Krisensicher Arbeiten beim Tüv: Geprüft wird fast alles

Der Tüv Süd prüft weltweit Autos, Achterbahnen, Bierzelte und Websites. Hier haben Talente mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen eine Chance. Die Jobs sind krisenfest und die Hierarchien flach - Führungspositionen aber gibt es kaum.

Kirstin von Elm | , aktualisiert

Wenn Patrycjusz Idzikowski zur Arbeit geht, trägt er manchmal nur eine Badehose. Martin Augenschein dürfte sich so nicht sehen lassen. Er trifft seine Kunden auf Botschaftsempfängen, für ihn sind Anzug, Krawatte und Manschettenknöpfe Pflicht. An der Wahl der Garderobe kann man nicht erkennen, dass sie für dasselbe Unternehmen tätig sind. Und doch: Beide sind im Auftrag des Tüv Süd unterwegs. Idzikowski, 31, kontrolliert Deutschlands Achterbahnen, Bierzelte und Wasserrutschen. Augenschein, 29, baut Tüv-Stationen im Ausland auf.

Die Aufgaben, die der Technische Überwachungsverein, kurz: Tüv, zu vergeben hat, sind vielfältig. Er führt technische Sicherheitskontrollen aller Art durch, vor allem gesetzlich vorgeschriebene. Gegründet wurde der Vorläufer vor 140 Jahren. Inzwischen sind aus dem Verein privatwirtschaftliche Unternehmen geworden, und die meisten Tüv-Gesellschaften gehören zu den drei Holdings Tüv Süd (Sitz: München), Tüv Rheinland (Köln) und Tüv Nord (Hannover).

Tüv Süd stellt weiter ein

Der Tüv Süd, die größte Dachgesellschaft, beschäftigt etwa 14 000 Mitarbeiter und setzte 2008 knapp 1,37 Milliarden Euro um. Und: Die Gesellschaft bietet die meisten Jobs - denn: Geprüft wird auch in der Krise. Bis zum Juni hat das Unternehmen 400 Mitarbeiter neu eingestellt, die Hälfte davon Berufseinsteiger. Bis zum Jahresende könnten es rund doppelt so viele werden. Allein im August waren fast 100 offene Positionen auf der Website ausgeschrieben.

Und längst nicht alle haben mit Autos zu tun. "Viele Job-Kandidaten haben immer noch ein falsches Bild im Kopf", sagt Personalchef Titus Alexander. Die Prüfleistungen rund ums Auto, das wohl bekannteste Geschäftsfeld, machen rund ein Drittel des Umsatzes aus.

Der Tüv testet nicht nur Autos

Der große Rest wird von Mitarbeitern wie Patrycjusz Idzikowski erzielt. "Meinen Beruf haben höchstens tausend Leute auf der ganzen Welt", sagt der Sachverständige. An der FH München hat er zunächst Bauingenieurwesen studiert und anschließend vier Jahre als Statiker bei einem Ingenieurbüro gearbeitet. Statt nur am Schreibtisch zu hocken, verbringt er heute rund ein Drittel seiner Arbeitszeit auf Jahrmärkten, in Vergnügungsparks oder Freizeitsportanlagen. Er prüft sogenannte fliegende Bauten - vom Riesenrad bis zur Wanderbühne also alle größeren Bauwerke, die regelmäßig auf- und abgebaut werden. Aber auch stationäre Freizeitattraktionen, die nie auf Reisen gehen und baurechtlich nicht zu den fliegenden Bauten zählen, nimmt er unter die Lupe. Das sei kein Job für Leute mit Höhenangst, sagt Idzikowski. "Man muss schon absolut schwindelfrei sein." Bei vielen Prüfterminen klettert er in luftiger Höhe auf Loopings herum und untersucht jede Schraube. "Ich setz mich aber auch aufs Kinderkarussell", erklärt der Vater einer kleinen Tochter, der grundsätzlich alles ausprobiert, was er prüft.

