Machtmissbrauch Im Kampf gegen fiese Betrüger

Fast jede zweite Firma ist von Korruption betroffen. Experten, die Fälle aufspüren, sind daher gefragt wie nie. Auch Quereinsteiger haben gute Chancen.

Sandra Freyberg | , aktualisiert

Uns ist aufgefallen, dass Sie Aufträge in letzter Zeit fast ausschließlich an die Firma Success Consulting vergeben haben." Julia Ligges mustert ihren Gesprächspartner mit prüfendem Blick, doch der gibt sich unbeeindruckt. "Tatsächlich?" - "Es ging um sechsstellige Summen", setzt die junge Frau nach. "Beträge, die eigentlich Ihr Chef hätte gegenzeichnen müssen." Sie holt tief Luft. "Uns interessiert, in welchem Verhältnis Sie zur Inhaberin von Success Consulting stehen." Der Befragte reagiert empört. "Das geht Sie gar nichts an. Ich will sofort mit meinem Anwalt sprechen."

Julia Ligges seufzt. Wer Betrug im Unternehmen aufklären will wie in diesem fiktiven Fall, der braucht vor allem zwei Dinge: ein dickes Fell und einen langen Atem. Das hat die BWL-Studentin aus Münster heute gelernt. Die 24-Jährige ist eine von 50 High Potentials, die Pricewaterhouse-Coopers (PWC) nach Köln eingeladen hat. Das Thema der Veranstaltung: Crime Time. Das Ziel: den Beratungsnachwuchs an eine Aufgabe heranzuführen, die so hippe englische Titel trägt wie "Forensic Services" oder "Risk & Fraud Management". Dahinter verbirgt sich ein Jobprofil, das seit den spektakulären Fällen bei Volkswagen und Siemens auch in Deutschland gefragt ist. Denn Korruption und Unterschlagung sind keine Einzelfälle. Betroffen ist fast die Hälfte der deutschen Unternehmen, wie die 2007 aktualisierte Studie "Global Economic Crime Survey" von PWC belegt. Geschätzt wird, dass die Straftaten die hiesige Wirtschaft rund sechs Milliarden Euro jährlich kosten.

"Der Leidensdruck ist enorm", sagt auch Birgit Galley, die Direktorin des Instituts Risk & Fraud Management. "Uns erreichen täglich Anfragen von Unternehmen oder Ermittlungsbehörden. Fälle wie Siemens oder Volkswagen haben ein richtiges Erdbeben ausgelöst." In einem zweijährigen MBA-Studiengang können sich Young Professionals in Berlin zum "Risk & Fraud Consultant" beziehungsweise zum "Compliance Consultant" ausbilden lassen. Das Interesse an den berufsbegleitenden Abschlüssen ist in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegen, sagt Direktorin Galley, 37, die selbst seit mehr als 14 Jahren als zugelassene Betrugsermittlerin arbeitet. "Früher erreichten uns zwei bis drei Bewerbungen pro Studienplatz, inzwischen sind es vier bis fünf Kandidaten."

Der Begriff "Compliance" stammt aus dem anglo-amerikanischen Raum. Er besagt, dass eine Firma interne Richtlinien aufstellt, um das Betrugsrisiko zu minimieren. Überwacht wird die Einhaltung der Regeln dann von Compliance-Beauftragten. Sie schulen Führungskräfte oft auch, um sie für anfällige Geschäfte zu sensibilisieren. Die Zahl der Korruptionsbekämpfer ist vor allem bei großen und bei börsennotierten Unternehmen gestiegen. Der renommierteste von ihnen, der ehemalige Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner, hat vor einem Jahr bei der Deutschen Bahn die Position des Chief Compliance Officers (CCO) übernommen. Daimler, Siemens, Thyssen-Krupp und der Luftfahrtkonzern EADS haben nach Fällen von Korruption im eigenen Unternehmen ebenfalls Kontrollabteilungen mit bis zu mehreren Hundert Mitarbeitern aufgebaut. Um die Position des CCO zu stärken, berichtet er häufig direkt an den Vorstand.

Boomende Anti-Korruptions-Abteilungen

Auch die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften haben den Boom erkannt. Die meisten Experten für Forensic Services in Deutschland beschäftigt bislang KPMG. Dort sind rund hundert Mitarbeiter angestellt, die bei einem Betrugsverdacht in anderen Unternehmen tätig werden. Bei Deloitte, Ernst & Young und PWC sind die Abteilungen zwar kleiner, aber bis Ende des Jahres wollen sie ihr Personal aufstocken. So nutzt etwa PWC seine Veranstaltung, um Nachwuchskräfte auf die Karrieremöglichkeiten aufmerksam zu machen. Dazu hat die Prüfgesellschaft einen fiktiven Betrugsfall vorbereitet, der wesentliche Elemente eines echten Mandats aufzeigt. Häufig beginnt es mit dem Hilfeschrei eines Unternehmers. "Seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, dass in der Firma Geld verschwindet", klagt der imaginäre Auftraggeber. "Bitte finden Sie heraus, welche Ursache die Unregelmäßigkeiten haben."

