Wandel der Finanzbranche Aus der "Old School" in die Digitalfabrik

Frankfurt ist nicht Palo Alto – noch nicht. Der deutsche Finanzplatz hat die Fintech-Szene entdeckt und will noch mehr Kapital aus jungen IT-Unternehmen schlagen. Helfen soll dabei auch die angestrebte Börsenhochzeit mit London.

wiwo.de |

Aus der "Old School" in die Digitalfabrik

Für den Wandel offen

Foto: Halfpoint/Fotolia.com

In seiner Funktion als Chef der Deutschen Börse schwärmte Carsten Kengeter schon vom deutschen Silicon Valley: "Wenn wir die Brücke nach London schaffen, haben wir die Chance, das Rhein-Main-Gebiet mit London als ein Gegenstück zum Silicon Valley aufzubauen."

Europa habe Nachholbedarf in Sachen Gründergeist, meinte der Manager und machte die Förderung junger Finanzunternehmen zur Chefsache. Kengeters einstiges Credo: "In Sachen Fintech kann es gar nicht schnell genug gehen."

In Windeseile stampfte die Deutsche Börse Anfang 2016 in Frankfurt ein Fintech-Zentrum aus dem Boden – so wie man es sich vorstellt: in einem ehemaligen Fabrikgebäude mit Loft-Atmosphäre nahe der Kneipenmeile Berger Straße. Zudem bringt der Dax-Konzern schon seit einem Jahr auf einer virtuellen Plattform junge Unternehmen mit finanzkräftigen Investoren zusammen: im sogenannten Venture Network.

Hoher Anteil ausländischer Investoren

Als zum Start des Venture Network am 11. Juni 2015 der rote Knopf gedrückt wurde, war der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) krankheitsbedingt verhindert. Ein bisschen passte das ins Bild: Börse und Politik konnten sich bei dem Projekt nach monatelangen Gesprächen nur auf den kleinstmöglichen Nenner einigen.

Kurz nach dem Start tummelten sich bereits 80 Unternehmen und 157 Investoren auf der Plattform, der Anteil der internationalen Investoren lag nach Angaben der Deutschen Börse bei 52 Prozent. Mittlerweile befindet sich das Netzwerk mit mehr als 400 Mitgliedern aus dem gesamten europäischen Raum auf Expansionskurs. Nach vier IPOs von Unternehmen des Deutsche Börse Networks seit dem Herbst 2016 sind im ersten Halbjahr 2018 zwei Unternehmen an die Börse gegangen.

Ex-Wirtschaftsminister Gabriel wollte eigentlich ein Comeback des Neuen Marktes. Die Verantwortlichen der Börse bremsten – zu tief eingebrannt hatte sich der Crash der "New Economy" kurz nach der Jahrtausendwende. Die Zeiten hatten sich geändert. "Die deutsche Wirtschaft ist im Start-up-Rausch", bilanzierte auch das Handelsblatt. In einer zunehmend digitalen Welt könnten sich auch streng regulierte Branchen wie die Finanzindustrie dem Wandel nicht mehr verschließen.

Viele Banken haben inzwischen den Schulterschluss mit jungen Anbietern neuartiger Technologien gesucht, die am Kapitalmarkt oft hoch gehandelt werden.

So investierte die Commerzbank über ihre Tochter Commerz Ventures in Unternehmen mit innovativen Ideen. Die Deutsche Bank kooperierte mit einer ganzen Reihe von Fintechs und entwickelte etwa mit dem Hamburger Start-up Figo eine "digitale Hausbank", die Nutzern Vermögen und Kredite auch von Fremdbanken auf einen Blick zeigt.

In einer "Digitalfabrik" in Frankfurt tüfteln seitdem Berater, Produktexperten und Softwareentwickler für die Deutsche Bank an neuen digitalen Angeboten.

Rosige Zukunft

Der Finanzplatz Frankfurt habe als Fintech-Hochburg eine rosige Zukunft, daran glaubte nicht nur Ex-Börsen-Chef Kengeter. "Frankfurt hat großes Potenzial, Deutschlands führender Fintech-Standort zu werden", schrieben auch die Experten des Beratungsunternehmens EY. Notwendig sei jedoch eine Bündelung der diversen Aktivitäten. "Wir haben im Grunde alles, was eine gute DNA ausmacht, in Frankfurt. Was noch ein bisschen fehlt, ist der Kristallisationspunkt", sagte EY-Partner Christopher Schmitz. Die Fintech-Szene im Rhein-Main-Gebiet brauche "eine Art Katalysator".

Von den boomenden Fintech-Regionen London und Kalifornien sind Deutschland und Frankfurt noch meilenweit entfernt. Den Markt in Großbritannien beziffern Experten auf ein Volumen von 8,9 Milliarden Euro und 61.000 Mitarbeiter, in Kalifornien sind es 6,3 Milliarden Euro und etwa 74.000 Mitarbeiter. Dagegen ist die Fintech-Szene in Deutschland mit einem Marktvolumen von 2,4 Milliarden Euro und etwa 13.000 Beschäftigten noch relativ klein.

Wo bleibt der Mut?

Klaus Hommels, Chef der Beteiligungsgesellschaft Lakestar, die früh zum Beispiel in Unternehmen wie Skype, Xing und Spotify investierte, vermisst die Risikobereitschaft in Deutschland: "Bei uns sind selbst große, hochprofitable Unternehmen vorsichtig mit Investments im zweistelligen Millionenbereich. Uns fehlt einfach der Mut", sagte Hommels damals im Handelsblatt-Interview.

Immerhin: Nach EY-Zahlen schnellte die Zahl deutscher Fintechs in den Jahren 2013 bis 2015 um mehr als 70 Prozent auf etwa 250 in die Höhe. Auch die Investitionen in diesem Bereich in Deutschland legten deutlich von 80 Millionen Euro 2013 auf 524 Millionen Euro 2015 zu.

Die angestrebte Fusion mit der Londoner Börse LSE würde auch der Gründerszene in Deutschland einen Schub geben, war Ex-Deutsche-Börse-Chef Kengeter ist überzeugt: Die Unterstützung für Fintechs würde "mit einer enormen Hebelwirkung multipliziert". Der Betriebsrat der Deutschen Börse indes fürchtete, dass London künftig den Ton in dem geplanten Gemeinschaftsunternehmen angeben wird. Die Förderung von Fintechs mute somit "ein wenig wie ein Trostpflaster für den Finanzplatz Frankfurt an", urteilten die Arbeitnehmervertreter.

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