Legal Tech Anwälte am Ende?

Start-ups setzen auf Software und künstliche Intelligenz, um Verbrauchern zu ihrem Recht zu verhelfen. Ersetzen Algorithmen bald Anwälte?

Oliver Voß, wiwo.de | , aktualisiert

Anwälte am Ende?

Legal Tech 2

Foto: enzozo / Fotolia.com

Mit Jeans, Hemd und Sakko sieht Betriebswirt Peer Schulz aus wie so viele seiner Profession. Sein Büro in einem schicken Geschäftshaus an der Düsseldorfer Königsallee liegt zwischen edlen Boutiquen von Louis Vuitton und Bogner. Doch Schulz gibt den Rebellen: "Wir helfen den Versicherten gegen die scheinbar übermächtigen Konzerne." 

Sein Start-up Helpcheck ist der jüngste Vertreter einer rasch wachsenden Zahl von digitalen Dienstleistern, die Verbrauchern zu ihrem Recht verhelfen. Flightright oder Fairplane erstreiten von großen Fluglinien bei Verspätungen oder Ausfällen Erstattungen für Passagiere. Geblitzt.de hilft Autofahrern, Bußgelder anzufechten. Und MyRight hat sich mit Volkswagen angelegt, um auch für deutsche Dieselbesitzer Entschädigungen zu erkämpfen.

Was sie eint: Sie sammeln eine Vielzahl ähnlicher Fälle, setzen so Unternehmen unter Druck und Ansprüche der verärgerten Kunden durch. Möglich macht das in allen Fällen intelligente Software, die große Teile der Anwaltsarbeit automatisiert.

Der Verbraucher profitiert

Schulz, der Robin Hood von der Kö, hat sich auf Versicherungen spezialisiert – und reichlich Arbeit: Rein statistisch hat jeder Deutsche eine Lebensversicherung. In Zeiten schrumpfender Renditen wollen viele den Klassiker unter den Kapitalanlagen am liebsten loswerden. Viele zwischen 1994 und 2007 abgeschlossene Policen enthalten fehlerhafte Widerrufsbelehrungen. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs haben ihre Besitzer das Recht, ihre Beiträge plus Zinsen zurückzufordern.

Das aber auch durchzusetzen ist alles andere als einfach. Helpcheck will das ändern: Auf dem Portal lassen sich Versicherungsunterlagen hochladen. Das Start-up prüft dann automatisch, ob ein Widerruf möglich ist und setzt den mit Partneranwälten juristisch durch.

Verbraucher dürfte das freuen. Sie kommen bequemer und billiger zu ihrem Recht als bislang. Aber was ist mit den Juristen? "Wir stehen vor einer technologischen und intellektuellen Revolution, die den Markt tief greifend verändern wird", sagt Nicole Narewski, Geschäftsführerin des Deutschen Anwaltvereins. So könnte Software laut einer Studie der privaten Bucerius Law School in Hamburg und der Boston Consulting Group künftig 30 bis 50 Prozent der Aufgaben von Junioranwälten übernehmen.

Zwei Drittel der Deutschen verzichten auf einen Anwalt – aus Angst vor den Kosten

Wenn nämlich Computer nicht mehr nur Paragrafen erfassen, sondern künstliche Intelligenz daraus auch selbstständig Schlüsse zieht. Daran tüfteln nicht nur Start-ups, sondern auch große Technologiekonzerne wie SAP in Walldorf. Kai Jacob, der dort die Entwicklung von Vertrags- und Rechtssoftware leitet, testet gerade ein Modul, das der Konzern im Sommer zur Verfügung stellen will. "Kunden können dabei mit ihren gebräuchlichsten Klauseln Verträge erstellen", sagt er. Was nach einem kleinem Zusatzdienst klingt, könnte der Grundstein zu einem lukrativen Geschäft werden. "Mit den virtuellen Dokumenten schaffen wir eine Grundlage dafür, dass künftig Software Verträge verstehen kann."

Es wäre die Geburtsstunde des Robo-Anwalts, der seinem menschlichen Kollegen die Arbeit abnimmt. Noch aber bescheren die neuen Dienstleister aus dem Netz etablierten Anwälten zusätzliche Arbeit. Denn sie greifen Fälle auf, die bislang oft nicht vor Gericht gelandet sind. Laut einer Forsa-Umfrage verzichten mehr als zwei Drittel aller Deutschen aus Angst vor den Kosten bei Streitigkeiten auf einen Anwalt.




