Maschinenbau Ingenieure tüfteln an der Zukunft

Die Krise trifft auch den Maschinenbau hart. Schätzungen zufolge werden die knapp 6000 Maschinenbau-Unternehmen in Deutschland im Jahr 2009 etwa 20 Prozent weniger produzieren als im Vorjahr. Warum trotzdem Nachwuchs gesucht wird.

Kirstin von Elm | , aktualisiert

Mercedes, Porsche, Ferrari - diese Vergleiche fallen dauernd, wenn ambitionierte Heimwerker von ihrem Hilti-Bohrhammer schwärmen. Zur Freude von Franz Mößnang. Denn der 30-jährige Maschinenbau-Ingenieur entwickelt im bayerischen Kaufering die leuchtend roten Profi-Werkzeuge. "Ein neuer Bohrhammer ist zwar nicht so komplex wie ein neues Auto, trotzdem bietet mein Job genügend Herausforderungen", sagt Mößnang, der seit dreieinhalb Jahren beim Liechtensteiner Konzern mit weltweit über 20000 Mitarbeitern arbeitet. Rund 1000 weitere Ingenieure und Facharbeiter entwickeln und produzieren 60 Kilometer westlich von München mit ihm Bohrhämmer, Antriebe und Motoren. "Mein Vater ist Bau-Ingenieur, deswegen kannte ich die Produkte schon als Junge", erzählt Franz Mößnang, der noch dazu gleich um die Ecke des zweitgrößten Hilti-Standortes aufgewachsen ist.

Direkt nach seinem Studium an der TU München stieg Mößnang im Frühjahr in die Serienentwicklung des TE 80 ein. So heißt der wuchtige Kombi-Hammer für die härteren Jobs auf der Baustelle. Als Erstes trieb der Nachwuchsingenieur dem Gerät sein allzu heftiges Vibrieren aus, damit das Zehn-Kilo-Teil Bauarbeitern beim Bohren und Meißeln nicht aus der Hand fliegt. "Ähnlich wie bei Autos geht es auch bei unseren Werkzeugen darum, immer mehr Leistung mit immer weniger Gewicht und Energieverbrauch oder mehr Sicherheit und Komfort zu erzielen", sagt Mößnang.

Besonders gut gefällt ihm, dass er bei Hilti nicht auf die reine Serienentwicklung festgelegt ist, sondern auch an neuen Produkten mit entwickeln kann - angefangen von der ersten Computerskizze über die Prototypen-Konstruktion bis hin zu Funktionstests. Anschließend wird das Gerät dann für die Serienproduktion optimiert. Auch das hat seinen Reiz: "In Serienprojekten ist der Termin- und Kostendruck zwar höher, dafür hält man am Ende ein fertiges Produkt in den Händen, das jeder kaufen kann", sagt Franz Mößnang. In Kürze wird die Vertriebsmannschaft mit Mößnangs jüngstem Baby -einem neuartigen Kombi-Bohrhammer - ausschwärmen. Die äußerst kostspieligen Werkzeuge gibt es nämlich nicht im Baumarkt um die Ecke.

Um die hohen Preise für die Premiumprodukte durchzusetzen, vertreibt der Hersteller sie über ein weltumspannendes Netz technisch versierter Verkaufsberater. Allein in Deutschland reisen derzeit rund 1100 Außendienstler von Baustelle zu Baustelle, darunter auch viele Ingenieure. Philip Janssen, der für Deutschland zuständige Personalmanager, möchte seine Verkaufstruppe auch im nächsten Jahr weiter aufstocken, denn dank staatlicher Konjunkturpakete gibt es zumindest auf deutschen Baustellen für Hilti noch genug zu bohren. Insgesamt sind in Deutschland ungefähr 50 Positionen jährlich zu besetzen, auch wenn der Werkzeughersteller genau wie viele andere Maschinenbau-Unternehmen derzeit Kurzarbeit fährt.

Erstes Minus nach fünf Jahren Wachstum

Kaum eine andere deutsche Industriebranche hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise so hart getroffen, wie den exportabhängigen Maschinenbau. Glaubt man den Schätzungen des Verbandes Deutscher Anlagen- und Maschinenbau (VDMA) in Frankfurt werden die rund 5 900 deutschen Maschinenbau-Unternehmen 2009 rund 20 Prozent weniger als im Vorjahr produzieren. Das ist das erste Minus nach fünf Jahren Wachstum. Um Entlassungen zu vermeiden, schickt die Branche ihre Leute wie Hilti in Kurzarbeit. Von Januar 2008 bis März 2009 ist die Zahl der Kurzarbeiter von überschaubaren 1000 auf 158000 explodiert. Zusätzlich haben bereits 18000 Menschen ihren Job verloren. Und der VDMA befürchtet, dass bis Jahresende noch weitere 42000 folgen.

