MBA-Coaching Stärken und Schwächen des Egos erkennen

Coaching spielt an Wirtschaftshochschulen eine immer größere Rolle – auch wegen der Finanzkrise.

Lenz Jacobsen | , aktualisiert


Foto: European School of Management & Technology (ESMT)

Klare und persönliche Ansprachen

Katharina Wagner war kaum ein paar Tage an ihrer neuen Schule, da tauchte plötzlich dieser amerikanische Coach auf. In der Einführungswoche gewöhnte sie sich gerade an die Mitstudenten, mit denen sie die nächsten Monate an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz verbringen sollte.

Der Coach setzte sich in den Kursen einfach dazu, beobachtete die Studenten, die gerade in ihr MBA-Programm starteten. Und dann redete er mit ihnen. Über die Verhaltensweisen der Einzelnen, über ihre Stärken und Schwächen.

Nicht nur an der WHU ist Coaching nicht mehr aus den MBA-Programmen wegzudenken – weltweit ist es Trend, den Management-Nachwuchs professionell bei der Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. „Wer ein Unternehmen führen will, muss auch bereit sein, an sich selbst zu arbeiten“, sagt Jürgen Weigand, der als Professor die Coaching-Aktivitäten an der WHU mitaufgebaut hat. „Ich muss meine eigenen Stärken und Schwächen ganz genau kennen, damit ich sie optimal einsetzen kann“, sagt er.

In Katharina Wagners Klasse kam der Coach immer wieder, machte später auch Einzelberatungen mit den Studenten, besprach ganz persönliche Dinge. „Manche Dinge waren eigentlich ganz banal“, erinnert sich Wagner, „zum Beispiel, dass wir uns gegenseitig besser zuhören müssen, oder zur Not fünfmal rumfragen müssen, ob wir gerade überhaupt alle am gleichen Ziel arbeiten“.

Blinder Fleck in MBA-Programmen

Grund für den Coaching-Boom sind die Erfahrungen der Finanzkrise: „Die ethischen Verfehlungen einiger Manager haben deutlich gemacht, dass es da einen blinden Fleck in den MBA-Programmen gibt“, sagt Sim B. Sitkin. Direktor des Center on Leadership and Ethics an der Fuqua School of Business der Duke University. „Die heroische Vorstellung von einer Person, die alles weiß und alles kann, ist kontraproduktiv“, sagt er.

Moralische Erziehung wollen weder Sitkin noch sein deutscher Kollege Weigand betreiben. „Wir geben keinen kategorischen Imperativ vor“, sagt der WHU-Professor, „die Studenten sollen sich erst einmal die Leitplanken ihres eigenen Handelns bewusst machen.“

In der Praxis setzt die WHU, aber auch andere Business-Schools wie die European School of Management and Technology (ESMT) und erst recht die amerikanischen Vorbilder wie die Fuqua School of Business, auf eine ganze Bandbreite von Coaching-Aktivitäten.


Foto: European School of Management & Technology (ESMT)

Ein bisschen "Feuerstuhl"-Feeling

Zentral ist das 360-Grad-Feedback, das vor allem im Executive-Bereich, also bei der Weiterbildung von Führungskräften, schon fast Standard ist. Der Student bekommt detaillierte Rückmeldungen über sein Verhalten von den Dozenten, den anderen Mitgliedern seiner Gruppe, eventuellen Externen, mit denen er zu tun hatte.

Das verlangt den Teilnehmern einiges ab: Sie müssen einerseits ertragen, dass andere sie persönlich beurteilen, andererseits selbst konstruktive Kritik üben. Im Exekutive-MBA-Bereich ist das kein Problem. „Die Führungskräfte sind Coaching aus ihren Unternehmen schon gewöhnt“, hat Konstantin Korotov beobachtet, der am ESMT das Center for Leadership Development Research leitet. Und auch sein Kollege Weigand weiß: „Die verlangen geradezu nach Coaching. Die kommen ja zu uns, um sich ganz gezielt weiterzuentwickeln.“
 
So wie jener Manager, der am ESMT in einer Gruppensitzung von seiner Überarbeitung erzählte. Nachdem er 14 Stunden am Tag arbeitete, kontrollierte er die Arbeit seines Teams noch dreimal nach. „Und wie viele Fehler haben Sie in den letzten Jahren entdeckt?“, fragte ihn ein Mitstudent. Da schwieg der Manager und gestand schließlich ein: keinen.

Nicht alle Studenten ziehen mit

Mittlerweile hat der Beratungs-Trend die normalen MBA-Programme erreicht, wie nicht nur die Erfahrungen von Katharina Wagner zeigen. Wie sehr es dabei auch um psychologische Fragen geht, hängt vom Einzelfall ab. Denn nicht alle Studenten sind dafür offen.

„Einige meiner Kommilitonen konnten mit den Coaching-Angeboten nichts anfangen“, erinnert sich Wagner. Während „vor allem asiatische Studenten sehr sehr aufgeschlossen sind, sind die Deutschen eher skeptisch“, hat auch Weigand beobachtet. Sie wollen vor allem Wissen für ihre Karriere ansammeln, Persönlichkeitsberatung scheint ihnen überflüssig. „Aber nach einer gewissen Zeit merken auch sie wie viel ihnen das bringt“, sagt Weigand.
 
Katharina Wagner hat mit Hilfe des Coachings gelernt, mit ihrer Impulsivität besser umzugehen. „Der Coach hat mir gesagt, dass ich das nicht als Problem, sondern als Fähigkeit sehen soll“, erinnert sie sich. Wagner, die in diesem Jahr ihren Abschluss gemacht hat, arbeitet jetzt bei Amazon. Coachen lässt sie sich weiterhin, von einem guten Freund, der das beruflich macht. „Ich will darauf nicht mehr verzichten“, sagt sie.

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