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Folgen der E-Mobilität 410.000 Jobs in Gefahr: Das ist die Antwort der Autobauer auf den Strukturwandel

Die Jobs gehen den Konzernen nicht generell aus. Aber neue Qualifizierungen müssen her, zeigt unsere aktuelle Umfrage.

Von Anne Koschik |

Digitalisierung, Automatisierung, Mobilitätswende – der Beschäftigungsmotor der Autoindustrie droht gewaltig zu stottern: Durch die Umstellung auf die E-Mobilität könnten bis 2030 rund 200.000 bis 410.000 Stellen gestrichen werden, zeigt ein Bericht der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität (NPM).

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hatte sich zwar gegen das „Extrem-Szenario“ der Studie gewehrt. Doch der Autobauer Opel bewies erst diese Woche mit seiner Ankündigung, in den nächsten zwei Jahren 2.100 Stellen zu streichen, dass die Befürchtungen der Studienautoren womöglich doch in die richtige Richtung gehen.

So ist Ford seit Monaten dabei, seine Belegschaft in Deutschland kräftig zu reduzieren. 5000 Arbeitsplätze wurden etwa durch früheren Renteneintritt oder über Abfindungen abgebaut. BMW nutzt nach eigenen Angaben die Fluktuation, „um das Unternehmen noch stärker auf die Zukunftsthemen auszurichten und Effizienzen zu heben“.

Und bei VW sollen in den nächsten vier Jahren 4.000 Planstellen wegfallen. VW-Chef Herbert Diess sieht die Notwendigkeit zu „radikalem Umsteuern“, der Umbau vom Automobilkonzern zum digitalen Tech-Konzern sei „eine gigantische Herausforderung“.

Einerseits schlagen die Beschäftigungseffekte durch die Umstellung vom Verbrennungsmotor auf Elektromobilität bereits zu Buche. Andererseits verdienen die Autobauer mit Verbrennungsmotoren noch viel Geld – und steigern ihre Verkaufszahlen.

BMW hat 2019 weltweit mehr Autos verkauft hat als noch im Jahr zuvor, Porsche konnte die Zahl der Auslieferungen um zehn Prozent steigern. Und Mercedes, Audi und VW profitieren noch vom riesigen SUV-Absatz.

Aktuelle Umfrage:
Womit müssen Mitarbeiter konkret rechnen?

Welche Qualifikationen sind gefragt und welche Kompetenzen gewinnen an Bedeutung? Karriere.de hat bei den größten Autokonzernen und -zuliefern nachgefragt.

Nicht nur Mahle als einer der weltgrößten Zulieferer der Autoindustrie erkennt durchaus „steigende Risiken“ bei einem disruptiven Wandel zur Elektromobilität. Zur Erreichung der Klimaziele plädieren die Stuttgarter mit rund 80.000 Mitarbeitern für einen technologieoffenen Ansatz.

Mitbewerber wie Bosch, ZF Friedrichshafen oder Thyssen-Krupp beobachten die Entwicklung ähnlich besorgt, aber nicht ohne Optimismus. Sie nehmen die digitalen Anforderungen an und entwickeln konstruktive Lösungen, um diesen gerecht zu werden und ihre Beschäftigten zu qualifizieren.

Aus den Antworten der Autofirmen lassen sich drei Trends erkennen:

Trend 1: Kein genereller Einstellungsstopp – im Gegenteil

Die gute Nachricht: Neueinstellungen sind fast überall geplant, speziell im IT- und Engineering-Bereich.

Porsche:
Der Zuffenhausener Sportwagenproduzent erklärt, dass die Mitarbeiterzahl zuletzt um 3000 auf 35.000 gestiegen sei: Allein für deren ersten rein elektrisch betrieben Sportwagen Taycan habe das Unternehmen 2000 zusätzliche neue Jobs geschaffen. Gebraucht werden Experten für E-Mobilität, autonomes Fahren, Smart Mobility Connected Car + IT-Spezialisten, Elektronikexperten und für den Bereich Plattformökonomien zudem Softwareingenieure, Datenanalysten und KI-Experten.

