Leistungsgesellschaft Leiden an der Liegestuhl-Depression

Viele Berufstätige haben Probleme, im Urlaub abzuschalten: Sie leiden unter Liegestuhl-Depression. Schuld daran ist eine zu hohe Belastung am Arbeitsplatz.

Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert


Foto: ich/Pixelio
Urlaub wird zur Belastung

Endlich Urlaub! Die Vorfreude ist groß, doch häufig gelingt das Abschalten nicht. Jeder zweite Arbeitnehmer ruft im Urlaub berufliche E-Mails ab, jeder dritte führt dienstliche Telefonate. So kreisen die Gedanken fast zwanghaft immer wieder um den Job.

Weil die Gedanken in der Firma sind, kann die Abgeschiedenheit des Ferienziels zur Belastung werden. "Ich verfalle dann ins Grübeln und versuche permanent, das Beste aus der Situation zu machen. Die Urlaubszeit fliegt so an einem vorbei, ohne wirklich dabei zu sein. Man denkt an das bevorstehende Urlaubsende und hat Angst, nicht richtig abgeschaltet und sich nicht erholt zu haben", beschreibt ein User mit dem Namen Jochen in einem Psychologieforum, warum es ihm so schwer fällt, zu entspannen.

Liegestuhl-Depression wird dieses Gefühl genannt, obwohl es keine Depression im klassischen Sinn ist. "Es handelt sich eher um erste Anzeichen für ein mögliches Burn-out-Syndrom", erklärt Gerhard Zimmermann, Arzt und Psychologe aus Mainz. Er hat sich auf Stressmanagement spezialisiert und sieht in seiner Praxis eine wachsende Zahl von Patienten, die sich in ihrem Urlaub nicht mehr erholen können.

Keine Entspannung auf Knopfdruck

Viele setzen sich durch die Erwartung, sich auf Knopfdruck entspannen zu müssen, zusätzlich unter Druck. Weil sie keine ausreichenden Erholungsphasen haben, befinden sie sich in einem Dauerstresszustand. Physiologisch bedeutet das: In ihrem Hirn werden verschiedene Hormone freigesetzt, die bewirken, dass im Körper Adrenalin, Noradrenalin und Corticoide ausgeschüttet werden. Herzfrequenz und Blutdruck steigen, die Magen-Darm-Tätigkeit wird eingeschränkt, auch das Immunsystem fährt etwas herunter.

Viele Arbeitnehmer machten den Fehler, sich auch im Urlaub zunächst keine Ruhe zu gönnen, sagt Mediziner Zimmermann. Stattdessen führen sie sofort an ihr Urlaubsziel. "Doch lange Reise, Zeitverschiebungen und Klimaveränderungen belasten den Körper zusätzlich." Wichtig sei auch das Alter. Schon ab 40 Jahren setze dem Körper Stress stärker zu, und man brauche länger, um sich zu regenerieren. Die Folge: Am Urlaubsort wird man krank.


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"Magen-Darm-Infekte, Grippe, Erschöpfung – das sind typische Urlaubs- und Wochenenderkrankungen", sagt der Arzt. Ist nur ein kurzer Urlaub drin, wird ein Zustand der Erholung gar nicht erreicht. "Man braucht mindestens eine Woche, um runterzufahren. Für die meisten ist der Urlaub dann vorbei", sagt Zimmermann.

Besonders betroffen von der Liegestuhl-Depression seien deshalb Selbstständige, für die ein langer Urlaub von drei Wochen schwer zu realisieren sei. Allerdings ist umstritten, ob nur ein langer Urlaub zu Erholung führt. Studien legen den Schluss nahe, dass zwei Wochen ausreichen und Kurzurlaube von wenigen Tagen für die Leistungsfähigkeit sogar besser sind.

Um richtig abzuschalten, reichen Kurzurlaube dennoch nicht aus: Ein langer Urlaub im Jahr muss sein, zwei sind besser. Experten empfehlen daher, zwei Wochen im Sommer und zwei Wochen im Winter zu nehmen, und die restlichen Urlaubstage mit Wochenenden und Feiertagen zu kleineren Kurzferien zu verknüpfen.

