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Zeit für Veränderung Jobwechsel in der Coronakrise?

Auf jeden Fall kann es sich lohnen, sich die richtigen Gedanken zu machen. Karriere.de hat einen Psychologen befragt.

Arbeit und Coronavirus | Von Anne Koschik | , aktualisiert

Die Coronakrise, die sich zur Jobkrise ausweitet, ist bei den Psychologen längst angekommen. Schon Ende März, als gerade der Shutdown von Angela Merkel verkündet wurde, erreichten Karrierecoach Tom Diesbrock erste Anfragen.

Was die Menschen umtreibt, beschreibt der Hamburger Diplompsychologe so: „Die Isolierung im Homeoffice von den Kollegen scheint für viele problematisch zu sein, weil der Kontakt zu Kollegen fehlt – auch um sich über die Situation und eigene Befürchtungen auszutauschen.“ Er vermutet, dass Unsicherheit und Zukunftsängste in den nächsten Monaten noch zunehmen werden.

Tom Diesbrock kennt sich aus mit Krisen und Sackgassen und weiß vor allem, dass es nicht allein wichtig ist, sich Problemen zu stellen und mit ihnen umzugehen, sondern „aktiv etwas für unsere Lebenszufriedenheit zu tun“. Als Coach bedient er sich Konzepten aus Neurowissenschaft und positiver Psychologie und hilft Menschen, sich beruflich und persönlich weiterzuentwickeln und sich neu zu orientieren.

Aus langjähriger Erfahrung weiß er: „Wir neigen allerdings dazu, Faktoren zu überschätzen, auf die wir keinen Einfluss haben – und unterschätzen dabei häufig unsere Möglichkeiten, unsere Lebenszufriedenheit aktiv und gezielt zu erhöhen.“

Diese fünf Ratschläge können als erste Hilfe in der Krise dienen:

1. Trotz Krise: Kühlen Kopf bewahren.

Die Coronakrise trifft sehr viele Menschen ins Mark: Etwas Vergleichbares haben die meisten noch nicht erlebt. Zukunftsforscher erwarten, dass nach der Krise nichts mehr so sein wird wie zuvor. Und nicht wenige Menschen denken schon heute darüber nach, ihr Leben grundlegend ändern zu wollen, auch ihren Job. Doch eignen sich Krisen grundsätzlich dazu, sich beruflich neu zu orientieren?

Der Psychologe rät:
„Das hängt davon ab, ob man trotz Krise einen kühlen Kopf behält. Denkt jemand ohnehin schon seit längerem daran, sich beruflich zu verändern, kann man natürlich die Zeit im Homeoffice sehr gut verwenden, um Ideen zu entwickeln.

Aber: Aktionismus und Angst sind ganz schlechte Ratgeber! Auch wenn das eigene berufliche Fundament gerade ins Wackeln gerät, sollte man keine vorschnellen Entscheidungen treffen.“

2. Frust im Homeoffice: Arbeitsleben neu sortieren.

Homeoffice bringt in der Tat Menschen zum Nachdenken. Manche erleben eine neue Freiheit im Job, aber sehr viele sind genervt, weil sie ihre Arbeit auf beengtem Raum erledigen müssen. Ist es ratsam, sich jetzt vom Frust zu einem Jobwechsel inspirieren zu lassen?

Der Psychologe rät:
„Nein. Wenn nur die Arbeit im Homeoffice frustriert, der Job aber generell okay ist, wäre das in meinen Augen keine gute Idee. Dieser Zustand wird ja hoffentlich nicht ewig dauern. Die Arbeit zu Hause und das Familienleben in Einklang zu bringen und voneinander abzugrenzen, frustriert anscheinend viele Menschen - das ist mein Eindruck nach zahlreichen Skype-Coachings.

Aber: Frust sollte nicht dazu verleiten, plötzlich alles infrage zu stellen.“

3. In Kurzarbeit? Eine gute Chance, über Alternativen nachzudenken.

Wer jetzt in Kurzarbeit gehen muss, denkt darüber möglicherweise anders. Die Zeichen stehen auf Sturm, immer mehr Unternehmen geraten in Gefahr. Ist ein Jobwechsel aus der Not nicht doch vielleicht sinnvoll?

Der Psychologe rät:
„Sind die längerfristigen Aussichten für die eigene Tätigkeit nicht gut, macht es sicherlich Sinn, über Alternativen nachzudenken. Konkrete Schritte würde ich momentan aber noch nicht unternehmen.

Besser: Man nutzt die gewonnene Zeit für strategische Gedanken und klärt, in welche Richtung man sich entwickeln möchte. Denn in den meisten Branchen wird es wohl eine Weile dauern, bis man sich wieder Gedanken um Neueinstellungen macht.“

4. Entlassen? Werden Sie kreativ und geben Sie sich Zeit.

Kaum ist die Coronakrise da, stehen bereits zahlreiche Angestellte auf der Straße. Weil ihre Firmen die Belastungen nicht tragen können, haben die Arbeitgeber Kündigungen ausgesprochen. Plötzlich arbeitslos – wie können frisch Entlassene mit ihrer Situation am besten umgehen? Und ab wann sind sie wieder für den Arbeitsmarkt gesundet?

Der Psychologe rät:
Eine Entlassung, vor allem wenn sie unerwartet kommt, ist immer ein Schock und für viele eine Kränkung. Wichtig ist, nicht in Panik zu verfallen und sofort Bewerbungen rauszuhauen. Wahrscheinlich brauchen frisch Entlassene mindestens einige Wochen, um zu sich zu kommen, und die sollten sie sich auch unbedingt nehmen. Danach gilt es, in Ruhe zu überlegen: Wie schätze ich meine Situation ein? Wie will ich damit umgehen? Welche Optionen sehe ich, und welche Chancen ergeben sich für mich – auch vielleicht für eine berufliche Neuorientierung?

Also: Für den Start empfehle ich, sich ein großes Blatt Papier aufzuhängen und darauf erst einmal alle Gedanken, Wünsche und spontane Ideen zu sammeln.“

5. Stärkere Werteorientierung: Alles ist möglich, aber nicht jetzt.

Sich besinnen, Ideen sammeln, kreativ werden: Wie weit kann ein jeder schweifen? Gibt es Jobs, in die es sich gerade jetzt zu wechseln lohnt? Ist es aktuell wichtig, sich hoher Werte zu erinnern und sich vielleicht sozial zu engagieren? Oder sollten wir der alten Redewendung vertrauen: „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ – und da weitermachen, wo wir aufgehört haben?

Der Psychologe rät:
Schuster, bleib bei deinem Leisten ist wohl niemals ein guter Karrieretipp. Da die Lage im Moment extrem unübersichtlich ist und niemand weiß, wie lange die Krise anhalten wird und was uns danach erwartet, würde ich im Moment eher nicht proaktiv handeln.

Aber: Man kann natürlich heute schon Überlegungen anstellen, in welche Richtung sich zum Beispiel unser Gesundheitssystem entwickeln könnte und an welcher Stelle man sich in Zukunft beruflich engagieren möchte.“

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