Ursprünglich wurde die heutige Aktiengesellschaft als Verein zur Überwachung von Dampfkesseln gegründet, lange bevor es das erste Auto gab. Im Zuge der Industrialisierung verursachten Kesselexplosionen immer wieder schwere Unfälle. Das Unternehmensmotto von damals, "Menschen, Sachgüter und Umwelt vor den schädlichen Auswirkungen der Technik zu schützen", besteht bis heute. Die Arbeit dagegen hat sich weiterentwickelt. Etwa die Hälfte des Umsatzes des Tüv Süd entfällt auf Prüf- und Beratungsleistungen für Industriekunden. Statt Dampfkessel überwachen die 6500 Mitarbeiter der Industriesparte heute auch Atomkraftwerke oder Chemiefabriken, Gleisanlagen, Raffinerien, Seilbahnen oder das Oktoberfest.

Die Prüfgebiete sind höchst unterschiedlich

Der Tüv kontrolliert aber nicht nur im großen Stil, sondern auch die Sicherheit alltäglicher Produkte im Auftrag von Herstellern, Handelsunternehmen, Unfallkassen oder Verbraucherschützern wie der Stiftung Warentest. In München betreibt Tüv Süd auf der ersten Etage eines schicken Glasbaus eine Folterwerkstatt für Toaster, Teddys und andere Produkte. Mehr als 12000 Artikel müssen hier jährlich ihre Nehmerqualitäten beweisen. Das moderne Bürogebäude hat der Tüv erst vor wenigen Jahren bezogen - zum einen, um Platz für neue Mitarbeiter zu schaffen. Zum anderen unterstreicht der lichtdurchflutete Neubau optisch den angestrebten Imagewandel: weg von der behördenähnlichen Organisation, die nebenan noch immer in einem nüchternen Backsteinbau aus den 70ern residiert, hin zum modernen, weltoffenen Dienstleistungskonzern. "Wir stehen heute in einem knallharten Wettbewerb und suchen deshalb Mitarbeiter mit ausgeprägter Kundenorientierung", sagt Personalchef Titus Alexander.

Anfang 2008 fiel in Deutschland das gesetzliche Tüv-Monopol, seitdem dürfen auch andere Unternehmen die Betriebssicherheit von Anlagen überprüfen. Im In- und Ausland konkurriert der Tüv Süd daher nicht mehr nur mit den anderen Tüv-Gesellschaften, sondern auch mit der Dekra und ausländischen Konkurrenten wie der Schweizer SGS-Gruppe oder dem belgischen Bureau Veritas - Nummer eins und zwei auf dem Weltmarkt für Technische Sicherheit. Fusionspläne der Gesellschaften Tüv Süd mit Tüv Rheinland scheiterten 2008 am Bundeskartellamt.

Fast 30 Prozent des Umsatzes erzielt der Tüv Süd im Ausland, er ist an mehr als 600Standorten weltweit präsent. Damit das Geschäft weiter wächst, ist Martin Augenschein vom Konzernbereich Auto Service unterwegs. Er verhandelt oft mit Regierungsvertretern, auch auf Botschaftsempfängen, etwa über den Aufbau von ausländischen Tüv-Stationen: "Mein Hauptverkehrsmittel ist das Flugzeug", sagt er. Im Büro sitzt er im Schnitt nur zwei Tage pro Woche.

Für den Job hat Augenschein Türkisch gelernt

Augenschein hat ein duales Studium beim Tüv Süd und an der Berufsakademie Mannheim absolviert und stieg danach zum Assistenten des Geschäftsführers der Autosparte auf. Die Sporen für seinen Managementposten verdiente er sich in der Türkei, wo er von 2007 bis 2008 mit türkischen Partnern ein Auto-Prüfstellennetz nach deutschem Vorbild aufbaute. Als Leiter der Projektsteuerung war er von Istanbul aus für das landesweite Baustellenmanagement verantwortlich und koordinierte 189 Baustellen. Kinder hat er noch keine, aber später, so sagt er, würde er gerne mal mit seinem kleinen Neffen in die Türkei fahren: "Da kann ich ihm dann die Tüv-Stationen zeigen und sagen: Die hat alle dein Onkel gebaut", sagt er und lacht.

Nebenbei lernte Martin Augenschein Türkisch, denn nur mit drei seiner zwölf türkischen Kollegen konnte er sich auf Englisch oder Französisch verständigen. Und neben zusätzlichen Sprachkenntnissen hat ihm der zweijährige Auslandseinsatz vor allem Erfahrung im internationalen Projektmanagement und Pluspunkte bei seinen Vorgesetzten eingebracht. Elf Milliarden Euro soll der Tüv Turk in den nächsten 20 Jahren umsetzen, so der Plan. Das Auslandsprojekt gilt als eines der bedeutendsten in der Unternehmensgeschichte.

