Kontrolleure des Dax Große Namen, aber kaum Experten

Die Kontrolleure der Dax-30-Unternehmen sind besser als ihr Ruf. Es gibt aber jede Menge Mängel: zu viele große Namen und Funktionäre, zu wenig Experten, Frauen und Ausländer. Das zeigt eine exklusiv für die WirtschaftsWoche erstellte Studie.

Hans-Jürgen Klesse, Jürgen Berke, Michael Kroker und Andreas Wildhagen | wiwo.de | , aktualisiert


Foto: Gerd Altmann/AllSilhouettes.com /Pixelio

Nur Abnicker?

Was ist der Unterschied zwischen einer Hundehütte und einem Aufsichtsrat? Die Hundehütte ist für den Hund, der Aufsichtsrat ist für die Katz. Das für Unternehmenskontrolleure nicht sehr schmeichelhafte Bonmot stammt von Hermann Josef Abs, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Chef der Deutschen Bank.

Mit zeitweise 30 Aufsichtsratsmandaten – davon 20 als Vorsitzender – war Abs in den Aufbau- und Wirtschaftswunderjahren der wohl einflussreichste Banker und mächtigste Strippenzieher der jungen Bundesrepublik.

Was für Abs als Multi-Aufsichtsrat vermutlich weniger zutraf, beschreibt noch heute einen der Hauptkritikpunkte: Laufen die Geschäfte gut, so der Vorwurf, nicken die Aufsichtsräte ab, was der Vorstand beschließt. Geht etwas schief, weil das Management sich verkalkuliert oder zu hoch gepokert hat, sind Aufsichtsräte in der Regel so überrascht wie Belegschaft oder Öffentlichkeit und reden sich damit raus, sie hätten nicht genug gewusst oder sich auf den Sachverstand des Vorstands verlassen.

Ohne ethischen Kompass

Die Gründe sind vielfältig: Entweder fehlt Aufsehern der Durchblick, sie lassen sich von falsch verstandenem Korpsgeist leiten oder sind Opfer eines Interessenkonflikts, etwa weil das eigene Unternehmen Geschäfte mit dem zu kontrollierenden Vorstand macht.

Manchmal fehlt auch die nötige Distanz. So endeten beim Stromkonzern Eon die Sitzungen bis zur Atomkatastrophe in Japan im März 2011 mit ein paar Runden Billard mit dem Vorstand.


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Spektakuläre Fälle

Unkenntnis und Ignoranz, Kumpanei und Interessenkonflikte: Vor allem bei spektakulären Fällen von Missmanagement wie den Landesbankskandalen oder der Arcandor-Insolvenz lagen Vorurteile gegenüber Aufsichtsräten und Realität nah beieinander.

Henning Schulte-Noelle, Aufsichtsratslenker der Allianz und früher deren Chef, ist unzufrieden mit den Leistungen vieler Kollegen und behauptet sogar: Die Kontrolleure seien mitverantwortlich für die Exzesse an den Kapitalmärkten. Vielen Managern sei der ethische Kompass verloren gegangen, die Aufsichtsräte hätten sie gewähren lassen.

Einziger Trost: Auf breiter Front und in der Oberklasse deutscher Konzerne sieht die Bilanz nicht ganz so schlimm aus.

Besser Qualität stellt sich ein

Die Skandale hatten offenbar auch ihr Gutes. "Insgesamt hat sich die Qualität der Aufsichtsräte der Dax-30-Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren deutlich verbessert", lobt Peter Ruhwedel, Professor an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Essen.

Auch Olaf Lang von der Personalberatung Towers Watson sieht das so: "Die Regelwerke der Aufsichtsratsarbeit haben sich seit Verabschiedung des Gesetzes zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich 1998 verändert und verschärft. Aufsichtsräte tragen heute mehr Verantwortung als früher und sind sich dessen in der Regel auch bewusst."


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Von Spitzenreitern...

Der Hochschullehrer und der Headhunter sind ausgewiesene Experten. Ruhwedel hat eine Studie über die Qualität der Kontrollgremien verfasst, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt. Towers Watson untersuchte die Vergütung der Aufsichtsräte.

