Langweile und Unterforderung im Job Dauerhafte Unterforderung lässt sich nicht ausgleichen

In vielen Jobs langweilen sich Mitarbeiter regelrecht zu Tode. Da hilft nur, sich spannendere Projekte zu suchen oder den Ausgleich im Privaten zu schaffen, sagt Arbeitspsychologin Renate Rau.

Interview: Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Dauerhafte Unterforderung lässt sich nicht ausgleichen

Foto: diego cervo / fotolia.com

Was ist eigentlich schlimmer: Burn-out oder Bore-out?

Das Phänomen Bore-out ist extrem selten. Wo das auftritt, muss genug Geld vorhanden sein, um Leute zu beschäftigen, aber keine Aufträge. In einer wirtschaftlich arbeitenden Organisation passiert so etwas nicht. Was es gibt, ist Fehlplanung: In einem Büro weiß der Mitarbeiter nicht, was er machen soll, in der anderen Abteilung arbeiten sich die Leute tot und würden gerne Arbeit abgeben.

Okay, in der Regel haben alle genug zu tun. Aber es gibt doch trotzdem Jobs, in denen die Mitarbeiter eher unter- als überfordert sind...

Es gibt viele Arbeiten, die in der Praxis so schlecht gestaltet sind, dass sie qualitativ unterfordern. Und dann gibt es Arbeiten, die unterschiedliche Anforderungen stellen und Handlungsspielraum bieten. Trotzdem haben Menschen das Gefühl, langsam voran zu kommen, weil sie vielleicht viele Ideen haben, die sie nicht umsetzen können. Kurz gesagt, weil sie ihre Qualifikation nicht ausnutzen können.

Zum Beispiel?

Ich arbeite beispielsweise in einer öffentlichen Verwaltung, weil mir die Sicherheit des Jobs wichtig ist, aber ich störe mich an den für mich geringen Handlungsspielräumen, die mir die Bürokratie vorgibt. Dann kann man natürlich überlegen, ob es einem das Risiko wert ist, den sicheren Job für einen spannenden aufzugeben. Vermutlich wäre man anschließend sogar zufriedener. Wer den Job nicht aufgeben kann, muss versuchen, den langweiligen Job mit seiner Freizeit zu kompensieren. Wenn ich mir aber vorstelle, dass jemand irgendwelche Technik überwacht, und weil selten etwas passiert, dies als sehr langweilig empfindet, kann man sich natürlich sagen: Das ist nur ein Job und ich schaffe mir einen Ausgleich in der Freizeit, in der ich viele andere Dinge zu tun habe und in der ich mich gut erholen kann.

Was unterscheidet einen langweiligen Job von einem, der die Angestellten unterfordert?

Diese nicht anregenden Jobs haben bestimmte Merkmale: Sie haben in der Regel weder zeitliche Handlungsspielräume noch Spielraum bezüglich ihrer Arbeitsweise. Man kann also nichts verändern und die Anforderungen sind nicht vielfältig, Mitarbeiter können also weder unterschiedliche Fähigkeiten noch Fertigkeiten einsetzen oder sie weiterentwickeln. Bei solchen langweiligen Jobs müsste man arbeitsgestalterisch seitens der Firma etwas machen, was den Mitarbeitern Handlungsspielräume gibt. So kann man verschiedene, auf mehrere Mitarbeiter verteilte Aufträge in eine Aufgabe zusammenfassen.

Inwiefern lassen sich denn Arbeiten zusammenlegen?

Beispiel Kassiererin: Früher war man Verkäuferin, hat kassiert, Regale eingeräumt und unter anderem auch noch Kunden beraten. Da hat niemand geschimpft, dass es ihm langweilig ist. Durch die extreme Arbeitsteilung hat man Arbeitsbedingungen geschaffen, die für alle drei Beteiligten – den Berater, den es oft so gar nicht mehr gibt, den extrem körperlich arbeitenden Einpacker und die Kassiererin – relativ schlecht sind.

Immer genau zu wissen, was zu tun ist, kann doch auch mal ganz angenehm sein...

Wer einen Handlungsspielraum hat, probiert auch mal andere Arbeitsweisen aus, testet was geht und was nicht und lernt quasi aus Versehen. Wer das nicht hat und immer das gleiche auf die gleiche Art tun muss, der erlebt oder erleidet Monotonie.

Heißt: Wenn die Kassiererin sich unterfordert fühlt, soll sie einfach mal ein paar Regale einräumen, um Abwechslung zu haben?

Bei einer Unterforderung würde ich zuerst mit dem Vorgesetzten sprechen. Wenn dieser nicht reagiert, kann eventuell der Betriebsrat helfen. Eine Unterforderung im Sinn sehr einseitiger Anforderungen bei hoher Arbeitsintensität könnte eine Gefährdung darstellen, welches in einer Gefährdungsbeurteilung geprüft werden kann. Macht weder der Vorgesetzte etwas noch gibt es einen Betriebsrat, könnte man zwar versuchen sich juristisch helfen zu lassen, dies wird aber kaum ein Arbeitnehmer tun.

