Medizin Gesundheit im Wandel

Der Markt für Mediziner und Pharmazeuten verändert sich. Krankenhäuser und Apotheken konkurrieren mit Versicherungen und Biotech-Firmen. Aber nicht überall ist die Arbeit gleich attraktiv. Arbeitszeiten, Gehälter und Aufgaben können stark variieren. Wer sich informiert, kann schon vorher die Vor- und Nachteile abwägen.

Julia Groth, Christoph Hus | , aktualisiert

Susanne Gheorghiu muss sich nicht darum kümmern, ihren Patienten Rechnungen und Mahnungen zu schicken. Das erledigt die Buchhaltungsabteilung ganz allein. Denn die 34-jährige Frauenärztin arbeitet seit zwei Jahren als Angestellte in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ), das der private Klinikkonzern Asklepios betreibt. Gheorghius Alltag dort gleicht dem eines niedergelassenen Arztes - nur eben ohne Papierkrieg.

Für die junge Ärztin eine ideale Kombination. "Es war mir wichtig, nicht in einer Wald-und-Wiesen-Praxis zu arbeiten", erklärt sie. "In eine Klinik wollte ich aber auch nicht, wegen der Nacht- und Wochenenddienste." Anstrengende Schichtarbeit hatte die gebürtige Kielerin lange genug ausgehalten: Fünf Jahre ihrer Ausbildung zur Fachärztin absolvierte sie in einer Klinik. Das letzte Jahr verbrachte sie im MVZ im niedersächsischen Seevetal - und blieb dann dort.

Die Selbstständigkeit brigt die höheren Risiken

Ein MVZ ähnelt einer herkömmlichen Gemeinschaftspraxis, in der mehrere Mediziner unter einem Dach arbeiten. Allerdings sind die Ärzte dort nicht selbstständig, sondern Angestellte des Betreibers - also eines privaten oder öffentlichen Unternehmens oder eines gemeinnützigen Trägers. Für die Mediziner bedeutet das ein geringeres Risiko: "Die Investitionen, die man als niedergelassene Ärztin tätigen muss, sind so hoch, dass sie sich durch die Einnahmen heute kaum noch decken lassen", sagt Gheorghiu. Das Leben als angestellte Ärztin erscheint ihr verlockender als das Wagnis, Unternehmerin zu werden. "Die Branche ist im Umbruch."

Dank ihrer Entscheidung für das MVZ kann sich die Frauenärztin jetzt nicht nur auf ein regelmäßiges Einkommen verlassen, sondern hat auch flexible Arbeitszeiten, ein Recht auf bezahlten Urlaub und auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Darüber hinaus hat sie mehr Möglichkeiten zur Veränderung als niedergelassene Ärzte: Sie kann einfacher den Arbeits- und Wohnort wechseln und sich stärker spezialisieren. Keine eigene Praxis zu besitzen, ist für Gheorghiu deshalb eher ein Gewinn als ein Verlust. "Ich bin hier im MVZ sehr zufrieden", sagt die Ärztin.

Wie Gheorghiu profitieren viele junge Mediziner davon, dass sich die Gesundheitswirtschaft in den vergangenen Jahren rasant gewandelt hat. "Die Veränderung bringt viele neue Karrieremöglichkeiten mit sich", sagt Veronika Ulbort, Partnerin der Personalberatung Odgers Berndtson, die Unternehmen aus der Gesundheitsbranche bei der Personalsuche und -auswahl berät.

Viele verschiedene Branchen suchen nach Medizinern

So gibt es für Ärzte nicht nur Arbeitsplätze, die die Vorteile einer Tätigkeit als Praxisarzt mit der Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses verbinden wie im MVZ. Auch Unternehmen aus anderen Branchen suchen nach Medizinern, zum Beispiel Versicherungen und Unternehmensberatungen. Und: Der Vormarsch privater Krankenhausbetreiber sowie der Mangel an jungen Ärzten in Deutschland heizt den Wettbewerb um Absolventen auch in klassischen Arztberufen an.

