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Made in Germany Mal truffeln statt googeln

Internetsuchmaschinen sind faul. In vielen Datenbanken wühlen sie gar nicht. Die Software von Phuong und Volker Heise macht sich die Mühe.

Simone Fasse | , aktualisiert

Die Firma Addcontents ist nicht so leicht zu finden. Kein Schild weist auf das Unternehmen in Erlangen hin, der verschnörkelte Altbau hat den Eingang auf der Rückseite. Auch in den Büros von Volker und Phuong Heise sucht man vergeblich nach Hinweisen auf ein hippes Internet-Start-up. Eine teure Espressomaschine fehlt ebenso wie großformatige Kunst. Dass die kleine Firma versteckt und unscheinbar ist, passt zur Geschäftsidee. Das trifft schließlich auch für den größten Teil des Internets zu. In der virtuellen Welt will das Ehe- und Gründerpaar dort weitermachen, wo Google aufhört - und diejenigen Schätze heben, die im sogenannten Deep Web versteckt sind.

Die Informationsmassen aus vielen Datenbanken, über die herkömmliche Suchmaschinen hinwegsehen, machen sie über die Webseite Truffels.com zugänglich. "Wir führen verschiedene Datenbanken unter einer Suchmaske zusammen, sagt IT-Leiterin Phuong Heise. Ihr kleines Unternehmen mit acht Mitarbeitern betrachtet die 37-Jährige nicht als Konkurrenz zu Google. "Wir sind eine Ergänzung", sagt die gebürtige Vietnamesin. Das belegt ein Vergleich.

Eine Idee aus der Goldgräberzeit

Beim willkürlich gewählten Suchbegriff "Uli Hoeneß" beispielsweise spuckt Google vor allem Fußball-Anekdoten in Form von Zeitungsartikeln und Videomitschnitten aus. Über Truffels.com erfährt man dagegen auch etwas über den Unternehmer Hoeneß, seine Beteiligung an der HoWe Wurstwaren KG - und erhält auf Wunsch und gegen Bezahlung auch Angaben zu deren Kreditwürdigkeit. Sowohl Profi-Rechercheure als auch Privatnutzer können das Trüffelschwein auf die Jagd schicken, etwa nach Unternehmensdaten bei Creditreform oder Personenangaben aus dem Munzinger-Archiv.

Der Vorteil: Muss man sich sonst für die Nutzung dieser Dienste einzeln anmelden oder gar ein Abonnement abschließen, reicht bei Truffels.com eine einmalige Registrierung. Erst wenn sie gezielt kostenpflichtige Ergebnisse abrufen, müssen Kunden dafür zahlen. Die Geschäftsidee entstand in der Goldgräberzeit der New Economy. "In meiner früheren Tätigkeit im Softwarevertrieb habe ich oft gesehen, dass Analysten vor fünf Bildschirmen saßen und darauf fünf verschiedene Suchanfragen in Datenbanken liefen", sagt Volker Heise.

Als er seiner Frau - einer Diplom-Informatikerin - davon erzählte, begann für beide die Suche nach der besseren Suchmaschine. Daraus wurde schnell ein Vollzeit-Job. Schon drei Monate später kündigte Phuong Heise ihre Stelle und stieg in die von ihrem Mann gegründete Firma ein. Vorbei die Zeit ruhiger Klavier- und Schachabende. Seit dem Jahr 2000 bestimmen nun Computertastatur und Monitor auch die Freizeit der Familie Heise. Wenn die Kinder im Bett sind, geht es weiter: Sie programmiert, er schreibt Präsentationen für Investoren und Inhalte-Anbieter.

Im zweiten Anlauf...

Dass die beiden nicht nur den für Internet-Start-ups typisch ausufernden Arbeitsstil pflegen können, sondern auch ihr Familienleben, haben sie Phuongs Eltern zu verdanken. Die ehemaligen Boat-People kümmern sich oft um die beiden Töchter. Die Arbeitsteilung funktioniert auch zwischen den Gründern. "Unsere Kompetenzen überschneiden sich im Tagesgeschäft nicht", sagt er. Ihre erste Firmengründung hat das nicht gerettet. Mit der Internetblase platzte zunächst auch das Geschäftsmodell der jungen Unternehmer.

Trotz der Pleite ließen sie sich nicht entmutigen. Kunden wie BASF, die mit der Suchmaschine ihre firmeninternen Datenbanken im Griff behalten, blieben schließlich bei der Stange. "Die waren ja zufrieden", erklärt der 37-Jährige die Motivation, 2007 noch einmal anzufangen, diesmal mit einem vereinfachten Produkt. Aus einer Spezialsuche für Analysten und Profi-Rechercheure mit komplexen Such- und Verwaltungsfunktionen entstand eine Lösung, die sowohl von Konzernen als auch von privaten Nutzern leicht anzuwenden ist.

Der technische Aufwand ist auch für die Betreiber überschaubar. Anders als Google oder Yahoo speichert das Erlanger Start-up die Inhalte der Datenbanken nicht auf eigenen Servern, sondern greift nur im Bedarfsfall darauf zu. Die Kooperationspartner profitieren. "Unsere Inhaltslieferanten, zum Beispiel Creditreform, erhalten über uns einen zusätzlichen Vertriebskanal", sagt Geschäftsführer Heise. Seine Firma Addcontents finanziert sich zum Teil aus Vermittlungsgebühren dieser Partner.

"Die Erstkommunikation ist nicht immer einfach"

Inzwischen suchen auch die Mitarbeiter der Deutschen Bundesbank und von Unternehmen wie Porsche mit der Suchmaschine aus Erlangen - meist ohne dies zu merken. Die Suchmaske wurde in ihre hauseigene IT integriert. "Unternehmen können mit unserer Technologie die Zahl der Suchen deutlich reduzieren, Doppelsuchen vermeiden und damit Zeit und Geld sparen", wirbt Heise für sich. Laut der Fachhochschule Nürnberg verbringen Beschäftigte heute im Durchschnitt acht Prozent ihrer Arbeitszeit mit der Informationssuche, manche gar bis zu 40 Prozent.

Suchalgorithmus, Betaversion, Datenbankverzeichnisse - die Begriffswelt des Internet-Familienbetriebs ist erklärungsbedürftig. Nicht jeder Interessierte versteht die Fachsprache. "Die Erstkommunikation ist nicht immer einfach", gibt Volker Heise zu. In der Regel findet er neue Kunden über eine Empfehlung. Vor allem größere Firmen seien rasch vom Nutzen der Suchmaschine überzeugt. Nicht nur die. Die Jury des Weconomy-Wettbewerbs kürte die beiden Gründer zu Gewinnern.

Der größte Teil des Internets ist schwer zu finden

Es gibt Internetseiten, die findet selbst die weltgrößte Suchmaschine nicht. Google berücksichtigt zwar mit 15 bis 20 Mrd. Internetseiten den größten Teil des frei zugänglichen Netzes. Aber dieses "Visible Web" umfasst nach Schätzungen von Experten nur ein Fünfhundertstel dessen, was an Daten im sogenannten "Deep Web" in Fachdatenbanken, Online-Bibliotheken und Verlagsarchiven schlummert. Deren Zugangssperren - von der kostenlosen Anmeldung bis zum Bezahlen - überwinden herkömmliche Suchmaschinen nicht. Daher beackern eine Reihe von Spezialsuchmaschinen dieses Feld.

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