Medizin Alles für die Gesundheit

Nie zuvor standen Medizinern mehr Berufe offen als heute. Und die Chancen stehen gut, in einer Klinik, in der Forschung oder als Gesundheitsmanager einen Job zu finden. Der Wettbewerb der privaten Anbieter eröffnet dem Nachwuchs neue Perspektiven.

Kirstin von Elm | , aktualisiert

Wenn Henning Baberg ins Krankenhaus gerufen wird, ist es oft schon fast zu spät. Und häufig stellt der Kardiologe die gleiche Diagnose: Schuldenstand alarmierend, Investitionsbedarf akut, Defizit weiter steigend.

Statt menschlicher Patienten untersucht Baberg wirtschaftlich angeschlagene Krankenhäuser, die - meist von klammen Kommunen - zum Verkauf angeboten werden. Der 38-Jährige leitet die Abteilung Mergers & Acquisitions der privaten Krankenhauskette Helios. Seine Aufgabe: Er überprüft die Überlebenschancen der Heilanstalten und wählt Übernahmekandidaten aus. Zwei bis drei sind es im Schnitt pro Jahr, 61 Kliniken betreibt Helios inzwischen. Und Henning Baberg hat seinen Teil zu dieser Expansion beigetragen.

Gefragte Mediziner

Mediziner wie er sind gefragt auf dem Gesundheitsmarkt, denn der Manager kann nicht nur Krankenakten lesen, sondern auch Kalkulationen und Kreditverträge. Allein die drei größten privaten Klinikketten Europas haben ihren Sitz in Deutschland, und sie nutzen den akuten Sparzwang der Länder, Kommunen und Krankenkassen, um sich vom milliardenschweren Wachstumsmarkt Gesundheit ein großes Stück zu sichern. Mehr als 50 Milliarden Euro geben die Krankenkassen jährlich allein für stationäre Behandlungen aus. Weitere 23 Milliarden fließen in ambulante Arztpraxen.

Diese Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) dürfen seit 2004 nicht nur von Ärzten betrieben werden, sondern auch von Krankenhäusern, Apotheken und Pflegediensten. Und dafür benötigen sie Personal. Mehr als 1000 solcher Praxen sind seitdem entstanden, die Zahl der Ärzte, die dort angestellt sind, hat sich in den vergangenen zwei Jahren auf mehr als 3200 verdoppelt.

Rabatte oder Extradienste

Diese Filialen bringen den Klinikketten zusätzliche Umsätze und stärken die Kundenbindung. Die Idee: Die MVZ nehmen Patienten auf und überweisen sie zur stationären Behandlung an die konzerneigenen Krankenhäuser. Inzwischen dürfen die Zentren direkte Verträge mit den Krankenkassen abschließen und deren Mitgliedern Rabatte oder Extradienste anbieten. Helios hat gerade Filiale Nummer 21 eröffnet, Marktführer Rhön-Klinikum bringt es aktuell auf 19.

Der Trend der Privatisierung wird auch in Zukunft anhalten. Den kommunalen Kliniken geht das Geld aus, jetzt schon ist mindestens jedes vierte Haus von der Schließung bedroht, sagt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung RWI. "Ich erwarte keine Privatisierungswelle, sondern einen stetigen Fluss", sagt Henning Baberg von Helios. Mehr als jedes vierte der rund 1800 Allgemeinen Krankenhäuser in Deutschland wird bereits von einem privaten Unternehmen betrieben. Mitte der 90er-Jahre waren es noch weniger als 20 Prozent.

Schätzungen der Allianz-Gruppe zufolge könnten die Privaten ihren Anteil bis 2020 auf 40 Prozent steigern. Der Anteil der öffentlichen Träger, der Mitte der 90er-Jahre noch klar über 40 Prozent lag, dürfte dann von heute 34 auf 20 Prozent zurückgehen. Die dritte Größe im Krankenhausmarkt, die Kirchen und andere frei-gemeinnützige Träger, hält sich stabil bei insgesamt rund 40 Prozent. Allerdings betreiben auch hier die großen Träger wie die Malteser oder die Johanniter immer mehr Häuser.

