Kostenlos, aber selten zielführend MBA via Internet-Kurs

Die Elite der MBA-Anbieter stellt etliche Kurse frei ins Internet. Die ersten Studenten formen sich daraus ihr ganz persönliches Studien-Programm – kostenlos. Um ihre Einnahmen fürchten die Business-Schools dennoch nicht. Bisher zumindest.

Stefani Hergert | , aktualisiert

MBA via Internet-Kurs

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Foto: lightpoet/Fotolia.com

Finanzierung, Rechnungslegung oder Projektmanagement: Laurie Pickards erstes Semester im Master of Business Administration (MBA) unterscheidet sich nicht wirklich von dem anderer Studenten dieses praxisnahen Managementstudiengangs.

Sie lernt bei Professoren renommierter Wirtschaftshochschulen: Wharton, Yale, Darden oder Stern School of Business etwa.

Einen Campus aber wird sie bis zum Studienende nicht betreten, und sie wird auch keine 100.000 Euro ausgeben. Ihr MBA kostet: nichts.

Mit Videos, Quiz und Diskussionsforen

Pickard hat sich ein eigenes Programm zusammengestellt, ihren "No-Pay-MBA". Möglich ist das, weil etliche renommierte Business-Schools Kurse aus ihren Studiengängen online gestellt haben – ohne Zulassungsbeschränkungen und vor allem ohne Gebühren.

Alles was Pickard und ihre Mitstudenten brauchen, sind Laptop und stabile Internetverbindung – das gibt es selbst in Ruanda, wo die 32-jährige Amerikanerin in der Entwicklungshilfe arbeitet. MOOCs – Massive Open Online Courses – nennen sich die Gratis-MBA-Kurse mit Vorlesungsvideos, Quiz, Hausaufgaben und Diskussionsforen.

Kein echter Abschluss

Es gibt nicht wenige, die in MOOCs den Anfang vom Ende der Business-Schools sehen. Die vorhersagen, dass sich die besten Wirtschaftshochschulen der Welt damit ihr eigenes Grab schaufeln – immerhin kostet das Studium normalerweise mehrere Zehntausend bis 100.000 Euro.

Nur: So weit ist es noch nicht. Noch bekommen Studenten wie Pickard keinen echten Abschluss, noch dürfen sie ihre Visitenkarte nicht mit den drei Buchstaben schmücken. Doch der Wert eines MBA bemisst sich vor allem daran, welche Türen er öffnet. Es hängt also viel davon ab, ob Personaler die selbst gebastelten MBAs anerkennen – und die Online-Absolventen einstellen.

Laurie Pickard weiß sehr genau, dass sie am Ende ihres ganz persönlichen Studiums keinen MBA-Abschluss in den Händen halten wird, aber das ist ihr egal. "Ich mache das wegen der Kenntnisse", sagt sie.

Ihre Kurse werden auf verschiedenen Plattformen angeboten, viele auf der größten namens Coursera mit aktuell mehr als 630 Kursen aus etlichen Disziplinen.

Es sind nicht nur einzelne Professoren von Top-Wirtschaftshochschulen wie Yale, Booth School of Business, Stanford, der spanischen IESE, oder der HEC Paris, die ihre Kurse ins Netz stellen. Die Wharton School der Universität von Pennsylvania etwa brachte ihr komplettes Pflichtprogramm des ersten MBA-Studienjahrs ins Netz. Bis auf zwei hat Pickard sie belegt, die beiden anderen will sie nachholen.

Ideale Möglichkeiten

Der Kurs von Christian Terwiesch, seit 1998 Wahrton-Professor, stand auch auf ihrem Stundenplan. Für den Experten für Produktionsplanung und Prozessmanagement sind MOOCs das "faszinierendste Thema, das die Uni-Welt derzeit hat", und eine ideale Möglichkeit, "auf anderen Wegen Wissen zu vermitteln". 240.000 Menschen wollten bisher bei ihm online lernen.

Glaubt man Philip Delves Broughton, der mit einem Buch über sein MBA-Studium an der Harvard Business School bekannt geworden ist, macht er das gar nicht schlecht. Aber es gibt auch viele andere Fälle, schreibt der auf seinem Blog. Broughton hat sich einige der MBA-MOOcs genauer angesehen und viele Beispiele gefunden, bei denen sich Dozenten zu wenig Gedanken gemacht haben, wie die Teilnehmer den Kurs tatsächlich zu Ende bringen.

Schwierige Motivation

Das ist das große Problem aller kostenlosen Hochschulkurse im Netz: Nur ein Bruchteil schließt den Kurs ab. Von Terwieschs 60.000 bis 80.000 Teilnehmern je Kurs halten meist 5000 durch.

Es ist eben doch schwierig, sich allein vor dem Rechner zu motivieren und nur übers Web zu diskutieren.

Studentin Laurie Pickard denkt darüber nach, eine Lerngruppe vor Ort zu gründen. "Ich wünsche mir schon mehr echte Hörsaalatmosphäre", sagt sie. Dafür ist ihr MBA aber eben auch kostenlos. Die Frage ist nur: Kann es auf Dauer gutgehen, dass teure Business-Schools ihr Wissen verschenken?

