Krise als Chance Hier lernt man mehr als im Hörsaal

Sabine Köster kennt die Herausforderungen, die ein Studium an alle Lebensbereiche stellt. Als Leiterin der Psychotherapeutischen Beratungsstelle für Studierende des Studenwerks Karlsruhe berät sie Studenten in Krisenzeiten.

Interview von Anne Ritter | , aktualisiert

Hier lernt man mehr als im Hörsaal

Gestelltes Foto: PBS, Studentenwerk Karlsruhe

Die Angebote von psychotherapeutischer Beratung, Psychotherapie und Psychiatrie sind von außen oft undurchsichtig und schwer zu unterscheiden. Psychotherapeutische Beratung stellt ein niedrigschwelliges Angebot dar, das sich an alle Studierenden richtet, die sich durch persönliche oder studienbezogene Probleme belastet fühlen.

Geben Sie doch mal einen Einblick in die Beratungspraxis – was sind die Probleme, mit denen Studierende zu Ihnen kommen?

Zu den Hauptproblemen gehören Lern- und Prüfungsschwierigkeiten, Depressivität und Versagens- oder Zukunftsängste. Aber auch andere Probleme führen dazu, dass Studierende sich an unsere Beratungsstelle wenden – zum Beispiel Einsamkeit, Partnerschaftsprobleme, Entscheidungsschwierigkeiten, Konflikte, Essstörungen, psychische oder somatische Erkrankungen, Belastungen, die sich durch Schicksalsschläge ergeben.

Welches Problem haben alle Ratsuchenden dabei gemeinsam?

Allgemein gesprochen fühlen sich die Studierenden, die die Beratungsstelle aufsuchen, wie in einer Sackgasse: Die persönliche Situation erscheint festgefahren, aussichtslos und es fehlen Ideen und Energie, um etwas zu verändern.

Warum reicht es nicht aus, seine Probleme im Freundeskreis zu besprechen?

Manchmal fehlt es an hilfreichen Gesprächspartnern, andere Studierende haben schlechte Erfahrungen gemacht, anderen Menschen von ihren Problemen zu erzählen: Gut gemeinte Ratschläge, Ermahnungen oder Floskeln wie „das wird schon wieder“ führen dazu, dass sich der Betroffene zunehmend allein mit seinen Schwierigkeiten fühlt, andererseits aber allein nicht weiter kommt. 

Der Bedarf an den psychologischen Beratungen vom Studentenwerk ist in den letzten Jahren konstant gestiegen. Kann man daraus schlussfolgern, dass sich die Studienbedingungen verschlechtert haben?

Die Studienbedingungen sind sicherlich nicht die einzige Ursache für die gestiegene Beratungsnachfrage, tragen aber dazu bei, dass Studierende oft sogar bereits zu Beginn ihres Studiums große Angst haben, das Tempo nicht mithalten zu können und den Anschluss zu verpassen. Persönliche und Studienprobleme erzeugen dann großen Druck und bedrohen den Studienerfolg.

Die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge stressen also mehr?

Die aktuellen Studienbedingungen lassen meines Erachtens weniger Spielraum für Schwierigkeiten als früher. Durch die stärkere Strukturierung und regelmäßige Leistungsüberprüfung bleibt wenig Platz für Umwege und die Bewältigung von Hindernissen. Anderen Studierenden hilft es aber möglicherweise, den Studienalltag klar zu strukturieren.

In gewissen Kreisen gilt eine Therapie mittlerweile als schick. Vielleicht kommen einfach mehr Studenten, weil der Umgang mit Psychologischer Beratung bei jungen Menschen entspannter geworden ist?

Nein, die Schwelle, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist nach wie vor hoch. Sich einzugestehen, es allein nicht zu schaffen, kostet viel Überwindung, manchmal so viel, dass Monate oder sogar Jahre vergehen, bis ein Beratungstermin vereinbart wird.

Eine Schwäche zu haben, sie auch noch zu zeigen und darüber zu reden, ist nach wie vor nicht einfach. So ist das Ohr des Beraters manchmal das erste, das von belastenden Erlebnissen und Gefühlen erfährt. Manche Themen sind sehr schambesetzt, andere sehr schmerzhaft.

Die Beratungsnachfrage in der Psychotherapeutischen Beratungsstelle für Studierende Karlsruhe ist in den letzten 10 Jahren kontinuierlich gestiegen und hat sich mehr als verdoppelt. Kommen die Psychologen vor Ort da überhaupt noch nach?

Die Personalkapazitäten bei uns in der PBS Karlsruhe sind vergleichsweise sehr gut: In unserem Team arbeiten sechs Diplom-Psychologen und eine Sekretärin. Andere Beratungsstellen an anderen Standorten müssen mit deutlich weniger Personal auskommen.

