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Lehramt im Quereinstieg „Die Belastung war grenzwertig“

Noch einmal neu anfangen – als Quereinsteigerin für das Grundschul-Lehramt: Frauke Köß hat es gewagt. Der Lehrermangel offerierte der musikbegeisterten Frau eine unerwartete Karrierechance. 9 Hinweise für Nachahmer.

Aufgezeichnet von Camilla Flocke |

„Die Belastung war grenzwertig“

Karriere als Lehrerin dank Quereinstieg

Der Umgang mit Kindern will gelernt sein. Pädagogisches Geschick und Verantwortung sind elementar.

© dpa

25 Jahre lang hat Frauke Klöß Querflöte und Klavier an einer Musikschule im Emsland unterrichtet. Doch vor drei Jahren fehlten ihr die Herausforderungen in ihrem Beruf: Sie entschied sich, ins Lehramt an eine Berliner Grundschule zu wechseln und dafür berufsbegleitend weiter zu studieren sowie ein Referandariat zu absolvieren.

Meine Voraussetzungen:
Praktische Erfahrungen, aber zu wenige Pädagogikkenntnisse

Vor einem halben Jahr war ich mir noch nicht sicher, ob ich es wirklich bis zum Ende durchziehe. An einer Berliner Grundschule hatte ich vor drei Jahren angefangen, Musik, Deutsch und Mathe zu unterrichten und damit den Weg eines Quereinsteigers eingeschlagen, denn ein Lehramtsstudium hatte ich nicht absolviert. Ich habe Querflöte studiert und nach dem Studium zunächst an der „Musikschule des Emslandes“ Querflöte und Klavier unterrichtet. Die gleichen Pädagogikkenntnisse eines Lehramtsstudenten kann ich nicht vorweisen, dafür aber viel praktische Erfahrung.

Meine Chance:
Lehrermangel auf weiter Flur

An vielen deutschen Schulen unterrichten aufgrund des dramatischen Lehrermangels mittlerweile zahlreiche Quereinsteiger und Seiteneinsteiger. Letztere absolvieren im Gegensatz zu Quereinsteigern kein Referendariat, sondern fangen gleich als Lehrer an und werden berufsbegleitend qualifiziert. In Berlin wurden nach Angaben der Kultusministerkonferenz in 2017 1.266 Seiteneinsteiger in den öffentlichen Schuldienst eingestellt, in ganz Deutschland waren es mehr als 4000.

Welche Voraussetzungen für einen Quereinstieg erfüllt sein müssen und wie dieser abläuft, ist je nach Bundesland unterschiedlich. In Berlin ist ein Quereinstieg nur möglich, wenn der eigene Masterstudienabschluss einem Unterrichtsfach entspricht und bei diesem ein Mangel an Lehrkräften in den Schulen besteht. Darüber hinaus muss ein potentieller Quereinsteiger noch ein weiteres Fach mit einer Mindestanzahl an Leistungspunkten studiert haben. Da dies bei mir nicht der Fall war, musste ich neben meiner Lehrtätigkeit noch Studieninhalte in Mathe und Deutsch nachholen. Anschließend folgt das Referendariat. Das ist es ein weiter und anstrengender Weg. Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich es hundertprozentig nicht gemacht.

Mein Auslöser:
Unerwartete Karriereoption

Doch vor einigen Jahren, als ich noch an einer Musikschule im Emsland Querflöte und Klavier unterrichtete, hatte ich das Gefühl, dass ich beruflich nicht mehr weiterkomme. Mein damaliger Chef hatte mir eine Bezirksstellenleitung angeboten. Für das Mehr an Verantwortung hätte ich aber nur einen minimalen Zeitausgleich erhalten und nicht etwa mehr Bezahlung. Außerdem wollte ich noch einmal etwas Neues ausprobieren.

Durch meine Schwägerin, die Schulleiterin einer Grundschule war, erfuhr ich von der Möglichkeit eines Quereinstiegs in den Lehrerberuf. Das reizte mich. Also hospitierte ich zunächst bei ihr an der Schule und danach noch an zwei weiteren Grundschulen. Ich wollte wissen, worauf ich mich einlasse, wenn ich diesen Schritt wage. Doch schließlich hatte ich mich entschieden: Ich wollte noch einmal neu anfangen und Lehrerin werden.

Meine Bewerbungsphase:
Alles auf eine Karte

Also reichte ich meine Bewerbung bei der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie ein und wartete. Und wartete. Auf einer Informationsmesse für Lehrkräfte erfuhr ich dann irgendwann von einem Senatsmitarbeiter, dass meine Bewerbung anerkannt worden war.

Also setze ich alles auf eine Karte, kündigte meinen Job und meine Wohnung. Und wartete wieder. Einige Wochen später kam dann endlich ein Anruf von der Senatsverwaltung. Ich sei zu einer Bewerbungsrunde in Spandau eingeladen und könne mich dort vorstellen. Dort saßen in einem Raum an die 20 Schulleiter erwartungsfroh in einem U-förmigen Stuhlkreis. Ich hatte nur fünf Minuten Zeit, um mich vorzustellen: reichlich knapp bemessen meiner Ansicht nach. Einen Tag später bekam ich per Anruf die Zusage.

Mein erster Schultag:
Stoß ins kalte Wasser

Nur kurze Zeit später war es soweit: Mein erster Schultag als echte Lehrerin stand bevor. Zuvor hatte mir die Schulleiterin in den Weihnachtsferien an einem Tag die Schule gezeigt. Mehr Vorbereitung war für mich nicht vorgesehen. Es war wie ein Stoß ins kalte Wasser. Ich war froh über meine Erfahrungen an der Musikschule und meine freiwilligen Hospitationen an anderen Schulen. Wie ich erfahren habe, nehmen Quereinsteiger in Berlin vor Unterrichtsantritt aber mittlerweile an einem siebentägigen Kompaktseminar teil.