Beide Checks basieren auf Daten des Geschäftsjahres 2010. Flops wie das Absegnen der Dresdner-Bank-Übernahme durch die Commerzbank oder das Gerangel um die Neubesetzung der Spitzenämter bei der Deutschen Bank fanden deshalb keinen Eingang in die Expertisen.

Spitzenreiter mit den besten Aufsichtsgremien sind in Ruhwedels Untersuchung Siemens, wo Gerhard Cromme dem Rat vorsteht, SAP mit Mitgründer Hasso Plattner als Chefaufseher sowie die Commerzbank, deren Aufsichtsrat von Ex-Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller geleitet wird.

...und Schlusslichtern

Schlusslichter sind der Lufthansa-Aufsichtsrat mit Ex-Kranich-Chef Jürgen Weber an der Spitze sowie RWE und Linde, deren Kontrollgremien von Multiaufsichtsrat Manfred Schneider geleitet werden. Auch Bayer, wo Schneider als Ex-Vorstandschef ebenfalls die Aufsichtsratsspitze stellt, gehört zu den Schlusslichtern im Qualitätsranking.

Wer einen direkten Zusammenhang zwischen dem Aktienkurs eines Unternehmens und dem Abschneiden des Aufsichtsrats in dem Ranking erwartet, sieht sich allerdings getäuscht. Das Wirken der Aufseher hat eher auf lange Sicht Einfluss auf das Ergebnis, wogegen die Börsenkursentwicklung von kurz- und mittelfristigen Faktoren abhängig ist wie Konjunktur, Branchenumfeld und dem Börsenklima.


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Viele Kreuz- und Quer-Mandate

Auch wenn Ruhwedels Gesamturteil gnädig ausfällt: Bei Unabhängigkeit und Eignung, Transparenz und Zusammensetzung der Dax-30-Aufsichtsgremien sieht er schwere Mängel. "Formale Kompetenzkriterien werden zwar überwiegend erfüllt, die Berufung neuer Aufsichtsräte folgt aber häufig noch alten Mustern."

Wie zu Zeiten der Deutschland AG bis Anfang 2000, als die hiesigen Unternehmen personell extrem verquickt waren, sind Kreuz- und Quer-Mandate weiter an der Tagesordnung.

Allianz-Chef Michael Diekmann etwa ist stellvertretender Oberaufseher bei BASF und Linde, außerdem einfaches Mitglied im Siemens-Kontrollorgan. Siemens-Lenker Peter Löscher sitzt im Aufsichtsrat der Munich Re, deren Boss Nikolaus von Bomhard ist Mitglied im Kontrollgremium der Commerzbank.

Nicht über den Tellerrand

Ausländer, Frauen oder unabhängige Geister wie Anwälte, Berater, Wirtschaftsprüfer oder Uni-Professoren haben dagegen Exotenstatus.

Eine der Ausnahmen ist die Schweizer Wirtschaftswissenschaftlerin Beatrice Weder di Mauro: Das Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sitzt bei ThyssenKrupp im Aufsichtsrat.


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Unklare Berufungen

Für neutralen Sachverstand sorgen auch Martin Koehler, ehemals Senior Partner bei der Beratung Boston Consulting, bei der Lufthansa, der Anwalt und Wirtschaftsprüfer Wilhelm Haarmann bei SAP sowie der Anwalt und frühere CDU-Politiker Friedrich Merz bei der Deutschen Börse.

Bei vielen Kontrolleuren tappen die Aktionäre indes im Dunkeln, was diese auf ihren Posten rücken ließ. "Ausführliche Begründungen, warum jemand in den Aufsichtsrat berufen wurde, oder Informationen über den persönlichen Hintergrund könnten zur Qualitätsverbesserung beitragen", sagt Studienautor Ruhwedel. 

Darunter leidet der Ruf vieler Aufsichtsräte bei den Aktionären und auch bei den zu Kontrollierenden. "Nur eine Minderheit der deutschen Vorstände und Geschäftsführer setzt hohes Vertrauen in die Qualifikation der Aufsichtsräte", heißt es in einer aktuellen Befragung von 300 Chefs börsennotierter deutscher Unternehmen durch die Personalberatung Boyden Global Executive Search und die WHU-Otto Beisheim School of Management.

