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Manager Alkohol-Entzug unter Palmen

Alkoholkranke Manager aus Europa suchen in Thailand nach dem Ausweg aus der Sucht. Luxus-Kliniken haben sich dort auf die solvente Klientel spezialisiert. Ihr Versprechen: Wohlfühlatmosphäre und absolute Anonymität.

Mathias Peer, Frederic Spohr | wiwo.de | , aktualisiert


Foto: SerrNovik / Fotolia.com

The Cabin

Ein mulmiges Gefühl habe er beim Betreten der Lobby gehabt, sagt Stefan Schröder. Der Ort, an dem er die nächsten Wochen verbrachte, sieht aus wie ein luxuriöses Hotel-Resort. Ein Ventilator an der Decke vertreibt die schwüle Hitze, durch das Fenster ist ein großer, tropischer Garten zu sehen.

Vom Pool ist Gelächter zu hören. "Haben Sie Alkohol im Gepäck?", fragte ein Angestellter an der Rezeption. Schröder verneinte. Sein Koffer wurde dennoch durchsucht. Schröder war nicht hier, um Urlaub zu machen. Er war auf Entzug.

Stefan Schröder ist Finanzmanager, seit mehreren Jahren arbeitet der 37-jährige Deutsche bei einer Bank in Singapur. Von seinem Suchtproblem wissen seine Kollegen und Mitarbeiter nicht. Seine Geschichte will er deshalb nur unter einem Pseudonym erzählen.

Im Herbst 2011 flog Schröder nach Chiang Mai im Norden Thailands, um seine Alkoholkrankheit loszuwerden. Dort befindet sich "The Cabin", eine Luxusentzugsklinik, die sich gezielt an Führungskräfte wendet, die mit Suchtproblemen zu kämpfen haben. Der Brite Simon Lewis gründete die Anlage im Jahr 2009.

"Es gibt einen großen Bedarf für professionelle Therapieeinrichtungen in einer angenehmen und erholsamen Atmosphäre", sagt er. Vergleichbare Behandlungspätze seien in Europa kaum zu finden. "Vielerorts herrscht eine eher bedrückende Krankenhausatmosphäre. Davon setzen wir uns bewusst ab." Das Geschäftsmodell scheint zu funktionieren: Mit rund 300 Gästen im Jahr arbeitet The Cabin nahe an der Kapazitätsgrenze – und das trotz stolzer Preise: Knapp 10.000 Euro kostet die Teilnahme an dem einmonatigen Therapieprogramm.

Thailands Entzugstourismus boomt

Die große Nachfrage von gutverdienenden Westlern hat in Thailand einen Boom des Entzugstourismus ausgelöst. Kurz nach The Cabin ging "Drug and Alcohol Rehab Asia" (Dara) an den Start, eine Fünf-Sterne-Einrichtung auf der tropischen Insel Koh Chang, die wohlhabenden Kunden ein All-inclusive-Therapieprogramm anbietet.

Mit über 430 Gästen im Jahr sei die Anlage komplett ausgebucht, sagt Geschäftsführer Darren Lockie. Aus diesem Grund soll am 1. Januar kommenden Jahres eine neue Dara-Dependence eröffnen, die pro Jahr rund 200 weitere Behandlungsplätze bieten werde. "Es ist ein großer Markt, den wir bisher erst ansatzweise bedienen können", sagt Lockie.

Es herrscht Goldgräberstimmung: Thailand möchte sich als Rehab-Mekka etablieren. Bereits im vergangenen Februar suchte die Tourismusbranche die große Bühne auf der "Global Alcohol Policy Conference", die in diesem Jahr in der thailändischen Stadt Nonthaburi stattfand. Dort warb sie vor einem internationalen Fachpublikum für die Vorzüge der örtlichen Drogenentzugsprogramme.


Foto: SerrNovik / Fotolia.com

Mit der Therapie an Urlaubsorten besetzen die Anbieter eine Marktlücke, die auch Suchtexperten für erfolgsversprechend halten. Die Behandlung fernab der Heimat könne aus psychologischen Gründen äußerst sinnvoll sein, sagt Gabriele Bartsch, stellvertretende Geschäftsführerin bei der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

"Für viele ist es gut, einmal aus ihrem sozialen Umfeld herauszukommen." Wohlhabende Suchtkranke würden sich aber vor allem aufgrund der Anonymität für eine Behandlung im Ausland entscheiden: "Der Sparkassen-Chef möchte sich lieber nicht in einer regionalen Entzugsklinik behandeln lassen."

Genau diese Kunden gehören zur Zielgruppe von Cabin-Geschäftsführer Lewis: "Unsere Klientel sind hochrangige Manager, Anwälte oder Ärzte. Wenn sie zu uns kommen, können sie ihren Kunden und Kollegen erzählen, dass sie in Thailand Urlaub machen und müssen nicht befürchten, dass sie Bekannten über den Weg laufen." Absolute Vertraulichkeit war auch für Stefan Schröder eines der wichtigsten Auswahlkriterien.

