Krise der US-Elitehochschulen Goldene Gelegenheit für Europa

Amerikas Elitehochschulen stecken in der Krise: Diese Schwächephase könnten Europas MBA-Anbieter nutzen, um eine eigene, eine europäisch geprägte Art des Managementstudiums zu profilieren.

Axel Gloger | , aktualisiert

Einfache Erfolgsrezepte ziehen nicht mehr

Die Finanzkrise hat nicht nur Banken und Unternehmen durchgeschüttelt. Auch die internationalen Wirtschaftshochschulen, die das praxisnahe Managementstudium mit Abschluss Master of Business Administration (MBA) anbieten, haben sich Blessuren zugezogen — vor allem jene in den USA.

Renommier-Institute wie Business Schools Harvard, Wharton und Kellogg bildeten den Nachwuchs für die Finanzindustrie des Landes aus. Ihre Absolventen bekleideten auch Spitzenjobs bei der Pleitebank Lehman Brothers, sie waren Miterfinder des Subprime Booms und sie saßen an den Schaltstellen der Macht, als der Versicherer AIG, der Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac kurz vor dem Ruin standen.

All das zeigt: Offenbar schützt der MBA-Abschluss von einer Hochschule der A-Liga nicht vor Führungsentscheidungen, die ins Desaster führen. Das macht manchen Vertreter der Business-School-Branche nachdenklich. "Die einfachen MBA-Erfolgsrezepte ziehen nicht mehr", sagte Robert Bruner, Dekan der Darden School in Charlottesville im US- Bundestaat Virginia, auf einer Konferenz in Barcelona.

Vielfalt ist noch kein wesentliches Unterscheidungsmerkmal

Das Selbstbewusstsein der US-Schulen ist angeknackst. Strategisch böte das eine einmalige Chance: Europas MBA Anbieter könnten die Kritik an der amerikanischen Konkurrenz nutzen, um sich mit einer anderen, einer europäischen Art des Managementstudiums zu profilieren. Es könnte die Stunde der Europäer sein, die in den vergangenen 20 Jahren massiv aufgeholt haben.

Jetzt könnten sie die Business-Schools in den USA überholen. Aber davon ist in der Branche wenig zu sehen.

Die Verantwortlichen an Europas Manager-Hochschulen registrieren zwar Unterschiede zwischen den Hochschulen. "Europas Schulen bieten mehr Vielfalt in der Studentenschaft", sagt die MBA-Direktorin des IMD in Lausanne, Janet Shaner. An der Business-School am Genfer See kommen 97 Prozent der Studenten in der MBA-Klasse aus dem Ausland, beim Branchenprimus Harvard sind es 34 Prozent. Nur: Diese Unterschiede sind den Schulen zugefallen und begründen noch keinen europäischen MBA-Typus.

Amerikanische Sichtweise dominiert

Die Vielfalt haben die Europäer schlicht der Geografie zu verdanken. In einem 2000-Kilometer-Radius um eine US-Hochschule herum befinden sich nur ein oder zwei Länder. Zieht man denselben Kreis um eine beliebige Business School in Europa, liegen meist zehn bis 20 Länder im Einzugsgebiet.

Deshalb gibt es etwa am IMD, der Berliner ESMT oder der London Business School mehr internationale Studenten. Aber ein echtes Differenzierungsmerkmal ist das nicht. Viele europäische Länder haben ein anderes Wirtschaftsmodell als die Vereinigten Staaten — wenn sich dieses auch in den Lehrinhalten widerspiegeln würde, könnte das ein echter Wettbewerbsvorteil sein. Doch bei den Lerninhalten dominiert die amerikanische Sichtweise.

Keine europäischen Alleinstellungsmerkmale

Anbieter wie die Gisma in Hannover oder die WHU — Otto Beisheim School of Management in Vallendar holen sich ihre MBA-Programme komplett oder teilweise aus Amerika. Am IMD in Lausanne betont man zwar, dass es mehr Globalität gebe als in einer typischen US-Schule. Doch überzeugend ist das nicht.

Die Schweizer Schule hängt direkt an der Pipeline der Fallstudienfabrik der Harvard Business School, zwei Drittel des Lehrmaterials kämen von dort, sagt Janet Shaner.

Das merken auch all jene, die den Nachwuchs an den internationalen Business-Schools rekrutieren, wie Klaus-Peter Gushurst, Deutschlandchef der Unternehmensberatung Booz & Co. Auf seiner Liste stehen auch drei europäische Business-Schools: das in Frankreich ansässige Insead, die London Business School und die spanische Top-Hochschule Iese. "Die zeigen relativ wenig Unterschiede zu Anbietern in den USA", stellt der Chefberater lakonisch fest.

