Lieblingsarbeitsplätze der Juristen Warum Geld für viele Anwälte nicht mehr das Wichtigste ist

Laut einem aktuellen Ranking verlieren Großkanzleien bei Juristen zusehends an Attraktivität. Darauf haben einige Büros schon reagiert.

Von Anne Koschik |

Warum Geld für viele Anwälte nicht mehr das Wichtigste ist

Der Köder Geld hat ausgedient: Was junge Juristen heute von ihren Arbeitgebern erwarten

© imago/Ikon Images

Die Zeiten für klassische Anwaltsbüros sind härter geworden. Nicht einmal mehr die Hälfte aller Juristen möchte in einer Kanzlei arbeiten. Das hat eine repräsentative Umfrage des Beratungs- und Marktforschungsunternehmens Trendence unter 2200 Studierenden, Referendaren und Volljuristen ergeben.

Zunehmend wichtiger werden unternehmensethische Aspekte, sowie ein sicherer Arbeitsplatz. Folgerichtig gehören Behörden wie das Auswärtige Amt, die Europäische Kommission und das Bundeskriminalamt zu den Wunscharbeitgebern von jungen Juristen. Auch das Bundeskartellamt, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) oder das ZDF sind äußerst beliebt. Eine weitere große Rolle spielen Unternehmen der Autoindustrie.

Steigende Popularität der kleinen und mittleren Kanzleien

Die größten Verlierer des Rankings sind dagegen große Kanzleien.
Allein die internationale Wirtschaftskanzlei Freshfield Bruckhaus Deringer hat in der Gunst der Nachwuchsjuristen 4,5 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr eingebüßt. Obwohl sie mit diesem Ergebnis zwar immer noch knapp Rang 2 verteidigt, sei es laut Trendence auffällig, dass kein anderer Arbeitgeber in den vergangenen fünf Jahren "so hohe Verluste" gemacht habe. Dennoch: Vor allem für Referendare und Männer sind Großkanzleien immer noch ein Traumarbeitgeber.

An Attraktivität zulegen konnten kleinere Boutiquekanzleien. Die Popularität der kleinen und mittleren Kanzleien nimmt vor allem mit steigender Berufserfahrung der Bewerber zu und ist unter Volljuristen um 50 Prozent höher als unter Studierenden. Das mag daran liegen, dass sich nach den ersten Berufsjahren erste Karriereerfolge bereits erfüllt oder die Perspektive auf den eigenen Lebenslauf verschoben haben.

Bei der internationale Wirtschaftskanzlei Hogan Lovells, die in der Beliebtheitsskala aus den Top Ten herausgefallen ist, will man von Abwärtstrend nichts wissen. Im äußerst umkämpften Markt der besten Absolventen sei es ihnen gelungen, "deutlich mehr als 90 Anwälte" zu gewinnen, hebt Deutschland-Chef Stefan Schuppert hervor. Das zeige, dass man mit spannenden Aufgaben, guten Karriereaussichten und "unserer gelebten Kultur" weiterhin junge Juristen für sich gewinnen könne.

Kampagnen für mehr Selbstbestimmtheit

"Viele junge Juristen haben ein zunehmendes Sicherheitsbedürfnis", sagt hingegen Beate Werhahn, Personal-Direktorin bei CMS Hasche Sigle, "diesen Trend haben wir natürlich wahrgenommen und darauf reagiert" – unter anderem mit einer Image-Kampagne, die den jungen Anwälten Mut machen und Identifikation schaffen soll. "Im Gegensatz zu der festen Sicherheit, die junge Talente offensichtlich im öffentlichen Sektor zu finden glauben", seien in Großkanzleien eher Juristen zu finden, "die unternehmerisch denken und mit dieser Selbstbestimmtheit sicher vorankommen wollen", betont Werhahn.

Auch die Münchener Wirtschaftskanzlei Noerr hat offensichtlich die Zeichen der Zeit erkannt und schneidet als einzige Großkanzlei im Ranking besser ab als im vergangenen Jahr. Die Unternehmenskultur überzeugt – so Trendence – neben Karriereperspektiven und Wertschätzung die Nachwuchsjuristen. Es stimme schon, was vielfach – oft unter der Überschrift "Gen Y" – beschrieben werde, erklärt Personalleiter Lorenz Kiefer: "Es gibt immer mehr, für die der Job nicht das Ein und Alles ist; die auch Familie oder private Interessen mit den Erfordernissen des Berufs balancieren wollen; die nach dem Sinn einer Tätigkeit fragen – all das spüren wir und wir schätzen es auch."

Bei der deutschen Full-Service-Kanzlei Gleiss Lutz zeigt sich das Entgegenkommen gegenüber der jungen Generation durch flexible Arbeitszeiten und Sabbaticals. "Außerdem engagieren wir uns immer mehr im Bereich Diversity und legen höchsten Wert auf Förderung und persönliche Betreuung des Nachwuchses von der ersten Stunde an", sagt Co-Managing Partner Alexander Schwarz.

Das ist Juristinnen und Juristen bei der Jobwahl wichtig

  • Sicherheit contra Status
    Frauen zieht es deutlich häufiger in den öffentlichen Sektor als Männer: Ein Drittel aller Frauen, aber nur ein Fünftel der Männer wollen dort arbeiten. Die beliebtesten Arbeitgeber der Frauen kommen alle aus diesem Bereich: An erster Stelle steht das Auswärtige Amt, gefolgt vom Bundeskriminalamt und der Europäischen Kommission. Männer dagegen mögen die altbewährten Wirtschaftskanzleien: Freshfields Bruckhaus Deringer steht auf dem 1. Platz und Hengeler Mueller auf Rang 3. Dazwischen zieht es sie in die Politik: das Auswärtige Amt belegt Platz 2.

  • Work-Life-Balance contra Prestige
    Nur in Nuancen unterscheiden sich die Wünsche von Frauen und Männern an ihren Arbeitsplatz: Am wichtigsten sind attraktive Arbeitsaufgaben, persönliche Entwicklung, Kollegialität, Wertschätzung und guter Führungsstil. Frauen allerdings achten deutlich auf eine gute Work-Life-Balance, auf Chancengleichheit und auf die Unternehmensethik. Männer schätzen Status und Prestige, was auch erklärt, dass ihnen ein hohes Einstiegsgehalt viel wert ist.

  • Gehaltsvorstellungen
    In jungen Jahren sind Juristen offensichtlich bereit, viel zu arbeiten und dafür ein hohes Gehalt einzufahren. Wie die Trendence-Umfrage ergab, gehen Studierende von einer 50-Stunden-Woche aus und erwarten dafür ein Jahresgehalt von 82.200 Euro pro Jahr. Referendare erhoffen sich ein Jahresbrutto von 81.400 Euro – für gerade einmal 38 Stunden in der Woche. Volljuristen haben ein Ziel von knapp 90.000 Euro Jahresgehalt mit einer Wunscharbeitszeit von 41 Wochenstunden. Dies beschreibt nur den Durchschnitt: Denn die Erwartungshaltung der männlichen Juristen ist durchaus höher. Sie gehen von rund 91.000 Euro aus, die sie im Jahr verdienen wollen, während sich Frauen mit 74.500 Euro zufriedengeben. Dies korreliert deutlich mit den bei Frauen und Männern unterschiedlichen Ansprüchen an den Arbeitsplatz.

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