Allerdings sind arbeitslose MaschinenbauIngenieure noch immer selten: Mitte 2009 hatten gerade mal knapp 5500 Maschinenbauer mit Hochschulabschluss keinen Job. Das sind zwar rund 1400 mehr als noch im Sommer 2008. Dennoch liegt ihre Arbeitslosenquote nach wie vor unter vier Prozent, und entspricht praktisch Vollbeschäftigung. Und das dürfte auch so bleiben: "Trotz starker Auftragseinbußen braucht die Branche weiterhin gut qualifizierte Ingenieure", sagt Willi Fuchs vom Verband Deutscher Ingenieure (VDI) in Berlin. Schon allein aus demografischen Gründen: "Heute haben wir mehr Maschinenbau-Ingenieure über 50 Jahre als junge unter 35", rechnet der VDI-Direktor vor. Vor zehn Jahren war das Verhältnis noch umgekehrt.

Viele Arbeitgeber fürchten nun, dass die Krisenmeldungen der Branche Studenten von einem anspruchsvollen Maschinenbau-Studium abschreckt. Und dass somit, wenn in Zukunft die Konjunktur anzieht, der steigende Personalbedarf auf weniger Absolventen trifft - der sogenannte Schweinezyklus. Viele Stellen könnten dann unbesetzt bleiben. Denn auch wenn die vielzitierte Ingenieurlücke im Maschinenbau gerade etwas schrumpft, übersteigt die Zahl der beim Arbeitsamt gemeldeten freien Stellen noch immer die Zahl verfügbarer Kandidaten. Der VDI hat errechnet, dass im Juli 2009 rund 14200 Maschinenbauer fehlten. Fast jede zweite offene Ingenieurstelle entfällt noch immer auf das Fach Maschinenbau.

Wer es sich als Arbeitgeber noch leisten kann, deckt sich deshalb weiterhin mit Nachwuchs von der Uni ein. So zum Beispiel große Ingenieurdienstleister oder Technologieberatungen. "Die Unternehmen haben definitiv aus der letzten Konjunkturkrise in 2002 gelernt und stellen qualifizierte Absolventen auch jetzt noch ein", bestätigt Sörge Drosten. Er ist Partner bei der Personalberatung Kienbaum in Düsseldorf. Wer nicht rechtzeitig zugreift, reißt ein gefährliches Loch in sein Entwicklungsteam. Denn ihre Forschungsbudgets haben die deutschen Maschinenbau-Unternehmen nach Umfragen des Stifterverbandes in den letzten sechs Jahren kontinuierlich weiter hochgefahren - auf fast sechs Milliarden Euro im Jahr 2009.

Gespart wird in der Verwaltung und im Service

Dieser Forschungseifer spiegelt sich in den Jobangeboten wider: Unternehmen suchten laut einer Stellenmarktanalyse des Personaldienstleisters Adecco von Januar bis Juli 2009 allein über 1000 Maschinenbau-Ingenieure als Planer oder Projektmanager. Nahezu jede zweite Stelle entfällt damit auf den Bereich Entwicklung und Konstruktion. Gespart wird derzeit eher am Personal für Verwaltung, Kundenservice oder Qualitätskontrolle. So vielfältig wie moderne Maschinen sind auch die aktuellen Entwicklungsaufgaben für Maschinenbauer. Das Spektrum reicht von filigranen OP-Werkzeugen in der Medizintechnik bis hin zu XXL-Windrädern für den Küstenbetrieb.

Bestens gerüstet für einen Entwicklerjob sind Absolventen mit Schnittstellenwissen, die in interdisziplinären Teams mit Experten anderer Fachrichtungen zusammenarbeiten können - zum Beispiel mit Medizinern, Chemikern, Psychologen, Betriebswirten oder Informatikern. Immer mehr Hochschulen bieten inzwischen an, klassischen Maschinenbau-Stoff mit anderen Wissenschaften zu verknüpfen. So hat beispielsweise die Hochschule Bremen zum Sommersemester 2008 einen konsekutiven Master-Studiengang in Bionik eingeführt, der Inhalte aus der Evolutionsbiologie und den Ingenieurwissenschaften verbindet und Absolventen beider Fachrichtungen offen steht. Bionik-Experten entwickeln technische Innovationen nach dem Vorbild der Natur, zum Beispiel Schiffe mit Flossenantrieb oder Muskeln und Gelenke für Roboter.