Der Nachwuchs um Julia Ligges berät sich und sucht zunächst das Gespräch mit der Chefsekretärin, die dann auch gleich über den Familienstand und die Wochenendgestaltung wichtiger Mitarbeiter plaudert. "Ein kluger Schachzug", sagt Diplom-Kaufmann Arndt Engelmann. Seit sechs Jahren arbeitet der 32-Jährige in der Abteilung Forensic Accounting Services bei PWC. "Zu Beginn der Recherche ist es wichtig, dass man jede verfügbare Information aufnimmt. Selbst die scheinbar belanglosen Indiskretionen der Sekretärin können später wichtig werden."

Neugierde, Menschenkenntnis und Belastbarkeit sollten Bewerber mitbringen, um die- sen Job zu übernehmen. Geregelte Zugangsvoraussetzungen für Korruptionsspezialisten gibt es aber noch nicht. Im Gegenteil: Der noch junge Arbeitsschwerpunkt bietet insbesondere Quereinsteigern interessante Perspektiven. Außer Diplom-Kaufleuten, Wirtschaftswissenschaftlern, Bank- oder Versicherungsfachwirten haben auch Juristen, Psychologen, Informatiker, Journalisten oder Absolventen von Polizeihochschulen gute Chancen auf eine Anstellung. Erst die interdisziplinäre, standortübergreifende Zusammenarbeit ermöglicht schließlich den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand - und eine unkonventionelle Lösungsfindung im Team. Hat der IT-Experte beispielsweise gelöschte Daten auf der Festplatte eines Verdächtigen wiederhergestellt, kann der Wirtschaftsprüfer gefälschte Bilanzen analysieren und anschließend mit einem geschulten Polizeipsychologen ein Interview führen. "Hilfreich sind auch Fachkenntnisse des Bankensektors, der Justiz sowie der Industrie-, Handels- und Baubranche", sagt Institutsdirektorin Birgit Galley. "Schließlich decken die Mitarbeiter der Prüfgesellschaften komplexe Sachverhalte auf."

Verdächtige Ungereimtheiten

In Köln haben Julia Ligges und ihre Kollegen inzwischen Einsicht in die Rechnungen der betroffenen Firma erhalten. Während sie die Unterlagen durchforsten, entdecken sie immer mehr Ungereimtheiten. "Wieso wird in den Zahlungsaufforderungen des Dienstleisters Success Consulting nie eine konkrete Leistung benannt?", fragt Ligges in die Runde. "Da ist immer nur ,Sonstiges' angegeben." Auch der Wirtschaftswissenschaftler Dennis Dindogru, 26, hat Verdacht geschöpft. "Findet ihr es nicht komisch, dass immer der gleiche Prokurist die Zahlungen angewiesen hat?" Was tun? Die Gruppe ist unschlüssig. Tatsächlich steckt die Professionalisierung und Spezialisierung des Forensic Services in Deutschland noch im Aufbau. Zwar steigt die Nachfrage nach international anerkannten Titeln wie "Certified Fraud Examiner" (CFE) oder "Certified Internal Auditor" (CIA). Allerdings: "Wer im Forensic Service anfängt, muss richtige Pionierarbeit leisten", sagt Birgit Galley. "Der Markt ist noch viel dynamischer als in den USA."

Das ist auch historisch begründet. "In den USA gibt es schon lange präventive Einrichtungen wie zum Beispiel ,Whistleblower'-Hotlines, bei denen Mitarbeiter oder Außenstehende anonym Hinweise auf Korruption oder Gesetzesverstöße geben können. Bei uns haben solche Institutionen immer ein etwas anrüchiges Image und werden in die Nähe der Denunziation gerückt." Das müsse sich noch ändern. Die Studenten haben den fiktiven Verdächtigen inzwischen zum persönlichen Gespräch gebeten. "Schließlich soll er die Chance bekommen, sich zu erklären", sagt Dennis Dindogru. Dazu hat die Gruppe Fragen ausgearbeitet und Julia Ligges zur Verhandlungsführerin ernannt. Auf einer Hotelterrasse im Kölner Mediapark erwarten sie ihren Interviewpartner. Gespannte Stille. Ligges streicht sich die Haare aus dem Gesicht, wirft einen letzten Blick auf ihren Notizblock. Dann erscheint der Verdächtige. "Uns ist aufgefallen, dass Sie Aufträge in letzter Zeit fast ausschließlich an die Firma Success Consulting vergeben haben", sagt sie.

Egal wie ihre Ermittlungen ausgehen: Für Julia Ligges steht fest, dass sie sich nach ihrem Studienabschluss um einen Job bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft bewerben wird.

Korruption: Was ist erlaubt, was verboten?

Korruption ist der Missbrauch von Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil - so definiert die Organisation Transparency International den Tatbestand. Das Problem: Die Grenzen sind fließend. Eine Aufmerksamkeit als Weihnachtsgeschenk ist in der Regel kein Problem. Wenn man von einem Geschäftspartner aber ins Fußballstadion oder zum Fünf-Gänge-Menü eingeladen wird, sollte man vorsichtig sein. Häufig beginnt Korruption mit kleinen Geschenken, um Vertrauen zu einem Mitarbeiter aufzubauen. Dann werden die Zuwendungen größer, später fließt unter der Hand Geld für einen vergebenen Auftrag. Wer Zweifel hat, sollte seinen Vorgesetzten fragen und prüfen, ob hinter einer Einladung tatsächlich ein dienstlicher Anlass steckt. Denn wer besticht oder sich bestechen lässt, riskiert die fristlose Kündigung und strafrechtliche Konsequenzen.

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