Die Wartezeiten für ein Erstgespräch betragen durchschnittlich zwei Wochen, im Krisenfall können wir auch unmittelbar Unterstützung anbieten. Im Durchschnitt nimmt ein Ratsuchender vier bis fünf Beratungsgespräche in Anspruch.

Im Jahr 2010 konnten wir das Team zum Glück um eine zusätzliche Stelle aufstocken. Die Wartezeiten lagen vorher chronisch bei vier bis sechs Wochen, für Studierende – und auch für den Erfolg der Beratung – ist dieser Zeitraum zu lang.

Dann brauchen Sie nicht auf sich aufmerksam machen?

Eine engagierte Öffentlichkeitsarbeit bleibt wichtig: Studierende können nur dann zu uns finden, wenn sie von uns wissen und darüber informiert sind, was wir anbieten! Wir bemühen uns also, regelmäßig durch Vorträge der Beratungsstelle ein persönliches Gesicht zu geben.

Die beste Form der Öffentlichkeitsarbeit wird aber von Studierenden geleistet, die unser Beratungsangebot in Anspruch genommen haben und anderen davon erzählen. Die persönliche Weiterempfehlung senkt die Schwelle deutlich, psychotherapeutische Unterstützung wahrzunehmen.

Schreckt der Name "Psychotherapeutische" Beratungsstelle dabei nicht ab?

Von Außenstehenden wird der Name oft in Frage gestellt. Wir haben uns aber ganz bewusst dazu entschieden, den Namen zu behalten: Als Anlaufstelle für alle Studierenden mit Beratungsanliegen zwischen psychischen Unwohlsein und psychischer Erkrankung bis hin zu Suizidalität ist eine hohe professionelle psychotherapeutische Qualifikation der Berater wichtig und sollte auch im Namen der Beratungsstelle zum Ausdruck kommen.

Etwas provokant gefragt: Wenn Studierende schon während der Ausbildung belastet sind, werden sie dann nicht auch im Job Probleme bekommen?

Die Lebensphase Studium ist entwicklungspsychologisch gesehen eine anspruchsvolle Zeit: Sie erfordert es, sehr relevante Entscheidungen zu treffen – selbständig und erwachsen zu werden! Die Auseinandersetzung mit solchen Entwicklungsaufgaben verläuft naturgemäß nicht immer geradlinig.

Und für den Beruf…

…ist das kein Stolperstein, sondern im Gegenteil – eine Chance! Studierende, die den Umgang mit persönlichen Hindernissen lernen, sind bestens vorbereitet auf einen zukünftigen Job. Sie haben mehr über sich gelernt als sie in den Hörsälen der Hochschulen erfahren hätten. Wichtig dabei ist jedoch, dass der Umgang mit persönlichen Schwierigkeiten konstruktiv verläuft und daraus gute Entwicklungen entstehen. Dafür benötigen mache Studierenden Hilfe, manchmal auch professionelle Hilfe.

Wie können sich Studierende besser vor Stress schützen?

Dazu gibt es leider kein echtes Patentrezept. Stress hat immer individuelle Ursachen und erfordert individuelle Umgangsweisen. Grundsätzlich ist nicht "der Stress" selbst das Problem, belastend wird es dann, wenn sich die Balance zwischen Stress einerseits und Ausgleich andererseits dauerhaft in einer Schieflage befindet.

Die Balance lässt sich wie herstellen?

Zunächst ist wichtig zu wissen, wodurch der eigene Stress entsteht und welche Faktoren zu Belastung führen. Das können äußere Faktoren sein, wie Ärger mit den Eltern, Prüfungsfristen; aber auch innere, wie der eigene Perfektionismus, Selbstwertprobleme, Angst vor Ablehnung oder "Baustellen" aus der Vergangenheit.

Können sich die Studenten in ihrer Freizeit erholen?

Es hilft sich klarzumachen, wie viel und wodurch man selbst sich Entspannung verschafft. Im Studium ist das eine besondere Herausforderung, weil die Grenzen zwischen Arbeitszeit und freier Zeit nicht von außen vorgegeben werden, sondern von dem Studierenden selbst festgelegt werden müssen: "Muss/ will/ kann ich abends nach den Vorlesungen noch etwas tun für die Uni? Kann ich während der Klausurvorbereitungsphase überhaupt noch zum Sport oder abends ausgehen? Habe ich mir so mein Studentenleben vorgestellt und gewünscht? Oder bleibt nicht gerade vieles auf der Strecke, was mir früher Spaß gemacht hat?"

In solchen Fragen sollten individuelle Antworten gefunden werden, manchmal bedarf es dabei externer und professioneller Hilfe.

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