Die industrielle Verarbeitung innovativer High-Tech-Materialien erfordert dagegen Kenntnisse sowohl aus der Chemie als auch des Maschinenbaus und wird in Studiengängen wie Werkstoff- oder Materialwissenschaften behandelt. Immer mehr Universitäten verleihen inzwischen eigenständige Abschlüsse in diesem Fachgebiet. Branchenspezifische Spezialisierungen wie Umwelt-, Gesundheits-, Energie- oder Gebäudetechnik bieten wiederum die Fachhochschulen verstärkt als Alternative zum reinrassigen Maschinenbaustudium an. In Deutschland bisher noch selten zu finden sind dagegen Studienangebote, die psychologische Aspekte wie Bedienungskomfort und -sicherheit bereits bei der Entwicklung von Maschinen und technischen Produkten berücksichtigen.

Lisa Stroux aus Heidelberg hat sich deshalb für ein Auslandsstudium in Industrial Design Engineering in Delft und London entschieden. "Ich wollte etwas Technisches studieren, das aber den künftigen Nutzer in den Blickpunkt der Entwicklung stellt", sagt sie. In ihren Entwicklungsprojekten wird ebenfalls der Mensch im Mittelpunkt stehen. Als Stipendiatin eines internationalen Management-Nachwuchsprogramms wird Lisa Stroux ab 2010 für eine internationale Hilfsorganisation vor Ort Medizintechnik für Menschen der Dritten Welt entwerfen.

Am Arbeitsplatz von Daniel Wolff menschelt es dagegen so gar nicht. Hier zählen vor allem IT-Kenntnisse. Der 32-jährige Maschinenbau-Ingenieur hat zwar während seines Studiums an der TU Chemnitz unter anderem Ergonomie und Arbeitswissenschaften als Schwerpunkt gewählt. In seinen aktuellen Projekten geht es aber um industrielle Großserienproduktionen: "Daran sind nur wenige Menschen beteiligt", sagt er. Seit fünf Jahren arbeitet Wolff bei der InPro Innovationsgesellschaft in Berlin. Diese Technologieberatung entwickelt Produktionssysteme für ihre Gesellschafter BASF, Siemens, ThyssenKrupp, Daimler und Volkswagen und beschäftigt rund 60 Ingenieure und Informatiker. Für frische Ideen sorgen außerdem laufend rund 30 Werkstudenten, Diplomanden und Doktoranden im Haus sowie ein jährlich ausgelobter Preis für innovative Studienarbeiten mit Bezug zur Produktionstechnik.

Enge Zusammenarbeit mit IT-Profis

Daniel Wolffs wichtigstes Arbeitswerkzeug ist der PC. Mit seinem Computer simuliert er komplette Produktionsanlagen, um herauszufinden, ob und wie seine Auftraggeber aus der Großindustrie ihre Fabriken effizienter betreiben können. Um komplexe Produktionsabläufe zu verbessern, muss Wolff Unmengen von Daten beschaffen und an den Rechenknecht verfüttern, beispielsweise wann und wo genau welche Teile in welcher Stückzahl und in welchen Behältern angeliefert werden. "So liefere ich digital den Nachweis, ob ein neues Produktionskonzept funktioniert oder nicht", sagt Daniel Wolff. Dazu muss er eng mit IT-Profis zusammenarbeiten, die nach seinen Vorgaben aufwendige Programme schreiben. Eine Menge IT-Wissen hat er beim Berufsstart schon mitgebracht. Sein Studium in Chemnitz bezeichnet er als IT-lastig und auch seine Diplomarbeit passt zu seinem heutigen Job: Für Siemens VDO hat er sich 2003 damit befasst, wie sich in der Logistik Zeit und Kosten sparen lassen.

