Management Selber entscheiden oder entscheiden lassen?

Eine neue Studie belegt, warum Menschen so gerne Entscheidungen an andere weitergeben: Sie haben Angst, etwas falsch zu machen – die Konsequenzen soll dann lieber jemand anderes tragen.

Daniel Rettig, wiwo.de | , aktualisiert

Selber entscheiden oder entscheiden lassen?

Entscheidungen abgeben

Foto: Anton Gvozdikov / Fotolia.com

Macht kann ziemlich anstrengend sein. Etwa wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Einerseits schätzen Menschen zwar das Gefühl, überhaupt eine Auswahl treffen zu können. Dutzende von Studien konnten in der Vergangenheit zeigen: Droht man damit, ihnen die Wahlfreiheit zu entziehen, wehrt sich die Mehrheit vehement dagegen. Den meisten ist es nun mal lieber, die Hände am Lenkrad zu haben, als untätig auf der Rückbank zu sitzen – selbst wenn andere Insassen in Wahrheit besser fahren.

Andererseits wird es im Berufsalltag für Manager immer schwieriger, konsequent kluge Entscheidungen zu treffen. Digitalisierung und Globalisierung erhöhen die Komplexität und die Geschwindigkeit, die Corporate-Governance-Struktur führt zu Risikoaversion und Kontrollzwang.

Das Internet wiederum verschafft Führungskräften zwar Zugang zu einer Unmenge an Informationen. Doch anstatt aufgrund der besseren Datenlage auch bessere Entscheidungen zu treffen, sind viele schlichtweg überfordert.

Dann treffen die einen eben nicht mehr die beste Wahl, sondern allenfalls die zweitbeste – die sie selbst schützt, falls etwas schiefgeht. Die anderen schieben einen Entschluss lieber erst mal auf – oder sie delegieren die Aufgabe weiter.

Schwere Entscheidungen werden aufgeschoben – oder an andere delegiert

Die Folge bezeichnen Wissenschaftler als Verantwortungsdiffusion. Vereinfacht formuliert: Alle wissen Bescheid, niemand kümmert sich. Aber gibt es Situationen, in denen Menschen besonders ungern Entscheidungen treffen?

Diesen Fragen widmete sich jetzt Mary Steffel, Assistenzprofessorin an der Northeastern-Universität im US-Bundesstaat Massachusetts. Für ihre Studie, die kürzlich im Fachjournal „Organizational Behavior and Human Decision Processes“ erschien, konzipierte sie sieben verschiedene Experimente.

In einem Versuch teilte Steffel mehr als 200 Freiwillige in Zweierpärchen auf. Die eine Hälfte erfuhr, dass sie nun eine Aufgabe lösen sollte – der anderen Hälfte sagte Steffel, dass ihr Spielpartner an der Reihe sei. Nun präsentierte die Forscherin den Probanden zwei relativ dröge Konzentrationstests und stellte sie vor die Wahl: Wollten sie selbst entscheiden, welche Aufgabe Steffel ihnen reichte – oder sollte die Forscherin das für sie entscheiden?

Und siehe da: Sollte ihr Partner die Aufgabe lösen, überließen 26 Prozent die Wahl der Versuchsleiterin. Waren sie selbst dran, wollten die Entscheidung nur sieben Prozent abgeben.

Ähnlich war es bei weiteren Versuchen: Egal, ob es darum ging, ein Hotel zu buchen oder Geld anzulegen: Immer wenn es nicht ausschließlich um erfreuliche Aktivitäten ging, überließen die Freiwilligen die Entscheidung jemand anderem – wenn sie nicht selbst betroffen waren. Wobei sie die Wahl vor allem an Personen reichten, die über mindestens genauso viel Autorität verfügten – damit jene im Falle des Scheiterns die Verantwortung übernehmen konnten.

Das bemerkte Steffel, als sie den Probanden die Wahl gab, die Entscheidung an einen Vorgesetzten oder einen Untergebenen zu delegieren.

Entscheidungen mit positiven Folgen werden gerne getroffen

Ganz anders war es, wenn mit der Entscheidung ausschließlich positive Folgen verbunden waren: Hier zeigten sich die Probanden selbst dann entschlossen, wenn sie selbst unbeteiligt waren.

Handelte es sich um besonders faule oder feige Versuchsteilnehmer? Mitnichten. Vielmehr liegt die Tendenz zum Delegieren an zwei Faktoren, glaubt Mary Steffel. Menschen wollen ein schlechtes Gewissen vermeiden – für den Fall, dass sie andere Personen mit ihrer Entscheidung auf den sprichwörtlichen Holzweg schicken. Diese Sorgen werden verschlimmert durch die Angst, für eine falsche Entscheidung Konsequenzen zu tragen.

Dieses Muster zeigten die Freiwilligen selbst dann, wenn sie anonym blieben. "Die meisten Menschen beschäftigt es offenbar stärker, die Schuld für schlechte Ergebnisse tragen zu müssen", sagt Steffel, "als das Lob für gute Resultate einzuheimsen."

Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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