Lebensplanung Familie und Karriere - beides ist möglich

Mit der Vereinbarkeit von Karriere und Familie werben Unternehmen inzwischen offensiv um Mitarbeiter. Und dabei geht es nach Angaben der Unternehmen nicht nur um gute PR - sondern darum, eine familienbewusste Arbeitskultur zu schaffen.

Til Knipper | , aktualisiert

Windelgeld, Feriencamps für Kinder, Chefs in Teilzeit, Kühlschrankbefüllung, Bügelservice, Coachs for Working Parents und flexible Arbeitszeitkonten. Das ist nur ein Bruchteil der Maßnahmen, die kleine, mittlere und große Unternehmen in den vergangenen Jahren ergriffen haben, um ihren Mitarbeitern und deren Familien das Leben zu erleichtern. Neben politischen Maßnahmen, wie dem von der Großen Koalition eingeführten Elterngeld, hat auch die "Beruf und Familie GmbH" einen großen Beitrag dazu geleistet. Die Tochtergesellschaft der Hertie-Stiftung feiert kommende Woche ihr zehnjähriges Jubiläum.

"Es hat in diesem Zeitraum ein Paradigmenwechsel stattgefunden", sagt Geschäftsführer Stefan Becker. Als "Beruf und Familie" 1998 gegründet wurde, lautete die offizielle Einschätzung der großen Unternehmen und ihrer Verbände, dass die Vereinbarkeit von Karriere und Familie kein Thema für die Wirtschaft sei. Darum müsse sich jeder Einzelne persönlich kümmern, und Familienpolitik sei Sache des Staates. Welche Bedeutung der Staat dem Thema zubilligte, zeigte der damals frisch gewählte Bundeskanzler Gerhard Schröder, als er das Familienministerium als Ressort für "Gedöns" bezeichnete.

Es geht nicht nur um gute PR

Um die Unternehmen vom Gegenteil zu überzeugen, entwickelte "Beruf und Familie" ein Auditierungsverfahren für die Familienfreundlichkeit von Unternehmen. Dabei kommt ein lizenzierter Berater in die Firma und stellt zunächst den Status quo fest. "Im zweiten Schritt führen wir einen Workshop mit einem repräsentativen Querschnitt der Belegschaft durch", erklärt Stefan Becker. Dort wird ein Maßnahmenkatalog erarbeitet, den das Unternehmen in einem Zeitraum von drei Jahren umsetzen muss. Nachdem die Geschäftsleitung den verbindlichen Katalog unterschrieben hat, darf der Betrieb bis zur Reauditierung mit dem Zertifikat "audit berufundfamilie" werben.

"Es geht aber nicht nur um gute PR, sondern darum, ernsthaft eine familienbewusste Arbeitskultur zu schaffen", sagt Becker. Die Auditoren überprüfen zwischen den Audits einmal im Jahr, ob die Vereinbarungen in den Unternehmen umgesetzt werden. Um als Auditor für "Beruf und Familie" arbeiten zu dürfen, müssen diese externen Berater mindestens fünf Jahre Berufserfahrung mitbringen. "Viele unserer derzeit 40 lizenzierten Auditoren kommen aus dem Personalwesen oder der Organisationsentwicklung", sagt Becker. Es gibt aber auch Spezialisten für Arbeitszeitberatung, betriebliche Kinderbetreuung und Telearbeit. Alle erhalten eine Schulung zu familien- und arbeitsrechtlichen Fragen.

Über 680 Arbeitgeber, neben Unternehmen auch viele Hochschulen, haben das standardisierte Verfahren durchlaufen. Die Reauditierungsquote beträgt 90 Prozent. Die Anzahl der Mitarbeiter dieser Unternehmen liegt bei über einer Million. Für die Auditierung müssen die Unternehmen bezahlen. Je nach Anzahl der Beschäftigten kostet das Verfahren zwischen 5000 Euro für Kleinstbetriebe mit bis zu 25 Mitarbeitern und 16500 Euro bei Unternehmen mit bis zu 3000 Beschäftigten. Bei noch größeren Firmen erfolgt in der Regel mehr als eine Auditierung. Darüber hinaus erhält "Beruf und Familie" für ihre Arbeit Geld von der Hertie-Stiftung und aus dem Europäischen Sozialfonds der EU. Trotz der Fortschritte der vergangenen Jahre gibt es weiterhin viel zu tun.