Da setzen die Start-ups an: Ihr Dienst ist zunächst meist kostenlos, dafür verlangen sie im Erfolgsfall ein Viertel oder ein Drittel der erstrittenen Summe. Dass viele bereit sind, so hohe Provisionen zu zahlen, liegt vor allem daran, dass sie ohne die Hilfe der Start-ups oft gar nichts bekommen.

Einer der europäischen Pioniere der Szene ist Philipp Kadelbach, der bereits vor sieben Jahren das Start-up Flightright gründete. Mehr als 35 000 Klagen hat der 43-Jährige seither von Potsdam aus gegen Fluglinien geführt. Denn Passagieren, deren Flüge verspätet waren oder die gar annulliert wurden, stehen laut Fluggastrechteverordnung der EU bis zu 600 Euro zu. Europaweit summieren sich die Ansprüche jährlich auf etwa fünf Milliarden Euro, von denen jedoch nur etwa 15 Prozent ausgezahlt werden. Der Grund: Viele Fluggäste kennen ihre Rechte nicht, oder sie wissen nicht, wie sie die Zahlung einfordern sollen. Und den Gang zum Anwalt scheuen sie aus Kostengründen.

Der Markt ist hart umkämpft

Flighright treibt Ansprüche ein und behält dafür im Erfolgsfall ein Viertel der erstrittenen Summe. Im Januar öffnete Kadelbach für seine inzwischen 100 Mitarbeiter in Deutschland eine Zwölf-Liter-Flasche Moët & Chandon: Flightright hatte bei den erkämpften Entschädigungszahlungen die magische Grenze von 100 Millionen Euro geknackt. Das Start-up ist bereits profitabel.

Das hat Konkurrenten wie Refund.me, EUClaim oder Flug-Erstattung.de mit ähnlichen Angeboten auf den Plan gerufen – und Wettbewerber mit neuen Geschäftsmodellen: Compensation2go oder Wirkaufendeinenflug.de locken mit einer sofortigen Entschädigung. Statt mehrere Wochen warten zu müssen, erhalten geschädigte Passagiere das Geld innerhalb von 48 Stunden. Dafür behalten die Onlineanbieter aber auch die Hälfte der Entschädigungssumme.

Kadelbach, der Antreiber, ist selbst zum Getriebenen geworden. Auch er bastelt deshalb bereits an neuen Angeboten. "Unsere Technologie bietet die perfekte Grundlage, um in andere Rechtsfelder zu gehen", sagt er. In welchen Streitfällen die Potsdamer noch helfen wollen, verrät er noch nicht.

Wo früher der Anwalt war, steht jetzt der Algorithmus

Anbieter wie Helpcheck aus Düsseldorf beweisen, dass sich die Grundidee auf viele Rechtsgebiete übertragen lässt. "Flightright war natürlich ein Vorbild für uns", sagt Gründer Schulz. Auch die Truppe von MyRight baut auf den Erfahrungsschatz aus dem Kampf um Fluggastrechte auf, schließlich hat MyRight-Chef Sven Bode einst Flightright mit gegründet. Nun will er Entschädigungen für deutsche VW-Kunden erstreiten und nutzt dabei dieselbe technische Grundlage – und den gleichen psychologischen Trick: Mit einem kostenlosen Dienst und Erfolgsprovision nimmt er Menschen die Angst vor einem teuren Anwalt.
 
"Die Technologie ermöglicht einen neuen Zugang zum Recht", sagt Markus Hartung, der sich an der Bucerius Law School mit den Veränderungen der Juristerei beschäftigt. Überall dort, wo Ansprüche standardisierbar seien, werde die Technologie die Arbeit von Anwälten verändern. "Was früher ein Anwalt formuliert hätte, kann inzwischen ein Algorithmus aus Textbausteinen zusammenfügen", sagt Hartung.

