Made in Germany Mit gezielter Dosierung zur Selbstständigkeit

Der Chemiker Celal Albayrak hat eine Methode gefunden, wie medizinische Wirkstoffe kontinuierlich und gezielt an den Körper abgegeben werden. Ganz nebenbei überzeugte er einen großen Pharmakonzern von seiner Entdeckung und gründete sein eigenes Unternehmen.

Chris Löwer | , aktualisiert

Der Forschungsleiter des großen französischen Pharmaunternehmens hätte Celal Albayrak wohl am liebsten sofort 20 000 Euro in die Hand gedrückt, nur damit er und seine zwei Partner Heiko Seemann und Volker Rindler mit ihrem nicht mehr ganz taufrischen VW Golf wieder vom Parkplatz des Pariser Firmensitzes verschwinden. Dem Mann war das ungewöhnliche Trio, das sich auf die Verkapselung von Wirkstoffen versteht, nicht ganz geheuer.

Eigentlich sollten sie, so war es vereinbart, mit ihrer neuen Technologie dem Pharmariesen unter die Arme greifen. Nun fragte dessen Forschungsleiter entgeistert: Das soll alles sein? Wo ist Ihr Labor? Wo sind Ihre Geräte? Alles im Golf? Das überstieg dann doch die Vorstellungskraft des französischen Pharmafachmanns.

Doch Albayrak, 50, ein gebürtiger Türke, kann sehr gewinnend sein - und sehr überzeugend obendrein. Also durften sie doch auspacken und lieferten ganze Arbeit - derzeit befindet sich ihre Entwicklung in den letzten klinischen Tests. Fünf Jahre liegt dieser sonderbare Auftritt in Paris nun zurück - inzwischen haben Albayrak, Rindler und Seemann die Firma Alrise Biosystems gegründet. Der angelsächsisch anmutende Name leitet sich aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der Gründer ab.

Albayrak hat nach seinem Studium der Physik und Chemie bei Schering an Methoden der Verkapselung von Wirkstoffen gearbeitet. Er erkannte aber rasch, dass hergebrachte Methoden kaum geeignet sind, Medikamente sicher und präzise dosiert in kleinen Mengen zu verabreichen - was Patienten häufiges Spritzen ersparen würde. Das sogenannte Drug Delivery wird zwar schon praktiziert, doch bislang nur für spezielle Anwendungen wie Brust- und Prostatakrebs, wobei meist toxische Hilfsstoffe eingesetzt werden.

Die Verkapselung der Stoffe dauert nur wenige Minuten

Bei dem 2006 im Biotech-Park des Campus Berlin-Buch gegründeten Unternehmen ist das anders. "Wir verkapseln mit einem patentierten Verfahren Wirkstoffe in Polymerpartikeln, wobei alle eingesetzten Stoffe völlig ungiftig und von der amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde FDA zugelassen sind", erläutert Erfinder und Firmengründer Albayrak stolz.

Ein wesentlicher Vorteil gegenüber anderen Methoden ist, dass das Verfahren sehr schnell und effizient ist: Während üblicherweise acht Stunden vergehen, bis wirkstoffbeladene Nano- oder Mikropartikel hergestellt werden, benötigen die Berliner rund zehn Minuten. "Wir tricksen die Physik aus, indem wir bei der Herstellung der Nano- oder Mikropartikel aus Polymeren für einen raschen Phasenübergang vom flüssigen in den festen Zustand sorgen", erklärt Albayrak.

Dabei geht nur wenig der teuren Wirkstoffe verloren. Während bei konventionellen Methoden lediglich gut ein Drittel verkapselt wird, sind es bei dem sogenannten ImSus-Verfahren 90 Prozent. "Insgesamt lassen sich so die Kosten um die Hälfte reduzieren", sagt der Gründer und verweist darauf, dass es eine Lösung ist, die sich auch in der Lebensmittel-, Kosmetik-, Waschmittel- und Bauindustrie einsetzen lasse.