Volker Baisch kennt das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie von beiden Seiten. Als vor acht Jahren seine erste Tochter zur Welt kam, nahm sich der Leiter einer Jugendeinrichtung ein Jahr Elternzeit. Schnell musste er erkennen, dass es keinerlei Hilfestellung für junge Väter gab. In seinen alten Job kehrte Baisch nie zurück. Stattdessen gründete er den Verein Väter e.V. und später mit zwei Partnern die Unternehmensberatung "Dads - Väter in Balance", die auch als Auditoren für "Beruf und Familie" arbeiten. "Es hat lange gedauert, bis Politik und Unternehmen verstanden haben, dass die Vereinbarkeit von Karriere und Kindern nicht nur ein Frauenproblem ist", sagt Baisch.

Selbst das inzwischen breit akzeptierte Elterngeld mit den zusätzlichen "Vätermonaten" wurde kurz vor seiner Einführung 2007 von Unionspolitikern noch als "Wickelvolontariat" verspottet. Viel hängt von den beteiligten Personen ab. In den Personalabteilungen ist die Botschaft inzwischen angekommen, dass Familienfreundlichkeit ein Unternehmen als Arbeitgeber attraktiv macht. Schwieriger ist es immer noch auf der Ebene der direkten Vorgesetzten. Das sei aber auch verständlich, sagt Baisch, weil die mit ihren verbleibenden Mitarbeitern den Ausfall häufig kompensieren müssten. "Kennt ein junger Vorgesetzter das Problem selbst, ist er meist sehr offen für Anfragen oder Vorschläge", sagt Baisch.

Noch ist das Thema in vielen Unternehmen ein Tabu

Flexible Arbeitszeitmodelle sind der Schlüssel zum Erfolg. Wichtig sei, dass dies im Unternehmen von oben vorgelebt werde, sagt Baisch. Familienfreundlichkeit ist dabei aber kein Selbstzweck. Das zeigen gerade die Branchen, die stark vom Fachkräftemangel betroffen sind. "Die haben erkannt, dass solche Maßnahmen die Fluktuation senken und beim Rekrutieren helfen", sagt Baisch. Die Themen Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeitmodelle hält auch Stefan Becker weiter für die Dauerbrenner. "Als neuer Trend ist die Pflege hinzugekommen", sagt Becker. Das Thema anzusprechen, sei in vielen Unternehmen noch ein Tabu. Von dem neuen Pflegezeitgesetz, das Arbeitnehmern Anspruch auf Freistellung einräumt, um sich um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern, verspricht er sich aber einen ähnlichen Effekt wie bei der Einführung des Elterngelds.

Außerdem sieht Becker noch Nachholbedarf im Osten. Dort, wo sich zu DDR-Zeiten arbeitende Mütter keine Sorgen um ihren Nachwuchs machen mussten, "kommen wir mit schablonenartigen Lösungen, die sich an Akademiker aus westdeutschen Großunternehmen richten, nicht weiter", sagt er. Dazu seien die Unterschiede am Arbeitsmarkt und bei der Kinderbetreuung zu groß. Das zeigt auch eines der Ergebnisse des "Familienmonitors 2008" vom Bundesfamilienministerium. Insgesamt will Becker in den kommenden Jahren dafür sorgen, dass möglichst alle Mitarbeiter von den Initiativen profitieren:"Das muss unser Anspruch sein, weil auch eine Sekretärin oder eine Kassiererin wichtige Mitarbeiter sind."

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