Leistungsgesellschaft Permanent unter Druck

Reise-, Export- und Fußballweltmeister – die Deutschen glänzen in vielen Bereichen. Doch der Erfolg ist nur eine Seite der Medaille. Wir stehen permanent unter Druck. Warum gerade die Deutschen auf Erfolg getrimmt sind.

Lisa Oenning, wiwo.de | , aktualisiert

Permanent unter Druck

Gefangen im Hamsterrad 2

Foto: Ingo Bartussek / Fotolia.com

Den Deutschen wird gerne nachgesagt, sich über Leistung zu definieren. Tatsächlich sind wird erfolgreich: Reise-, Export- und Fußballweltmeister. Also ist doch alles gut?

Stephan Grünewald: Deutschland geht es wirtschaftlich gut. All die Erfolge führen aber dazu, dass wir mit Blick in die Zukunft das Gefühl haben, dass sich die Lage eigentlich nur verschlechtern kann. Deshalb richten wir uns in einem Zustand der permanenten Gegenwart ein. Wir wollen gar nicht nach vorne gucken, weil wir dann das Gefühl bekommen, dass direkt die Krisen in unser Land schwappen.

Also verdrängen wir unsere Befürchtungen?

Genau. Die beste Art, bestehende Zukunftsängste auszublenden, ist, sich in einen Zustand besinnungsloser Betriebsamkeit zu stürzen. Wir dynamisieren im übertragenen Sinn das Hamsterrad, in dem wir uns täglich befinden, damit wir uns mit möglichen Krisen nicht auseinandersetzen müssen. Indem wir das Hamsterrad drehen – also die Anforderungen erhöhen –, erleben wir kleine Erfolge.

Zur Person

Stephan Grünewald ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung. Der Diplom-Psychologe und ausgebildete Psychotherapeut ist ein gefragter Experte in Fernsehen, Wirtschaft und Presse. 2013 erschien sein Buch "Die erschöpfte Gesellschaft – warum Deutschland neu träumen muss", das sich mit dem Leistungsdruck in der deutschen Gesellschaft beschäftigt.
Wie sieht das konkret im Alltag aus?

Viele Menschen berichten mir, dass sie nur noch von einem Termin zum anderen hetzen, sodass sie am Ende des Tages gar kein Gefühl mehr dafür haben, was sie geleistet haben. Denn in vielen deutschen Unternehmen hat sich eine Erschöpfungskonkurrenz etabliert: Die Wettbewerber brüsten sich damit, wie hoch ihre Belastungen sind. Es geht keiner montagmorgens ins Büro und sagt, dass er an diesem Tag in Ruhe seine Aufgaben abarbeiten will und dann noch die Blumen gießt. Sobald man bei der Arbeit ist, setzen die meisten die Kollegen darüber in Kenntnis, wie aktiv sie am Wochenende waren und welche Lasten sie noch schultern müssen. Es gibt somit in deutschen Betrieben einen internen Wettbewerb um den Titel des Verausgabungsweltmeisters.

Kommt der Druck denn vom Chef oder findet er nur in unseren Köpfen statt?

Sowohl als auch. Seit der Wirtschaftskrise gibt es von der Unternehmensseite viele Maßnahmen, um Arbeitsprozesse noch effizienter zu gestalten. Es werden Belegschaften zusammengekürzt, der Einzelne muss mehr Verantwortung übernehmen. Andererseits fügen sich die meisten Deutschen diesen Anforderungen bereitwillig. Schließlich gibt der Erschöpfungszustand ihnen das Gefühl, Leistung erbracht zu haben.

Das war früher anders?

Ich beobachte seit einigen Jahren einen Paradigmenwechsel vom Werkstolz hin zum Erschöpfungsstolz. Das heißt, früher waren wir stolz auf ein Werk, das wir erstellt haben und waren noch in der Lage, am Ende des Tages im übertragenen Sinn einen Schritt zurückzutreten, und das Geschaffene zu bewundern. Heute kommt es darauf an, wie erschöpft man ist.

Und das ist ein deutsches Phänomen?