Die drei Marktführer der privaten Ketten, Helios, seit 2005 ein Unternehmen des Fresenius-Konzerns, Rhön-Klinikum und Asklepios, sind nicht nur in ihrem jeweiligen Einzugsgebiet oft der größte Arbeitgeber, sondern setzen auch bundesweit Maßstäbe - und kämpfen um den talentierten Nachwuchs.

Die Zahl der Studienanfänger und damit auch die der Absolventen im Fach Humanmedizin ist seit vielen Jahren rückläufig. 1993 suchten rund 12000 Absolventen einen Job, heute sind es nur noch 8700. Dementsprechend ist das Durchschnittsalter der Krankenhausärzte von 38 auf 41 Jahren gestiegen, bei niedergelassenen Vertragsärzten sogar von 47 auf über 51 Jahre. Laut einer Statistik der Bundesärztekammer (BÄK) sind nur noch 16 Prozent aller berufstätigen Ärzte heute jünger als 35.

Personal durch jüngere Kräfte zu ersetzen

Es ist immer schwieriger, Personal, das sich in den Ruhestand verabschiedet, durch jüngere Kräfte zu ersetzen. Nach Angaben der BÄK finden schon jetzt fast 30 Prozent aller westdeutschen und sogar mehr als die Hälfte aller ostdeutschen Krankenhäuser nicht genügend Fachärzte. "In nahezu allen Fachgebieten ist die Bewerberdecke dünn, teilweise gehen auf Stellenausschreibungen überhaupt keine adäquaten Bewerbungen ein", sagt Wolfgang Martin.

Er ist Geschäftsführer der auf medizinisches Fachpersonal spezialisierten Personal- und Karriereberatung Mainmedico in Frankfurt. 3358 Fachärzte wurden im ersten Halbjahr 2008 gesucht - genauso viele wie im gesamten Jahr 2004. Kein Wunder, dass Medizinstudenten einer aktuellen Hochschulumfrage zufolge sogar noch optimistischer in die Zukunft blicken als selbst die überaus begehrten Jung-Ingenieure. Ein Job in der Klinik ist ihnen so gut wie sicher.

In diesem Wettbewerb buhlen die privaten Kliniken besonders offensiv um den Nachwuchs und brechen Tabus. So haben Medizinstudenten im sogenannten Praktischen Jahr (PJ), das Teil des Studiums ist, Aussicht auf eine monatliche Vergütung. Eigentlich sollen sie unter ärztlicher Anleitung ihre praktischen Fähigkeiten trainieren. Doch de facto sind sie voll im Stationsalltag eingespannt. Sie messen Fieber, wechseln Verbände und schreiben Berichte, ohne dafür auch nur einen Cent zu bekommen.

Für das allgemeine Umdenken sorgt eine 2006 getroffene Tarifvereinbarung der Helios-Kliniken mit der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Sie sieht vor, den Studenten im Praktischen Jahr 400 Euro pro Monat zu zahlen. Bis 2010 soll diese Summe schrittweise auf 700 Euro steigen.

Die ersten Universitätskliniken, darunter zum Beispiel die Medizinische Hochschule in Hannover oder das Deutsche Herzzentrum in München, reagieren und ziehen nach. Der Ärzteverband Hartmannbund hat in einer aktuellen Umfrage ermittelt, dass mittlerweile mehr als 100 der 512 akademischen Lehrkrankenhäuser in Deutschland ihren PJlern monatlich zwischen 150 und 600 Euro zahlen.

Es sind aber vor allem die privaten Ketten, darunter die Unternehmen Sana und SRH, die den Vorstoß von Helios kopieren. Ein bezahltes Praktisches Jahr ist für sie eine lohnende Investition. "Gerade für Standorte im ländlichen Raum wollen wir die angehenden Ärzte während des Praktischen Jahrs von einer weiteren Tätigkeit in unseren Häusern überzeugen", sagt Michael Almeling, Geschäftsführer der SRH-Kliniken.

