Das Erfolgsportal von
Handelsblatt & WirtschaftsWoche
Alles, was erfolgreich macht.

Management Deutschlands stille Reserve

Akademiker mit ausländischen Wurzeln, die Abitur und Hochschulabschluss haben, halten im Management Einzug: Sie sind leistungsorientiert, in mehreren Kulturen zuhause und eröffnen Unternehmen neue Perspektiven.

Ruth Lemmer, Claudia Obmann | , aktualisiert

Wonach klingt das? Drei Schwestern, deren anatolische Eltern einst als Gastarbeiter nach Duisburg gekommen sind, haben in der Finanzbranche Karriere gemacht. Die Älteste, Gülabatin Sun, hat es bis zur Direktorin bei der Deutschen Bank in Frankfurt geschafft. Die türkischstämmige Managerin leitet den Service-Bereich des Geldhauses mit rund 1500 Mitarbeitern. Das klingt nach gelungener Integration von Menschen mit ausländischen Wurzeln in die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft. Es gibt kaum ein Thema, das wichtiger sein könnte. Aber auch keines, das derzeit umstrittener ist.

Rund 15,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund - wie Soziologen sie nennen - leben in Deutschland. Die größte Gruppe mit 1,7 Millionen Menschen stammt wie die Suns aus der Türkei, 900000 wanderten aus dem früheren Jugoslawien ein, 500000 aus Italien. Hinzukommt ein Mix aus russischen Aussiedlern, vietnamesischen Flüchtlingen oder Ehefrauen aus Thailand.

Zu viel, zu fremd und zu unangepasst sagen Pessimisten wie Thilo Sarrazin und geben die Republik verloren. Die Optimisten dagegen führen an, dass die Chancen auf Job, Karriere und damit Integration selten günstiger für diejenigen waren, die in der Arbeitswelt bislang zu kurz kamen: Frauen, Ältere, vor allem aber Migranten. Denn deutsche Unternehmen sind gezwungen, sich für sie bis hin zu Spitzenpositionen zu öffnen.

Demografischer Wandel

Auslöser sind nicht nur der demografische Wandel, der Lücken beim Nachwuchs reißt, sondern auch der zunehmende Fachkräftemangel. Eine auf Export ausgelegte Nation kann es sich schlicht nicht länger leisten, auf Führungsnachwuchs mit ausländischen Wurzeln zu verzichten. Schließlich wollen fremde Märkte bedient und Kunden und Kollegen ohne deutschen Stammbaum betreut werden.

Gülabatin Suns oberster Boss Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, bringt den Globalisierungsdruck auf den Punkt: "In unserer Mitarbeiterschaft muss sich die Vielfalt unserer Welt widerspiegeln." Die Absage Ackermanns an eine Management-Monokultur zieht Kreise. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, konnte gerade den 870. Unterzeichner ihrer "Charta der Vielfalt" begrüßen. Darin versammeln sich Arbeitgeber, die für Mitarbeiter und Manager mit Migrationshintergrund besonders offen sein wollen. Schwergewichte wie Daimler, die Deutsche Telekom und die Bahn zählen dazu.

Schnelles Prüfverfahren

Um ihnen bei der Personalbeschaffung zu helfen, plant Staatsministerin Böhmer für 2011 ein neues Gesetz. Es soll den in Deutschland lebenden Ausländern ein zügiges Anerkennungsprüfverfahren ihrer Bildungs- und Berufsabschlüsse aus der Heimat garantieren. "Wir können es uns nicht länger leisten, irakische Ingenieure nur Taxi fahren zu lassen und ukrainische Ärztinnen als Pflegepersonal einzusetzen", sagt sie. Sie schätzt, dass rund 500000 Akademiker, die nicht aus der EU stammen, für höherwertige Aufgaben in Frage kommen.

