Kreativitätsraub Geld ist ein schlechter Anreiz

Boni können Unternehmen schaden, die Wissenschaft weiß das schon lange. Bisher hat das in der Wirtschaft nur wenige interessiert – erst jetzt setzen Deutsche Bank, Commerzbank & Co die Erkenntnisse um.

Stefani Hergert | , aktualisiert

Geld ist ein schlechter Anreiz

Foto: fergregory/Fotolia.com

Das Experiment ist Jahrzehnte alt und doch aktueller denn je: Auf einem Tisch liegen eine Stabkerze, eine Schachtel mit Reißnägeln und Streichhölzer. Die Aufgabe: die Kerze an einer Kork-Pinnwand befestigen und brennen lassen, ohne dass Wachs auf den Boden tropft.

Das erfordert ein wenig Kreativität: Die Reißnägel raus aus der Box, die Box mit einigen Reißzwecken an der Wand befestigt, die Kerze hineingestellt und angezündet. Das Entscheidende ist: Man muss daraufkommen, die Box als etwas anderes zu sehen als eine Aufbewahrungsstätte für Reißnägel.

Das seit den 1930er-Jahren bekannte Experiment veränderte Sam Glucksberg 1962 um eine Winzigkeit: Er bezahlte die einen dafür, das Problem schnell zu lösen, die anderen aber nicht. Das Ergebnis: Wer bezahlt wurde, war im Schnitt langsamer.

Mehr Geld ≠ mehr Leistung

Wie aber passt das zusammen mit einer Art Gesetz, das in der Wirtschaft bis heute gilt? Es heißt: Finanzielle Anreize führen zu besserer Leistung.

Der amerikanische Management-Buchautor Daniel Pink hat das in einem vielbeachteten Vortrag auf die Formel gebracht: "Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was die Wissenschaft bewiesen hat und dem, was Unternehmen tun." Denn Generationen von Forschern haben gezeigt, dass Boni sogar das Gegenteil von dem bewirken können, was sie fördern sollen. Doch es bewegt sich etwas, einige Unternehmen sind umgeschwenkt.

Dazu passt: Kürzlich verkündeten fünf deutsche Großbanken, ihre Leitlinien für Boni anders zu gestalten. Von der Managementvergütung sollen "keine Anreize zu einer Gewinnerzielung zum Schaden der Gemeinschaft ausgehen", heißt es in einem Grundsatzpapier.


Es gibt unterschiedliche Vergütungsmodelle: Manche sehen Boni vor, andere nicht. Wie hoch das durchschnittliche Festgehalt in den Branchen und Positionen ist, verrät der Gehaltscheck. Werden Sie gerecht bezahlt? Zum Gehaltscheck




Gerade die Banken stehen unter Beobachtung, Exzesse haben Ansehen und Vertrauen beschädigt. "Wenn man nur die Quantität belohnt, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Qualität leidet", sagt Bernd Irlenbusch, Professor für Unternehmensentwicklung und Wirtschaftsethik an der Universität Köln.

Das scheint angekommen zu sein. Commerzbank, Deutsche Bank, DZ Bank, HSBC Trinkaus & Burkhardt und die Hypovereinsbank haben in dem Papier auch unterzeichnet, dass "Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit relevante Faktoren für die Bemessung variabler Einkommensteile" der Manager sein sollen. Und es soll nicht mehr nur kurzfristiger Erfolg belohnt werden.

"Boni fördern häufig eine kurzfristige Optimierung des eigenen Nutzens. Bei Führungs- und Managementaufgaben und bei Wissensarbeitern generell sind Fixgehälter eigentlich viel sinnvoller", sagt Heike Bruch, Professorin für Führung an der Schweizer Universität St. Gallen. Ihr Kollege Irlenbusch hingegen glaubt, dass man auf Boni nicht wird verzichten können, weil es Unternehmen nur selten gelingt, ein solch starkes Wir-Gefühl aufzubauen, das die Mitarbeiter motiviert.

Je mehr Geld, desto schlechter die Leistung

Sich begeistert reinhängen, statt Zielen hinterzuhecheln – das erreicht man, wenn Mitarbeiter sich mit der Firma identifizieren. Geld schafft das selten. Zumal: Hängt der Bonus auch davon ab, wer der Beste im Team ist, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass die Kollegen sich gegenseitig sabotieren, statt zum Wohle der Firma zusammenzuarbeiten. Der Ökonom Sam Bowles vom Santa Fe Institute hat im Jahr 2009 rund 50 Studien zu finanziellen Anreizen analysiert und kam zu dem Schluss: Leistungsabhängige Boni können die Gesamtleistung sogar verringern.

Forscher dreier US-Unis hatten in einer Studie für die Bostoner Zentralbank schon 2005 gezeigt: Je höher der Bonus in Tests kognitiver Fähigkeiten, desto schlechter oft das Ergebnis. "Finanzielle Anreize erhöhen die extrinsische Motivation und senken die innere Motivation. Man nimmt den Leuten damit die Begeisterung für den Job", sagt Expertin Bruch.

Für all jene, denen Kreativität und Wissenstransfer abverlangt wird, scheinen Boni also nur begrenzt sinnvoll – und damit für sehr viele Beschäftigte heute. Warum aber hält sich das Belohnungssystem? Weil es bei den meisten routinierten Arbeiten im 20. Jahrhundert funktioniert hat.


Es gibt unterschiedliche Vergütungsmodelle: Manche sehen Boni vor, andere nicht. Wie hoch das durchschnittliche Festgehalt in den Branchen und Positionen ist, verrät der Gehaltscheck. Werden Sie gerecht bezahlt? Zum Gehaltscheck




Es gibt das Kerzenexperiment auch noch in einer anderen Version, einer einfacheren. Die Reißzwecken liegen nicht in der Box, sondern daneben. Die Box als Unterlage für die Kerze zu erkennen soll so einfacher sein. Man könnte sagen, so ähnelt das Experiment vielen Jobs im 20. Jahrhundert.

Und hier wirkt der Bonus: Die Gruppe, die Geld bekam, war tatsächlich etwas schneller. Experimente dieser Art haben Ökonomen wie die drei US-Forscher für die Bostoner Zentralbank immer und immer wieder gemacht. Das Fazit: Geht es um handwerkliche Fähigkeiten, erhöhen Boni die Leistung.

Nur sind wir jetzt im 21. Jahrhundert, einfache Tätigkeiten haben viele Unternehmen ausgelagert. Es gibt einige, die mit der Zeit gehen: Der Friedrichshafener IT-Dienstleister Double-Slash etwa hat auf Wunsch seiner Mitarbeiter die Boni abgeschafft. Im 100-Mann-Unternehmen versucht man, mit viel Feedback und Lob zu motivieren. Und mit etwas, das viele Manager als Unsinn abtun: Wohlfühlatmosphäre.


Es gibt unterschiedliche Vergütungsmodelle: Manche sehen Boni vor, andere nicht. Wie hoch das durchschnittliche Festgehalt in den Branchen und Positionen ist, verrät der Gehaltscheck. Werden Sie gerecht bezahlt? Zum Gehaltscheck




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