Nicht nur Medizinern eröffnen sich vielfältige neue Berufsaussichten. Auch Pharmazeuten haben keine Probleme, abseits der klassischen Karriere als selbstständiger Apotheker einen Job zu finden. So suchen Pharmahersteller nach Mitarbeitern, die bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe und Medikamente helfen, sich um die Arzneimittelsicherheit kümmern und mit den Zulassungsbehörden verhandeln, sobald neue Produkte auf den Markt kommen sollen. "Pharmazeuten suchen aber längst nicht so intensiv nach Alternativen zur klassischen Karriere wie Mediziner", sagt Personalberaterin Veronika Ulbort. Denn die Arbeit als selbstständiger Apotheker ist immer noch lukrativ - trotz der zunehmenden Konkurrenz durch Versandapotheken.

Die meisten offenen Stellen für Mediziner und Pharmazeuten gibt es im Gesundheitswesen, belegen Zahlen der Bundesärztekammer. In diesem Bereich suchten Arbeitgeber zwischen März 2008 und Februar 2009 mehr als 7300 Mitarbeiter. Das sind rund 600 mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch in der Pharmazeutik hielten Unternehmen nach neuen Mitarbeitern Ausschau. Hier lag die Zahl der offenen Stellen bei über 2500. Und in der Medizintechnik waren mehr als 1400 Arbeitsplätze frei.

Neue Karrierechancen für Ärzte bieten sich vor allem dort, wo sich Medizin und Betriebswirtschaft überschneiden. Zum Beispiel bei Beratungsgesellschaften: "Der Gesundheitsmarkt konsolidiert sich, und daraus entsteht ein enormer Beratungsbedarf", erklärt Personalberaterin Ulbort. So müssen Krankenhäuser immer stärker auf ihre Kosten achten und streben nach effizienteren Prozessen. "Mediziner sind wegen ihrer fachlichen Expertise als Berater begehrt", sagt Ulbort.

Die Berufschancen für Mediziner sind vielfältig

Auch Versicherungen haben Verwendung für Mediziner. Zum Beispiel die Allianz: Bei der Münchener Assekuranz entscheidet Fabian Stehle über ungewöhnliche Arztrechnungen, die Kunden der privaten Krankenversicherung einreichen (siehe Porträt Seite 68). Außerdem hilft Stehle dem Versicherer, auf dem neuesten Stand der Medizin zu bleiben. Der 30-Jährige hat bei der Allianz eine steile Karriere gemacht. Im März ist er zum Referatsleiter aufgestiegen - nur vier Jahre nachdem er seinen ersten Job bei dem Unternehmen angetreten hat.

Besonders gute Chancen haben Ärzte in Unternehmen, wenn sie sich schon während des Studiums auch Betriebswirtschaftswissen angeeignet haben und über internationale Erfahrung verfügen, zum Beispiel aus einem Praktikum. Empfehlenswert ist auch ein internationaler MBA-Abschluss, der viele Türen öffnet, sagt Personalberaterin Ulbort.

Die Mehrheit der Medizin-Absolventen strebt aber immer noch in klassische Arztberufe. Auch hier braucht sich niemand Sorgen um seine berufliche Zukunft zu machen. "Der Arbeitsmarkt für Ärzte ist in Deutschland im Moment in einer so guten Verfassung wie seit Jahrzehnten nicht mehr", freut sich Andreas Botzlar, Bundesvorstand des Ärzteverbands Marburger Bund.

Private Kliniken sind auf dem Vormarsch

Ein Grund: Private Klinikbetreiber sind rasant auf dem Vormarsch. 526 Krankenhäuser betreiben sie inzwischen, fast ähnlich viele Häuser wie freie Träger und der Staat. Beobachter gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren noch beschleunigen könnte, weil sich viele Kommunen ihrer teuren Kliniken entledigen wollen.

Ebenfalls schnell gestiegen ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), die die Krankenhausgesellschaften betreiben. 2004 gab es erst ein solches Zentrum, im vergangenen Jahr zählte die Kassenärztliche Bundesvereinigung bereits 429. Rechnet man die MVZ anderer Träger hinzu, kommt man in Deutschland bereits auf knapp 1200 solcher Einrichtungen.

Die Ärzte dort sollen Patienten nicht nur ambulant behandeln, sondern sie bei Bedarf auch in die Kliniken des eigenen Unternehmens überweisen. Vor allem private Krankenhausunternehmen werden deshalb wohl auch in Zukunft auf die Eröffnung weiterer MVZ setzen.

