Management "Ein guter Chef ist wie ein Gärtner"

Götz Werner ist Gründer der Drogeriekette DM. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt er, wie seine Mitarbeiterführung aussieht und wie der Einfluss des Schriftstellers Theodor Storm auf sein Unternehmen aussieht.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Herr Werner, was macht heute einen guten Chef aus?
Für mich ist ein Chef wie ein Gärtner, der für sein Saatgut optimale Bedingungen schafft. Heißt konkret: ein erfolgreiches Unternehmen ist eine Plattform, auf der sich Menschen gut entwickeln können. 

Das Unternehmen als Treibhaus zur persönlichen Entfaltung? Sind Mitarbeiter denn nicht dazu da, Umsatz zu generieren und Gewinne zu erzeugen und müssen sie dabei nicht angeleitet werden?
Mein Vater sprach von seinen Angestellten noch als „Gefolgschaft“. Und ein ebenfalls überholtes Führungsbild geht davon aus, dass Führungskräfte dazu da sind, auf alle Fragen eine Antwort zu haben und die Verantwortung zu tragen, indem sie allein die Entscheidungen fällen. Für mich gibt es aber nichts Schlimmeres als Leute, die alles besser wissen und andere belehren wollen, anstatt offen für den Dialog auf Augenhöhe zu sein. 

Warum ist dieser Führungsstil schlecht?
Er ermöglicht weder Initiative, noch Verantwortungsbewusstsein oder Kreatitivät und damit kann sich intrinsische Motivation des Mitarbeiters nicht entwickeln. Nicht der Direktor ist die beste Führungskraft, sondern dejeniger, den ich „Evokator“ nenne. Das ist einer, der interessante Fragen hervorruft. Es muss sich eine ausgeprägte Fragekultur im Unternehmen entwickeln. 

Wohin soll denn die ganze Fragerei führen?
Menschen neigen zur Gemeinschaft und zur Zusammenarbeit. Eine Gemeinschaft, die in der Lage ist, offen mit Fragen umzugehen, fördert automatisch innovative Lösungen, kreiert neue Produkte und kreative Dienstleistungen.

Ist das nicht nur graue Theorie?
Nein, Sie sehen es doch an unserem Erfolg. Aber man muss das schon vorleben und dazu eine Atmosphäre von Respekt, Vertrauen und Wertschätzung schaffen. Dann wird der einzelne zum Problemeigner. Er kümmert sich selbstständig um eine Lösung, sucht und überzeugt dazu seine Kollegen. Dazu setze ich auf den Dialog.

Das kann aber doch bestimmt nicht jeder gleich auf Anhieb…
Deshalb nehmen unsere Mitarbeiter an Workshops teil. Dort geht es nicht um Fachwissen, sondern immer um ihre Persönlichkeitsentwicklung. Sie trainieren zum Beispiel ihre Team- und Kommunikationsfähigkeit, wie sich Konflikte lösen lassen und die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen sowie situationsangemessenes und flexibles Handeln.

Was bringt das?
Ich sage es mal mit dem Schriftsteller Theodor Storm. Sein Spruch hängt bei uns überall: „Der eine fragt, was kommt danach? Der andere nur, ist es recht? Also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“ Mein Ziel ist es, möglichst viele Freie im Unternehmen zu haben.

Wie geht das?
Wir müssen ermutigende Rahmenbedingungen schaffen, es dürfen weder Druck noch Angst herrschen. Außerdem ist Fehlertoleranz nötig, um uns zusammen weiterzuentwickeln.

Wird soviel Altruismus und Vertrauensseligkeit nicht ausgenutzt?
Wenn ich allen Menschen unterstelle, sie wollen mich nur beklauen – soviel Kameras kann ich ja gar nicht installieren. Und ein Selbstbedienungsladen hätte niemals funktioniert.

Welche Vorteile haben Ihrer Meinung nach anthroposophisch geführte Unternehmen in Deutschland?
In hierarchisch geführten Unternehmen wird das Management so lang anecken, bis es merkt, dass sein Menschenbild falsch ist. Sie wollen Druck erzeugen. Aber das ist falsch, sie müssen mit Sog arbeiten! Wir sehen unsere Mitarbeiter wie Kunden, denen wir ja auch morgens die Tür öffnen und sie einladen, bei uns zu kaufen.

Was ist falsch an Hierarchien?
Lieber ein Netzwerk von vielen „Freien“, statt einer Pyramide mit dem Chef an der Spitze. Denn oben ist nur selten vorne.

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