Korruptionsgefahr Was man auf Geschäftsreisen verschenken darf

Wer in China Geschäfte machen will, kommt um teure Geschenke nicht herum. Oft wird die Grenze zur Bestechung überschritten. In Großbritannien und den USA sollte man mit Geschenken sehr zurückhaltend sein. Was man noch verschenken darf oder mindestens verschenken muss.

Matthias Kamp, Angela Hennersdorf und Yvonne Esterházy , wiwo.de | , aktualisiert


Foto: ringoc2/SXC

Punktesystem gegen Bestechung

Bei Siemens in China hat man offenbar gelernt: Vor fast fünf Jahren zwang ein massiver Korruptionsskandal den Konzern fast in die Knie. Jetzt hat das Unternehmen auch für China ein ausgefeiltes Punktesystem entwickelt. Das legt fest, ab wann eine Einladung zum Essen kritisch ist.

Wer ist der Eingeladene? Welchen Wert hat die Einladung? Sind auch Verwandte des Eingeladenen dabei? Solche Fragen muss der einladende Siemens-Manager beantworten. Wer mehr als 16 Punkte auf der Karte angehäuft hat, muss einen Compliance-Fachmann zu Rate ziehen.

Programme wie diese sind nötig, denn in wenigen Ländern sind Korruption und Vetternwirtschaft so verbreitet wie im Reich der Mitte. In einer von Transparency International erarbeiteten Rangliste schafft es die frühere britische Kronkolonie Hongkong zwar immerhin noch auf Rang 13, doch insgesamt liegt China weit hinten auf Platz 78.
 
Korruption kein fester Bestandteil der chinesischen Kultur

Zwar sei Korruption kein fester Bestandteil der chinesischen Kultur, sagt Stephan Rothlin, Generalsekretär des Center for International Business Ethics (CIBE) in Peking. Gleichwohl spielen im chinesischen Geschäftsalltag traditionell informelle, persönliche Beziehungen eine wichtigere Rolle als die Einhaltung von Regeln und Gesetzen.
 
Beziehungen, die mit Geschenken und üppigen Einladungen gepflegt werden: In Straßen mit Regierungs- und Behördengebäuden etwa gibt es auffällig viele Geschäfte, die edle Schnäpse und Zigaretten verkaufen. Der Grund: Wer etwa als Unternehmer bei Chinas Parteivertretern mit einem Anliegen durchdringen will, muss meist mit teurem Likör und Luxuszigaretten nachhelfen.


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"Fahrgeld" statt Bestechung

Bei Pressekonferenzen liegt den Pressemappen für Journalisten gern mal ein Umschlag mit umgerechnet 35 Euro bei. Als Fahrgeld bezeichnen chinesische Journalisten solche Zuwendungen – die es auch von deutschen Unternehmen gibt.

Auch kleinere Hersteller medizinischer Geräte aus Deutschland beschenken chinesische Klinikchefs offenbar mit teuren Reisen in die USA oder nach Europa, damit sie ihre Produkte in China verkaufen können. "Es ist in China zwar nicht unmöglich, ohne Bestechung Geschäfte zu machen", sagt Rothlin. "Aber sehr, sehr schwierig."

Die Botschaft an die 170.000 Postboten war eindeutig: "Wir stehen am Beginn der Festsaison", mahnt eine Web-Site der Royal Mail die Belegschaft. "Wer Geschenke akzeptiert, sollte vorsichtig sein, um nicht mit dem Antikorruptionsgesetz in Konflikt zu geraten."

Letztes Schlupfloch: Einladungen zum Essen

Heikel könne es für alle werden, die Trinkgeld oder Geschenke im Wert von mehr als 30 Pfund (umgerechnet 35 Euro) akzeptierten. "Trinkgelder sind erlaubt, dürfen aber nie als Gegenleistung für Vorzugsbehandlung gelten."