Fehlende Kompetenz

Einem Großteil der Aufsichtsräte fehle die Kompetenz, um ihrer Kontrollfunktion gerecht zu werden. "Die Studie zeigt, dass die Zeiten, in denen der Aufsichtsrat unantastbar schien, vorbei sind", sagt Boyden-Partner Rolf Stokburger.

Die Mehrheit der Führungskräfte wünsche sich "eine Professionalisierung der Aufsichtsräte und einen Sparringspartner auf Augenhöhe".


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Stärken und Schwächen

Viele Aufseher sind davon weit entfernt. "Wir werden fast gar nicht über die Folgen der Energiewende informiert", beschwert sich etwa ein Eonn-Kontrolleur über Vorstandschef Johannes Teyssen. "Aufsichtsratssitzungen werden ohne Begründung abgesagt oder verlegt. Erst Mitte Dezember will Teyssen uns Rede und Antwort stehen, wie er Eon neu aufstellen will."

Das würde sich Gerhard Cromme, Chefaufseher bei Siemens und ThyssenKrupp, nie bieten lassen. Im Gegenteil: "Cromme regiert bei ThyssenKrupp permanent in das Unternehmen hinein, Vorstandschef Heinrich Hiesinger hat nichts zu melden und wirkt wie sein Assistent", lästert ein Mitaufseher des Stahlkonzerns.

Für Unternehmen sind starke Aufsichtsratsvorsitzende allerdings auch von Vorteil, wie Siemens zeigt. Dessen 20-köpfige Aufsehertruppe ist Sieger im Ruhwedel-Ranking. Ihr Chef Cromme gilt als einer der Väter des Erfolgs der letzten Jahre.

Radikale Transparenz

Nach Aufdeckung der Schmiergeldaffäre Ende 2006 krempelte er die Unternehmensspitze radikal um. "Cromme hat Vorständen wie Aufsichtsräten klar gemacht, dass Siemens bei der Überwindung der Krise nur einen Schuss frei hat", erinnert sich ein früherer Mitkontrolleur, der nicht genannt werden möchte.

"Er hat für radikale interne Transparenz gesorgt: Der Vorstand wurde zur Informationslieferung verdonnert, Tabu-Fragen gab es nicht mehr." Cromme habe auch dafür gesorgt, dass die Aufräum- und Umbauarbeiten bei Siemens ohne große Widerstände über die Bühne gehen konnten.


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Paritätische Besetzung

Auf Drängen der IG Metall sorgte er dafür, dass das Aufsichtsratspräsidium wie die anderen Ausschüsse paritätisch besetzt wurden, obwohl das per Gesetz nur für das Gesamtgremium vorgeschrieben ist. "Das rechnen wir ihm hoch an", lobt ein Gewerkschaftsvertreter. 

Mit weniger Fortune agiert RWE-Chefaufseher Schneider. Der Stromkonzern gibt ein schlechtes Bild ab – bei der Börsenwertentwicklung und auch bei der Leistung seines Aufsichtsrats. Allerdings hat Schneider auch einen schwierigen Job, weil er gegenläufige Interessen austarieren muss. "Anders als bei den übrigen Dax-Konzernen gibt es bei RWE drei Blöcke im Aufsichtsrat: Neben Kapital- und Arbeitnehmervertretern sitzen auch noch die Kommunen mit am Tisch, die 25 Prozent halten", klagt ein Aufseher.

Das führt dazu, dass sich die Kontrolleure mehr blockieren, als gemeinsam die Konzernleitung zu kontrollieren. "Kritik am Vorstandschef gibt es von der klassischen Kapitalseite so gut wie nie, selbst dann nicht, wenn es angebracht wäre", sagt ein Sitzungsprotokollant. "Das würde den Arbeitnehmern oder den kommunalen Vertretern nützen, und das wollen die anderen Kapitalvertreter nicht."