Anschließend arbeitete Wolff ein Jahr lang an einem Forschungsprojekt von VW. Er half mit, die Serienproduktion des neuen Golf-III digital durchzuplanen. Darüber entstand auch der Kontakt zu InPro, wo Wolff dann im Oktober 2004 direkt einstieg. Hier gefallen ihm besonders die flachen Hierarchien und kurzen Entscheidungswege eines kleineren Unternehmens, verbunden mit Einblick in und Aufgabenstellungen aus großen Konzernen. In seinen Projekten arbeitet er eng mit Kollegen aus dem InPro-Gesellschafterkreis zusammen. Der junge Ingenieur könnte sich gut vorstellen, selbst in Zukunft als Projektmanager in die Produktionsabteilung eines seiner heutigen Kunden zu wechseln. "Solcher Kompetenzaustausch ist sogar erklärtes Firmenziel", sagt er.

Wer kein Sprungbrett, sondern einen abwechslungsreichen Job mit Perspektive sucht, der entscheidet sich besser für ein mittelständisches Unternehmen - die den deutschen Maschinenbau ohnehin dominieren. Nur 1,5 Prozent aller Maschinenbauer hierzulande beschäftigen mehr als 1000 Mitarbeiter. Dennoch "verbinden viele Bewerber Jobsicherheit eher mit großen Konzernen. Dabei sind gerade kleinere Unternehmen darauf angewiesen, ihre Fachkräfte auch in schwierigen Zeiten zu halten", sagt Simone Hofer vom VDMA. Sie hilft mittelständischen Maschinenbau-Unternehmen bei ihrer oft schwierigen Suche nach Fachkräften.

Grund für die größere Treue der kleineren Arbeitgeber zu ihren Beschäftigten: Sie haben - anders als Konzerne - keine Nachwuchstalente für den nächsten Aufschwung in der Hinterhand. Weltbekannte Marken wie Airbus, BMW, Daimler, Eon, Robert Bosch oder Siemens können jederzeit aus einem großen Bewerberpool wählen, während die meisten Mittelständler mit Stellenanzeigen eher ernüchternde Erfahrungen haben. "Für uns lohnt es kaum, Jobs in der Regionalzeitung zu inserieren", klagt Bert Paul, für Personalfragen zuständiges Mitglied der Geschäftsleitung bei Cedima im nur 30 Kilometer von der niedersächsischen Landeshauptstadt entfernten Celle. Das mittelständische Unternehmen mit rund 270 Mitarbeitern produziert Diamantwerkzeuge wie Bohrer, Sägen und Schneidewerkzeuge, mit denen Straßen und Tunnel gebaut werden. "In Fachkreisen haben unsere Produkte einen guten Ruf, aber die wenigsten Absolventen kennen unsere Marke", sagt der Manager.

Im Mittelstand muss Verantwortung übernommen werden

Eine Visitenkarte, auf der Airbus oder VW stehe, sei für viele Bewerber schicker, auch wenn die Arbeit dort keineswegs interessanter sein muss. In großen Konzernen herrsche Spezialistentum vor: "Als Entwickler liefern sie da ihr Teil ab und sehen es dann nie wieder", so Paul. Bei einem Mittelständler seien dagegen Generalisten gefragt, die schnell Verantwortung übernehmen und ihre Ideen in die Tat umsetzen wollen. Absolventen rät Personalmanager Paul, sich in den ersten Berufsjahren etwas breiter aufzustellen. Wer zum Beispiel jahrelang nur Tankklappen für ein bestimmtes Automodell entwickelt habe, sei für eine komplexe Aufgabe wie den Sondermaschinenbau kaum noch zu gebrauchen. Obwohl Paul nicht in Bewerbungen ertrinkt, weist er solche Kandidaten ab. Um interessantere Bewerber zum Gespräch zu locken, setzt Cedima wie viele andere Mittelständler vor allem auf Hochschulkontakte und die firmeneigene Stellenbörse auf der Website. Aktuell sind dort Ingenieurstellen ausgeschrieben.

Wer sich für einen Job bei einem Mittelständler interessiert, solle am besten im Internet recherchieren, welche Firmen auf dem gewünschten Gebiet aktiv sind, rät auch VDMA-Recruiting-Expertin Simone Hofer. Initiativbewerbungen seien selbst in der Krise willkommen. "Wenn jemand wie die Faust aufs Auge passt, würde ich die Gelegenheit, ihn einzustellen, auf keinen Fall verstreichen lassen", bestätigt Bert Paul. Ziehe die Auftragslage wieder an, sei es im personell eher knapp besetzten Mittelstand umso schwerer, neue Mitarbeiter gründlich einzuarbeiten.