Auch mit Angeboten zur Karriereplanung und Berufsvorbereitung versuchen die Privaten, beim akademischen Nachwuchs zu punkten. So planen beispielsweise die Sana-Kliniken, die den privaten Krankenversicherern gehören, gemeinsam mit drei norddeutschen Universitäten 2009 eine kostenlose Summer School auf Rügen. Studenten kurz vorm Physikum sollen dort Röntgen- und Anatomie-Kurse absolvieren und ihre Kommunikationsfähigkeiten trainieren.

PJler bekommen bei Sana außer 400 Euro Gehalt noch einen Mentor zur Seite gestellt und erhalten bei guten Leistungen einen Vorvertrag für den späteren Einstieg als Assistenzarzt. Noch einen Schritt weiter gehen die Asklepios-Kliniken, die seit September ihre eigenen Medizinstudenten ausbilden. Die private Asklepios Medical School in Hamburg ist eine Zweitniederlassung der ungarischen Semmelweis-Universität, die in Budapest bereits seit 1983 ein deutschsprachiges Medizinstudium ohne Numerus clausus anbietet. Jetzt ist sie die erste ausländische Hochschule, die Mediziner auch auf deutschem Boden ausbildet.

Bisher sah die Regelung so aus: Studenten, die vor dem NC zurückschreckten, konnten nach Ungarn gehen und dort auf Deutsch Medizin studieren. Allerdings nur bis zum Physikum. Dann nämlich müssen Ausländer nach ungarischem Recht eine anspruchsvolle Sprachprüfung ablegen. Die lässt sich nun umgehen. Wer die Semestergebühr von 7200 Euro aufbringen kann, findet den passenden Studienplatz jetzt ohne beschwerliche Suche auf dem modernen Campusgelände der Asklepios-Klinik Sankt Georg. Bedingung: Bis zum Physikum müssen die NC-Flüchtlinge in Budapest studiert haben.

Maximal 40 Plätze werden pro Semester vergeben, beworben haben sich zum Start im September 21 Studenten. In drei Jahren werden sie mit dem Titel "Dr. med. Semmelweis-Universität" ins Berufsleben starten und dürfen dann, genau wie jeder andere deutsche Mediziner, überall in Europa als Arzt arbeiten. Vorher war das schwerer. Längst nicht alle Semmelweis-Heimkehrer fanden einen Platz an einer deutschen Uni.

Bewerbungen schreiben müssen die Absolventen vermutlich nicht. Betreiber Asklepios plant, die passgenau ausgebildeten und im Unternehmen gut vernetzten Nachwuchsmediziner später in den eigenen Kliniken zu beschäftigen. Den Einwand, mit dem gebührenpflichtigen Studium eher zahlungs- als leistungsstarke Studenten anzuziehen, lässt Stefan Lehmann-Odinga von der Asklepios Medical School nicht gelten.

Statt absurd hohe Anforderungen an die Abi-Note zu stellen - selbst ein NC von 1,0 ist in einigen Bundesländern kein Garant mehr für einen Studienplatz in Medizin -, klopfe die Semmelweis-Uni die fachliche Kompetenz ihrer Bewerber sehr genau ab. Sprich: Wer zwar ein Einser-Abi vorweisen kann, dafür aber sämtliche Naturwissenschaften so früh wie möglich abgewählt hat, wird in Budapest abgelehnt. Per Assessment-Center werde zudem getestet, ob sich der Kandidat überhaupt für den Heilberuf eignet. Wer eine Forscherkarriere anstrebt, wird an anderen Unis besser bedient.

Neben Einfühlungsvermögen, Kommunikationstalent und Teamfähigkeit brauchen junge Ärzte vor allem gute Nerven und eine robuste Gesundheit. Ein Arbeitstag im Krankenhaus ist lang und hart. Im Vergleich zu Absolventen anderer Studienfächer klagen Mediziner nach dem Berufsstart deutlich mehr über Hektik, Stress, Orientierungslosigkeit und Überforderung. Das zeigen Befragungen des Hochschul-Informations-Systems.

