Kündigung Im Ausland den Job verloren

Ein Auslandsaufenthalt gehört für viele Akademiker dazu. Doch in vielen Ländern gibt es keinen Kündigungsschutz - was oft fatale Folgen hat. Drei Deutsche erzählen, was ihnen passiert ist.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Mit einem Fax aus Deutschland platzte Silke Barz' amerikanischer Traum. Die junge Betriebswirtin aus der Nähe von Wismar, die seit zwei Jahren die Produkte eines badischen Mittelständlers von Richmond im US-Bundesstaat Virginia aus vermarktete, ging wie jeden Morgen ins Büro mit den sechs netten Kollegen am Rande der City. Doch an diesem Tag lief alles anders als geplant.

Überraschend wurde die 28-Jährige von ihrem Chef in das Besprechungszimmer gerufen, wo ihre Kollegin aus der Buchhaltung schon als Zeugin wartete. Und wo Silke Barz' Vorgesetzter dann der Marketingmanagerin ihre aus der deutschen Firmenzentrale gefaxte Kündigung vorlas. "Damit stand ich von jetzt auf gleich auf der Straße - ohne jede Begründung."

Von diesem Moment an lief für Barz der Countdown: Ohne Job blieben ihr nur noch 30 Tage, um Amerika zu verlassen und nicht in die Illegalität abzurutschen. "Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fühlte mich leer und gleichzeitig überschlugen sich meine Gedanken, denn es gab so viel zu organisieren." Barz verscherbelte ihren gebrauchten Ford, verschenkte ihre Möbel, wand sich aus ihrem einjährigen Mietvertrag. Alles in allem ein finanzielles Desaster. Ihre gesamten Ersparnisse büßte sie ein. Gerade mal den Heimflug bezahlte ihr der Ex-Arbeitgeber noch.

Es war die erste feste Stelle für die Absolventin der FH Lüneburg gewesen. Bei ihrem US-Praktikum hatte die engagierte Studentin überzeugt. "Wenn du mit dem Studium fertig bist, komm unbedingt wieder", hatte ihr Chef damals gesagt. "Das war Musik in meinen Ohren, denn ich wollte ja am liebsten für immer in den USA leben und arbeiten." Dass Barz' Visum jedoch keine unbefristete Greencard, sondern an den guten Willen ihres Arbeitgebers gebunden und auf fünf Jahre befristet war, verdrängte die Diplom-Kauffrau, als sie 2006 mit zwei Koffern in das Land ihrer Träume aufbrach.

Eine Kündigung im Ausland kann existenzbedrohend werden

Diese Haltung ist typisch für viele junge Akademiker, die es ins Ausland zieht. Für sie gehört der berufliche Auslandsaufenthalt unbedingt zum Lebenslauf. Dass ein solcher Schritt jedoch zur Karrierefalle, ja sogar existenzbedrohend werden kann, übersehen viele. Denn in den meisten Ländern der Erde gibt es keinen ausgeprägten Kündigungsschutz wie in Deutschland. Sondern dort lassen sich Mitarbeiter jederzeit vor die Tür setzen - ohne Angabe von Gründen, Rücksicht auf soziale Fairness und finanzielle Hilfe. Und noch schlimmer: In etlichen Ländern heißt es pauschal: "ohne Job keine Aufenthaltsgenehmigung für Ausländer".

Das hat zum Beispiel auch Nora Rath erlebt. Die Münchenerin ging 2007 nach Dubai. Ein großer deutscher Konzern, für den sie vorher in der Zentrale gearbeitet hatte, lockte die Projektmanagerin mit einem gut dotierten, lokalen Vertrag in das Glitzeremirat. "Doch im November 2008 wurde mein Job von Dubai in ein Niedriglohnland verlagert. Mein Arbeitgeber sagte mir von heute auf morgen: ,Tschüss!'"

Urplötzlich sah sich die Deutsche Gesetzen unterworfen, die besagten, dass die zuvor willkommene Gastarbeiterin ohne Anschlussvertrag innerhalb von 30 Tagen das Scheichtum am Golf zu verlassen oder empfindliche Strafen zu befürchten habe. So zog die heute 40-Jährige überstürzt nach Hause zurück. "Hier bekomme ich aber nicht mal Arbeitslosengeld, weil ich über ein Jahr lang nicht eingezahlt habe. Die 14 Jahre, die ich zuvor schon in Deutschland gearbeitet habe, zählen nicht", sagt die Arbeitssuchende. Schadenersatz für den vorzeitigen Jobverlust, entgangenes Einkommen und den zugemuteten Stress? Ebenfalls Fehlanzeige.

Schweizer rigoroser als Amerikaner

Aber das ist beileibe kein Phänomen exotischer Nationen wie den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch in der Schweiz sieht die Situation nicht besser aus. Ganz im Gegenteil. "Der Kündigungsschutz der Eidgenossen ist ähnlich gering wie in den USA", sagt Tobias Pusch von der auf internationales Arbeitsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Pusch Wahlig Legal in Berlin. Der Jurist fährt fort: "Verschärfend kommt in der Schweiz hinzu, dass für unrechtmäßig Gekündigte keine hohen Schadenersatzforderungen drin sind."