Arbeitsteilung hat aber doch nicht nur Nachteile...

Einerseits war die Arbeitsteilung natürlich ein großer Fortschritt in unserer Geschichte, weil man dadurch produktiver war. Aber schon Max Weber hat gesehen, dass zu starke Arbeitsteilung unterfordert. Damals haben Handwerker angefangen, in den Fabriken zu arbeiten und haben nur noch einen Arbeitsgang gemacht – die gleiche Bewegung jeden Tag immer wieder. Es ist also schon ganz früh aufgefallen, dass extreme Arbeitsteilung inhuman ist.

Natürlich ist es gut, dass es Psychologen und Tischler gibt, aber in dem Moment, wo es um den reinen Profitgedanken geht – die Kassiererin ist teurer als der Einpacker, also kassiert sie nur und der Einpacker packt nur ein – wird eine extreme Arbeitsteilung praktiziert. Beide Verkäufer werden getrennt – aus einem wird ein billiger Einpacker und aus dem anderen eine teurere Kassiererin. Das ist definitiv nicht effizienter, nur billiger.

Spezialisierung ist nur bei komplexeren Jobs von Vorteil?

Ich habe es in Schweden bei kleineren Supermärkten gesehen, dass die Verkäufer alles gemacht haben: An der Fleisch- und der Bäckertheke konnten sich die Kunden Marken ziehen, worauf die Verkäufer zur Theke kamen und den Kunden bedient haben. Ansonsten haben sie meinetwegen eingepackt oder kassiert. Es war aber auch nicht so, dass die Kunden deshalb Schlange stehen mussten. Sie tätigten weiter ihre Einkäufe und kamen zum Metzgerstand, wenn ihre Marke angezeigt wurde.

Setzt das die Mitarbeiter nicht wieder unter Stress, wenn sie von der Käsetheke zur Kasse und zurück hetzen und zwischendrin noch Waren einräumen müssen?

Die Verkäufer haben das selbstorganisiert gemacht, sie hatten also Organisationsarbeit, haben natürlich an der Metzgertheke auch beraten und haben trotzdem auch körperliche Abwechslung gehabt, weil sie auch mal Regale eingeräumt haben, was auch gut sein kann. Das fand ich sehr interessant, weil die Leute zum einen deutlich zufriedener sind und sich zum anderen auch ganz andere Gedanken über das Geschäft machen: Was kann man dort verbessern, wie kann man es anders machen?

Wäre so ein Modell für Deutschland denkbar?

Mit Sicherheit würde man dadurch Beschäftigten im Handel und im Verkauf richtig viel Gutes tun, weil sie weder einseitig belastet, noch unterfordert werden und auch eher Wertschätzung erfahren.

Und so lange müssen Kassierer einfach eine positive Einstellung zum öden Arbeitsalltag zulegen. Ich kann natürlich sagen: Es ist ja nur ein Job. Das funktioniert aber nur, wenn ich mit dem Job ausreichend verdiene, um meinen Lebensunterhalt ordentlich zu bestreiten. Die arme Kassiererin hat also wieder keine Chance. Wenn sie Pech hat, kassiert sie vielleicht sogar in drei Supermärkten, um über die Runden zu kommen.
 
Kann Sie es nicht machen wie der anfangs erwähnte Techniker und sich ein aufregendes Hobby suchen, mit dem sie den langweiligen Job ausgleicht?

Es gibt zu dem Thema Arbeitsbelastung und Freizeitverhalten verschiedene Thesen. Man kann sich also fragen, ob die Leute ihren Job kompensieren. In den unterfordernden Jobs hätten die Leute entsprechend ein sehr aufregendes Privatleben. Aber die Befundlage zeigt: Wenn man langanhaltend unterfordert wird, gleicht man das in der Freizeit nicht mehr aus.

Wahrscheinlich, weil die Menschen die Fähigkeit dazu verlieren. Ein aktives Privatleben erfordert ja auch organisatorische und kommunikatorische Fähigkeiten. Auch darf man nicht durch die Arbeit völlig fertig sein. Gerade monotone Jobs sind oft sehr anstrengend.

Eine ganz andere Sache ist es, wenn man eine Arbeit macht, von der man bestimmte Vorstellungen hatte, die zunächst auch befriedigt wurden. Und irgendwann nutzt sich die Motivation ab, weil es nichts neues mehr gibt, alles nur Routine ist.

Dann kann man nach Herausforderungen suchen und schauen, ob es im Betrieb andere Arbeiten gibt. Man sollte in diesem Fall mit dem Chef reden, ob sich die Aufgaben ändern oder erweitern lassen. Dafür lassen sich auch die Zielvereinbarungen in Mitarbeitergesprächen nutzen. Auf jeden Fall sollte man darauf hinweisen, dass einen das, was man bisher tut, unterfordert, weil man jetzt mehr kann.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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