Private Träger verlangen von ihren Ärzten nicht weniger Einsatz als kommunale oder konfessionelle. Allerdings feilen sie stärker an den Arbeitsabläufen, entlasten die teuren Mediziner von unproduktiver Verwaltungsarbeit und delegieren medizinische Routinejobs ans Pflegepersonal. Das Ziel: Die Rendite muss stimmen.

Gemeinsam mit der Steinbeis-Hochschule in Berlin haben die Sana-Kliniken sogar einen neuen Studiengang geschaffen. Sie bieten erfahrenen Pflegekräften und Technischen Assistenten an, sich in sechs Semestern berufsbegleitend zum Physician Assistant weiterzubilden. Diese Arzt-Assistenten dürfen später zum Beispiel bei einer Operation helfen und sparen wertvolle Chirurgen-Minuten ein.

"Weniger arbeite ich hier bestimmt nicht, allerdings ist der Arbeitsablauf teilweise besser strukturiert. Und es ist wesentlich einfacher, Anschaffungen durchzusetzen", sagt Oberärztin Rabea Jouran, die im Januar 2008 von der Uniklinik Hannover zur privaten Rhön-Klinik in Hildesheim gewechselt ist. Die 37-Jährige konnte nicht nur problemlos ein außertarifliches Gehalt aushandeln, sondern leitet des neue Kompetenzzentrum Gefäßchirurgie und konnte ihren Fachbereich ausbauen. "Es ist schon toll, einen modernen OP nach eigenen Vorstellungen und mit dem Katalog in der Hand einzurichten", sagt sie. Auch privat hofft sie, von dem Jobwechsel zu profitieren. Im Frühjahr wird Rabea Jouran Mutter, nach der Geburt möchte sie aber möglichst schnell zurückkehren. "Ich sehe bei Kolleginnen, dass das hier ganz gut klappt", sagt sie.

Die Chirurgin gehört zu einer gefragten und seltenen Gruppe von Ärzten. Die Stellenangebote für Chirurgen legten 2008 besonders stark zu. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen, sagt Jörg Ansorg, Hauptgeschäftsführer des Berufsverbands der Deutschen Chirurgen (BDC): "Die Perspektiven in der Chirurgie sind so gut wie lange nicht, denn in den kommenden zehn Jahren gehen rund die Hälfte der niedergelassenen und mehr als ein Drittel der im Krankenhaus tätigen Chirurgen in Rente."

Frauen, die gut zwei Drittel aller Studienanfänger im Fach Medizin stellen, bevorzugen Fächer wie Geburtshilfe und Kinderheilkunde anstelle von High-Tech-Medizin unter Vollnarkose. Auch in anderen wichtigen klinischen Abteilungen wie der Inneren Medizin oder der Radiologie sind Frauen unterrepräsentiert. Um dem drohenden Fachärztemangel zu begegnen, werden Kliniken intensiver über familienfreundliche Arbeitszeiten und betriebliche Kinderbetreuung nachdenken müssen. Hier hat die Branche großen Nachholbedarf. Die zeitliche Arbeitsbelastung im Job empfinden nahezu 90 Prozent aller Ärzte als zu hoch.

Deshalb lockt der Heilberuf auch längst nicht jeden Mediziner. Statt am Wochenende Schicht auf der Station zu schieben oder als Hausarzt Husten und Hühneraugen zu kurieren, zieht es viele in die Forschung. Viren, Genetik und Stammzellen sind die drei wichtigsten Richtungen derzeit. Beim Kampf gegen Aids oder der Zucht von Organen bieten sich beispielsweise auch Biologen, Chemikern oder Pharmazeuten gute Karrierechancen.