Denn die Wirtschaft bietet auch in Zukunft gut bezahlte Stellen für Hochschulabsolventen, allerdings ist es um den Ehrgeiz der Migranten unterschiedlich bestellt: Nur 16 Prozent der jungen Türken, 20 Prozent der Zuwanderer vom Balkan und 22 Prozent der Italiener streben das Abitur an, besagt eine Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen. Lernhungriger sind dagegen Kinder, deren Familien aus dem Iran oder Vietnam stammen. Der Anteil derer, die das Abitur schaffen wollen und an die Hochschulen streben, liegt sogar über dem der deutschen Schüler mit 37 Prozent. Außerdem bleiben noch immer zu viele begabte Migrantenkinder im Bildungssystem stecken.

Immer wieder Vorbehalte

Sie stoßen auf Vorbehalte wie "die gehen doch mit ihren Eltern in die Heimat zurück" oder "für türkische Mädchen reicht die Realschule, die dürfen eh nicht studieren". Die Deutsche-Bank-Managerin Gülabatin Sun konnte die Stolperfallen des deutschen Schulsystems überwinden. "Es macht mich ehrgeizig, wenn ich Vorurteile spüre", sagt die 40-Jährige Maschinenbauingenieurin. So hartnäckig sind allerdings nicht alle.

Speziell unter türkischen Studenten und Absolventen zeigt sich ein steigender Auswanderungswille. Eine Studie des Instituts Futureorg ergab, dass vor allem Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler zu 38 Prozent von hier weg wollen. Wer bleibt, macht sich überdurchschnittlich oft selbstständig, weil der Arbeitsmarkt nichts Adäquates hergibt oder Bewerber auf Ablehnung stoßen.

Nachnamen sind egal

Über die Engstirnigkeit vieler Arbeitgeber ärgert sich auch Swetlana Franken. Die Professorin für Personalmanagement an der Fachhochschule Bielefeld hält den Umgang mit Migranten "für eine grandiose Verschwendung". Doch zumindest globale Konzerne steuern inzwischen gegen, wie BP-Personalvorstand Michael Schmidt versichert: "Wir sehen uns die Kandidatenliste an und sorgen dafür, dass keiner wegen seines Nachnamens, Geschlechts oder Alters rausfällt." Einer, der davon profitiert hat, ist Abdel Hamdi. Der 39-jährige gebürtige Tunesier leitet die Tanklagerlogistik des Ölmultis in Gelsenkirchen. Der einstige Schlosserazubi, der sich nebenberuflich zum Betriebswirt weitergebildet und zuletzt noch einen MBA draufgesattelt hat, steht heute als Bereichsleiter gleich unterhalb vom Vorstand. "Ich will einen Job aber nicht bekommen, wenn ich nur Zweitbester bin," sagt Hamdi, "ich will nicht als Quotenmigrant angesehen werden."

Vom Image des Quotenausländers ist auch Lanxess-Personalchef Zhengrong Liu weit entfernt. Im Gegenteil. Der heute 42-jährige Manager mit dem chinesischen Pass stellt sich selbst gern "als ein Beispiel dafür hin, dass jeder bei uns weiterkommen kann." Dabei standen seine Chancen auf Erfolg denkbar schlecht, als er nur mit einem Koffer und 300 Mark in Köln landete, um Pädagogik, Anglistik und Politik zu studieren. Später jobbte der Chinese bei Bayer und empfahl sich Schritt für Schritt durch seine außergewöhnlichen Leistungen für eine herausragende Laufbahn.

Den Namen merkt sich jeder

Manchmal vereinfacht eine andere Hautfarbe auch einiges, findet Robindro Ullah, dessen Vater aus Bangladesch stammt. "Meinen Nachnamen merkt sich jeder, mein Gesicht prägt sich ein." Zu anderen ausländischen Mitarbeitern fällt die Kontaktaufnahme besonders leicht: "Die nehmen mich sofort als einen von ihnen wahr," sagt der Wirtschaftsmathematiker, der bei der Deutschen Bahn die Zusatzdienste managt. BP-Personalvorstand Michael Schmidt jedenfalls meint: "Es muss sich vor allem in den Köpfen etwas ändern". Und Bankmanagerin Sun ergänzt: "Wir müssen allen Ausländern Mut machen. Integration ist eine gemeinsame Aufgabe."

Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die neuesten Karriere-Themen informieren? Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.karriere.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Ab sofort bleiben Sie bei den aktuellsten Karriere-Themen auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Lade Seite...