Mein schlimmster Job Doppeltes Drama im Theater

Da werden selbst Leichen lebendig: Der Schauspieler Henry Hübchen wurde während einer Theateraufführung in Lyon von Terroristen bedroht.

Mariam Schaghaghi | , aktualisiert

Mein schlimmster Job? Meine Biografie strotzt nicht gerade vor Anekdötchen, die manche in ihre Lebensgeschichten hineinschreiben, um sie spannender zu machen. Die dann Totengräber waren, weil sie mal an einem Friedhof vorbeigelaufen sind, oder die Kellner waren, weil sie zweimal zu Hause den Tisch gedeckt haben. So richtig seltsame Abstecher habe ich nicht gemacht, meine Laufbahn war eher schnörkellos. Aber ein Job hat sich im Nachhinein sogar als richtig schlimm erwiesen, weil er nicht ungefährlich war.

Es war in der zweiten Hälfte der 70er, als es noch die Mauer gab und ich Bürger der DDR war. Wir waren für ein Gastspiel in Lyon und gaben Heiner Müllers ,Die Schlacht‘. In diesem Drama gibt es viele dunkle, düstere Szenen. In einer spielte ich einen Kleinbürger, der erst andere, dann sich selber umbringt. Seine letzten Worte lauten: „Der Starke ist am mächtigsten allein." Ein sehr dramatischer Moment.

Bei einer Vorstellung ging nach diesen Worten plötzlich das Licht an, aus den Lautsprechern kam eine Durchsage, das Publikum sprang auf, andere applaudierten. Da ich kein Wort Französisch verstehe, war ich vollkommen irritiert. ,Was ist los? Reagieren die auf mich so? Warum rennen einige aufgeregt raus, andere klatschen?‘ Um mich herum lagen auf der Bühne zwei, drei von mir umgebrachte ,Leichen‘. Auch die machten ein Auge auf, um zu schauen, was los ist. Bis uns jemand den Grund für das Durcheinander mitteilte: ,Runter von der Bühne! Es gibt eine Bombendrohung!‘

Ein seltsames Bild

Auf der Straße bot sich ein ziemlich seltsames Bild: Männer in SA- und SS-Uniformen, andere in kurzen Tutu-Röckchen, dazwischen Theatergäste ... Die Feuerwehr, die die Bombe suchen sollte, rückte in einem Citroën an: ein Mann und ein Hund. Der schlug aber in dem Theater nicht an. Die nächsten Abende hatte ich echt Manschetten, dass jemand in einer dunklen Szene wirklich eine Bombe auf die Bühne schmeißt.

Der Hintergrund war sehr ernst: In Paris war der RAF-Anwalt Klaus Croissant festgenommen worden und sollte an die BRD ausgeliefert werden. Daraufhin verkündeten die französischen RAF-Sympathisanten, dies mit allen Mitteln verhindern zu wollen. Als deutsche Theatertruppe gaben wir auf den ersten Blick ein perfektes Ziel ab. Nur dass wir ja gar nicht aus der BRD stammten, sondern aus dem ,besseren‘ Deutschland. Damit wären wir das falscheste Bombenziel gewesen, das die RAF-Leute sich hätten aussuchen können. Da merkt man, wie Geschichte auch passieren kann: durch Irrtümer."

Henry Hübchen, 62, Schauspieler, übernahm bereits als Kind erste Rollen und spielt regelmäßig am Theater und in Fernsehfilmen mit. Ab 3. September ist er in Andreas Dresens Tragikomödie "Whisky mit Wodka" zu sehen.

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