Lohnpolitik Wohlstand für alle! Für alle?

Vor anderthalb Jahren versprach die Kanzlerin, die Bürger würden diesmal vom Aufschwung profitieren. Was ist aus dem Versprechen geworden?

Philip Faigle, Zeit Online | , aktualisiert


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Trendwende bei Löhnen

Im Oktober 2010 klingt Rainer Brüderle plötzlich wie ein Gewerkschaftsführer. "Wenn die Wirtschaft boomt, sind auch kräftige Lohnerhöhungen drin", verkündete der damalige Wirtschaftsminister und FDP-Politiker. Die Bundeskanzlerin teilte daraufhin mit, sie sehe das "Buchstabe für Buchstabe" genauso.

Anderthalb Jahre später beginnen in mehreren Branchen die Tarifverhandlungen und viele Bürger wollen wissen: Was ist aus dem Versprechen geworden?

Tatsächlich hat auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland eine Trendwende eingesetzt. Bis zum Krisenjahr 2009 sanken im Durchschnitt die Reallöhne. Nun steigen sie wieder: 2010 um 1,5 Prozent, im vergangenen Jahr noch einmal um 1,1 Prozent.

Und noch mehr Zuwachs in diesem Jahr

Es ist der stärkste Reallohnzuwachs seit zwei Jahrzehnten. In diesem Jahr könnte es für die Arbeitnehmer sogar noch besser laufen. Weil der Arbeitsmarkt boomt und die Inflation noch relativ niedrig ist, bleibt jedem Arbeitnehmer wieder mehr in der Tasche.

Auch die Lohnquote – also der Anteil der Löhne am Volkseinkommen – ist gestiegen. Selbst das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung spricht von einer "Aufholbewegung bei den Löhnen".


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Zugleich kippt ein anderer Trend. Seit zwei Jahren wachsen die Löhne aller Arbeitnehmer wieder stärker als die Tariflöhne. Seit der Jahrtausendwende war das umgekehrt, sogar in den Aufschwungjahren 2005 bis 2007. "Negative Lohndrift" nennen die Ökonomen ein solches Phänomen.

Es war eine ungewöhnliche Phase in der Geschichte der deutschen Lohnentwicklung. Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren stiegen die tatsächlich gezahlten Löhne im Aufschwung immer etwas stärker als die Tariflöhne. Weil die Firmen im Boom mehr Mitarbeiter brauchten, zahlten sie oft besser als Tarif.

Etwas abgeschwächt galt diese Regel auch noch bis in die neunziger Jahre. Dann kam der Bruch. Dennoch sieht die Kurve der Lohnentwicklung etwas dramatischer aus, als die Entwicklung in Wirklichkeit war. Die meisten Beschäftigten in Deutschland mussten gar keine Reallohnverluste hinnehmen.

Neue Arbeitnehmer drücken den Schnitt

Rund 60 Prozent der Arbeitnehmer werden noch immer nach Tarif bezahlt – ihre Löhne stiegen auch im vergangenen Jahrzehnt. Vor allem in den Exportbranchen wie in der Chemie- oder der Metall- und Elektroindustrie, verzeichneten die Beschäftigten kräftige Zuwächse, auch wenn ihre Löhne etwas langsamer als die Produktivität wuchsen.

Geschrumpft sind die Löhne vor allem im Dienstleistungssektor. Dort waren es vor allem die zahlreichen neuen Teilzeitstellen und schlechter bezahlten Jobs, die den Durchschnitt nach unten drückten. Die neuen Beschäftigten waren in vielen Fällen zuvor arbeitslos, im Aufschwung fanden sie einen Job.


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Die Lohnsumme ist seit 2005 gestiegen: es gibt mehr Jobs und weniger Menschen, die von Transfers leben. Man kann sich darüber streiten, ob das eine glückliche Entwicklung war. Die These vom "verlorenen Jahrzehnt", das die Gewerkschaften beschwören, erscheint zumindest etwas einfach gedacht.

Folgt nun das Jahrzehnt der Arbeitnehmer? Es gibt Gründe, die dafür sprechen. "In einigen Regionen im Süden sind die Arbeitsmärkte bereits nahezu leer gefegt", sagt Joachim Möller, Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. "Die gute Arbeitsmarktlage und die Knappheitsverhältnisse sprechen durchaus für einen dauerhaften Trend."

Der Ökonom glaubt, dass sich die Reallöhne aller Beschäftigten in den kommenden 10 bis 15 Jahren dauerhaft besser entwickeln werden als die Tariflöhne. Aus der "negativen Lohndrift" würde dann wieder dauerhaft eine positive werden.

Ein Graben tut sich auf

Wo Fachkräfte knapp werden, zahlen die Unternehmen wieder besser als im Tarifvertrag vereinbart. Allerdings steckt in diesem Trend auch eine Gefahr. Denn während für einige die Löhne kräftig steigen werden, könnte der Aufschwung an den Geringqualifizierten völlig vorbeigehen.

"Wir haben keine Indizien, dass sich dort etwas tut", sagt Möller. Zwar wächst der Niedriglohnsektor seit dem Jahr 2005 nicht mehr weiter. Dafür aber teilt sich der Arbeitsmarkt immer stärker in zwei Bereiche.

"Während einige Beschäftigte unbefristete Verträge haben, gibt es eine nicht unbeträchtliche Gruppe, die sich von Job zu Job hangelt und unter dem Drehtüreffekt leidet", sagt Möller. Dieser Graben am Arbeitsmarkt könnte sich in den kommenden Jahren vergrößern. Am Ende des Aufschwungs wäre der Arbeitsmarkt gespaltener als vorher.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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