In Großbritannien, wo Briefträger rund 26.000 Euro im Jahr verdienen, ist es Brauch, Postboten und Müllmännern an Weihnachten eine Kleinigkeit zuzustecken. Doch seit 1. Juli gilt auf der Insel eines der härtesten Antikorruptionsgesetze der Welt.

Der reformierte Bribery Act sieht Geldstrafen in unbegrenzter Höhe und bis zu zehn Jahre Haft vor. Die neuen Regeln gelten auch für Tochterunternehmen ausländischer Konzerne. Sie können sogar für Korruption ihrer Muttergesellschaften haftbar gemacht werden. Letztes Schlupfloch: Einladungen zu Essen und Sportereignissen sind auch künftig erlaubt.


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USA: Am Haken der SEC

Robbie Narcisse schickt in diesen Tagen vor Weihnachten ihre jährlichen Mails los: "Es ist okay, etwas zu verschenken, aber halten Sie es einfach", schreibt die 40-jährige Compliance-Chefin an die weltweit 30.000 Mitarbeiter des US-Frankiermaschinen-Herstellers Pitney Bowes.

Auch Buchgeschenke oder eine Flasche Wein müssen vom Vorgesetzten genehmigt werden. "Einem Geschäftspartner vor einer Preisverhandlung eine wertvolle Flasche Wein zu überreichen", sagt Narcisse, "ist nicht der richtige Moment."

Angemessen sollten Geschenke laut US-Recht sein. Die Faustregel: Je geringer ein Geschenk, desto unverfänglicher. Einladungen auf Privatjachten sind tabu, Barzahlungen auch. "Es ist gefährlich geworden, überhaupt etwas zu schenken", sagt Mauro Wolfe, Partner der Anwaltskanzlei Duane Morris. "Schon eine Einladung zum Essen kann als Bestechung gelten."

2012 will das US-Justizministerium exakt festlegen, welche Geschenke zu welchen Kosten erlaubt sind. Für Unternehmen aus der Gesundheitsbranche ist das schon klar: Ab 2012 müssen sie exakt auflisten, welche Geschenke an Ärzte und Krankenhäuser gehen. Alles über einem Wert von zehn Dollar muss den Aufsichtsbehörden gemeldet werden – sonst drohen Sanktionen.


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Statt Geschenken wohltätige Spenden

Oder die Entlassung – wie bei Ernst Lieb: Der US-Chef von Mercedes musste 2010 gehen, weil er gegen Konzernregeln verstoßen hatte. Nach Bekanntgabe der Personalie sank kurzzeitig sogar der Aktienkurs. Auch, weil Daimler nicht zum ersten Mal auffällig geworden war: In mehr als 22 Ländern soll das Unternehmen Amtsträger bestochen haben, um an Aufträge zu kommen.

Daimler stimmte einem Vergleich zu, zahlte 185 Millionen Dollar Strafe und richtete eine Compliance-Abteilung ein. Die arbeitet nach dem Geschmack der Aufsichtsbehörde SEC aber offenbar nicht gut genug: Nach Informationen des "Spiegel", die Daimler nicht kommentieren wollte, soll der von der SEC beauftragte Ermittler, Ex-FBI-Chef Louis Freeh, die Selbstbedienungsmentalität der Daimler-Manager kritisiert haben. Sollte sich das bis März 2013 nicht ändern, drohten Strafen in Milliardenhöhe.

Auch Ex-Siemens-Manager hat die SEC am Haken, ihnen werden Bestechung, Geldwäsche und Überweisungsbetrug vorgeworfen, gegen sieben Beschuldigte wurden auch Zivilklagen erhoben. Um Rechtsstreit zu meiden, empfiehlt Pitney-Bowes-Managerin Narcisse statt Geschenken das Versenden von Weihnachtskarten und Spenden an Wohltätigkeitsorganisationen. "Damit", sagt Narcisse, "macht man nichts falsch."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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