Konsum Besitz macht glücklich

Die Gegenstände, mit denen wir uns umgeben, sind Spiegel unserer Persönlichkeit, Zeugen unserer Biografie und Trost. Warum es wichtig ist, Dinge zu besitzen.

Christopher Schwarz, wiwo.de | , aktualisiert

Besitz macht glücklich

Foto: Sergii Shalimov/Fotolia.com

Es war Mitte der 70er Jahre, als sich auf den Nachtschränkchen der heranwachsenden Akademikerkinder zuverlässig zwei Bücher fanden, die wie keine anderen den antikonsumistischen Geist der Zeit einfingen: "Die Kunst des Liebens" und "Haben oder Sein". Ihr Autor, der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm, ging mit der westlichen Wohlstandsgesellschaft scharf ins Gericht. Der moderne Konsument sei der "ewige Säugling, der nach der Flasche schreit", ein infantiler, im "Existenzmodus des Habens" zwanghaft befangener Suchtcharakter, der "alle und alles" in tote, seiner Macht unterworfene Dinge verwandelt.

Zwar wurde bei Fromm nicht recht klar, wie man sich im Kontrast dazu das "haben-freie" Sein des "neuen Menschen" konkret vorzustellen habe – aber die Generation der sogenannten Postmaterialisten nahm die Botschaften des Moralisten dankbar auf: Das gute wahre Sein beginne erst jenseits der bösen materiellen Dingsphäre, die Liebe zum Leben schließe den "nekrophilen" Konsum aus, die Formel "Ich bin, was ich habe und konsumiere" komme einem existenziellen Armutszeugnis gleich.

Dinge werden emotional aufgeladen

Dass die Entdeckung der "höheren", immateriellen Bedürfnisse, also etwa die Kultivierung von Liebe, Selbstentfaltung und Solidarität, ihrerseits ein Produkt der Wohlstandsgesellschaft war, die allererst für die lebensnotwendigen Dinge sorgt, entging den Nach-Achtundsechzigern ebenso wie die Tatsache, dass im modernen Konsum sich materielle mit immateriellen Wünschen verschränken:

Die Dinge des Konsums werden heute, über ihren Gebrauchswert hinaus, mit Erlebnissen, Gefühlen und Werten aufgeladen.

Der Kunsthistoriker und Konsumforscher Wolfgang Ullrich hat in seinen Studien über das "Habenwollen. Wie funktioniert die Konsumkultur?" nachgezeichnet, wie in den Dingen, mit denen die Menschen sich umgeben, ihre Persönlichkeit zum Ausdruck kommt.

Ob Füllfederhalter, Jackett oder Auto: Produkte erzählen Geschichten, sie sind Vehikel der Lebenseinstellungen und zeigen, wie wir uns sehen und von anderen gesehen werden wollen: als cooler Siegertyp im schnittigen Cabrio oder als verantwortungsvoller Konsument, der auf Bioprodukte schwört. 

Konsum ist Teil der Identität

Die gängige Konsumkritik, so Ullrich, übersehe, dass es das "nackte Sein à la Fromm" gar nicht gibt, dass wir "immer schon in Ding- und Haben-Welten sozialisiert sind", die unsere Identität mit konstituieren. Dass die Menschen Autos, Bücher und CDs zunehmend nur noch auf Zeit oder virtuell nutzen, macht die Exklusivität des materiellen Besitzes von Dingen keineswegs obsolet.

Im Gegenteil: Die Konsumerlebnisse bleiben an das konkrete Haben gebunden, weshalb das Sharing, die gemeinsame Nutzung von Dingen, wie Ullrich vermutet, trotz aller vernünftigen Gründe "Sache einer kleinen Minderheit bleibt: Die Produkte können ihren Emotions- und Fiktionswert nämlich nur dann voll entfalten, wenn man sie auch real besitzt."

Das "Glück des Habens" ist geradezu magisch an Exklusivität geknüpft, erst durch den "Schauer des Erworbenwerdens" (Walter Benjamin) avancieren die Dinge zu einem Teil unseres Selbst.

Was Wunder, dass ihr unfreiwilliger Verlust, etwa durch Einbruch oder Zwangsvollstreckung, von den Betroffenen als Angriff auf die Integrität der Person empfunden wird. Die Journalistin Annette Schäfer zitiert ein Einbruchsopfer mit den Worten: "Schlimmer ist nur, einen Menschen zu verlieren; es ist, als ob man vergewaltigt wird."

Ihr soeben erschienenes Buch "Wir sind, was wir haben. Über die tiefere Bedeutung der Dinge für unser Leben" ist eine Hommage an den amerikanischen Psychologen William James (1842–1910), der die Identität der Person unmittelbar an ihr Haben knüpfte, an die persönlichen Dinge, die er als Selbst-Objekte verstand.

Das "Selbst eines Menschen" definierte James in einem umfassenden Sinn als die "Gesamtsumme" dessen, "was die Person ihr Eigen nennen kann, nicht nur sein Körper und seine psychischen Kräfte, sondern auch seine Kleider und sein Haus, seine Frau und Kinder, sein Ruf und seine Arbeit, seine Yacht und sein Bankkonto".

Verlust raubt Persönlichkeit

James redete durchaus nicht dem Materialismus das Wort. Er verwies vielmehr, wie Schäfer sagt, auf die "enge Beziehung" zwischen dem Selbstwertgefühl und den "Besitztümern eines Menschen", die essenziell zu ihm gehören, kurz, auf die identitätsstiftende Bedeutung der Dinge: Verlieren wir Besitz, so erleben wir dies als Schrumpfung der Person, bis zum Gefühl der Vernichtung, etwa wenn eine Sammlung oder ein wichtiges handschriftliches Werk verloren geht.