An den Hochschulen und öffentlichen Instituten müssen die Nachwuchswissenschaftler mit befristeten Verträgen und mittelmäßiger Bezahlung leben. Dafür können sie sich ungestört auf die Grundlagenforschung konzentrieren. Der Viren-Experte Lars Niederstadt schätzt diesen Vorzug. Am staatlichen Robert-Koch-Institut in Berlin, an dem er schon seine Diplomarbeit schrieb, erforscht der 28-jährige Molekularbiologe derzeit, wie sich biologische Kampfstoffe schneller identifizieren lassen. Gegen den stressigen Arztalltag hat sich der Sohn eines Mediziner-Ehepaars ganz bewusst entschieden.

Deutlich enger verzahnt mit der Industrie sind dagegen freie Forschungsinstitute, die ihre Projekte über Industrieaufträge finanzieren. Solche Geldgeber zu akquirieren, Terminpläne und Budgets zu überwachen, nimmt Johannes Boltze sportlich. Der 31-jährige Mediziner arbeitet am Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig an einer Stammzelltherapie für Schlaganfallpatienten. Für einen Führungsposten in der Industrie ist seine Übung in Projektmanagement und Controlling jedenfalls kein Nachteil.

Wer sich dagegen für eine Karriere in der Pharmaindustrie entscheidet, startet mit deutlich mehr Gehalt als die Institutskollegen: Im zweiten Berufsjahr verdient ein promovierter Arzt oder Naturwissenschaftler in der Forschungsabteilung von Bayer Schering Pharma in Berlin zum Beispiel ein Tarifgehalt von 62590 Euro, das Salär für das erste Jahr ist frei verhandelbar. Dafür erwartet das Unternehmen allerdings wirtschaftlich verwertbare Ergebnisse. Finanziell weniger lukrativen Forschungsprojekten streichen die Industriecontroller schnell das Budget zusammen.

Auch bei gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen entstehen neue Jobs für Wanderer zwischen den Welten, die mit ihrem medizinischen und kaufmännischen Sachverstand helfen, die Leistungen zu verbessern. Die Allianz-Versicherung beschäftigt beispielsweise Fachärzte in ihrem Call-Center, die den Rücktransport organisieren, wenn Kunden im Ausland vom Nilpferd gebissen werden oder in Südamerika vom Hotelbalkon fallen. Und sogenannte Case- oder Disease-Manager, kümmern sich darum, dass Versicherte mit besonders schweren oder chronischen Krankheiten effizient behandelt werden.

Darüber hinaus gibt es gesundheitspolitische Referenten, die Diskussionspapiere verfassen, Gesetzesentwürfe analysieren und Unternehmensstrategien entwerfen. Rund 40 Universitäten bieten Weiterbildungsstudiengänge in Gesundheitsökonomie, Krankenhaus- und Gesundheitsmanagement an. Auch Christoph Oberlinner hat an der Universität Bonn berufsbegleitend seinen Master of Public Health erworben. Danach war der promovierte Mediziner Internist in einem Kreiskrankenhaus. Seit 2004 arbeitet der 34-Jährige bei BASF, organisiert heute gemeinsam mit seinen Kollegen weltweite Gesundheitskampagnen und motiviert die Belegschaft des Chemie-Multis zum Abspecken oder Nichtrauchen.

Der Betriebsarzt ist außerdem für Routine-Untersuchungen und Notfälle zuständig. Nebenbei betreut er Nachwuchsmediziner, die sich bei BASF zum Facharzt für Arbeitsmedizin weiterbilden. Zwei- bis dreimal im Monat schiebt er sogar Nachtdienst. "Da ist aber längst nicht so viel los wie im Krankenhaus", sagt er.

Fachkräftemangel und demografischer Wandel rücken das Thema betriebliches Gesundheitsmanagement zunehmend ins Blickfeld von Firmenchefs. Laut einer aktuellen Umfrage der Personal- und Unternehmensberatung Mercer hat jedes zweite von 800 befragten europäischen Unternehmen 2007 mehr in die Gesundheit der Mitarbeiter investiert als im Jahr zuvor. Und drei von vier Personalverantwortlichen rechnen mit weiter steigenden Ausgaben.