In meiner ersten Stunde sollte ich Musik lehren. Ich war positiv gespannt. Als Einstieg hatte ich mir überlegt, erst einmal die Kinder kennenzulernen und herauszufinden, was sie bisher in Musik gemacht hatten. Für meinen ersten Tag lief es meines Erachtens gut. Die Interaktion mit den Kindern machte mir Spaß.

Mein Problem:
Zu wenig Vorbereitung

Vor allem hatte ich es hier mit sehr unterschiedlichen Kindern zu tun, die, anders als an der Musikschule, nicht von vornherein an Musik interessiert waren. Vielen war Musik als Nebenfach in der Schule nicht wichtig. Das hat mich anfangs geärgert, schließlich nimmt Musik in meinem Leben einen sehr hohen Stellenwert ein. Doch mit der Zeit habe ich einen Weg gefunden, damit umzugehen.

Daneben wusste ich am Anfang nicht immer, wie ich damit umgehen sollte, wenn zum Beispiel ein Kind ständig den Unterricht störte oder seine Hausaufgaben zum wiederholten Male vergessen hatte. Erst mit der Zeit lernte ich, darauf entsprechend zu reagieren.

Insgesamt waren die ersten Wochen von Versuch und Irrtum geprägt, denn eine berufsbegleitende Qualifizierung gab es in dieser Zeit noch nicht. Das hat sich mittlerweile in Berlin aber geändert. Doch ich bin jemand, der sich sagt: Wenn etwas schiefgeht, versuche ich es einfach beim nächsten Mal besser zu machen. Dabei standen mir auch meine Kollegen mit Rat und Tat zur Seite. 

Meine Weiterbildung:
Sammeln fachlicher Zusatzexpertise

Für die berufsbegleitenden Studien in Mathe und Deutsch war ein kompletter Tag in der Woche geblockt. An diesem hatte ich im Studienzentrum StEPS in der Berliner Georgenstraße drei Stunden Vorlesung im jeweiligen Fach und drei Stunden Fachdidaktik. Sowohl für Mathe als auch für Deutsch war jeweils ein Jahr Studienzeit vorgesehen. Die Mathevorlesungen waren heftig. Ich fragte mich: Wozu brauche ich das? Mittlerweile denke ich jedoch, dass es gut ist, wenn man manchmal zu etwas gezwungen wird, das man ansonsten nicht freiwillig machen würde. Das bringt einen persönlich weiter.

Dennoch war die Belastung grenzwertig, aber ich habe versucht mich nicht allzu sehr stressen zu lassen. Im Hinterkopf hatte ich immer den Gedanken, dass es auch noch andere Alternativen gäbe, wenn ich es nicht schaffen würde. In meinen alten Beruf wollte ich aber auf keinen Fall zurück. Also hieß das Motto „Augen zu und durch“.

Meine Herausforderung:
Kaum Zeit zur Entspannung

Für Hobbys habe ich kaum Zeit. Seit Beginn der Ausbildung habe ich mein Instrument leider kaum noch in der Hand gehalten. Denn selbst in den Ferien haben Quereinsteiger keine Zeit zu entspannen, da sie sich beispielsweise um Hausarbeiten kümmern müssen. Dass es einen so auffrisst, ist sehr unbefriedigend.

Das Referendariat führte nicht dazu, dass ich mehr Zeit zur Verfügung hatte. Ganz im Gegenteil. Mit den Fachseminaren kamen noch einmal zusätzliche Fahrtzeiten auf mich zu. Dass die Fachseminare zu ungünstigen Uhrzeiten langen, verkomplizierte das Aufstellen meines Stundenplans.

Mein Urteil:
Lohnender Einsatz

Ich habe es Ende Januar nun hoffentlich bald geschafft. Dann wird mit den Kollegen gefeiert. Ich freue mich auf eine Zeit, in der ich weniger fremdbestimmt bin, mich wieder um die wichtigen Dinge kümmern kann und die Kinder noch mehr im Fokus stehen.

Alles in allem finde ich, dass Quereinsteiger nicht genug wertgeschätzt werden. In der öffentlichen Darstellung wird meiner Meinung nach häufig versucht, die Problematik des schlecht funktionierenden Bildungssystems auf die Quereinsteiger abzuladen. Die Existenz und Notwendigkeit von Quereinsteigern ist aber ein Symptom der schlechten Schulpolitik und nicht das ursächliche Problem.

Ich empfehle Personen, die als Quereinsteiger in das Schulsystem einsteigen wollen, vorher in Schulen für einige Tage zu hospitieren. Denn Lehrer zu sein ist kein leichter Job. Es ist schließlich nicht damit getan, nur ein bisschen „Lehrer zu spielen“. Vielmehr geht es um eine große Verantwortung für die Kinder.

Diese Herausforderung habe ich gerne angenommen, denn im Unterschied zu meiner früheren Tätigkeit an der Musikschule habe ich hier an der Berliner Grundschule ein sehr heterogenes Schülerbild. Jeden Tag muss ich mir von Neuem überlegen, wie ich die Kinder packen kann. Wenn die Kinder nach dem Unterricht aber sagen: „Das war eine tolle Stunde“, dann ist das sehr befriedigend und die Kinder geben mir sehr viel zurück. 

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