Durch das Elektroauto sei die Möglichkeit geschaffen, neue Marktsegmente zu erschließen und dafür Personal einzustellen. Das Wachstum soll sich weiterhin moderat fortsetzen, wobei es vor allem um Konsolidierung gehe, nachdem sich die Belegschaft im letzten Jahrzehnt verdreifacht habe.

Audi:
Das Unternehmen will gezielt weitere Experten an Bord holen: „In den kommenden Jahren bauen wir in Ingolstadt und Neckarsulm bis zu 2000 Expertenstellen in Zukunftsfeldern wie Elektromobilität und Digitalisierung auf.“

Gebraucht werden Spezialisten für Software und Systems Engineering, Fachinformatiker.

Bosch:
Als Automobilzulieferer sucht Bosch Softwareexperten, Spezialisten für vernetztes und automatisiertes Fahren sowie Elektromobilität

VW:
In Zukunftsfeldern der Mobilität baut Volkswagen 9.000 Arbeitsplätze auf – und dafür in solchen Bereichen ab, „wo Aufgaben entfallen“, zum Beispiel in der Verwaltung. Im Jahr 2020 ist die Einstellung von rund 2.500 Experten vorgesehen.

Thyssen-Krupp:
Der Bedarf an Softwareingenieuren steigt für die Automobilzulieferung zum Beispiel im Bereich Entwicklung und bei der Fertigung von Komponenten elektrisch unterstützter Lenkungs- und Dämpfersysteme.

ZF Friedrichshafen:
Der Zulieferer stellt neue Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung in den Bereichen Elektromobilität und autonomes Fahren ein, da gerade dort zusätzliche Ressourcen benötigt werden.

Mahle:
„Unverändert“ notwendig sind nach Angaben des Unternehmens hochqualifizierte Fachkräfte für alle Technologiefelder, in denen Mahle aktiv ist, primär aber in Elektrik und Elektronik. Seit Anfang des Jahres gibt es einen eigenen Geschäftsbereich Mechatronik und Elektronik, der die Bedeutung des Themas unterstreicht.

Trend 2: Verstärkte Investitionen in Trainings, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen

Die systematische Qualifikation für die innovativen Anforderungen steht bei allen Unternehmen an erster Stelle.

BMW:
BMW gibt an, im Jahr 2019 bereits 27.000 Mitarbeiter in Trainingsmaßnahmen auf neue Anforderungen vorbereitet zu haben – und damit fast 20.000 mehr als noch drei Jahre zuvor.

Audi:
Die Ingolstädter haben Nachwuchsprogramme in Richtung E-Mobilität aufgelegt, zum Beispiel für Kfz-Mechatroniker. Sie haben neue Abschlüsse eingeführt: Elektrofachkraft Fahrzeugtechnik und Elektrofachkraft für Batterietechnik, die Hochvoltbatterien fertigen und für Qualitätssicherung sorgen können.

In Kooperation mit der TH Ingolstadt ist eine Weiterbildung für Antriebsentwickler entstanden. Zudem gibt es eine Kooperation mit der Online-University Udacity für Big-Data-Themen und Künstliche Intelligenz, für die das Unternehmen den jeweiligen Teilnehmern zehn Stunden Lernzeit pro Woche zur Verfügung stellt.

Bosch:
Der Zulieferer Bosch bietet umfassende Fachkräfteförderungs- sowie Qualifizierungsprogramme, zum Beispiel Weiterbildungen zur Fachkraft 4.0 oder zur Elektrofachkraft. In bis zu dreimonatigen Programmen können sich Ingenieure und Entwickler der bisherigen Tätigkeitsfelder in Elektromobilität und entsprechende Software einarbeiten.

Daimler:
Bereits 2018 hat der Konzern 123 Millionen Euro in Mitarbeiterqualifizierung investiert. In der Aus- und Weiterbildung im Bereich Elektromobilität wurden im vergangenen Jahr 45.000 Mitarbeiter in Deutschland qualifiziert. Bis 2025 sollen weitere 150.000 dazu kommen.

