, Chef der Personalberatung Division One, die Führungskräfte in Festanstellung und für einen Interimsjob vermittelt.

Für die Feuerwehrleute der Firmenwelt sind Tagessätze von mehr als 1.000 Euro nicht ungewöhnlich. Die höchsten Honorare erhalten Interimsmanager, die als Vorstandsvorsitzende bei größeren Umstrukturierungen einspringen. Dann sind Tagessätze von 2.500 Euro und mehr möglich.

 „Teilweise suchen Unternehmen neun bis zwölf Monate nach einem Nachfolger für eine Führungsposition“, sagt Harald Linné, Gründer und Chef der Interim-Manager-Vermittlung Atreus. „So lange kann aber kein Geschäftsbereich ohne Leitung auskommen.“

Bevor Interimsmanager Kuhle 2017 zu Unitymedia kam, kämpfte der Konzern mit unzufriedenen Kunden und frustrierten Mitarbeitern. Der Kabelnetzbetreiber hatte das analoge TV-Signal abgestellt und seine Sender neu sortiert. Die Folge: Bei vielen Kunden funktionierte der Sendersuchlauf nicht mehr.

Diese Probleme hat der Manager aus Bad Honnef beseitigt. Auf die Installation eines Internetanschlusses warten Kunden seither im Schnitt zehn Tage. Vorher waren es noch 15. Auch die Tage, die für eine Entstörung benötigt werden, sind von drei auf zwei gesunken.

Mit starkem Rückgrat: Überzeugungsarbeit und unbequeme Entscheidungen

„Als Interimsmanager muss man Probleme lieben“, sagt Kuhle, der zuvor zehn Jahre als Führungskraft arbeitete, unter anderem bei der Deutschen Telekom.

Statt langwieriger Aufbauarbeit oder Management-Routine reizt Kuhle die Abwechslung, die seine wechselnden Einsätze mit sich bringen.

Um ein Problem zu lösen, braucht Kuhle nicht besonders auf interne Befindlichkeiten achten, sondern kann sich voll auf das Projekt fokussieren. „Ich bringe den Mehrwert für das Unternehmen“, sagt er selbstbewusst.

Und das bedeutet manchmal eben auch, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Seit Kuhle bei Unitymedia in Köln ist, arbeiten einige Mitarbeiter bis in die Abendstunden, um länger für Servicepartner und Kunden erreichbar zu sein. „Die Mitarbeiter zu überzeugen ist das Wichtigste, denn ohne sie geht es nicht“, meint der Manager auf Zeit.

Auch für die Übergangsmanager geht es darum, sich mit der Unternehmenskultur zu identifizieren und die Kollegen mitzunehmen.

Das fängt schon beim Kleidungsstil an. Kuhle trägt weiße Sneaker, eine blaue Baumwollhose und eine dunkelblaue Strickjacke zum weißen Hemd. Er gibt sich leger, so wie auch die anderen Mitarbeiter bei Unitymedia.

Dennoch bedeuten Interimsmanager für die Mitarbeiter vor Ort eine Umstellung. „Für uns alle war es schwierig. Nicht nur, dass die Abteilung umstrukturiert wurde, dazu kam für jeden noch die persönliche Veränderung“, sagt William Majed, der erst durch Kuhle zum Teamleiter aufgestiegen ist. Sein Stellvertreter René Winkel ergänzt: „Wir wussten anfangs nicht, wohin die Reise geht.“

Ständig auf Jobsuche: Der nächste Auftrag ist noch unklar

Kuhles Zeit bei Unitymedia neigt sich dem Ende zu. Bis Mai will er den umstrukturierten Kundenservice an einen festangestellten Nachfolger übergeben. Welche Aufgabe als Nächstes auf den Zwischenzeit-Manager zukommt, ist noch offen. Neue Kunden und Kollegen im Halbjahres- oder Jahresrhythmus: Wer Jobsicherheit und feste Strukturen braucht, wird als Interimsmanager nicht glücklich werden.

Kuhle jedenfalls wird aktiv nach einem neuen Mandat Ausschau halten. „Es gibt nur sehr wenige Interimsmanager, bei denen die Aufträge reinkommen, ohne, dass sie sich darum bemühen müssen“, meint Marei Strack, Verbandschefin der DDIM.

Interimsmanager sollten Stellenbörsen im Blick behalten, viel Zeit in ihre Netzwerkpflege investieren, aber auch Unterlagen, Lebensläufe und Profile aktualisieren. „Und sie müssen gewillt sein, sich selbst wie ein Unternehmen zu vermarkten“, sagt Strack.

Um an ein Folgeprojekt zu kommen, wenden sich viele Interimsmanager an spezialisierte Vermittlungsagenturen. Der Hamburger Interim Provider Management Angels beispielsweise bespricht zunächst mit dem Kunden das benötigte Profil des Managers auf Zeit, bevor er eine erste Auswahl aus seinem Manager-Pool zusammenstellt.

Der Vermittler koordiniert dann die Interviewrunden, setzt die Verträge mit dem Kunden sowie dem Manager auf und begleitet das Projekt bis zum erfolgreichen Projektabschluss.

Grundsätzlich nehmen die Management Angels Interimsmanager in ihren Pool auf, die selbstständig seien und bereits nachweislich erste Mandate erfolgreich abgeschlossen haben, sagt Daniel Müller, Geschäftsführer der Beratungsagentur: „Allerdings müssen wir oftmals auch Kandidaten ablehnen, wenn wir sehen, dass deren Vermittlungschancen für die von uns betreuten Kundenmandate zu gering sind.“

Auch Kuhle ist bei verschiedenen Vermittlungsagenturen angemeldet. Darüber hinaus investiert er viel Zeit und Geld ins Selbstmarketing. Sich mit eigener Website und Logo zu vermarkten, sei für ihn zunächst „befremdlich“ gewesen, erzählt er. Der Interimsmanager hatte sich daher Hilfe von Marketingberatern geholt.

Immer am Ball: Weiterbildung zwischen den Jobs – und Zeit für die Familie

Die Zeit zwischen zwei Mandaten nutzen viele Interimsmanager auch, um sich weiterzubilden, ihren Hobbys nachzugehen, Urlaub zu machen oder wieder mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Laut einer Umfrage des DDIM sind Interimsmanager durchschnittlich 172 Tage pro Jahr im Einsatz.

Ähnlich wie bei Vorstandsvorsitzenden und anderen Topmanagern kommt auch bei den Führungskräften auf Zeit die Familie während eines Projektes zu kurz – gerade, wenn der Kunde seinen Firmensitz in einem anderen Teil von Deutschland hat.

Kuhle hat Glück. Seine Frau und der kleine Sohn leben in Bad Honnef und damit nur eine knappe Stunde Fahrtzeit von Kuhles vorübergehendem Arbeitsplatz entfernt. Wenn er abends nach Hause kommt, kann er noch mit seinem Sohn spielen. Und wenn der Sprössling im Bett ist, setzt sich der Interimsmanager meist noch einmal an den Schreibtisch, um sich auf den nächsten Arbeitstag vorzubereiten.

Doch trotz all dieser Einschränkungen schließt Kuhle es in nächster Zeit aus, zurück in die Festanstellung zu gehen. Zu sehr reizt es ihn, immer wieder vor neue Probleme gestellt zu werden.

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