Mängel verlangen nach Konsequenzen

Wegen solcher Mängel fordert Experte Ruhwedel Konsequenzen: "Die rechtlichen Regelungen führen dazu, dass die meisten Aufsichtsräte zu groß sind. Eine Verkleinerung wäre im Interesse höherer Effizienz wünschenswert." So haben 16 der im Ranking vertretenen Dax-Konzerne wie zu Abs’ Zeiten immer noch 20 Aufseher.

Bei den als SE (Europäische Aktiengesellschaft) geführten Konzernen reichen meist weniger: bei MAN 16, bei der Allianz sogar nur zwölf. BASF kommt mit zwölf aus, Bayer beschäftigt bei ähnlicher Größe 20 Räte.


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Mehr Zeit für wichtige Themen

Ruhwedel erkennt aber auch positive Veränderungen. Die Kontrolleure seien heute fleißiger, im Schnitt träfen sie sich sechsmal im Jahr: "Früher gab es in der Regel nur vier Sitzungen im Jahr, da blieben nur Minuten für einzelne Themen."

Einsatzfreudig waren die Kontrolleure der Unternehmen im vorderen Teil des Rankings: Deutsche-Börse-Chefaufseher Manfred Gentz rief seine Truppe 2010 zehnmal zusammen, SAP-Aufsichtsratschef Plattner achtmal. Bayer-Oberaufseher Schneider trommelte seinen Aufsichtsrat nur viermal zusammen – im Ranking schnitt sein Gremium denn auch eher schlecht ab. Sechs bis acht Sitzungen pro Jahr hält Ruhwedel für optimal.

Gut sei es, wenn die Kontrolleure auch mal ohne den Vorstand diskutieren würden, das erleichtere eine unabhängige Diskussion und Willensbildung.

Zusätzliche Aufgaben

Adidas-Aufsichtsratschef Igor Landau, sein Allianz-Kollege Schulte-Noelle und Daimler-Chefaufseher Manfred Bischoff halten das schon länger so. Zu viele Sitzungen sind aber kontraproduktiv, zumal die meisten Kontrolleure noch in Ausschüssen sitzen. Die meisten Konzerne haben mindestens drei: Der Präsidialausschuss bereitet die Sitzungen vor, der Prüfungsausschuss beschäftigt sich mit Geschäftsberichten und Personalthemen, der Nominierungsausschuss kümmert sich um die Berufung neuer Aufsichtsräte. 

Während Präsidial- und Prüfungsausschuss sich vier- bis fünfmal im Jahr treffen, kommt der Nominierungsausschuss statistisch nur knapp einmal jährlich zusammen – meist nur, wenn ein Aufsichtsratsposten vakant ist.


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Aus Schaden klug werden

Dabei glauben nach der Studie der Personalberatung Boyden mehr als zwei Drittel der befragten Vorstände und Geschäftsführer, dass die Vergabe solcher Mandate immer schwieriger wird. "Wenn die Anforderungen anspruchsvoller werden, gestaltet sich auch die Suche bei der professionellen Besetzung schwieriger", sagt Headhunter Stokburger. "Eine systematische und langfristige Besetzungsplanung für Aufsichtsräte fehlt in den meisten Unternehmen", ergänzt Ruhwedel.

Doch auch bei der Ausschussarbeit gibt es Verbesserungen. Bei SAP tagte zeitweise ein Ausschuss, der einzig über den Rechtsstreit mit dem US-Konkurrenten Oracle beriet. "Der Sonderausschuss sollte sich um ein klares Bild der Prozesssituation kümmern und in der Lage sein, Entscheidungen, die ihm übertragen wurden, schnellstmöglich zu fällen", sagt SAP-Aufsichtsrats- und Ausschussmitglied Haarmann.

Siemens hat einen Ausschuss für Compliance – die Einhaltung interner und gesetzlicher Vorschriften – , gebildet wurde er zur Aufarbeitung der Schmiergeldaffäre. Und auch bei der Telekom bewiesen die Räte, dass man aus Schaden klug werden kann. Griffen die früheren Aufsichtsratschefs Rolf-Dieter Leister und Klaus Zumwinkel häufiger ins operative Geschäft ein, baute der heutige Chefaufseher Ulrich Lehner das Gremium zu einem echten Kontrollorgan aus, das die Arbeit des Vorstandes, wie Lehner sagt, "intensiv begleitet".

