Marius Möller "Meine eigene Steuererklärung macht mir keinen Spaß"

Schon seit 20 Jahren arbeitet Marius Möller bei PWC und hat dort von der Pike auf gelernt. Der neue PWC-Personalvorstand über freie Stellen, die Verbindung von Liebe und Steuern und wie er Porsche als beliebtesten Arbeitgeber abhängt.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Glückwunsch, Herr Möller, heute ist Ihr erster Tag als neuer Personalvorstand bei der Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC. Vermutlich haben Sie Ihr neues Büro bezogen und Ihrer Sekretärin gesagt, wie Sie Ihren Kaffee trinken?
Wie ich meinen Kaffee mag, weiß sie schon länger - mit Milch, ohne Zucker. Heute war nämlich auch mein 20-jähriges Dienstjubiläum bei PWC.

Und wie fühlt sich dieser erste Tag an im Vergleich zu Ihrem Einstieg 1989? 
Ich war damals viel nervöser. Heute weiß ich besser, worauf ich mich einlasse.

Klar - nach 20 Jahren bei der gleichen Firma. Ist Ihnen nie langweilig geworden?
Never. Nicht einen Tag! PWC hat sich seit 1989 unglaublich entwickelt. Das ist überhaupt nicht mehr die Firma, für die ich an meinem ersten Tag in der Bibliothek in der Villa am Frankfurter Palmengarten einen Rechercheauftrag zu einer Steuerfrage erledigt habe.

Wieso, solche Zuarbeiten machen Ihre Anfänger doch heute noch?
Ich nenne Ihnen nur ein paar Punkte: Als ich anfing, hatte Price-Waterhouse gerade mal 400 Mitarbeiter in Deutschland, heute sind es 8870. Wir haben den Zusammenschluss mit Coopers & Lybrand erlebt, haben zusätzliche Geschäftszweige bekommen, und natürlich habe ich auch immer wieder neue spannende Aufgaben übernommen.

Ja, vom Assistent zum Vorstand - eine Bilderbuchkarriere. 
Das klingt so negativ. Es ist doch kein Nachteil, sich von der Pike auf in einer Firma zu entwickeln.

Nein, gar nicht. Aber ob das noch zeitgemäß ist - angesichts der Umzugsfreude von Unternehmen an von PWC empfohlene steuerlich günstigere Standorte? Was raten Sie einem Einsteiger, der sich Ihre Karriere erträumt?
Ich würde jedem jungen Menschen angesichts der sich schnell wandelnden Welt raten, keinen solchen Plan zu hegen. Ich habe ihn auch nicht gehabt.

Und mit welcher Taktik haben Sie es dann mit unter 40 auf den Vorstandssessel geschafft?
Den Weg zum Vorstand legt man nur in kleinen Schritten zurück. Meine Maxime war immer ,das Problem lösen und Kunden oder Vorgesetzte begeistern'. Solche Leute werden erkannt und befördert.

Das klingt nach Mantra der Berater. Die Fortsetzung lautet bekanntlich "...alle anderen fliegen raus." Trotz dieser Selektion haben BWL-Studenten PWC gerade zu ihrem beliebtesten Wunscharbeitgeber Europas gekürt. Wie haben Sie es geschafft, Porsche oder L'Oréal auf die Plätze zu verweisen?
Das ist für uns keine Überraschung. Wir waren immer im Top-Bereich. Nur in der Vergangenheit konnten wir mit Unternehmen wie Porsche nicht konkurrieren wegen der Strahlkraft ihrer Marken. Das sieht in der Wirtschaftskrise anders aus.

Ist das schon alles?
Außerdem gewähren wir sehr viel Unterstützung beim Berufseinstieg und bei der beruflichen Weiterbildung bis hin zu den Examina zum Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer. Wir investieren jährlich mehr als 100 Millionen Euro in die Entwicklung unserer Mitarbeiter. Und fangen damit schon bei Studenten an.

Was tun sie zur Imagepflege bei dieser Zielgruppe?
Wir kooperieren mit über 70 Unis, um Zugang zu guten Bewerbern zu haben, bevor sie fertig werden. Wir bieten Praktika, betreuen Diplomarbeiten, laden zu Workshops, in denen Studenten an echten Fällen üben können.

In den vergangenen Jahren haben Sie im Schnitt etwa 1700 Leute pro Jahr eingestellt. Drohen nun Entlassungen?
Nein, wir werden zwar das Ergebnis des Vorjahres nicht erreichen, wollen aber trotzdem unser Mitarbeiterniveau halten und haben aufgrund der natürlichen Fluktuation weiter Personalbedarf.

Wie viele freie Stellen gibt es?
Wir wollen bis Juli 2010 etwa 500 bis 600 junge Akademiker einstellen. Darüber hinaus suchen wir bis hin zur Partnerebene rund 150 weitere berufserfahrene Leute.