Dieser Erschöpfungsstolz ist ein Phänomen der westlichen Welt. Aber vor allem die Deutschen definieren sich hauptsächlich über ihre Leistung. Die Erschöpfung wird zum Gradmesser der eigenen Produktivität. Je erschöpfter man ist, desto mehr hat man das Gefühl, am Tag etwas geleistet zu haben.

Warum ist das ausgerechnet in Deutschland so?

Deutschland ist ein Land ohne fest verwurzelte Identität. Durch die zwei Weltkriege haben wir geschichtliche Brüche, die es dem Volk schwer gemacht haben, eine klare Identität zu bilden. Deshalb sind wir immer auf der Suche nach unserer Selbst – und wollen dabei auch erfolgreich sein. Deshalb haben vor allem wir Deutschen dieses Leistungsethos.

Und in anderen westlichen Nationen?

In anderen Nationen wird der Stolz durch eine nationale Identität abgefedert. In Frankreich gibt es zum Beispiel eine ausgeprägte Pausen- und Genusskultur. Geschäftsbeziehungen beginnen dort nicht direkt mit dem Sprung in die Verhandlungen, sondern es findet in der Regel erst einmal ein gemeinsames Essen statt.

Gibt es Regionen, in denen der Erfolgsdruck höher ist als hierzulande?

In den asiatischen Ländern. Dort steht meist jede Minute unter einem Effizienzdiktat.

In welchem Maß ist Leistungsdruck in Ordnung?

Leistungsdruck ist in Ordnung, solange wir das Gefühl haben, in einem sinnvollen Prozess zu sein. In dem Moment, in dem man das Gefühl hat, denn Sinn des Handels komplett zu verlieren und nur noch getrieben zu werden, wird es ungesund.

Was passiert dann?

Wir können krank werden. Wichtig ist, dass wir im Vorfeld auf Warnsignale hören. Denn wenn der Druck zu stark ist, bekommen wir Kopfschmerzen. Das sind seelische Verdauungsstörungen. Es lastet zu viel Druck auf uns, den wir gar nicht mehr verarbeiten können. Dieses "zu viel" wird in Schmerz verwandelt. Wenn wir dann immer nur die Kopfschmerztablette einwerfen, kann das langfristig zu gesundheitlichen Schäden führen.

Auch Schlafstörungen sind ein wichtiges Warnsignal. Wenn wir noch nicht einmal nachts in die Ruhephase kommen, sind wir irgendwann komplett ausgezerrt.

Es gibt aber auch viele Studien, die beweisen, dass Leistungsdruck die Gesundheit fördern kann.

Genau, wenn wir das Gefühl haben, motiviert und höchst konzentriert zu sein – also in einem aktiven Zustand sind.

Ist die Putzfrau dem Leistungsdruck genauso ausgeliefert wie der Manager eines Dax-Konzerns?

Je größer die Möglichkeit ist, das Arbeitspensum auszuweiten, umso wahrscheinlicher ist es, unter enormen Leistungsdruck zu geraten. Denn wir brauchen immer größere Erschöpfungszustände, um unseren Erschöpfungsstolz zu befriedigen. Manager und Selbstständige sind deshalb deutlich stärker gefährdet als Menschen, die ein vorgegebenes Pensum abarbeiten müssen. Aber auch die Putzfrau kann unter Leistungsdruck geraten, wenn der Kolonnen-Chef immer größere Tagesziele vorgibt.

Wann beginnt das Streben nach Erfolg?

Schon im frühen Kindesalter. Denn das gesellschaftlich vorgegebene Effizienzdiktat hat unser Leben insgeheim radikal verändert: In den Kindergärten gibt es weniger Spielsphäre, sondern immer mehr schulische Elemente und auch die Schulzeit wurde auf acht Jahre verdichtet.

Wir geben den Jugendlichen heute nicht mehr die Zeit, in der sie sich selbst verstehen und mit Lebens-, Liebens- und Wohnformen experimentieren. Wir haben es mit einer Jugend zu tun, die durch die verkürzte Schulzeit gepresst wird, direkt in einen verschulten Studiengang einsteigt und nach vier Semestern den Bachelor haben muss. Wir haben also Leute, die mit Anfang 20 auf den Arbeitsmarkt kommen und noch nicht einmal die Zeit hatten, sich unglücklich zu verlieben.