Strategische Weichenstellungen

Mit Lehner an der Spitze, der auch bei Porsche, Eon und ThyssenKrupp im Aufsichtsrat sowie im Gesellschafterausschuss von Henkel sitzt, ist der Telekom-Aufsichtsrat deutlich professioneller geworden. So entwickelte Lehner ein neues Vergütungssystem, das sich weniger am kurzfristigen Gewinn, sondern stärker an langfristigen Unternehmenszielen wie Kundenzufriedenheit oder Mitarbeitermotivation orientiert.

Strategische Weichenstellungen wie der Verkauf von T-Mobile in den USA wurden im Rat diskutiert, bevor Telekom-Chef René Obermann mit der Käufersuche beginnen durfte.


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Viel Geld sparen

Lehren zog der Aufsichtsrat auch aus der vergeigten UMTS-Auktion im Jahr 2000. Die damaligen Kontrolleure hatten die sechs Gewinner mehr als 50 Milliarden Euro für neue Mobilfunkfrequenzen ausgeben lassen. Damit stürzte die Branche in die Krise. So ein Desaster wollte Lehner bei der Frequenzversteigerung im April/Mai 2010 unbedingt vermeiden.

Unter seiner Leitung konstituierte sich ein Sonderausschuss, der die Gebote des Vorstandes vor Abgabe genehmigen musste. Dreimal und unter strengster Geheimhaltung tagte zwischen Januar und Mai der Sonderausschuss, dem neben Lehner der ehemalige Dresdner-Bank-Chef Bernhard Walter sowie die Arbeitnehmervertreter Lothar Schröder und Waltraud Litzenberger angehörten.

Die Arbeit hat sich gelohnt: Mit 4,4 Milliarden Euro ging die neue Auktion deutlich preiswerter zu Ende. "Der Einsatz von Ad-hoc-Ausschüssen zu Sonderthemen kann flexibel die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse der Aufsichtsratsmitglieder zu behandelnden Spezialthemen zusammenführen", sagt Lehner.

Peinliches Gerangel vermeiden

Doch auch bei der Ausschussarbeit gibt es Verbesserungsmöglichkeiten. Nur fünf Dax-Unternehmen haben einen Finanz- und Investitionsausschuss, gerade mal vier leisten sich einen Strategieausschuss. Vor allem bei der Vorbereitung wichtiger Personalentscheidungen für den Vorstand liegt vieles im Argen: Nur die Hälfte hat einen Personal- oder Vorstandsausschuss.

Hätte die Deutsche Bank so ein Gremium, wäre ihr das peinliche Gerangel um die Ackermann-Nachfolge vermutlich erspart geblieben. Vorstandsangelegenheiten werden dort vom Präsidialausschuss entschieden – für den die Suche nach neuen Vorstandskandidaten nur eine von vielen Aufgaben ist . "Nur wenn sich der Aufsichtsrat um eine systematische Nachfolgeplanung für alle Vorstandsmitglieder kümmert, kann er Herr des Verfahrens bleiben", sagt Ruhwedel. "Ein Personalausschuss wäre der richtige Ort dafür."


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Mangelnde Erfahrung

Was die Studie ebenfalls zeigt: Vielen Dax-Aufsichtsräten mangelt es schlicht an Kompetenz. Das gilt nach Ruhwedels Einschätzung vor allem für die Arbeitnehmerbank. "Die formalen Kompetenzen der Arbeitnehmervertreter sind schlechter als die der Anteilseigner, lediglich bei der Unternehmenserfahrung sind sie besser." IG-Metall-Chef Huber zum Beispiel ist stellvertretender Aufsichtsratschef bei Siemens und VW, kannte beide Unternehmen vor seiner Berufung aber nur von außen – anders als etwa Bernd Osterloh, der als Betriebsratsvorsitzender in den VW-Aufsichtsrat entsandt wurde.