Augenschein ist ein Tüv-Süd-Gewächs und ein gutes Beispiel für das Recruitingkonzept. Personalchef Titus Alexander will Nachwuchs möglichst früh binden. Dazu forciert das Unternehmen Kooperationen mit Universitäten, gestaltet duale Studiengänge mit Berufsakademien, bietet Praktika oder Stipendien an. Das Unternehmen investiert viel, um junge Mitarbeiter zu gewinnen und das Durchschnittsalter der Belegschaft von 44,6 Jahren zu senken. "In den kommenden Jahren werden wir viele ausscheidende Prüfexperten ersetzen müssen", sagt Alexander.

Heißdüsen, die von einem Posten zum nächsten springen und so schnell die Karriereleiter emporklettern wollen, kann der Personaler allerdings nicht gebrauchen, sagt er. Er bevorzugt Bewerber, die zum Tüv kommen, um zu bleiben. Schließlich erfordert der Prüferjob eine intensive Einarbeitung, in einigen Bundesländern ist einschlägige regionale Berufserfahrung vorgeschrieben. Dass der Tüv Süd im Vergleich zu großen Industrieunternehmen nicht mit Spitzengehältern aufwarten kann - Einsteiger verdienen 35000 bis 41000 Euro -, macht die Personalsuche nicht leichter. Vor allem für Berufserfahrene bedeutet der Wechsel zum Tüv finanziell oft einen Rückschritt.

Karrierechancen bietet der Tüv kaum

"Dafür ist der Arbeitsalltag strukturierter, die Hierarchien flach und der Arbeitsplatz im Vergleich zu vielen Industriebranchen relativ krisenfest", sagt Matthias Busold, Recruiting-Experte bei Kienbaum. Wer jedoch erst mal ein paar Jahre als Prüfer gearbeitet habe, würde mit Abwerbeofferten aus der Industrie meist nicht gerade überhäuft. Dort sind vor allem Mitarbeiter gefragt, die komplexe Entwicklungsprojekte managen oder die Produktionsabläufe optimieren können. Thematisch begrenztes Spezialwissen, wie es Tüv-Sachverständige aufbauen, hilft da nicht weiter. Und flache Hierarchien sorgen zwar für gutes Betriebsklima, doch Positionen, auf denen man Führungserfahrung sammeln kann, sind rar.

Sharon L., 30, ist das nicht so wichtig. Die Informatikerin ist froh, nach zwei Tätigkeiten als Freiberuflerin 2006 eine Festanstellung gefunden zu haben - auch wenn sie eine Frau unter vielen Männern ist. Rund 80 Prozent der Belegschaft sind Ingenieure, entsprechend gering ist die Frauenquote: Sie liegt unter 30 Prozent.

Prüfungsverfahren für den Onlinebereich sind eine Zukunftschance

Beim Tüv Süd überprüft die Absolventin der FH Kiel, wie sicher Online-Shops im Internet sind. Dazu bewertet sie nicht nur die Website und setzt Profi-Hacker auf mögliche Sicherheitslücken an. Sie schaut auch persönlich beim Ortstermin hinter die Kulissen. "Wir wühlen schon mal im Papierkorb, um zu schauen, was da so für Belege landen", verrät sie. Garbage-Diving, Mülltauchen, nennen das ihre Kollegen.

Anbieter, die alle Prüfkriterien erfüllen, erhalten von Sharon L. ein "s@fer shopping"Zertifikat. Rund 120 Unternehmen werben bereits mit diesem Gütesiegel, darunter die Deutsche Bahn und der Otto-Versand. Moderne Managementdienstleistungen wie das Online-Zertifikat sind für den Tüv Süd ein Wachstumsmarkt. Das Logo, ein blaues Oktagon, soll auch in diesem Markt Qualität und geprüfte Sicherheit garantieren. Oder wie Sharon L. sagt: "Ein bisschen sicher gibt es bei uns nicht." Und über die anfängliche Reaktion ihrer Freunde - "Du gehst zum Tüv - Plaketten kleben?" - kann sie inzwischen milde lächeln. Ihr Alltag hat mit dem Klischee wenig zu tun.

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