Private Klinik- und MVZ-Betreiber locken junge Ärzte mit vergleichsweise hohen Gehältern. So verdienen die Mediziner im ersten Berufsjahr bei den Helios-Kliniken 3800 Euro pro Monat. Die Konkurrenten Rhön-Kliniken und Sana-Kliniken zahlen mit 3650 und 3529 Euro ebenfalls überdurchschnittlich viel Gehalt, belegen Zahlen des Marburger Bunds.

Die Unterschiede im Verdienst sind oft beträchtlich

Zum Vergleich: In einem evangelischen Krankenhaus in Ostdeutschland bekommen Jungärzte gerade einmal 3036 Euro pro Monat (siehe Grafik Seite 2). Bei Fachärzten sind die Unterschiede ähnlich hoch - wenn auch auf einem anderen Niveau: Wer einen Facharztabschluss vorweisen kann, erhält pro Monat rund 1000 Euro mehr als ein Mediziner ohne Abschluss.

Finanziell punkten die privaten Krankenhäuser aber nicht erst nach dem regulären Berufsstart der Ärzte. Gleich mehrere Betreiber sind dazu übergegangen, Medizinstudenten schon während des Praktischen Jahres (PJ) eine Vergütung zu zahlen. Das war bisher unüblich, obwohl die PJler oft eigenständig mitarbeiten - und keineswegs nur Kollegen über die Schulter schauen. Inzwischen folgen mehrere Krankenhäuser nicht-privater Träger dem Beispiel, um im Wettbewerb um Jungmediziner nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Mit diesen finanziellen Anreizen reagieren die Krankenhausbetreiber darauf, dass die Arbeit als Klinikarzt vielen Nachwuchsärzten unattraktiv erscheint. In der Regel arbeiten Mediziner dort im Schichtdienst auch nachts und am Wochenende. Die Arbeitsbelastung ist hoch, und die Karriereaussichten mäßig. Wer dennoch ins Krankenhaus will, denkt deshalb oft über einen Job im Ausland nach, zum Beispiel in Großbritannien oder Skandinavien. Dort gelten die Arbeitsbedingungen als besser.

Die Altersstruktur in der Branche ist alarmierend

Nicht nur das Wachstum der privaten Krankenhausbetreiber heizt den Wettbewerb um junge Ärzte in Deutschland an, sondern auch die Überalterung der Berufsgruppe. In den vergangenen zehn Jahren ist das Durchschnittsalter deutscher Mediziner kontinuierlich gestiegen, beweisen Zahlen der Bundesärztekammer (siehe Grafik oben). Während im Jahr 1997 noch 22 Prozent der Mediziner jünger als 35 Jahre war, ist dieser Anteil inzwischen auf 16 Prozent abgestürzt.

In manchen medizinischen Fachgebieten ist der Nachwuchsmangel besonders dramatisch. So sind nur 1,5 Prozent der Psychiater und 3,7 Prozent der Radiologen jünger als 35 Jahre. Unter den Internisten, Allgemeinmedizinern und Chirurgen ist die Situation mit einer Quote von 3,8 Prozent ähnlich besorgniserregend. In diesen Fachgebieten werden sich jungen Medizinern also noch auf Jahre hinaus beste Einstiegsmöglichkeiten bieten - egal ob sie im Krankenhaus oder in einer eigenen Praxis arbeiten wollen.

Der fehlende Nachwuchs stellt die Personaler in Krankenhäusern inzwischen vor ein ernstes Problem. Rund ein Drittel der westdeutschen und die Hälfte der ostdeutschen Kliniken finden nicht genug Fachärzte, warnt die Bundesärztekammer.

Nicht nur bei Medizinern ist der Nachwuchs rar, bei Pharmazeuten zeigt sich ein ganz ähnliches Bild. So ist rund ein Fünftel der Apotheker älter als 60 Jahre - und braucht damit bald einen Nachfolger. Zudem müssen Apotheker sich seit 2004 nicht mehr auf eine Apotheke beschränken, sondern dürfen jetzt auch Filialen gründen. Dadurch ist der Bedarf an Pharmazeuten gestiegen, die diese Filialen eigenverantwortlich leiten.