Auch Managementerfahrungen hat Huber nicht, zumindest nicht aus einem Unternehmen. Dafür dürfte der gelernte Werkzeugmacher und Geisteswissenschaftler ohne Abschluss über Organisationstalent und politische Erfahrungen durch Gremienarbeit verfügen. Seit 1990 ist Huber hauptamtlicher Gewerkschaftsfunktionär. Die feste Verwurzelung in der proletarischen Basis führt aber bisweilen zu Loyalitätskonflikten.

Der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske etwa rief als Lufthansa-Kontrolleur 2003 zum Streik auf, der das Unternehmen Millionen Euro gekostet haben soll. Dafür wurde er auf der nächsten Hauptversammlung zwar mit Nichtentlastung abgestraft, ansonsten blieb sein Verhalten ohne Folgen. Bsirske ist noch immer stellvertretender Aufsichtsratschef bei Lufthansa und RWE.

Im Loyalitätskonflikt

"Aufsichtsräte sollten keine Lobbyisten für bestimmte Stakeholdergruppen sein, sondern sich primär dem Unternehmenswohl verpflichtet fühlen", fordert Studienautor Ruhwedel. Bsirske sieht das natürlich anders. Er findet den Vorwurf fehlender Unabhängigkeit "unsinnig, weil die nachhaltige Entwicklung eines Unternehmens den Beschäftigten und den Aktionären nutzt."

Dagegen würden die Aufsichtsräte der Kapitalseite "häufig nur kurzfristige Interessen von Finanzinstituten vertreten oder auf die Dividenden schielen, ohne langfristige Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten immer ausreichend zu berücksichtigen". 


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Ämterhäufung an der Tagesordnung

Die Kapitalseite nimmt es mit der Unabhängigkeit aber auch nicht so genau. Wie schon zu Zeiten des seligen Deutsch-Bankers Abs setzen die Kapitaleigner immer noch gern auf große Namen. In 18 der 30 Dax-Unternehmen sitzen ehemalige Vorstandsmitglieder im Aufsichtsrat, in 16 führen Ex-Chefs sogar dessen Vorsitz. Häufig wechseln sie sogar direkt in den Aufsichtsrat, wie Weber bei Lufthansa, Schneider bei Bayer oder Cromme bei ThyssenKrupp.

Dabei verlangt das Aktiengesetz seit 2009 eine zweijährige Abstinenz, damit Aufsichtsräte nicht über die Folgen eigener Entscheidungen urteilen. Die Vorschrift ist allerdings nicht unumstritten. Allianz-Chefkontrolleur Schulte-Noelle wettert bis heute gegen die Beschränkung: Die Vermeidung eines "hypothetischen Risikos" führe zu gravierendem Know-how-Verlust für die Unternehmen.

Auch bei der Ämterhäufung hat sich wenig geändert. Während die Arbeitnehmervertreter sich in der Regel mit maximal drei Mandaten begnügen, haben mehr als 100 der von den Eigentümern entsandten Aufsichtsräte im Untersuchungsjahr 2010 fünf oder mehr Mandate. Cromme zum Beispiel hat den Gremiumsvorsitz bei Siemens und ThyssenKrupp und ist außerdem noch Aufsichtsratsmitglied bei Allianz und Axel Springer sowie beim französischen Industriekonzern Saint Gobain.

Vergreisungstrend bei Kapitalvertretern

Towers-Watson-Experte Lang sieht das kritisch: "Wer seine Mandatsarbeit ernst nimmt, sollte dafür einen Tag pro Woche plus Vor- und Nachbereitung ansetzen." Für aktive Top-Manager wie Allianz-Chef Diekmann müssten die Tage dann mehr als 24 Stunden haben: Neben seinem Hauptjob führt er bei BASF und Linde den stellvertretenden Vorsitz im Aufsichtsrat, bei Siemens ist Diekmann einfaches Mitglied. "Besser wäre eine Beschränkung auf nur zwei oder drei Mandate", findet Lang.