Verluste, so wissen die Ökonomen unter den Glücksforschern, werden empfindlicher wahrgenommen als Gewinne. Ein Ding zu verlieren bedeutet größere Unlust, als es die Lust ist, etwas Gleichwertiges zu erwerben.

Zusätzliche Konsumverheißungen mögen den Durchschnittsmenschen kaltlassen, doch wenn er mit weniger auskommen muss als dem, was er hat, fühlt er sich schnell entwertet. Zumal wenn diejenigen, denen er sich ebenbürtig fühlt, nicht so stark zurückstecken müssen, wie er selbst.

Allemal definieren wir uns auch über das, was wir haben, ob über Geld oder über die Dinge, die uns umgeben. Sie sind uns keineswegs äußerlich, im Gegenteil, sie sind Spiegel unserer Persönlichkeit, Begleiter unserer Biografie.

Die Orientierung an dem, was wir im greifbaren Sinn haben können, ist tief verwurzelt in unserer Psyche. Das zeigt die vergleichende Ethnologie, die, von den Inuit bis zu den Ureinwohnern Neu-Guineas, das magische Band zwischen Menschen und Dingen beschreibt, ebenso wie die Psychologie. Der Kognitionspsychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann, einer der Erfinder des "Endowment-Effekts", nach dem wir den Besitz einer Sache immer überbewerten und ihn deshalb nur widerstrebend abgeben, erinnert an das Verhalten von Säuglingen: Sie klammern sich fest an ihr Spielzeug und zeigen "eine starke motorische Unruhe, wenn es ihnen weggenommen wird".

Der britische Psychoanalytiker Donald W. Winnicott beschreibt die Bedeutung der sogenannten "Übergangsobjekte" für die Ablösung des Kleinkinds von der Mutter: Die Schmusedecke vermittelt zwischen Selbst und Welt, tröstet beim Alleinsein, dient der Abwehr von Ängsten beim Schlafengehen.

Der Frankfurter Psychologe Tilmann Habermas betont in seiner Studie über "Geliebte Objekte" die identitätsbildende Funktion persönlicher Dinge für den Teenager: Mit der Gitarre träumt er sich in die Rolle des Rockstars, auf dem Mountainbike testet er seine Mobilität.

Dinge speichern Erinnerung

Stets haben persönliche Dinge eine stabilisierende Funktion, vergegenwärtigen sie als "autobiographische Souvenirs" die eigene Vergangenheit und verbinden mit anderen Personen. Rolf Haubl, Geschäftsführender Direktor des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, spricht von "biografischen Markern", von "Erinnerungsspeichern": "Man macht eine Schachtel auf – und schon geht der Erinnerungsfilm los".

Dass die "dingliche Umwelt" immer auch ein "Träger der Identitätsentwicklung" ist, wurde, so Haubl, von der Psychologie "lange Zeit komplett übersehen". Diese dingliche Umwelt sei in "konzentrischen Kreisen" angeordnet: Es gebe den großen Bereich austauschbarer Waren und einen "Kernbereich identitätssichernder Objekte", die wir als erste aus einem brennenden Haus retten würden.

Das kann ein Schreibtisch sein oder das Familiensilber, eine Armbanduhr oder ein Tagebuch. Lauter Dinge, an denen unser Herz hängt, weil wir Erinnerungen mit ihnen verbinden.

Dass selbst die überbordende Warenwelt uns keineswegs, wie die gängige Konsumkritik es will, an vitalen mitmenschlichen Beziehungen hindert, zeigt schließlich eine bemerkenswerte Feldstudie des Londoner Anthropologen Daniel Miller. "Der Trost der Dinge" heißt die Sammlung von 15 Porträts, in denen Miller das Wohnungsinventar von Menschen zum Sprechen bringt, die in einer ganz normalen Straße im Süden Londons leben.

Wie sich, so Millers Leitfrage, die "Persönlichkeit und die Lebensverhältnisse eines Menschen in den Dingen widerspiegelt, mit denen er sich innerhalb seiner eigenen vier Wände umgibt", wird nirgendwo so deutlich wie in den Kapiteln "Leere" und "Fülle": Die völlig schmucklose, von keinem Foto, keiner Porzellanfigur belebte Wohnung des frühpensionierten Buchhalters George erscheint als Spiegel seiner eigenen Leere, als erschreckendes Dokument seines ungelebten Lebens.

Mit Dingen den Alltag arrangieren

Die liebevoll eingerichtete, zur Weihnachtszeit prächtig mit Geschenken dekorierte Wohnung des Ehepaars Clarke hingegen bildet den festlichen Rahmen einer "hochkultivierten Geselligkeit, die auf über Generationen weitergegebener Erfahrung beruht" und die anti-frommsche These bestätigt: dass das "Haben", die "Hingabe an die Dinge", ein Hinweis ist auf die "liebevolle Zuwendung zu anderen Menschen".

Forscher Miller glaubt, dass die Ordnungssysteme, die einst von Kirche und Staat bereitgestellt wurden, heute vom Einzelnen geschaffen werden. Nicht zuletzt durch das Arrangement der Dinge, die Halt bieten, etwa in Form von Kleidung und Schmuck, wie bei der 20-jährigen Charlotte, die ihre Vergangenheit betrachtet, indem sie ihre Piercings ansieht. Oder durch das Sammeln von McDonald’s Happy Meals: Die Spielzeugfiguren, eine "industriell hergestellte Massenware", machen Marina und ihre Kinder tatsächlich glücklich.

Sie werden zu nichts Geringerem als der "ästhetischen Summe ihrer Existenz".

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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