Auch Pharmazeuten haben einen breiten Arbeitsmarkt zur Wahl

Wer nach seinem Pharmaziestudium nicht wie die Mehrheit der Absolventen in einer Apotheke arbeiten möchte, hat viele Alternativen. Krankenkassen, Gesundheitsverbände und Zulassungsbehörden bieten zum Beispiel Arbeitsplätze. Auch in der Forschung können Pharmazeuten arbeiten, viele Unternehmen werben um die hellsten Köpfe.

So bemüht sich auch der Pharmakonzern Pfizer darum, schon während des Studiums Kontakt zu angehenden Pharmazeuten zu knüpfen. Sie sollen das Unternehmen in einem Praktikum kennenlernen und später als Trainee einsteigen.

In dieser Position hat Eva Hintner im vergangenen Sommer bei Pfizer begonnen (siehe Porträt Seite 7). Zwei Jahre lang lernt die 30-Jährige nun die Arbeit in mehreren Abteilungen des Unternehmens kennen. In den vergangenen Monaten kümmerte sie sich um den Kontakt zu Zulassungsbehörden und das Entwerfen einer neuen Großverpackung für Medikamente.

Viele von Hintners bisherigen Aufgaben könnte auch ein Betriebswirt übernehmen. Doch Pfizer setzt bewusst auf Pharmazeuten, weil sie an der größten Herausforderung mitarbeiten können: Der Entwicklung neuer Wirkstoffe und Medikamente.

Die Forschung ist ein zentraler Zukunftsbaustein für Pharmaunternehmen

Daran arbeiten Pharmakonzerne derzeit mit Hochdruck. Denn in den kommenden Jahren laufen reihenweise Patente aus, die den Konzernen im Moment noch hohe Umsätze garantieren. Als Reaktion hat die Pharmabranche ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung stark erhöht. Gaben Unternehmen dafür im Jahr 2001 3,1 Milliarden Euro aus, waren es im vergangenen Jahr 5,7 Milliarden Euro, hat der Stifterverband Wissenschaftsstatistik berechnet.

Pharmazeuten sollen in der Forschung eine entscheidende Rolle spielen. "Die breit angelegte naturwissenschaftliche Ausbildung ist wichtig für einen forschenden Arzneimittelhersteller, der kontinuierlich an Innovationen arbeitet", sagt Annett Enderle, Personalleiterin bei Pfizer.

Sie wirbt mit den Vorzügen eines internationalen Konzerns um die begehrten Absolventen: "Unseren Mitarbeitern eröffnen sich vielfältige Karrieremöglichkeiten in einem internationalen Arbeitsumfeld", sagt Enderle. Außerdem sollen Weiterbildungsprogramme und familienfreundliche Arbeitsbedingungen Bewerber überzeugen, den Traum von der eigenen Apotheke aufzugeben und sich stattdessen für eine Konzernkarriere zu entscheiden.

Auch Medizinern bietet das Pharmaunternehmen Karrieremöglichkeiten. Der klassische Einsatz als Vertriebsmitarbeiter ist dabei nicht das einzige Einsatzfeld. Junge Ärzte kommen beispielsweise in der Arzneimittelsicherheit, der Zulassung und der klinischen Forschung zum Einsatz.

Bevor neue Medikamente in Krankenhäusern getestet werden, müssen aber erst einmal die Pharmazeuten ihren Job erledigen. Wer sich auf eine solche Tätigkeit in der Forschung eines Pharmaunternehmens schon während des Studiums vorbereiten will, kann das Praktische Jahr nutzen, das alle Pharmazeuten am Ende ihres Studiums absolvieren müssen. Zwar ist es Pflicht, mindestens die Hälfte des Jahres in einer Apotheke zu verbringen. "Den Rest der Zeit kann man Erfahrungen in dem Bereich sammeln, in dem man später arbeiten will", sagt Siegfried Throm, Geschäftsführer des Verbands der Forschenden Arzneimittelunternehmen (VFA).