"Wenn wir uns der Welt öffnen, zeigen wir, dass ein Studium bei uns eine tolle Sache ist", sagt der aus Deutschland stammende Professor Terwiesch. Er vertritt die These, dass die Top-Hochschulen der Welt auch in Zukunft kein Problem haben, ihre MBA-Klassen zu füllen.

Terwiesch vergleicht das mit den Fußballspielen von Bayern München. Auch wenn es die im Fernsehen zu sehen gibt, gehen die Fans weiter ins Stadion.

Auch Bernard Garrette, Vizedekan der Pariser Wirtschaftshochschule HEC, sieht die Onlinekurse als Marketing, das den Anbietern erst einmal mehr Bewerber bescheren könnte. "MOOCs sind die neuen Bücher", sagt er. Gedruckt gebe es das Wissen aus den MBA-Programmen ja auch schon lange, dennoch bekommen die Top-Hochschulen teils zehnmal mehr Bewerbungen, als sie Plätze haben.

Am unteren Ende Qualitätsskala

Für die zweite Hochschulliga aber könnten die MOOCs tatsächlich eine Gefahr sein. Die Kurse könnten einmal sehr günstige MBA-Programme am unteren Ende der Qualitätsskala ersetzen, glaubt Garrette. Wharton-Professor Terwiesch prognostiziert reine Online-Hochschulen, die aus MOOC-Kursen einen Lehrplan zusammenstellen und den als MBA-Abschluss vermarkten.

Natürlich weiß auch er, dass das nur Hypothesen sind. Nur: "Es ist naiv zu glauben, dass man als Professor oder Universität die technische Entwicklung aufhalten kann und wir 2020 noch so lehren werden wie 1920."

Verschenkte Forschung?

Weniger optimistisch ist da allerdings David Wilson, der bis Ende 2013 die Organisation GMAC geleitet hat und damit oberster Herr über den wichtigsten MBA-Aufnahmetest GMAT war.

Der Branchenkenner kritisiert, dass die Professoren ihr über Jahrzehnte erforschtes Wissen verschenken. "Wer zahlt künftig dafür, dass neue Dinge erforscht werden?", fragt Wilson. "Es hat noch niemand das Geschäftsmodell dafür erarbeitet", ist er überzeugt.

Ums Geld verdienen geht es den Hochschulen bisher nicht. Professor Terwiesch unterrichtet in MOOCs, weil sie "toll und cool sind und der Gesellschaft dienen". Ein bisschen was bleibe aber schon auch hängen, rechnet er vor: Von den Teilnehmern, die bis zum Ende durchhalten, wollen 2000 ein Zertifikat haben, das sie etwa Arbeitgebern vorlegen können.

Die Plattform Coursera, auf der sein Kurs läuft, nimmt dafür wie viele andere Geld – zwischen 30 und 90 US-Dollar um genau zu sein. Bei 50 Dollar Gebühren kommen dann doch 100.000 Dollar zusammen, die die Plattform und die Hochschule untereinander aufteilen.

Weil Wharton schon "sehr, sehr gute Gehälter zahle", bekomme Terwiesch eine kleine "Anerkennungsprämie", wie er sagt.

Identitätstest durch Tastatur-Anschlag

Noch weiß keiner so recht, was diese Zertifikate am Ende auf dem Arbeitsmarkt wert sind. "Online steht dem Schwindel Tür und Tor offen", sagt denn auch Wharton-Professor Terwiesch, dessen Hochschule künftig weitere Coursera-Seminare anbieten will.

Denn ob wirklich der die Prüfung ablegt, der vorgibt, vor dem Computer zu sitzen, ist schwer nachzuprüfen. Coursera versucht anhand des Tastaturanschlags der Teilnehmer, die Identität zu überprüfen.

Branchenkenner Wilson ist skeptisch, dass Arbeitgeber diese Zertifikate goutieren. Die wüssten, dass man im Schnitt mit einem Absolventen einer Elitehochschule wie Harvard oder Insead wenig falsch macht. Auf die Hochschulen zu achten senkt das Risiko von Fehlgriffen.

Mit und ohne Service, Coaching, Netzwerk

Denn die fast 100.000 Euro Gebühren zahlen Studenten eben nicht nur für Nobelpreisträger im Hörsaal. Sie zahlen es für den Karriereservice, das Coaching, das Netzwerk. Die Studentin Laurie Pickard weiß das. Sie sagt, sie habe sich durch ihre Arbeit schon ein Netzwerk aufgebaut. Sie hat bisher alle Kurse beendet, aber sich keine Zertifikate ausstellen lassen.

Dass sie nicht mit einem Gehalt rechnen kann wie echte MBA-Absolventen, ist ihr klar. Wie sie ihren eigenen "MBA" am Ende in ihrem Lebenslauf einbaut, weiß sie heute noch nicht, vielleicht unter Weiterbildung, mit einem Link zu ihrer Webseite. "Ich bin mir sicher, dass Arbeitgeber es finden werden."

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