Zusätzlich präsentiert sich Cedima Arbeitssuchenden deshalb online auf einem neuen Jobportal namens headzoom.com. Die Idee von Gründer und Personalberater Thomas Reichel dahinter: Ähnlich wie im Vorstellungsgespräch sollten sich Bewerber vorab ein persönliches Bild von ihren künftigen Vorgesetzten machen können. Bei headzoom.com stellen sich deshalb die Personalentscheider in Videoclips vor. Dabei reden viele allerdings munter drauflos - was manchmal etwas unbeholfen wirkt. Doch wenn zum Beispiel ein Firmenchef Ingenieurinnen damit in die Provinz locken will, dass sie angesichts der niedrigen Grundstückspreise ihr Pferd im eigenen Garten halten können, ist das immerhin eine nette Abwechslung zum Einheitsvokabular klassischer Jobofferten. Insgesamt sind allerdings gerade mal eine Hand voll Firmen bei dem neuen Online-Service vertreten.

Gehaltskluft zwischen Großkonzern und Mittelstand

Auch wenn die Jobs reizvoll und die Arbeitsplätze relativ sicher sind: Zumindest für Berufserfahrene hat der Wechsel zu einem Mittelständler einen finanziellen Haken. Ob eine Firma weniger als 100 oder über 1000 Mitarbeiter beschäftigt, macht nach Angaben der Hamburger Vergütungsberatung Personalmarkt für Maschinenbau-Ingenieure vom Start weg fast 10000 Euro Unterschied beim Jahreseinkommen aus. Auch wenn sich viele Mittelständler bemühen, zumindest bei Gehältern für Berufseinsteiger mit Großunternehmen mitzuhalten, klafft von Berufsjahr zu Berufsjahr die Gehaltsschere weiter auseinander. "Einen 30-jährigen Maschinenbau-Ingenieur, der mehr als drei Jahre in einem Konzern gearbeitet hat, können wir uns nicht mehr leisten", sagt Cedima-Personalchef Bert Paul.

Da der Maschinenbau von mittelständischen Unternehmen geprägt wird, können Maschinenbau-Ingenieure außerhalb der eigenen Branche deutlich mehr verdienen. Fahrzeugbau, Luft- und Raumfahrt, Energiewirtschaft oder auch die Chip-Industrie, die jeweils von wenigen Multis dominiert werden, bezahlen laut Personalmarkt bereits Einsteigern überdurchschnittliche Gehälter. Zu den Schlusslichtern beim Verdienst gehören dagegen Ingenieurbüros und Forschungsinstitute.

Mit zunehmender Unternehmensgröße steigt zudem die Bereitschaft, eine anspruchsvolle akademische Ausbildung auch zu honorieren. Auswertungen des VDI zeigen, dass ein Maschinenbau-Ingenieur mit Doktortitel beispielsweise in der Forschungsabteilung eines großen Konzerns rund 12000 Euro mehr verlangen kann als mit einem einfachen Universitätsabschluss. Das Studium an der FH oder an der Berufsakademie spart zwar in der Regel zwei bis drei Semester Paukerei, wird dafür aber mit knapp 39000 Euro Einstiegsgehalt auch nur unterdurchschnittlich vergütet.

Und während die meisten Arbeitgeber beim Gehalt den neuen Master mittlerweile wie das traditionelle Diplom bewerten, ist ihnen ein Bachelor nach Angaben des VDI beim Berufsstart schon bis zu zehn Prozent weniger wert. Vor zwei Jahren betrug dieser Gehaltsunterschied laut VDI nur verschmerzbare zwei Prozent. Wer wie Hilti-Entwickler Franz Mößnang oder InPro-Planer Daniel Wolff direkt als Projekt-Ingenieur einsteigt, verdient in der Regel deutlich mehr als ein Trainee. Mit durchschnittlich 37800 Euro Jahresverdienst bilden Trainees das Schlusslicht auf der Ingenieurgehaltsskala.