Pharmaunternehmen bieten angenehme Alternativen zur Apotheke

Er hält die Chancen von Pharmazeuten für exzellent, nach dem Studium einen Arbeitsplatz in einem Pharmaunternehmen zu ergattern. "Immerhin arbeiten in Deutschland erst rund 5000 Pharmazeuten in der Industrie. Sie sind dort Mangelware", sagt Throm.

Kein Wunder, dass die Unternehmen jungen Pharmazeuten hohe Gehälter zahlen, wie Daten von Personalmarkt belegen (siehe Grafik): Am meisten verdienen Vertriebsmitarbeiter, in den ersten beiden Berufsjahren pro Jahr mehr als 47000 Euro. Produktmanager können mit Gehältern von mehr als 46000 Euro ebenfalls nicht klagen. Manche Unternehmen zahlen Angestellten in solchen Positionen sogar deutlich mehr als 50000 Euro. Nur unwesentlich schlechter entlohnt sind Mitarbeiter in der naturwissenschaftlichen Forschung mit durchschnittlich gut 45 000 Euro Jahresgehalt und Controller mit 44 000 Euro.

Die Wirtschaftskrise hat die Pharmabranche bisher deutlich weniger hart getroffen als andere Branchen. Das wirkt sich auch auf die Personalplanung der Unternehmen aus. So will jedes vierte Unternehmen im laufenden Jahr die Zahl seiner Mitarbeiter erhöhen, hat der VFA in einer Umfrage herausgefunden (siehe Grafik oben).

Und die Branche wächst weiter

Gleichzeitig steigert die Branche in Deutschland die Ausgaben für Forschung und Entwicklung - trotz Krise. Im vergangenen Jahr haben die hiesigen Unternehmen dafür 5,7 Milliarden Euro aufgewendet. Der Löwenanteil entfällt auf die Platzhirsche Bayer, Boehringer-Ingelheim und Merck.

Wachstumsstärker als die Pharmakonzerne sind aufstrebende Biotechnologie-Unternehmen. Sie haben in Deutschland die Zahl der Angestellten in den vergangenen vier Jahren um rund 50 Prozent gesteigert - auf rund 30000 Mitarbeiter. Dieser Boom kommt nicht von ungefähr: Viele Pharmakonzerne hatten zuletzt große Schwierigkeiten, mit herkömmlichen Methoden neue Produkte zu entwickeln, die den Umsatzausfall durch auslaufende Patente hätten kompensieren können. Die Rolle des Innovators soll deshalb jetzt die Biotechnologie übernehmen, hoffen die Manager.

Dazu braucht die Biotechnologie-Branche auch Pharmazeuten. Besonders gesucht sind Kandidaten, die sich bereits mit Immunologie, therapeutischen Antikörpern oder Impfstoffen beschäftigt haben und die Branche idealerweise schon aus einem Praktikum kennen.

Schon die Absolventen können satt verdienen

Auch das Münchener Biotech-Unternehmen Morphosys sucht solche Absolventen, um sie als "Junior-Wissenschaftler" einzustellen. Sie kommen in den Genuss der Vorteile eines wachstumsstarken Unternehmens. "Wem es liegt, neue Medikamente und innovative Therapiemaßnahmen zu erforschen, kann sich bei uns entfalten und schnell weiterentwickeln", sagt Silvia Dermietzel, Personalleiterin bei Morphosys. Junge Mitarbeiter dürften schneller als anderswo viel Verantwortung übernehmen, verspricht sie.

Das weiß auch Kathrin Ladetzki-Baehs zu schätzen. Die 31-Jährige arbeitet als Projektteamleiterin bei Morphosys. Bereits während des Hauptstudiums in Marburg war für sie klar, wohin es sie verschlagen würde. "Ich wollte in die medizinische Biotechnologie", sagt sie. "Schon in der Uni hatte ich Freude an der praktischen Anwendung meines Wissens. Und das funktioniert am besten im Labor in der Forschung."

Die Pharmaunternehmen bieten den direkten Einstieg in die Forschung

So wählte Ladetzki-Baehs auch für ihre Promotion an der Münchener Universität ein handfestes Thema: Die angehende Forscherin untersuchte, wie Verknüpfungen mehrerer Aminosäuren, sogenannte Peptide, den Krankheitsverlauf bei Mäusen beeinflussen. Ihr praktisches Jahr verbrachte die junge Pharmazeutin in einer Apotheke.