Programmdauer variiert von Kontinent zu Kontinent

Europäischer Anbieter verweisen gerne darauf, dass ihre MBA-Programme doch schon allein deshalb anders sind, weil sie kürzer sind. In Europa dominiert der einjährige MBA den Markt der Vollzeitprogramme, in den USA sind zwei Jahre Standard.

Deshalb sind die Studenten in Europa meist etwas älter als in den USA, sie wollen nicht mehr so lange aus dem Job aussteigen. 29 Jahre alt sei der typische Student an der Berliner ESMT, sagt etwa Nick Barniville, MBA-Direktor der Business-School. In den US-Programmen liegt das Durchschnittsalter bei 24 bis 26 Jahren.

Einen Einfluss auf die Bewertung hat das aber nicht, wie der Blick in die Rankings zeigt.

Studenten wollen Deutschland verstehen

Dennoch regt sich etwas im Markt. Die Bewegung kommt von den Außenseitern, die einen guten Grund haben, jetzt ihr Produkt von der Masse der anderen MBA-Angebote abzuheben. Angetrieben wird das durch überraschendes Interesse aus dem Ausland.

"Die Studenten kommen zu uns, weil sie verstehen wollen, wie deutsche Unternehmen erfolgreich Geschäfte machen", sagt ESMT-Mann Barniville. Deutschland sei besser als alle anderen Länder Europas durch die Krise gekommen, die lange verpönte Industrie habe sich als Stärke erwiesen, Unternehmer handelten langfristig, viele Mittelständler hätten ihre Stellung auf dem Weltmarkt gegen den Trend ausgebaut.

Ein eigenes Führungsmodell entwickeln

Die Berliner Schule bedient diese Nachfrage. MBA-Studenten erhalten Einblick in das Erfolgsmodell des weltweit bewunderten "German Mittelstand". Hier wird diskutiert, wie Führung im Konsens mit Mitarbeitern funktioniert, hier arbeiten Firmenchefs mit den Gewerkschaftern an der Zukunft des Geschäfts, statt sie zu bekämpfen.

Modell Deutschland ist von Interesse

"Wir zeigen unseren Studenten auch, wie nachhaltige Lieferketten aufgebaut werden, oder wie Unternehmen langfristige Partnerschaften zu ihren Zulieferern eingehen“, sagt MBA-Direktor Barniville.

Auch zwei Autostunden weiter südlich der deutschen Hauptstadt mausert sich eine Business-School mit europäischem Profil. Präsident Andreas Pinkwart, der der Handelshochschule Leipzig (HHL) vorsteht, verkündete kürzlich den großen Aufbruch: In den nächsten Jahren will er die Zahl der Studenten auf knapp 600 verdoppeln, überdies sollen 25 neue Professoren gewonnen werden.

Denn auch eine der ältesten deutschen Busines-Schools spürt den Rückenwind, den das wachsende Interesse am Modell  Deutschland schafft. "Bei uns lernen die Studenten, wie flexible und nachhaltige Führung funktioniert", sagt Pinkwart, "der Standort Deutschland hat da empirisch eine Menge zu bieten. Das wird in unsere Lehrinhalte einfließen." So sollen die HHL-Studenten nicht nur, wie im MBA üblich, von Konzernen lernen — sondern auch von den großen Familienunternehmen, die hier zu Lande sehr erfolgreich agieren.

Um das in den Köpfen der Studenten zu verankern, wollen die Professoren hier sogar eine eigenständige Submarke, kreieren, das sogenannte "Leipziger Führungsmodell".

Mittelstand liefert neue Inhalte

"Mitarbeiter mitnehmen, Erfolgsfaktoren der Kultur bewahren, Stakeholder einbeziehen", beschreibt Präsident Pinkwart dessen Kernelemente. Wie zum Nachweis dieser Besonderheiten legt der Management-Vordenker Hermann Simon das Lehrmaterial für die Inhalte vor, die HHL und ESMT ihren Studenten nahebringen wollen.

Bereits zum dritten Mal hat der ehemalige Mainzer BWL-Professor das Innenleben der unbekannten Weltmarktführer aus dem Mittelstand inspiziert. Sein Fazit: Die Champions haben längst eine andere BWL definiert — darauf kommen jetzt auch die Hochschulen.

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