Sebastian Becker hat sich trotzdem dafür entschieden. Nach seinem FH-Studium an der Hochschule Rhein-Main in Rüsselsheim startete er im August 2008 das Programm beim Industriedienstleister Bilfinger Berger Industrial Services (BIS) mit Sitz in München. Die Tochter des Baukonzerns Bilfinger Berger beschäftigt weltweit 22000 Mitarbeiter, die für Kunden Kraftwerke, Fabriken und Raffinerien warten und betreuen. Dazu braucht es Ingenieure, die nicht nur etwas von Turbinen, Pumpen oder Motoren verstehen, sondern auch von Betriebswirtschaft und Mitarbeiterführung. In wenigen Wochen wird der 26-jährige Becker sein Traineeprogramm abschließen und bereits die erste Leitungsposition übernehmen - für ihn persönlich geht die Kosten-Nutzen-Rechnung also mit Sicherheit auf.

Porträts

Technische Entwicklungshelferin
Lisa Stroux entwickelt Medizingeräte - demnächst in Dritte-Welt-Ländern.

Lisa Stroux sitzt auf gepackten Koffern. Die 28-jährige Maschinenbau-Ingenieurin aus Heidelberg zieht von London nach Genf. Am Imperial College, der Technischen Hochschule in der britischen Hauptstadt, hat die Deutsche in den letzten zwei Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin an Medizintechnik-Produkten geforscht und ein neues OP-Werkzeug mitentwickelt, "mit dem sich Knie- oder Hüftgelenkoperationen mit noch kleineren Schnitten als bisher durchführen lassen." Demnächst will die junge Ingenieurin ihr Know-how nutzen, um die medizintechnische Versorgung in Entwicklungsländern zu verbessern.

In Genf wird Lisa Stroux bis Anfang 2010 zunächst für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeiten, anschließend will sie für die international tätige Hilfsorganisation PATH mit Sitz im amerikanischen Seattle in ein Entwicklungsland gehen und vor Ort Medizingeräte entwickeln. Ihren Lebensunterhalt für diese Pläne sichert ihr in den kommenden 13 Monaten ein Stipendium von monatlich 1250 Euro. Lisa Stroux ist eine von 20 deutschen Hochschulabsolventen jährlich, die in das aktuelle Förderprogramm des Mercator-Kollegs aufgenommen wurden. Das Kolleg mit Sitz in Berlin wird getragen von der Berliner Stiftung Mercator, der Studienstiftung des Deutschen Volkes und dem Auswärtigen Amt. Sein Ziel: Führungsnachwuchs für internationale Organisationen auszubilden.

Bewerber müssen neben guten Noten vor allem Initiative beweisen: "Mein Thema habe ich selbst erarbeitet und mir die passenden Stationen dazu organisiert", sagt Lisa Stroux. Wochenlang recherchierte sie und fragte sich von einem Ansprechpartner zum nächsten durch. Die WHO mit ihrem weltweiten Netzwerk erwies sich dann als optimaler Startpunkt, PATH hat sie ausgewählt, weil sonst kaum eine Hilfsorganisation eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeit vor Ort leistet.

Reichlich internationale Erfahrungen kann die Heidelbergerin schon jetzt vorweisen: Nach dem Abitur ging sie zunächst ein Jahr lang für ein Studienorientierungsprogramm nach London. Diese Einführungskurse bieten viele Hochschulen auf der Insel für Bewerber ohne britischen Schulabschluss an. Dort entschied sie sich als Nächstes für ein Bachelor-Studium an der Technischen Universität in Delft. In den Niederlanden hat sie von 2001 bis 2004 Industrial Design Engineering studiert - eine Kombination aus klassischem Maschinenbau und technischem Design. "Dabei liegt der Fokus stärker auf dem Nutzer der Technik als das normalerweise im Rahmen eines Maschinenbaustudiums vermittelt wird", sagt Lisa Stroux.

Für das Masterstudium ging sie dann allerdings zurück nach London. Bei einem Forschungsprojekt für den Orthopädiespezialisten Depuy, eine Tochter des US-Konzerns Johnson & Johnson, entdeckte sie die Medizintechnik als Berufsfeld für sich. "Ich habe auch mal ein Praktikum in der Entwicklungsabteilung von BenQ gemacht. Danach konnte ich Telefone und Scanner als Einsatzfeld für mich abhaken", sagt Stroux. Von Genf aus wird sie in ein paar Monaten zunächst nach Seattle in die PATH-Zentrale reisen. Welchen Einsatzort die Hilfsorganisation für die Heidelbergerin plant, weiß sie nicht. Ihr Wunschziel? "Ich war noch nie in Südamerika, das würde mich besonders reizen", sagt sie.

Hüter des Maschinen-Fuhrparks
Sebastian Becker vermietet Motoren und Pumpen an Unternehmen.