Die Fluktuation ist aber doch geringer als die üblichen 15 Prozent - wie gleichen Sie das aus?
Insbesondere durch die Anzahl der Einstellungen und indem wir bei den Berufseinsteigern selektiver vorgehen.

Welche Disziplinen sind Ihnen bei den berufserfahrenen Neuzugängen willkommen?
Wir nehmen sehr gern auch qualifizierte Quereinsteiger, in Einzelfällen vom Architekt bis zum Herzchirurg.

Aber die haben doch gar keine Ahnung von Steuern - wofür setzen Sie die ein?
In unserem nicht-prüfungsnahem Beratungsbereich.

Wächst dieser Bereich noch?
Ja, unsere Kunden brauchen gerade in der Krise Hilfe bei der Überprüfung ihrer Prozesse, um effizienter zu werden. Ein krankenhauserfahrener Mediziner kann dabei zum Beispiel gut Klinikchefs beraten. Restrukturierung insgesamt, aber auch Compliance sind unsere wichtigen Wachstumsthemen. Wir helfen Firmen zudem immer öfter dabei, ihre Berichte zur Nachhaltigkeit ordentlich abzufassen. Insgesamt macht der Beratungs-Geschäftsbereich schon etwa 50 Prozent unserer Belegschaft aus.

Stichworte "Flexibilität" und "globaler Arbeitsmarkt": Was haben Sie als frischgebackener Personalvorstand dazu an neuen Ideen?
Wir waren lange gen Westen orientiert. Doch das Geschäft von morgen spielt sich im Osten ab. In den aufstrebenden Ländern mit vielen Petro-Dollars: VAE, Saudi-Arabien, der ganze Mittlere Osten. Die Erdöl-Lieferanten wollen diversifizieren. Aufgrund ihrer Religion wollen sie aber auch andere Finanzinstrumente einsetzen. Wir denken, dass Islamic Banking zum Beispiel immer wichtiger wird. Dafür wollen wir gerüstet sein, wenn es groß losgeht. Aber auch in Russland, Indien und China bietet sich enormes Geschäftspotenzial. Wir brauchen für diese Märkte Leute, die interkulturell versiert, offen und sensibel sind und globale Einsatzbereitschaft mitbringen. Das wird immer wichtiger.

Und wie finden Sie diese Mitarbeiter?
Wir wollen zum Beispiel unser IT-gestütztes Recruiting-System aufrüsten, damit es uns aus den mehr als 25 000 Bewerbungen pro Jahr passgenauer Kandidaten rausfischt.

Wie funktioniert das?
Die Kandidaten sollen uns schon bei ihrer Online-Bewerbung sagen, wie mobil und flexibel sie sich selbst einschätzen.

Welchen Vorteil bringt es?
Gegenfrage: Wenn Sie viele Bewerber mit den gleichen Top-Noten von tollen Unis haben, wie entscheiden Sie sich dann für den Kandidaten, der wirklich zu Ihnen passt? Dafür muss die Kategorisierung durch unser System feiner werden, ohne dabei den menschlichen Faktor zu vernachlässigen.

Und ohne Chance für Bewerber, hinsichtlich Ihrer Motivation zu tricksen, vermutlich. Sie selbst sollen ja der Liebe wegen zum Steuerrecht gekommen sein. Was ist dran?
Das stimmt. Meine Frau wollte von Anfang an Steuerberaterin werden. Als ich sie damals an der Uni Mannheim kennenlernte, begleitete ich sie einmal in die Steuerrechtsvorlesung. Und das hat mir überraschenderweise ungemein Spaß gemacht.

Logisch, weil Ihre Freundin neben Ihnen saß.
Nicht nur. Auf Grundlagen der Zahlen und Gesetze kreative Ideen zu entwickeln, das ist spannend. Genau das machen wir bei PWC, wenn wir Kunden beraten, wie zum Beispiel eine Firmenfusion am besten strukturiert werden sollte. Wir helfen den Kunden bei der Entscheidungsfindung. Wenn Sie das Ergebnis dann in der Zeitung lesen - das ist toll.

Für den Geschäftsbereich Firmenfusionen und -übernahmen haben Sie ja sogar persönlich verantwortlich gezeichnet, als Sie mit 33 Jahren Partner in Frankfurt wurden. Davor waren Sie sechs Monate in Washington für PWC. Ihre Frau ist Ihnen stets mit Sack und Pack und Kindern hinterhergezogen - der Klassiker. War das nie ein Problem in Ihrer Beziehung, dass Ihre Frau Ihnen zuliebe zurücksteckte?
Doch das war ein Thema. Denn auch meine Frau hatte nach der Uni in einem internationalen Unternehmen angefangen. Wir haben uns anfangs manchmal eine ganze Woche lang nicht gesehen. Als der Familienwunsch größer wurde, war klar, dass wir nicht beide in diesem hektischen Berufsumfeld bleiben können. Wir wollten keine Wochenendehe mehr führen. Meine Frau hat sich deshalb als Steuerberaterin selbstständig gemacht.

