Made in Germany Mit Ballonstoff hoch hinaus

Alexander Bormann fasziniert jede Art des Fliegens. Mit drei Kollegen hat er nun ein wärmedämmendes High-Tech-Gewebe für Heißluftballons entwickelt. Inzwischen sind aber auch andere Hersteller an dem innovativen und vielseitigen Produkt interessiert.

Dietrich von Richthofen | , aktualisiert

Der Uno-Beitritt der DDR hat einen entscheidenden Beitrag zur Berufswahl von Alexander Bormann geleistet. "Damals ging mein Vater als erster Geophysiker der DDR für zwei Jahre zur Weltraumabteilung der Vereinten Nationen in New York", erinnert sich der Luftfahrtingenieur. Was das sechsjährige Kind und seine Visionen allerdings mehr prägte als das politische Geschehen und das Leben in der US-Metropole war der erste Flug im Jumbojet über den Atlantik. "Seitdem hat mich die Faszination fürs Fliegen nicht mehr losgelassen", bekennt der gebürtige Thüringer.

Eine Begeisterung, die mittlerweile Früchte getragen hat: Alexander Bormann hat ein Gewebe für einen neuartigen Heißluftballon entwickelt, das Wärme dämmt, Strahlung reflektiert und dabei enorm strapazierfähig ist. Nun gründet Bormann mit seinem Kollegen Stefan Skutnik, ebenfalls Luftfahrtingenieur, und zwei weiteren Mitstreitern die Firma Aeroix, um den Hochleistungsstoff zu vermarkten. Anwendungsgebiete sieht Bormann jede Menge: "Der Stoff kann im Prinzip überall dort genutzt werden, wo Wärmedämmung mit Mobilität, geringem Packmaß und hoher Performance kombiniert werden muss", sagt er.

Mit seiner High-Tech-Textilie liegt der Luftfahrttechniker voll im Trend, bestätigt Klaus Jansen, Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil beim Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie. "Technische und funktionale Textilien sind der Zukunftsmarkt der europäischen Textilindustrie", sagt der Branchenkenner. Schon heute machen solche Produkte über die Hälfte der deutschen Produktion aus. "Mit Standardtextilien gewinnen Sie keinen Blumentopf mehr", sagt Jansen. Die Zukunft sieht er vor allem bei pfiffigen Nischenprodukten mit hoher Wertschöpfung, die konkrete technische Probleme lösen.

Bormann fand die Nadel im Heuhaufen

Auch Bormann hatte ein Problem zu lösen: Für den Automatisierungshersteller Festo sollte der frisch promovierte Absolvent den weltweit ersten Wasserdampfballon entwickeln. Wasserdampf ist eigentlich ein ideales Ballongas - viel tragfähiger als heiße Luft, nicht brennbar wie Wasserstoff und fast kostenlos, im Gegensatz zu teurem Helium. Historische Versuche, die herkömmlichen Traggase zu ersetzen, waren aber allesamt gescheitert, denn der heiße Dampf kondensiert am Ballontuch, durchdringt die Hülle und zersetzt das Material.

Abhilfe könnte vielleicht eine leichte, temperatur- und dampfbeständige Wärmedämmung bringen, dachte Bormann damals. "Es war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen", so der Ingenieur. Die Lösung brachte dann eine umfangreiche Recherche in der Datenbank - und eine Portion Glück.

Zur Demonstration seiner Innovation kramt der Ingenieur eine Stoffprobe hervor - ein ultraleichtes Nylongewebe, auf dem kleine Flöckchen aus dünnen Fasern sitzen. Die mit einer speziellen Flocktechnik aufgebrachten Faserpuschel sehen aus wie halbierte Mini-Seeigel. Sie dienen als Abstandhalter. So lässt sich das Gewebe mehrschichtig vernähen - mit isolierenden Luftschichten dazwischen, die wie bei doppelverglasten Fenstern für die nötige Wärmedämmung sorgen.

Zusätzlich erhält der Stoff eine Metallbeschichtung, die Strahlung reflektiert und damit auch zur Wärmedämmung beiträgt. Die Doppelstrategie führte zum Ziel: 2006 stieg der erste flugfähige Wasserdampfballon der Luftfahrtgeschichte beim Jungfernflug in Berlin erfolgreich in die Luft. "Man kann als Entwickler vorhandene Dinge verbessern oder versuchen zu beweisen, dass nichts unmöglich ist", sagt Bormann und lässt durchblicken, dass er eindeutig zu Letzterem neigt.

Für den Markteinstieg ist Geduld gefragt

Der Triumph steht ihm ins Gesicht geschrieben - zu Geld ließ sich der neuartige Ballon bislang nicht machen. "Um einen Wasserdampfballon erfolgreich auf den Markt zu bringen, muss man erst noch ein paar Jahre warten, bis das bisher verwendete Helium unbezahlbar teuer ist", sagt Bormann.

Auf anderen Gebieten können die Unternehmer dagegen schon Erfolge vorweisen: Ultramagic, ein spanischer Hersteller von Heißluftballons, baut mit dem neuen Material besonders effiziente Heißluftballons. Der Treibstoffverbrauch sinkt durch die Wärmedämmung um rund 75 Prozent - bei höherer Traglast. Mit den neuen Ballons seien sogar schon Weltrekorde aufgestellt worden, erzählt Bormann. Auch der bayerische Gleitschirm-Hersteller Skywalk greift beim Bau von Hochleistungsgleitschirmen auf Bormanns Stoff zurück - allerdings einlagig, ohne Wärmedämmung. Der Vorteil: Das mit der Metallbeschichtung verspiegelte Gewebe reflektiert die schädliche UV-Strahlung und hat so eine höhere Lebensdauer.

Das Potenzial ist damit noch längst nicht ausgeschöpft, glaubt Bormann. Als weiteres Einsatzgebiet hat das Team nun die textile Architektur im Blick - ein Zukunftsthema von großer Tragweite, wie man beim Gesamtverband Textil und Mode bestätigt.

Der Stoff ist noch vielseitiger

Die Gründer setzen auf kleine Schritte: Zuerst sollen aus dem Stoff isolierte Zelte entstehen. "Das Interesse der Hersteller ist groß", sagt Bormann. Eine Firma hat schon einen Prototypen genäht. Den Praxistest ließen sich Bormann und seine Kollegen nicht nehmen: Bei minus 20 Grad campten die Entwickler im vergangenen Winter -ausgerüstet mit Messgeräten - im eigenen Garten. "Wir haben hervorragende Dämmwerte erzielt", sagt Bormann.

Der 40-Jährige gehört zu der Sorte Tüftler, die ihre Entwicklungen immer selbst testen müssen. Auch im isolierten Heißluftballon hat er schon unzählige Flugerfahrungen gesammelt. Sogar eine Ausbildung zum Gleitschirmpiloten macht Bormann inzwischen. "Für einen Flachlandtiroler wie mich ist das eine große Herausforderung", scherzt er. Um so richtig abzuheben, tut er eben alles. Dietrich von Richthofen

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