Diese Zeit bestätigte sie in ihrem Entschluss, nicht Apothekerin werden zu wollen. "Es war eine große Herausforderung, mich den ganzen Tag dem direkten Kundenkontakt zu stellen", erzählt die Pharmazeutin. Immerhin hat man es in einer Apotheke häufig mit Kranken zu tun. Ladetzki-Baehs Kommilitonen schreckte das mehrheitlich nicht ab. Rund 80 Prozent arbeiten heute als Apotheker und haben damit den klassischen Berufsweg eingeschlagen, schätzt sie.

Die junge Pharmazeutin knüpfte auf einer Jobmesse einen ersten Kontakt zu ihrem heutigen Arbeitgeber Morphosys und stieg dort in ein Forschungsprojekt ein, das die Münchener für einen Pharmakonzern ausführen. Das Ziel war die Entwicklung eines Antikörpers gegen Diabetes und Übergewicht. "Ich habe in den ersten Monaten sehr viel von den Technischen Assistenten gelernt", berichtet Ladetzki-Baehs. Die junge Mitarbeiterin bekam schnell mehr Verantwortung: Sie übernahm ein weiteres Projekt und widmet sich dort der Erforschung eines Krebs-Antikörpers.

Die junge Mitarbeiterin entwickelt Antikörper gegen Diabetes und Krebs

Im Sommer letzten Jahres beförderte Morphosys Ladetzki-Baehs zur Projektteamleiterin. Seither ist sie für die Koordination und Steuerung mehrerer Kleinprojekte verantwortlich, um die sich jeweils ein Wissenschaftler kümmert.

Im Labor arbeitet sie seither fast gar nicht mehr. Trotzdem ist sie genau dort angekommen, wo sie hin wollte, sagt sie: "Meine Arbeit ist noch vielseitiger, als ich es vermutet hatte." Und das wird sich wohl auch nicht so schnell ändern. Immerhin hat sich Morphosys viel vorgenommen: Das Unternehmen will in Zukunft noch mehr als bisher an eigenen Projekten forschen, die kein Pharmaunternehmen direkt in Auftrag gegeben hat.

Porträt: Eva Hintner

Ein Pharmaziestudium hat Eva Hintner nur deshalb begonnen, weil sie genau wusste, dass sie damit später nicht nur in einer Apotheke arbeiten kann. Denn Apothekerin wollte Hintner nie werden, das wusste sie ganz genau, bevor sie sich an der Uni in München einschrieb. "Ich wollte naturwissenschaftlich arbeiten."

So war es nur konsequent, dass Hintner nach einigen Semestern von Bayern nach Großbritannien wechselte. Dort studierte sie zunächst in London und später in Nottingham Pharmaceutical Sciences - ein spezieller Studiengang für angehende Pharmazeuten, die später in der Forschung arbeiten wollen. "In Deutschland gibt es diese Spezialisierung im Studium nicht, deshalb hatte der Wechsel nach England für mich viele Vorteile", sagt Hintner. Sie konnte schon im Studium einen Schwerpunkt setzen und sich mit dem Ablauf von Forschungsprojekten, dem Design von Molekülen und der Analyse von Wirkstoffen beschäftigen.

Im Moment ist sie in der Trainee-Ausbildung

Dieses Wissen erleichterte Hintner den Berufseinstieg, den sie sich gewünscht hatte. Nach einem kurzen Intermezzo bei einem Schweizer Unternehmen wechselte sie im vergangenen Sommer zum US-Pharmariesen Pfizer. Dort arbeitet die 30-Jährige als Management-Trainee in einem Job, in dem man sich auch Betriebswirte vorstellen könnte. Hintner war bereits in der Abteilung tätig, die sich um die Kontakte zu den Zulassungsbehörden kümmert.

Außerdem verbrachte sie fünf Monate in der Produktion des Pfizer-Werks im bayerischen Illertissen bei Ulm. Hier laufen mehr als 80 Millionen Arzneimittelverpackungen jährlich vom Band. Die Fabrik ist eine der modernsten des Konzerns - unter anderem gibt es eine Reinraum-Produktionsstraße, die nur mit Spezialkleidung betreten werden darf. Eine von Hintners Aufgaben war die Entwicklung einer neuen Umverpackung für Medikamente.