Und was hilft beim Entspannen? "Das ist von den individuellen Umständen abhängig", sagt Zimmermann. Während einem Lehrer mit einem Job an einer Brennpunktschule vor allem wenig Trubel, viel Bewegung in der Natur und sonst Ruhe gut tun, wäre ein Postbote mit viel Spazierengehen an der frischen Luft eher falsch beraten.

Stresshormone abbauen

Generell helfen jedoch Sport und Bewegung in Maßen, um Stresshormone abzubauen. Sobald Sport allerdings in Zwang ausartet, produziert er wieder neuen Stress. Das Gleiche gilt für den Medienkonsum. "Auch wenn es schwer ist: Man sollte sein Handy und seinen Computer diese zwei Wochen im Jahr mal weniger benutzen", rät der Mediziner.

Manche Berufstätige beschreiben ein regelrechtes Entzugsgefühl, wenn sie ihr Smartphone einige Tage mal nicht benutzen. Dahinter steckt meist aber weniger eine echte Sucht als die Furcht, nach dem Urlaub vor einem Berg voll Arbeit zu stehen. Der Berg voll Arbeit hat sogar Auswirkungen auf unser Wohlbefinden: Studien zeigen, dass Menschen, die aus dem Urlaub heimkehren, weniger glücklich sind. "Post Holiday Syndrome" wird dieses Phänomen in der Wissenschaft genannt.


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Besonders nach einer längeren Auszeit finden viele Berufstätige nur schwer wieder in den alten Arbeitsrhythmus. Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten, Antriebslosigkeit und ein Gefühl der Leere sind klassische Anzeichen dafür. Zumeist dauert dieser Zustand aber nur wenige Tage, ehe der Alltagsstress wieder zuschlägt – und mit ihm auch das Wohlbefinden wieder steigt.

Denn auch das ist wissenschaftlich erwiesen: Stress ist nicht per se ungesund. Solange er in Maßen auftaucht und wieder abgebaut werden kann, ist selbst täglicher Stress kein Problem. Ungesund wird er erst, wenn er zum Dauerzustand wird. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn das zu erledigende Arbeitspensum zu groß für den Einzelnen ist.

"Leider haben viele Unternehmen in der Krise so viel Personal abgebaut, dass jetzt im Aufschwung die Arbeitsmenge nicht mehr bewältigt werden kann", hat Mediziner Zimmermann bei seinen Patienten beobachtet. Arbeitsrechtler raten deshalb, so früh wie möglich mit dem Vorgesetzten und dem Betriebsrat über eine Dauerbelastungssituation am Arbeitsplatz zu sprechen. Schließlich hat jeder Mitarbeiter ein Recht auf seinen gesetzlichen Urlaubsanspruch. Während dieser Zeit muss er ersetzbar sein.

Was ist gut für mich?

Für einen Urlaub vor- oder nachzuarbeiten ist nicht zulässig. Doch gerade hier liegt der Knackpunkt: Der gut gemeinte Rat, alle wichtigen Aufgaben vor Urlaubsbeginn abzuarbeiten, lässt sich manchmal einfach nicht befolgen. Und das Wissen um Unerledigtes belastet. Der Psychologe Zimmermann rät seinen Patienten deshalb, sich vom Leistungsgedanken zu verabschieden – selbst dann, wenn der Arbeitgeber diesen verlangt. "Ihre persönliche Leitfrage muss lauten: Was ist gut für mich, für meine Gesundheit und für meine Seele?

Das gilt im übrigen nicht zuletzt für Ihre Erwartungshaltung an den Urlaub. Er muss nicht perfekt sein, es muss auch nicht ein aufregender Höhepunkt den nächsten jagen. Wenn Ihnen einfach danach ist, Ihre freien Tage auf dem Balkon oder im Bett zu verbringen, dann tun Sie das auch."

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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