Christoph Oberlinner ist sich sicher, dass sich seine Arbeit, Krankheiten vorzubeugen, auszahlt, und zwar nicht nur für BASF, sondern auch für die Allgemeinheit. "In Großunternehmen gilt das Gesetz der großen Zahl. Ich erreiche hier jede Menge Männer in den besten Jahren. Die gehen normalerweise erst dann zum Arzt, wenn es schon längst zu spät ist." Seine Kollegen in den Praxen und Kliniken können dagegen nur reagieren, aber nicht agieren.

Abenteuer Ausland

Zahlreiche Hilfsorganisationen beschäftigen deutsche Ärzte. Meistens zahlen sie eine Aufwandsentschädigung, wer nur wenige Wochen bleibt, trägt die Reisekosten in der Regel selbst. Einige Organisationen bieten auch feste Stellen mit Gehalt an. Neben sehr gutem Englisch wird Berufserfahrung erwartet, vorzugsweise in Allgemeinmedizin, Frauen- oder Kinderheilkunde.

Ärzte der Welt: der deutsche Ableger der französischen Organisation Médecins du Monde. Einsätze ab fünf Monate, außerdem zirka 30 Stellen pro Jahr mit festem Gehalt. Info: www.aerztederwelt.org

Ärzte für die Dritte Welt: unentgeltlicher Einsatz von sechs Wochen, mindestens die Hälfte der Reisekosten ist selbst zu tragen. Info: www.aerzte-dritte-welt.de

Ärzte ohne Grenzen: Einsätze von sechs bis zwölf Monaten, erstattet Versicherungen und Reisekosten. Info: www.aerzte-ohne-grenzen.de

Humedica: ein- oder mehrwöchige unbezahlte Einsätze in Krisengebieten für Ärzte und Medizinstudenten. Info: www.humedica.org

Merlin: Die britische Hilfsorganisation vermittelt befristete Einsätze für Berufserfahrene. Gehalt je nach Qualifikation und Aufgabe. Info: www.merlin.org.uk

Royal Flying Doctors: Australische Organisation für die medizinische Versorgung im Outback, Festanstellung mit Gehalt; Praktika für Studenten möglich. Info: www.flyingdoctor.net

Kampf den Killern Viren im Visier: Lars Niederstadt entwickelt Schnelltests für biologische Kampfstoffe.

Trockenmilch? - Puderzucker? Oder etwa doch gefriergetrocknete, tödliche Viren? Falls aus einem Brief ans Kanzleramt oder einer herrenlosen Tasche auf dem Frankfurter Flughafen weißes Pulver rieselt, sollte diese Frage besser schnell und richtig beantwortet werden. Das Problem: "Die Sicherheitskräfte vor Ort haben in der Regel weder ein Labor noch eine wissenschaftliche Ausbildung", erklärt Lars Niederstadt. Bis verdächtige Substanzen eingeschickt und von Experten analysiert worden sind, drohen zwei bis drei Tage Angst und Chaos.

Damit künftig auch Laien hochinfektiöse Viren wie Ebola oder Botulinum-Toxin sofort identifizieren können, entwickelt der 28-jährige Molekularbiologe in seiner Promotion ein Verfahren zur Schnelldiagnose. Niederstadt arbeitet im Zentrum für Biologische Sicherheit (ZBS) am Robert- Koch-Institut. Die Kernaufgaben des staatlichen Gesundheitsinstituts in Berlin: Epidemien erkennen, verhüten oder bekämpfen.

Wer sich beim ZBS bewirbt, wird detailliert überprüft. Bevor der Doktorand antreten durfte, musste Lars Niederstadt einen lückenlosen Aufenthaltsnachweis der letzten vier Jahre vorlegen. Sein Arbeitgeber wollte sichergehen, dass er kein Land mit einer aktiven Terrorszene bereist hat. Auch beim Umgang mit infektiösen Proben ist größte Sicherheit geboten. Das "Marshmellow-Kostüm" - die weißen Ganzkörper-Schutzanzüge für die Arbeit im Hochsicherheitslabor - hat der junge Virenforscher aber noch nicht anziehen müssen. "Bisher arbeite ich zum Glück nicht mit intakten Viren, sondern mit künstlich hergestellten Bruchstücken, an denen man sich nicht infizieren kann."