Pharmazeutin Eva Hintner will bei Pfizer eine Führungsaufgabe übernehmen

Derzeitige Station der zweijährigen Trainee-Ausbildung ist die Abteilung Materialwirtschaft. Dort kümmert sich Hintner um das Budget, und sie entwickelt einen Plan, wie man Abläufe in der Entwicklung und der Produktion effizienter gestalten kann. "In den kommenden Monaten würde ich gern noch in der Qualitätskontrolle und der Qualitätssicherung arbeiten", sagt die Jungpharmazeutin.

Nach Abschluss der Trainee-Zeit möchte Hintner eine Führungsaufgabe bei Pfizer übernehmen. Dass sie bei dem Pharmaunternehmen häufig mit Betriebswirten zusammenarbeitet, stört sie nicht. Im Gegenteil: "Die punkten mit ihrem BWL-Wissen, während ich meine Stärken bei Pharmaziethemen ausspielen kann. So ergänzen sich beide Seiten wunderbar."

Porträt: Fabian Stehle

Wer Medizin studiert hat, wird Krankenhausarzt oder eröffnet eine Praxis - so zumindest die landläufige Vorstellung. Fabian Stehle hat einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Der 30-Jährige arbeitet im Leistungs- und Gesundheitsmanagement der Krankenversicherungssparte der Allianz.

Nach seinem Medizinstudium in München, einem parallel zur Doktorarbeit absolvierten Betriebswirtschafts-Fernstudium und dem obligatorischen Praktischen Jahr begann Stehle im Jahr 2005 bei der Allianz als Referent. Im März wurde der Jungmediziner zum Referatsleiter befördert und führt jetzt ein Team von sechs Mitarbeitern.

Fabian Stehle ist Fachmann bei der Allianz für Medizinthemen

Den Inhalt seines Jobs bringt Stehle schnell auf den Punkt: "Alles, was mit Medizin zu tun hat, wird mit mir besprochen", sagt er. Und das ist eine ganze Menge: Stehle prüft zum Beispiel außergewöhnliche Rechnungen, die Versicherte eingereicht haben. Er muss entscheiden, ob die angegebenen Behandlungen und Leistungen plausibel und die Kosten angemessen sind. Er hält den Kontakt zu Ärzten, mit denen der Versicherer zusammenarbeitet, um bei Behandlungsmethoden auf dem neuesten Stand zu bleiben. Zudem ist Stehle an der Entwicklung neuer Versicherungsprodukte beteiligt. "Dabei kann man visionär denken und hat große Gestaltungsspielräume."

Einen Job als Krankenhausarzt hatte sich Stehle spätestens nach dem Praktischen Jahr nicht mehr vorstellen können. Die Arbeitszeiten waren ihm zu lang, der Umgangston unter den Kollegen zu derb. Und die niedergelassenen Ärzte stöhnen seinen Erfahrungen nach über schlechte Rahmenbedingungen - auch das war kein Traumjob. "Ich wollte angenehme Arbeitszeiten und ein gutes Arbeitsklima", sagt Stehle.

Die festen Arbeitszeiten sind ein großer Anreiz für ihn

All das hat er nun bei der Allianz gefunden. "Es ist schön zu wissen, dass man abends nach Hause gehen kann und es keine Nacht- oder Wochenenddienste gibt." So kommt auch sein acht Monate alter Sohn nicht zu kurz. Und die Medizin macht einen großen Teil seines Arbeitslebens aus, obwohl er keine Patienten behandelt. "Ich sehe mich als eine Art Übersetzer oder medizinischer Gutachter", erklärt er.

Für die berufliche Zukunft hat er sich noch keine Pläne zurechtgelegt. "Ich bin offen für alles, was kommt", sagt er. Er könnte sich vorstellen, in zwei bis drei Jahren eine andere Aufgabe bei der Allianz zu übernehmen. In ein Krankenhaus oder eine Praxis zieht es ihn jedenfalls nicht. Und das wird sich bis zur fernen Rente nicht ändern - so weit plant Stehle dann doch.

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