Die Entscheidung sich überhaupt therapieren zu lassen, fiel äußerst kurzfristig. "Es gab diesen Moment der absoluten Hilflosigkeit, nach dem ich wusste: Ich muss etwas tun." Zwischen diesem Tag und seiner Ankunft bei The Cabin vergingen lediglich zwei Wochen. In den ersten Gruppenbesprechungen hielt sich Schröder noch zurück und hörte hauptsächlich zu.

Erst nach zwei Tagen forderte der Therapeut ihn dazu auf, sich stärker zu öffnen. Schröder erzählte dann davon, wie er über die Jahre bemerkte, dass seine Abhängigkeit immer stärker wurde und ihm zunehmend beruflich im Weg stand: Die Qualität seiner Arbeit verschlechterte sich, Kritik war für ihn unerträglich, mit Kollegen kam es immer wieder zum Streit. "Umso mehr freute ich mich jeden Tag auf den Feierabend und darauf, dass ich trinken konnte", sagt er.

Das Zwölf-Stufen-Programm

Drogenkonsum als Belohnung oder Befreiung – bei der Therapie gehe es darum, die Patienten von diesem eingeübten Motivationssystem zu lösen, sagt Cabin-Cheftherapeut Alastair Mordey. Die Behandlung verläuft nach einem anerkannten Zwölf-Stufen-Programm. Zunächst sollen die Patienten eingestehen, dass sie ein Problem haben und später neue Verhaltensmuster erlernen.

Der Weg dorthin führte für Stefan Schröder über einen strikten Tagesplan: Frühstück um acht, Gruppentherapie bis halb zwölf, dann gemeinsamer Wassersport und Mittagessen. Am Nachmittag: Einzelgespräche, Massagen und Ausdauersport. Nach dem Abendessen hatte Schröder Zeit für eine Runde Pingpong, danach machte er sich an seine Hausaufgaben: Er musste ein Tagebuch führen und Mindmaps zeichnen.

Das sollte die Gedanken ordnen. Sonntags war Pause: Schröder ging Fischen oder nahm an einem Elefantentrekking teil. Die Alkoholabstinenz machte ihm erst nach zwei Wochen zu schaffen: "Wäre ich in der Situation alleine gewesen, hätte ich wahrscheinlich wieder einen Rückfall bekommen."


Foto: SerrNovik / Fotolia.com

Zwar dürfen Patienten an Therapietagen das Gelände der Entzugsklinik nicht verlassen, ganz abgeschottet sind sie aber nicht. Sowohl The Cabin als auch Dara erlauben Handygespräche in den Pausen und bieten in den Zimmer Breitband-Internet. "Wir wissen, dass unsere Klienten den Kontakt zu ihren Unternehmen nicht einfach einen Monat lang einstellen können", sagt Dara-Geschäftsführer Lockie. 

Indem sie sich auf die Bedürfnisse der Geschäftswelt einstellen, stoßen die Anbieter auch zunehmend auf Interesse in den Personalabteilungen großer Konzerne. "Den Unternehmen wird klar, dass sich Suchtprobleme ihrer Mitarbeiter spürbar negativ auf den wirtschaftlichen Erfolg auswirken", sagt Lewis.

Mehrere Konzerne aus dem Energiesektor, der Finanz- und Telekommunikationsbranche hätten deshalb bereits Kooperationsvereinbarungen mit den Cabin-Betreibern unterzeichnet. Diese umfassen sowohl Seminare zur Prävention und Früherkennung von Suchtkrankheiten, aber auch Behandlungsplätze, die betroffenen Mitarbeitern zur Verfügung gestellt werden.

Während amerikanische und asiatische Konzerne das Thema bereits umfangreich in ihre Personalkonzepte integriert hätten, werde in Europa der Drogenkonsum von Angestellten aber noch immer häufig tabuisiert, sagt Lewis.

Tabuthema in Deutschland

Doch das Problem ist auch hierzulande akut: In Deutschland sind laut dem aktuellen Bericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung rund fünf Prozent aller Beschäftigten alkoholkrank. Experten schätzen den Schaden für die gesamte Volkswirtschaft auf jährlich über 25 Milliarden Euro.

"Manager gelten wegen der hohen Arbeitsbelastung dabei als Risikogruppe. Im Gegensatz zu normalen Angestellten traut sich außerdem niemand, sie auf ein mögliches Suchtproblem anzusprechen", sagt die Suchtexpertin Bartsch. Stefan Schröder zeigt sich im Rückblick zufrieden mit seiner Zeit in der thailändischen Entzugsklinik – auch wenn sie nicht ganz seinen Vorstellungen entsprochen hat:

"Meine Erwartung war, dass ich da für einen Monat hingehe und hinterher geheilt bin." Zwar hat er seit dem Therapiebeginn in Chiang Mai keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Aber geheilt fühle er sich dennoch nicht. Den Kampf gegen die Sucht sieht Schröder heute als Prozess, der vielleicht sein ganzes Leben dauern werde. "Ich habe das Problem nicht bewältigt, ich habe es lediglich momentan im Griff."


Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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