Eigene Maschinen- und Antriebstechnik anzuschaffen, kostet Fabrik- oder Kraftwerksbetreiber viel Geld. Der Münchener Industriedienstleister Bilfinger Berger Industrial Services (BIS) bietet seinen Kunden deshalb eine wirtschaftliche Alternative, die gerade in Krisenzeiten verstärkt genutzt wird: Statt zum Beispiel teure Motoren oder Pumpen für ihre Produktionsanlagen zu kaufen, können Industrieunternehmen, alles was sich dreht, auch bei der Tochterfirma BIS Prozesstechnik in Frankfurt mieten. "Wir haben einen Pool von 15000 Geräten und liefern, falls etwas kaputt geht, innerhalb von zwei Stunden Ersatz", sagt Sebastian Becker. Der 26-jährige Maschinenbau-Ingenieur organisiert den Verleih der Mietmaschinen.

Der flotte Austausch defekter Teile funktioniert vor allem deshalb, weil die meisten seiner Kunden rund um Beckers Büro im Industriepark-Höchst angesiedelt sind. Neben dem Höchst-Nachfolger Sanofi-Aventis produzieren hier rund 90 weitere Unternehmen aus der Chemie- und Pharmaindustrie mit insgesamt 22000 Mitarbeitern, darunter die Schwergewichte BASF, Merck und Pfizer. Gerade hat Becker ein zeitlich aufwendigeres Projekt für einen Kunden gestemmt. Der junge Ingenieur musste nach einem passenden Ersatz für eine Wasserpumpe suchen, die vom Hersteller nicht mehr gebaut wird. "Ich habe mich zunächst auf dem Markt nach Alternativen umgeschaut und schließlich ein verfügbares Gerät so modifiziert, dass es künftig in der betroffenen Anlage verbaut werden kann", erklärt Becker.

Neben technischen Aufgaben, zum Beispiel dem Bau eines Prototyps, Tests und Prüfläufen der umgebauten Anlage, muss der Maschinenbau-Ingenieur bei solchen Projekten auch wirtschaftliche Fragen klären. Dazu hat er selbst ein Computerprogramm entwickelt, mit dem er die Kosten alternativer Technologien oder Produkte über den gesamten Lebenszyklus von der Anschaffung über den laufenden Betrieb bis zur Demontage vergleichen kann. "Auf meinem Stundenplan ist BWL eher kurz gekommen, aber für meine Diplomarbeit habe ich bereits Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchgeführt", sagt der Absolvent der Hochschule RheinMain, der früheren FH Rüsselsheim.

In Beckers Diplomarbeit ging es darum, die Energiebilanz des Lufthansa Flighttraining Centers zu verbessern. Die aufwendigen Flugsimulatoren der Pilotenschule verbrauchen nämlich Unmengen von Strom. Einen geplanten Erweiterungsbau sollte Becker deshalb von Anfang an sparsamer auslegen. Obwohl er am Automobilbau-Standort Rüsselsheim Maschinenbau studiert hat, kam eine Karriere als hochspezialisierter Entwickler in der Autobranche nicht für ihn infrage. Als Studienschwerpunkt wählte Becker stattdessen Energietechnik und absolvierte das obligatorische Praxissemester bei einem Ingenieurbüro, das Windkraftanlagen plant. "Dabei sitzt man aber sehr viel am Rechner, der Bezug zur Praxis hat mir etwas gefehlt", sagt er.

Bei BIS stimmt jetzt die Mixtur aus angewandtem Ingenieurwissen und Managementaufgaben. Sebastian Becker: "Wirtschaftliche Fragestellungen vor einem technischen Hintergrund zu lösen, liegt mir mehr als das reine Tüfteln." Obwohl er erst ein gutes Jahr bei BIS angestellt ist, wird der Trainee demnächst schon seine erste Führungsposition übernehmen.

Wo er letztlich arbeiten wird, ist zwar noch unklar, fest steht aber schon, dass die Absolventen dieses Trainee-Programms grundsätzlich nach ihren diversen Stationen Führungsverantwortung übertragen bekommen. Als Industriedienstleister bietet BIS vielfältige Aufgaben rund um den Betrieb und die Instandhaltung von Maschinen und Anlagen im In- und Ausland. Sebastian Becker hat seinen Lieblingsbereich jedoch schon entdeckt, sagt er: Er würde dem Mietgerätepool in Frankfurt gerne treu bleiben.

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