Um ihren Traumberuf nicht aufgeben zu müssen?
Ja, es war eine gute Möglichkeit, den Beruf mit Kindern in Teilzeit fortzusetzen.

Und wie versuchen Sie, für die Familie Zeit freizuschaufeln?
Ich will das Ritual eines gemeinsamen Frühstücks mit meiner Familie beibehalten und daher möglichst zu Hause übernachten. Ich betreue 28 Standorte, da ist es nicht so wichtig, von wo aus ich starte.

Ist Ihnen das Wochenende heilig?
Im Sinne von Kirchgang? Nein, da gehe ich nicht hin. Ich versuche, Samstag und Sonntag für die Familie freizuhalten, aber natürlich stehen für einen Vorstand auch am Wochenende manchmal Termine an, denen ich nicht fernbleiben kann.

PWC will es Mitarbeitern ermöglichen, Beruf und Persönliches besser zu vereinbaren. Wie halten Sie selbst Balance?
Für Sport im Verein fehlt mir leider die Zeit. Ich packe für Geschäftsreisen aber immer Laufschuhe und eine Trainingshose ein.

Wo kann man Sie joggen sehen?
Meine Lieblingsstrecken sind in Hamburg an der Alster und in Frankfurt entlang des Mains. 

Sie mögen Flüsse?
Nein, eigentlich mag ich die Berge. Skifahren hat in unserer Familie Tradition. Ich habe mit fünf Jahren angefangen. Und auch meine Frau und meine Kinder fahren lieber dreimal in den Schnee als einmal in die Sonne.

Dabei kommen Sie gebürtig doch aus Bensheim an der Bergstraße - das ist ja nicht gerade alpines Terrain. Hand aufs Herz, was lockt Sie mehr: Sport oder Hüttenzauber?
Meine Frau will Hütte, ich mag den Sport. Denn auf der Piste vergesse ich vom ersten Moment an alles Geschäftliche und genieße sofort das Urlaubsgefühl.

Apropos Spaßfaktor. Für die meisten Bundesbürger ist die Steuererklärung eine echte Strafe. Macht Ihnen Ihre Steuererklärung eigentlich Spaß?
Nein, meine eigene Steuererklärung macht mir keinen Spaß. Die erledigt auch meine Frau.

Warum?
Zu wenig Gestaltungsspielraum.

Und was bringt Sie so richtig auf die Palme?
Im Grunde regt mich wenig auf. Bürokratie lässt mich mitunter den Kopf schütteln. Aber es hilft nichts, sich aufzuregen.

Würden Sie sich als Stoiker bezeichnen?
Nein. Ich versuche nur allen Dingen etwas Positives abzugewinnen. Da halte ich es mit meiner Sekretärin. Die sagt, es gibt keine Probleme, nur Herausforderungen. Wenn Sie so denken, können sie konstruktiver sein. Und Jammern bringt uns nicht weiter - das ist mein Lebensmotto.

Damit sind Sie ja privat wie beruflich offenbar weit gekommen. Setzen Sie sich mit dem Amt des Personalvorstandes eigentlich jetzt mit 45 Jahren zur Ruhe?
Gute Frage, bis 60 ist es tatsächlich noch lang. Nein, im Ernst: Personalthemen sind unheimlich vielfältig. Dieser Job ist neben dem Job des Vorstandssprechers der beste im ganzen Unternehmen. Wenn er bis zu meiner Pension so spannend bleibt, wie er angefangen hat.

Zur Person
Der Unternehmersohn aus Bensheim an der Bergstraße absolviert zunächst ein BWL-Studium an der Uni Mannheim. Direkt im Anschluss heuert der Diplom-Kaufmann 1989 bei der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PWC) in Frankfurt als Assistent an. 1992 wird er zum Steuerberater bestellt. Als PWC-Ansprechpartner für amerikanische Unternehmen in Sachen deutsches Steuerrecht verbringt der Südhesse ein halbes Jahr in Washington. Mit 33 Jahren wird er bereits zum Partner ernannt. Zurück in Frankfurt übernimmt der zweifache Familienvater die Verantwortung für den Geschäftsbereich Mergers & Aquisitions. 2002 rückt der damals 38-Jährige in den PWC-Vorstand auf. Er leitet die Stuttgarter Niederlassung mit rund 500 Mitarbeitern. Seit dem 1. Juli 2009 ist der 45-Jährige nun Personalvorstand und zuständig für 8 870 Mitarbeiter an 28 Standorten.

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