Porsche:
Das Unternehmen gibt an, die „größte Qualifizierungsmaßnahme in der Unternehmensgeschichte“ gestartet zu haben, und bietet nicht nur 2000 neuen Kollegen für die Taycan-Produktion spezialisierte und individuelle Trainings von bis zu sechs Monaten an, sondern allen Mitarbeitern Intensivschulungen zur E-Mobilität.

Ford:
In der Ausbildung habe sich der Schwerpunkt Richtung Elektroniker für Automatisierungstechnik verschoben. Die Themen autonomes Fahren, Fahrerassistenzsysteme, intuitive Bedienung, Sprachsteuerung, Laser- und Sensoren-Technologie, neue Werkstoffe und Materialien beeinflussten auch die Ausbildungsberufe.

In Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen arbeitet das Unternehmen mit der Bundesagentur für Arbeit zusammen. Mit Stipendien und Studienpreisen, zum Beispiel an der RWTH Aachen, will Ford externe Studierende ans Unternehmen binden.

Thyssen-Krupp:
Neue Kenntnisse bei der Maschinensteuerung vermittelt das Unternehmen überwiegend „on the job“ und übernimmt sie gleichzeitig ins Aus- und Weiterbildungscurriculum. Zudem wird der Umgang mit neuen digitalen Werkzeugen trainiert. Zum Beispiel der Einsatz von „Smart Glasses“ zur virtuellen und standortübergreifenden Wartung von Maschinen oder Logistik-Drohnen, die die Materialerfassung- und planung in den Werken unterstützen sollen.

ZF Friedrichshafen:
Der Zulieferer betont seine „langjährige Erfahrung“ im Bereich E-Mobility. „Wir unterstützen die Beschäftigten mit internen und externen Weiterbildungsangeboten, um sie auf die neuen Technologien und Arbeitsmethoden vorzubereiten.“ Auch werden die eigenen Mitarbeiter auf die neuen Antriebstechnologien geschult.

VW:
Für die Transformation und zukunftsorientierte Qualifizierung der Mitarbeiter hat der Wolfsburger Konzern sein Budget um 60 Millionen Euro auf 150 Millionen Euro erhöht. Speziell Softwarenentwickler werden mit dem eigens entwickelten Programm „Fakultät 73“ auf die innovativen Anforderungen eingestellt. Alle Qualifizierungsangebote werden in der Volkswagen Group Academy gebündelt.

Trend 3: Hervorheben von Kompetenzen, die an Bedeutung gewinnen

Für den Wandel sind spezielle Qualifikationen vonnöten, die zum Teil noch entwickelt werden müssen.

Audi:
Erforderlich ist vor allem die Expertise für Autonomes Fahren, für alternative Antriebs- und Batteriekonzepte sowie induktives Laden.

Porsche:
IT- und Digitalisierungs-Know-how wird zur Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Laufbahn. Ebenso ist der Umgang mit Hochvolttechnik notwendig.

Ford:
Berufsbilder werden sich weiter wandeln, sagt das Unternehmen. Besonders gefragt sind Qualifikationen, die sich mit Automatisierung, IT und Digitalisierung beschäftigen.

Thyssen-Krupp:
Auch hier kommen Veränderungen von Jobprofilen immer häufiger vor. Zum Beispiel gibt es jetzt den Ausbildungsberuf Mediamatiker (Schweiz und Liechtenstein) – das ist eine Mischung aus Informatiker und kaufmännischer Ausbildung.

ZF Friedrichshafen:
Interdisziplinäre Zusammenarbeit wird immer wichtiger für das Unternehmen aus Süddeutschland. Gefragt sind Software- und Hardwarespezialisten sowie Systementwickler, Experten für Test und Validierung sowie Design.

Hilfreich ist für sie „die Fähigkeit, die ‚neue Welt‘, das heißt Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, durch physikalisches Verständnis mit den etablierten Technologien verknüpfen und weiterentwickeln zu können.“

VW:
Auf dem Weg zum Komplettanbieter von Hardware, Software und Services kommen neben Ingenieuren Psychologen, Physiker, Mathematiker und Softwareentwickler, UX-Designer, Cloud-Architekten sowie Experten für Künstliche Intelligenz zum Einsatz.

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