In anderen Ländern ist das Schulsystem aber ähnlich.

Bei der Veränderung der deutschen Schullandschaft wurden aber die Fähigkeiten der Deutschen verkannt. Wir können Aufgaben nicht nur effizient abarbeiten. Deutschland ist auch das Land der Dichter, Denker und Träumer – das Land mit den meisten Patenten. Wir zeichnen uns durch eine große Kreativität und Erfindungsreichtum aus. Aber Kreativität wächst nicht im Hamsterrad, sondern in Pausen und ungeplanten Zeiten. Die Kreativitätsnischen, die wir hatten, betonieren wir dadurch zu.

In Ihrem Buch "Die erschöpfte Gesellschaft" fordern Sie dazu auf, den Lebenssinn neu zu entdecken. Wie soll das gehen?

Grundsätzlich haben wir einen ritualisierten Ausstieg aus dem Leistungsdruck, wenn wir abends ins Bett gehen. Die nächtlichen Träume sind eine Art Korrektiv. Wir sind dann in der besinnungsvollen Unbetriebsamkeit. Unsere Träume führen uns vor Augen, was unsere eigentlichen Lebensziele, Sehnsüchte und Wünsche sind.

Wenn wir nach dem Aufstehen nicht direkt wieder aufs Smartphone starren, dann sind wir noch in einer sehr kreativen Sphäre, die uns nicht nur Ideen beschert, sondern uns auch klar macht, wie es uns geht und dass wir vielleicht mal wieder einen guten alten Freund anrufen müssten.

Also setzt uns die Digitalisierung noch mehr unter Leistungsdruck?

Die Digitalisierung ist ja per se nicht schlecht. Nur wenn wir uns zum Büttel des technischen Fortschritts machen – indem wir uns beispielsweise verpflichtet sehen, jede Mail innerhalb von 30 Minuten zu beantworten, dann können wir die Dinge nicht mehr überschlafen. Aber wenn wir gewissen Dingen Zeit geben, treffen wir meistens die bessere Wahl. Wir entscheiden oft zu schnell und müssen dann korrigieren und zurückrudern. Das ist unterm Strich viel aufwendiger, als wenn die Entscheidung vorher einmal reiflich überlegt worden wäre.

Aber ist es überhaupt möglich, in einer unter Leistungsdruck stehenden Gesellschaft einen Gang zurück zu schalten?

Ich plädiere ja nicht dafür, dass man aus dieser Gesellschaft vollkommen aussteigt, sondern dass man Phasen der Reflexion hat. Bei wichtigen Entscheidungen sollte man sich unbedingt die Freiheit nehmen. Denn genau das macht uns letzten Endes auch erfolgreicher. Denn der Erfolg entwächst nicht dem Schnellschuss, sondern der bedachten Strategie.

Und wie entwickeln wir diese Strategie?

Durch die Doppelbegabung, welche die Deutschen haben: Wir waren einerseits Weltmeister im Wegarbeiten. Andererseits hatten wir Deutschen immer unsere Refugien – den Schrebergarten, die Laube, den Hobbykeller, wo wir zweckfrei schöpferisch werden konnten. Wir sollten die Refugien erhalten, um auch während der Arbeit leistungsfähig zu bleiben und unsere Schöpferkraft zu erhalten.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Mehrheit der Deutschen sich plötzlich in ihren Schrebergarten oder Hobbykeller zurückzieht.

Das stimmt. Im Moment funktioniert die Gesellschaft trotz Leistungsdruck. Die Frage ist, ob wir nicht irgendwann den Kreativitäts-Burn-out erleben. Wir zehren momentan von der Substanz. Neben dem Effizienzdiktat ist es aber wichtig, neu zu träumen. Wenn wir diese Zeit zum Träumen haben, sind wir erfindungsreich.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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