Sein Studium der Biologie an der FU Berlin und im australischen Perth hat der Sohn eines Mediziner-Ehepaars bewusst auf eine Tätigkeit als Virenexperte ausgerichtet und 2007 bereits seine Diplomarbeit über humane Herpesviren am Robert-Koch-Institut geschrieben. "Medizin hat mich schon immer interessiert, aber den Arbeitsalltag als Arzt finde ich eher abschreckend."

Hello Dolly - Johannes Boltze erforscht an Schafen eine Therapie fürSchlaganfallpatienten

Den Spruch vom dummen Schaf lässt Johannes Boltze nicht gelten. "Schafe sind ursprünglich Steppenbewohner. Viel fressen, sich wenig bewegen und kaum auffallen, das ist kein Zeichen von Dummheit, sondern ihre optimale Überlebensstrategie", sagt er. In den letzten Jahren hat der promovierte Humanmediziner eine Menge über seine Versuchstiere gelernt.

Am Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig arbeitet der 31-Jährige an einer neuen Therapie, bei der Patentien nach einem Schlaganfall Stammzellen verabreicht werden sollen. Zwar ist es heute noch nicht möglich, mittels Stammzellen zerstörtes Hirngewebe nachwachsen zu lassen. Doch die rechtzeitige Gabe bis zu 24 Stunden nach dem Schlaganfall scheint zumindest das bislang unvermeidliche Absterben weiterer Hirnregionen zu verhindern. Und sie hilft den überlebenden Zellen, ausgefallene Funktionen zu übernehmen.

Nach ermutigenden Tests mit Zellkulturen und an Ratten wird die Therapie derzeit an Schafen erprobt. "Schafe sind billiger und leichter zu beschaffen als beispielsweise Affen. Und sie können trotz der Versuche ein vergleichsweise normales Leben auf der Weide führen", erklärt Boltze. Sie überleben länger, und der Stammzellexperte kann seine Tiere langfristig beobachten. Das ist in der medizinischen Forschung wichtig. In den kommenden Jahren sollen die ersten klinischen Studien mit Menschen beginnen.

Bereits während seines Studiums an der Universität Leipzig und für seine Promotion am Institut für Klinische Immunologie und Transfusionsmedizin befasste sich der junge Mediziner mit dem Einsatz von Stammzellen in der Schlaganfalltherapie. Nach seinem Examen im Mai 2006 holte ihn sein Professor ans IZI. Inzwischen ist er vom wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Leiter einer Forschungsgruppe mit 20 Studenten, Doktoranden und festangestellten Wissenschaftlern aufgestiegen.

Seine Schafe operiert Johannes Boltze zwar noch selbst, ansonsten ist er aber oft mit Anzug und Krawatte unterwegs, um bei öffentlichen und privaten Auftraggebern lukrative Forschungsprojekte zu akquirieren. "Wir kriegen das Geld hier nicht auf dem Silbertablett serviert, sondern müssen uns selbst finanzieren."

Damit wegen des Managements, der Budgetplanung und dem Controlling die Wissenschaft nicht zu kurz kommt, arbeitet der Forscher derzeit an seiner zweiten Promotion an der Universität Leipzig. Die möchte er möglichst bald mit einem naturwissenschaftlichen Doktorgrad abschließen. Das interdisziplinäre Zusatzstudium ist individuell auf ihn zugeschnitten und umfasst vor allem neurobiologische und pharmazeutische Inhalte.

Mittelfristig reizt ihn aber auch der Facharzttitel für Neurochirurgie: "Ich kann mir gut vorstellen, klinisch zu arbeiten. Allerdings muss noch Raum für die Forschung bleiben, und das ist in Deutschland leider nicht so einfach", sagt Boltze. Für seine Schafe heißt es deshalb vielleicht in zwei oder drei Jahren: "Goodbye Dolly".

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