Bei den Anbietern im Netz ist ein großer Teil der Abläufe bereits automatisiert: vom Erfassen der Mandantendaten bis zum Verfassen der Schriftstücke an die Verfahrensgegner. Das senkt die Kosten. "Ohne Technologie würde unser Geschäft nicht funktionieren", sagt Flightright-Chef Kadelbach. Dass Start-ups das Geschäft der Anwälte erst jetzt angreifen, liegt vor allem daran, dass die Juristerei, anders als die Welt der Unterhaltung oder der Handel, streng reguliert ist. Wie so oft, wenn neue Technologien die Welt durcheinanderbringen, sind die USA bereits weiter: Die US-Großkanzlei Dentons hat vor zwei Jahren im Silicon Valley den Inkubator Nextlaw Labs eröffnet, um in Jura-Start-ups zu investieren, Google hat sich bereits vor sechs Jahren an der Plattform Rocket Lawyer beteiligt.

Nun setzt sich auch in deutschen Kanzleien die Erkenntnis durch, dass eine trotzige Abwehrhaltung die schlechteste Antwort auf Veränderungen ist. Zum bundesweiten Jahrestreffen, dem Deutschen Anwaltstag Ende Mai in Essen, laden die Juristen erstmals Start-ups ein, ihre Ideen vorzustellen.

Es ist ein schwieriger Spagat: Von den etwa 100 Legal-tech-Start-ups, die es inzwischen in Deutschland gibt, bieten viele auch Software, die Kanzleien hilft, ihre Arbeit schneller und günstiger zu erledigen. Die Algorithmen nehmen den Anwälten also Arbeit ab. In Zukunft aber werden sie viele von ihnen überflüssig machen.

Wie diese Zukunft aussieht, lässt sich im Berliner E-Werk besichtigen. In den Backsteinhallen nahe dem Bundesfinanzministerium befand sich früher einer der berühmtesten Technoclubs der Welt. Nun haben hier das Handwerkerportal MyHammer und die Jobbörse Stepstone ihren Sitz. Und ein Start-up, das weit weniger bekannt ist, aber technologisch zu den fortschrittlichsten Unternehmen aus Deutschland gehört: Leverton.

Milliardenkonzerne wittern ihre Chance

Gründer Emilio Matthaei demonstriert, was seine Algorithmen seit der Gründung vor fünf Jahren gelernt haben: Auf seinem Laptop startet Matthaei die Software. In der Mitte des Bildschirms erscheint ein englischer Mietvertrag. Daneben auf einen Blick alle relevanten Daten, wie Adresse, Laufzeit und die Einnahmen, die von Levertons Texterkennungssoftware automatisch ausgelesen werden. Ein Klick auf den entsprechenden Wert ruft die dazugehörige Stelle im Vertrag auf. Seine Kunden sind Milliardenkonzerne wie Jones Lang LaSalle, die Zehntausende Immobilien verwalten und dabei auch auf Matthaei setzen: Mit einem weiteren Klick, öffnet er eine Weltkarte. Für jede Stadt kann er sich das örtliche Portfolio des Immobilienmanagers anzeigen lassen, die Objekte nach Größe oder Wert gefiltert. Noch ein Klick ruft zu jeder Immobilie den zugehörigen Vertrag auf. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser auf Englisch oder Japanisch verfasst wurde. Die Software beherrscht inzwischen 20 Sprachen. "Wir bereiten Informationen, die in verschiedenen Sprachen abgelegt sind, in einer Sprache auf." 

Auf die Idee brachte ihn einst sein Bruder, der als Anwalt Hunderte Mietverträge analysieren musste und nach einem Weg suchte, das mit weniger Aufwand erledigen zu können. Matthaei, der damals bei einer Bank in London arbeitete, erkannte die enormen Möglichkeiten. Er tat sich mit Spezialisten vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz zusammen und entwickelte einen Prototyp.

Inzwischen gehören große Konzerne wie die Deutsche Bank oder der Fondsanbieter Union Investment zu den Kunden des Berliner Start-ups und auch große Anwaltskanzleien wie Freshfields oder Clifford Chance. Bei Letzteren macht das Lesen und Auswerten von Verträgen einen Großteil der Arbeit aus, weiß Micha-Manuel Bues. Bis vor Kurzem arbeitete er noch für die Münchner Kanzlei Gleiss Lutz. Im vergangenen Jahr heuerte er als Deutschlandchef bei Leverton an. "Es gibt in Kanzleien viele stupide Tätigkeiten, für die man keine hochausgebildeten Anwälte braucht", sagt Bues. "Dokumente durchsehen kann gute Software sogar besser als der Mensch." Und die Juristen haben dann den Kopf frei – für die wirklich komplizierten Fälle.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de




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