Krank im Job Chefs erwarten Anwesenheit

Das Burnout-Problem könnte auch ein System-Problem sein. Zumindest scheint etwas grundlegendes im Argen zu liegen, wie eine Befragung nahelegt.

Ferdinand Knauß, wiwo.de | , aktualisiert

Chefs erwarten Anwesenheit

Schnupfen1

Foto: the-rock/Fotolia.com

Etwa jeder dritte Chef schickt seine Mitarbeiter auch bei einer ernsten Erkrankung nicht nach Hause. 17 Prozent glauben nach einer gemeinsamen Umfrage der Personalberatung LAB & Company und der Hochschule Coburg unter knapp 400 Führungsverantwortlichen, dass man sich von häufig kranken Mitarbeitern trennen sollte.

Und knapp jeder zehnte Angestellte mit Führungsaufgaben hält ein individuelles Prämiensystem bei wenigen Krankheitstagen für ein geeignetes Steuerungsinstrument.

Schutz des gesamten Teams

Eine der Fragen lautete: "Sie sitzen mit Ihrem Team an einem dringenden Projekt. Ein Mitarbeiter erscheint mit einer fiebrigen Erkältung zur Arbeit. Was tun Sie?" Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, den Mitarbeiter nach Hause zu schicken – um sich auszukurieren oder das Team nicht anzustecken.

26 Prozent sagten, sie würden versuchen, für den Kranken eine Heimarbeit zu organisieren.

Aber auch mit ihrer eigenen Gesundheit gehen die Manager schonungslos um: 58 Prozent von ihnen behaupten, sie würden auch mit einer mittelschweren Erkältung zum Job kommen, weitere 29 Prozent wollen zuhause arbeiten.

Karrierekriterium Arbeitszeit

"Die Anwesenheit am Arbeitsplatz gilt in Deutschland noch immer als Leistungs- und Karrierekriterium – auch, wenn das zu Lasten der eigenen Gesundheit geht", sagt Eberhard Nöfer, Professor für Soziale Arbeit und Gesundheit an der Hochschule Coburg.

Dazu passt, dass 63 Prozent der Manager sagen, in ihrem Unternehmen würden Führungskräfte mit besonders langen Arbeitszeiten bevorzugt befördert.

Dies habe zwar nicht zwingend mit einem Anwesenheitswahn zu tun, kommentierten viele der Umfrageteilnehmer. Aber: "Ohne Zwölf-Stunden-Schichten ist das Pensum nicht mehr zu schaffen", sagte einer der Befragten.

Ein anderer: "Gute Ergebnisse hängen meist mit der Bereitschaft zu mehr Zeiteinsatz zusammen."

"Wir waren von den Umfrageergebnissen erschrocken. Offenbar ist die Bereitschaft, die eigene Gesundheit und die seiner Mitarbeiter als übergeordnetes und auch betriebswirtschaftlich wertvolles Gut anzusehen in Deutschland schwach ausgeprägt", sagt Gesundheitsexperte Nöfer.

Gesellschaft zahlt die Zeche

Am Ende zahle die Gesellschaft als Ganze die Zeche für die steigende Zahl der Burnout-Fälle, Frühpensionierungen und eine abnehmende Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft, warnt LAB-Geschäftsführer Klaus Aden.

"Das Leistungssystem frisst seine eigenen Kinder. Hier ist angesichts der demographischen Entwicklung und der Notwendigkeit zu längeren Lebensarbeitszeiten bei gleichzeitig abnehmender individueller Leistungsfähigkeit ein grundsätzliches Umdenken erforderlich."

Befragt wurden die Führungskräfte auch nach organisatorischen Möglichkeiten, den Krankenstand und damit die Kosten zu senken. 81 Prozent gaben an, ein systematisches Gesundheitsmanagementsystem könne helfen, 72 Prozent sehen in der Verbesserung des Betriebsklimas eine Möglichkeit. Hingegen befürworten, wie gesagt, 17 Prozent eine Trennung von häufig kranken Mitarbeitern. Und neun Prozent halten individuelle Prämien bei wenigen Krankheitstagen für geeignet.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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