Doch Alrise konzentriert sich auf die Pharmabranche, da sich dort das Verfahren wegen der strengen Auflagen am besten beweisen könne. Natürlich ist hier auch das meiste Geld zu verdienen. Die Großen der Branche klopften bereits an die Tür der Berliner. Man stehe in Verhandlungen, so Albayrak. Der Hintergrund ist klar: Läuft der Patentschutz für ein Medikament aus, kann es, in der verkapselten Variante, noch mal 20 Jahre in die Verlängerung gehen und damit sicher vor Nachahmerprodukten am Markt bestehen.

Dieses Jahr sollen erste klinische Studien starten und erste Nano- und Mikrokapseln spätestens 2011 auf den Markt kommen. Rund um die Technologie hält Albayrak sechs Patente und taxiert das weltweite Marktpotenzial auf 30 bis 40 Milliarden US-Dollar. Auch wenn Albayrak vor Selbstbewusstsein nur so strotzt und sich der "Konkurrenz haushoch überlegen" sieht, ist er Realist. Das honoriert Giuseppe Vita, langjähriger Vorstandsvorsitzender von Schering.

Er hat sich im Sommer letzten Jahres an der Firma beteiligt. Ausschlaggebend für die Beteiligung sei gewesen, dass im Gegensatz zu konkurrierenden Verfahren ausschließlich toxikologisch unbedenkliche Hilfsstoffe verwendet würden, was nicht zuletzt für eine einfachere und schnellere Zulassung sorge.

Dass sich das Unternehmen bisher schnell, aber solide entwickelte, mag auch mit Albayraks Vita zusammenhängen. "Eigentlich wollte ich in Deutschland Gastarbeiter werden", scherzt er und lässt unter seinen buschigen Brauen die Augen blitzen. Der Türke ist eines von neun Kindern, in einem anatolischen Bergdorf kam er zur Welt.

Die Eltern sind Analphabeten. Als Celal Albayrak 13 Jahre alt war, erlitt sein Vater eine Querschnittslähmung. Um die Familie durchzubringen, ging er mit seiner Mutter und den älteren Geschwistern nach Deutschland - illegal. Die Abschiebung drohte. Doch die Familie konnte durch die Hilfe von Freunden bleiben.

Für seine Idee gab er den sicheren Job bei Schering auf

Albayrak holte auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur nach, studierte unter anderem in Stuttgart, Aachen sowie den USA Physik und Chemie. "Ich bin ein Nomade", sagt er. Von seiner Zeit in München ist unüberhörbar ein türkisch eingefärbtes "Schau'n mer ma" übrig geblieben, das zu seinen Lieblingssätzen zählt und prima zu seinem windungsreichen, nicht vorhersehbaren Lebensweg passt.

Während seiner Promotion träumte er von einer Karriere als Hochschulprofessor. Doch seine Entdeckung eröffnete ihm neue Perspektiven. Für die ließ er seinen Job bei Schering sausen. "Ich bin wahrscheinlich der Erste, der freiwillig bei Schering gekündigt hat", lacht er.

Eine Firma zu gründen kam ihm bis dahin nicht in den Sinn. "Doch ich habe nicht die hier weit verbreitete Vollkasko-Mentalität, daher fiel es mir nicht schwer, aus einer absolut sicheren Stellung heraus zu kündigen." Daher auch sein dringender Rat an potenzielle Gründer: Wer Sicherheiten über alles liebt und über keine Frustrationstoleranz verfügt, sollte es lieber lassen.

Und: "Egal, wie begeistert man im ersten Moment von seiner Idee ist, man sollte sie sehr kritisch prüfen und sich nicht blenden lassen." Er selbst hat sich für seine Firma ein anspruchsvolles Ziel gesetzt: "Ich möchte mit meiner Technologie einen bleibenden Wert schaffen."

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...