Auch beim Alter gibt es Optimierungsbedarf. Zwar haben 90 Prozent aller Dax-Konzerne eine Altersgrenze. Die verhindert aber nicht, dass viele Kontrolleure längst das Pensionsalter erreicht haben. Besonders krass ist der Vergreisungstrend bei den Kapitalvertretern: VW- und MAN-Oberaufseher Ferdinand Piëch zählt stolze 74 Lenze, Multiaufsichtsrat Schneider feiert Ende des Jahres seinen 73. Geburtstag. "Eine nicht zu hoch angesetzte Altersgrenze könnte dem Weiterbestehen des Old-Boys-Network vorbeugen", rügt Ruhwedel.


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Kaum Chancen für Frauen

Mit der neudeutsch Diversity genannten Vielfalt ist es in Aufsichtsräten ebenfalls nicht weit her. Zwar gab es 2010 in rund 90 Prozent aller Dax-30-Kontrollorgane wenigstens eine Frau. Aufsichtsrätinnen wie Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des Maschinenbauers Trumpf und Kontrolleurin bei Siemens, Lufthansa und Axel Springer, bleiben aber die Ausnahme: Mit insgesamt 72 Kontrolleurinnen liegt die Frauenquote nur bei 14,4 Prozent.

Für die Kapitalseite sitzen 26 Frauen in den Aufsichtsräten von 20 Unternehmen, die Arbeitnehmer haben 46 Frauen in 21 Dax-Konzerne entsandt. Chauvi-Hochburg ist der Baustoffhersteller HeidelbergCement mit einem gänzlich frauenfreien Aufsichtsrat. Nur Ausländer sind noch seltener zu finden.

Deren Quote liegt bei nur 12,6 Prozent. Vorbilder sind Daimler und Deutsche Börse mit je sechs Aufsehern ohne deutschen Pass. "Vor dem Hintergrund des hohen Internationalisierungsgrades deutscher Unternehmer und der vielen ausländischen Arbeitnehmer ist der Ausländeranteil viel zu gering", kritisiert Ruhwedel. Bei RWE etwa sind 50 Prozent der Belegschaft Ausländer, im Aufsichtsrat sind die Deutschen aber unter sich.

Es wird auch gelästert

Allerdings ist der inhaltliche Input ausländischer Aufsichtsräte nicht immer auf Anhieb erkennbar. "Eher wie Ölgötzen" wirkten die Britin Denise Kingsmill und der Norweger Bard Mikkelsen in den Ratssitzungen bei Eon, lästert ein Mitaufseher. Wie ihr skandinavischer Kollege lausche die Britin per Kopfhörer den Übersetzungen der Dolmetscher, zu Wort melde sie sich kaum.

Was nichts über ihre Expertise aussagt: Kingsmill war Vizechefin der britischen Wettbewerbskommission und wurde wegen der Großbritannien-Pläne von Eon berufen, Mikkelsen ist Ex-Chef des norwegischen Gasförderers Statkraft.


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Honorare schwanken stark

Höchst unterschiedlich ist die Bezahlung. Am besten honorieren Eon und BASF ihre Räte mit im Schnitt rund 240.000 Euro im Jahr, bei der Deutschen Post sind es nur 55.000 Euro, bei Infineon gerade mal 40.000 Euro.

Zu den Spitzenverdienern unter den Chef-Kontrolleuren gehören Piëch bei VW, Cromme bei Siemens und Eggert Voscherau bei BASF mit jeweils zwischen einer knappen halben Million und fast 600.000 Euro.

Dafür ist deren Zeitaufwand auch erheblich: Cromme etwa hat so viele Siemens-Verpflichtungen, dass er in München ein eigenes Büro unterhält. "Das ist ein Full-Time-Job", sagt ein Aufsichtsrat.

Vergütung als variable Zulage

Auch Towers-Watson-Headhunter Lang hält die Kontrolleure nicht für überentlohnt: "Bei fast 90 Prozent der Aufsichtsräte wird heute ein Teil der Vergütungen als variable Zulage gezahlt, so dass sodass sie am Unternehmenserfolg beteiligt werden."

Grobe Versäumnisse wie bei den Landesbanken ließen sich über die Vergütungshöhe ohnehin nicht in den Griff bekommen. Lang: "Das ist eher eine Sache der Auswahl."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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