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Kommentar 1. Mai Tag der Reflexion

Ohne Straßendemos und Krawall könnte der 1. Mai einfach nur zu einem üblichen Coronatag verkommen. Es sei denn, wir nutzen ihn zur Reflexion.

Von Angelika Ivanov |

Selten hätte ich gedacht, dass ich mal meine Jeans anziehe, einfach nur um zu gucken, ob sie noch passt. Doch das gehört inzwischen zu meinem Alltag in Zeiten von Corona. Ist es Montag oder Samstag? April, Mai?

Dazu muss ich erst auf den Kalender schauen. Das Business-Outfit bleibt sowieso im Schrank. Die Tage sind irgendwie gleich. Und zu mir dringt nur noch durch, was ich via Smartphone und Internet zu mir durchdringen lasse.

Wenn ich auf Social Media unterwegs bin, stoße ich an diesem Freitag vielleicht auf Twitter, Instagram oder Facebook auf einen der zahlreichen Beiträge zu #TagderArbeit oder #1mai2020. Aber es fehlt der vorabendliche Tanz in den Mai, die Ankündigungsplakate für Solidaritätsaktionen. Noch im vergangenen Jahr bin ich mit der Nase auf diesen Feiertag gestoßen.

Wie etwa 2015 als ich zum Feiertagsdienst in die Redaktion fuhr und eine rote Horde am Eingang des Duisburger Bahnhofs stehen sah und mich verschlafen fragte: „Was zum Teufel machen die hier um 8 Uhr morgens?“

Corona macht Spaltung der Gesellschaft sichtbar

Dank Verdi- und DGB-Banner hatte ich die rote Horde schnell als Demotruppe für den ersten Mai ausgemacht. Sie waren gut gelaunt und mit Kaffeebechern und Thermoskanne bewaffnet. „Macht ihr mal“, dachte ich und eilte zum Zug. Denn ich musste am Tag der Arbeit tatsächlich - zur Arbeit.

Damals war ich noch freie Journalistin und habe Redaktionsdienste zu allen Zeiten angenommen. Von der morgendlichen Radiomoderation um 6 Uhr bis hin zur Nachtschicht während des Brexits und regelmäßigen Sonntagsdiensten war alles dabei.

Richtig nachgedacht habe ich darüber selten. Journalismus ist kein Beruf, sondern eine Berufung, dachte ich. Arbeit und ich sind eins. Das änderte sich schlagartig, als ein Freund mich fragte: „Willst du eigentlich immer so prekär arbeiten? Und dich von Job zu Job hangeln?“

„Ja, will ich das wirklich?“ hab ich mich dann tatsächlich das erste Mal gefragt. Woraus sich jede Menge andere Fragen ergaben: „Welche finanzielle Absicherung habe ich? Wie ist das in anderen Berufen? Und wie wichtig ist mir freie Zeiteinteilung?“ Ich entschied mich daraufhin für den sicheren Weg: Statt freier Autorenschaft wählte ich die Festanstellung in einer Redaktion.

Besonders deutliche zu spüren sind die Folgen solch beruflicher Entscheidungen jetzt in der Krise. Eine aktuelle Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass die Pandemie die Ungleichheiten in unserer Gesellschaft verstärkt.

Wer schon einen guten Job und ein gutes Gehalt hat, profitiert auch eher vom Kurzarbeitergeld. Schwer haben es dagegen Geringverdiener, Solo-Selbstständige oder Beschäftigte ohne Tarifbindung. Wäre ich freie Autorin geworden, hätte ich jetzt also das Nachsehen.

Die Studie zeigt auch: Unter den Verlierern der Krise sind überproportional viele Frauen, häufig sind es Alleinerziehende. Die Coronakrise zeigt uns also deutlich, wer den Kürzeren zieht. Menschen, die zum Mindestlohn arbeiten. Die gerade so über den Monat kommen, keine Rücklagen bilden können und dann auch noch als erstes durch das Raster fallen. Sie werden zu Hartz-IV-Fällen. Obwohl sie hart arbeiten.

Was jeder tun kann

„Diese Spaltung kann langfristig negative Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft haben“, warnt Bettina Kohlrausch. Die Soziologie-Professorin hat die WSI-Studie ausgewertet.

Insofern ist der Tag der Arbeit, der seinen Ursprung im 19. Jahrhundert hat, als die Industriearbeiter in den USA unter schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen litten und deshalb Handel- und Arbeitergewerkschaften zu einem mehrtägigen Generalstreik aufriefen, noch immer aktuell.

Es ist höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, wie wir die Missstände, die uns die Coronakrise deutlicher denn je vor Augen führt, ändern können. Der Ruf nach der Politik wird nicht reichen. Auf dem Balkon klatschen noch weniger.

Die einzige Chance für Veränderung sind wir selbst. In Zeiten von Corona heißt das: Welche Petition auf faire und transparente Entlohnung können wir unterschreiben? Wen muss ich wählen, wenn ich will, dass Pflegepersonal, Kindergärtner und Kassiererinnen künftig besser bezahlt werden? Welche Arbeitnehmerrechte müssen wir kennen? Wie kann ich mich selbst solidarisch zeigen und die Bewegung verstärken?

Damit könnte der Tag der Arbeit zum Tag der Reflexion werden, an dem wir Antworten suchen auf die Frage, wie wir in Zukunft zusammenarbeiten wollen. Und wir damit auch entscheiden, wie wir zusammen leben.

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