Denn die Amerikaner sind zwar berüchtigt für ihr Hire-and-Fire-Prinzip, mit dem sich Mitarbeiter völlig legal vor die Tür setzen lassen, wenn es dem Unternehmer gefällt. Aber sie sind eben auch bekannt für "Fair Play" - Chefs dürfen im Kündigungsfall keinen ihrer Beschäftigten diskriminieren. Falls ein Ex-Angestellter nachweist, dass er selbst nach nur einem Tag Betriebszugehörigkeit aufgrund seiner Herkunft, seiner Religion, seines Geschlechts oder einem anderen von insgesamt 40 Gründen entlassen wurde, sprechen die amerikanischen Richter solchen Opfern oft Entschädigungssummen in Millionenhöhe zu.

"So betrachtet, ist eine Kündigungsrundmail des Firmenchefs an alle Mitarbeiter wie im Fall Lehmann Brothers in den Augen amerikanischer Arbeitgeber auch kein schlechter Stil, sondern schlicht simpler Schutz vor ruinösen Diskriminierungsklagen", sagt Anwalt Pusch.

Dass die Eidgenossen im Kündigungsfall rigoroser als die USA verfahren, wissen tatsächlich nur die wenigsten. Noch immer rangiert die Schweiz hinter den USA auf Platz zwei der beliebtesten Ziele für deutsche Auslandsarbeiter.

Pleite und zurück ins Kinderzimmer

"Wer in der Alpenrepublik arbeiten will, sollte wissen, dass die Schweiz eine wunderschöne Rose mit Dornen ist", sagt ein Absolvent renommierter Wirtschaftsuniversitäten, der selbst bittere Erfahrungen in Zürich und Genf gemacht hat, aber anonym bleiben möchte. Er fürchtet, "mit diesem Makel" sonst keinen Job mehr zu finden: Gleich zweimal hintereinander hat der junge deutsche Produktmanager, den Headhunter in die Schweiz lockten, weit nach Ablauf seiner Probezeit die fristlose Kündigung erhalten.

"Morgens arbeitete ich an einer Präsentation, nachmittags wurde ich vom Firmenanwalt aus dem Gebäude eskortiert. Nicht mal einen Karton oder eine Tüte gab man mir, um meine Sachen einzupacken. Mit meinen Habseligkeiten unterm Arm kam ich mir vor wie ein Verbrecher", sagt der Diplom-Kaufmann.

Je ein Monatsgehalt überwiesen ihm seine beiden Ex-Arbeitgeber noch. Der junge Manager war noch keine zehn Jahre für sie tätig gewesen. Doch weder diese gesetzlich vorgeschriebene karge Abfindung noch sein Erspartes reichten, um die hohen Mieten und Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Nach seiner zweiten fristlosen Entlassung aus fadenscheinigen Gründen zog der 31-Jährige notgedrungen zurück in das Kinderzimmer bei seinen Eltern in Norddeutschland. Er sagt: "Ich habe mich vom Wohlstand, hohen Gehältern und scheinbar steilen Karrierechancen im Ausland blenden lassen."

Kein Wunder, dass es viele Deutsche jetzt nach Hause zieht. Familie, Freunde und das deutsche Sozialsystem versprechen mehr Sicherheit, Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt trotz Krise. Das beobachten auch Organisationen wie das Raphaels-Werk, die sowohl Auswanderer als auch Rückkehrer betreuen.

Doch hierzulande erweist sich der bisherige Karriereturbo Auslandseinsatz gerade als Bremse, denn Personalmanager haben Vorbehalte. Die Skepsis gegenüber Kandidaten aus dem Ausland beschränkt sich nicht nur auf höhere Anreisekosten im Auswahlverfahren. "Es gibt Typen, die im Ausland wie die Made im Speck gelebt haben und sich hier wie verzogene Gören benehmen", sagt Albrecht von Bonin. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Personalberatung, die seit 15 Jahren Auslandsrückkehrer berät, weiß, dass Bewerbungen aus der Fremde leicht auf dem Absagenstapel landen.

Sowohl Entsendeten wie Nora Rath, als auch vorübergehend ausgewanderten Berufseinsteigern wird unterstellt, dass sie sich nicht reintegrieren. Das hat auch Rückkehrerin Silke Barz bei ihrer Jobsuche gehört. "Erst heißt es, ohne Auslandserfahrung wirst du nichts. Kommst du dann aus dem Ausland zurück, wirft man dir fehlende Kenntnisse der heimischen Gegebenheiten vor. Das ist doch verrückt."

Die Betriebswirtin hat sich davon zwar nicht unterkriegen lassen. Allerdings setzt sie auf Nummer sicher: Statt des Abenteuers Ausland heißt es Festanstellung im Controlling bei einem Betrieb der Hamburger Umweltbehörde.

Auslands-Checkliste

Arbeitserlaubnis 
Diese kann befristet und an den guten Willen des Arbeitgebers oder einheimische Bürgen geknüpft sein.

Aufenthaltsbestimmung 
Mit der Kündigung kann die Aufenthaltserlaubnis erlöschen.

Kündigungsschutz
Dieser ist oft schlechter als in Deutschland.

Arbeitslosenversicherung 
Eine solche gibt es in den meisten Ländern nicht oder nur rudimentär.

Rentenanspruch 
Wer aus dem deutschen System ausscheidet, muss meist selbst vorsorgen.

Krankenversicherung 
Schließen Sie internationale Policen ab.

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