Gehalt Geistes- und Sozialwissenschaftler Keine falsche Bescheidenheit, bitte!

Geistes- und Sozialwissenschaftler werden oft unterschätzt. Erhöhte Anforderungen in den Unternehmen nach Wissensintensivierung machen sie zu gefragten Fachkräften, die gutes Geld verdienen können.

Interview: Anne Koschik |

Keine falsche Bescheidenheit, bitte!

Geisteswissenschaftler: Mehr Mut in der Gehaltsverhandlung!

Foto: patrylamantia/Fotolia.com

Geistes- und Sozialwissenschaftler können auftrumpfen: Sie eignen sich speziell für die Orientierung und Kulturvermittlung zwischen unterschiedlichen Unternehmensfunktionalitäten. In der Informationsbeschaffung sind sie stark und verfügen über weiche Faktoren sowie Formen der Empathie, die im Geschäftsleben von heute notwendiger sind denn je. Allerdings seien sie von einem bemerkenswerten Understatement geprägt, was ihre wirkliche Expertise betrifft, erklärt Arbeitsmarkt- und Berufsforscher Frank Wießner von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt im Interview. Die Flexibilität der Bewerber ist dabei Voraussetzung und sehr wichtig. Sich etwas zu trauen, über Branchengrenzen hinwegzusehen und mit gutem Selbstwertgefühl aufzutreten, lautet das Gebot der Stunde.

Sind die Gehälter, die an Geistes- und Sozialwissenschaftler gezahlt werden, gerecht?

Die Erwartungshaltung, wenig zu verdienen, ist bei Studierenden dieser Fächer weit verbreitet. Das ist aber eine grundverkehrte Einstellung! Insgesamt habe ich nicht den Eindruck, dass sie so viel weniger verdienen als Absolventen anderer Fächer. Außerdem: Selten wird in wenigen Bereichen mehr gelogen, als wenn es ums Geld geht.

Gibt der Arbeitsmarkt das tatsächlich her?
Zugegeben, der Arbeitsmarkt ist übersichtlich. Auf der einen Seite gibt es die Lehrer – und als Lehrer verdient man – insbesondere mit geisteswissenschaftlichem Fachhintergrund – relativ gut. Nehmen wir hierzu die Germanisten als Beispiel: Auch wenn der Schuldienst für junge und ambitionierte Absolventen nicht immer ein Sehnsuchtsort ist, so ist der restliche Arbeitsmarkt für Germanisten doch ziemlich überschaubar und entsprechend schwierig. Die "Schönheit der deutschen Sprache" ist somit durchaus auch eine unsichere Option, das lässt sich leider nicht abstreiten.

Tatsache ist auch, dass Menschen, die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften studiert haben, oft in Branchen landen, die sich an den Tarifwerken des Öffentlichen Dienstes orientieren und teils noch weniger zahlen.

Aber Karrierepfade verlaufen sehr unterschiedlich, je nachdem wo man beginnt. Politologen, Soziologen, Geisteswissenschaftler müssen sich auch etwas trauen! Sie sollten sich nicht nur auf das im Studium Erlernte zurückziehen, sondern sich in die jeweiligen Branchen einarbeiten – Fähigkeiten, Wissen und Skills dafür sind vorhanden. Ein Beispiel ist die Personalarbeit: Über sie kann man sich karrieretechnisch entwickeln – bis in den Vorstand. Wichtig und spannend ist es zudem, schon während des Studiums zu überlegen: Wo bin ich mit 35? Statt: Wo beginne ich mit 25 nach dem Studium?

Welche Chancen haben Geistes- und Sozialwissenschaftler vor dem Hintergrund der Digitalisierung – also in Zeiten der Industrie 4.0?
Ausdruck der Moderne ist ihre Komplexität. Und je komplexer Dinge sind, desto erklärungsbedürftiger sind sie auch. Hier kommen die Geistes- und Sozialwissenschaftler ins Spiel: Sie können als Pfadfinder Orientierung schaffen und als "Kulturvermittler" auftreten. Ein kleines Problem sehe ich zwar darin, dass Geistes- und Sozialwissenschaftler mit der Digitalisierung ein bisschen auf Kriegsfuß stehen. Hier treffen schon Welten aufeinander.

Aber da muss man die Hürden eben niedriger legen, schließlich ist das Digitale nur ein "anderes" Medium als das traditionell Gewohnte. Auch die Universitäten sind gefordert, den akademischen Nachwuchs so vorzubereiten, dass er den Anschluss an die eigene Moderne nicht verliert. Technischer Wandel und Fortschritt sind doch selbstverständlich: Man muss vor allem die Regeln kennen, aber nicht unbedingt selbst programmieren können. Zudem haben wir es mit Digital Natives zu tun.

Wird der Bedarf an Mitarbeitern mit Kompetenzen und Stärken, wie sie Geistes- und Sozialwissenschaftler mitbringen, insgesamt größer?
Er wird es müssen. Auch auf der Nachfrage-, sprich Arbeitgeberseite wird das noch unterschätzt. Denn es bestehen erhöhte Anforderungen durch Wissensintensivierung in Arbeits- und Produktionsprozessen, in der Informationsbeschaffung, -aufarbeitung und -verbreitung oder bei den kommunikativen Fähigkeiten bzw. Sprachfertigkeiten.

Ob situative oder interkulturelle soziale Kompetenz – das was Geistes-, Kultur- oder Sozialwissenschaftler können und ihnen so selbstverständlich vorkommt, wird immer mehr gefragt. Leider sind sie oft von einer falschen Bescheidenheit, einem Understatement geprägt, mit dem sie sich eher schaden. Dabei können sie viel, was zum Beispiel Ingenieure nicht können. In der Rolle von "Übersetzern" können sie etwa Sprachbarrieren, die allein aufgrund unterschiedlicher Funktionalitäten bestehen, aufheben und im Unternehmen so für Transparenz und Verständnis sorgen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, können erhöhte Nachfrage und ein stärkeres Selbstwertgefühl also auch die Gehaltshöhe beflügeln. Welche Zusatzqualifikationen sind denn jetzt gefragt?
Großes Potenzial ist bereits vorhanden, das Geschäftsleben benötigt weiche Faktoren und Formen der Empathie. Wichtig ist nun, diese Qualifikationen sichtbar werden zu lassen. Als Geistes-, Kultur- oder Sozialwissenschaftler muss ich zeigen, dass ich in der Moderne angekommen bin. Das kann zum Beispiel über regelmäßige Softwarenutzung geschehen, durch professionelle Onlinerecherche oder digitales Gestaltungsvermögen.

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